Die Stadt und die Macht – Die Frau und die Plattitüde

Die Stadt und die Macht
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Die Macht gehört dem Bürger, aber er hat sich in den letzten Jahren zunehmend selbst entmündigt. Er lebt in einem System, in dem die Krise der Normalzustand ist und das überfordert ihn. Ich gebe dem Bürger die Macht zurück. Ich beziehe ihn ein.

Das sind die letzten geprobten Worte, die der Zuschauer von der Bürgermeisterkandidatin Susanne Kröhmer (Anna Loos) in Die Stadt und die Macht angesagt bekommt. Jawoll, klingt vernünftig, würde ich erwidern, doch hier offenbart sich die größte Schwäche der Hauptfigur des politischen Spiels endgültig. Den Bürger bezieht Susanne Kröhmer zu keiner Sekunde ein. Sie kämpft an privaten Fronten und verblendet sich selbst mit den propagierten Worten „Ehrlichkeit und Transparenz“.

Vorsicht, Spoilergefahr!

Netflix hat mit der ARD-Serie Die Stadt und die Macht eine weitere hiesige Politserie für sein Angebot gekauft. Nach der Satire Eichwald, MdB folgt das deutsche Familiendrama. Von dem Streaming-Portal, das durch House of Cards bekannt geworden ist, könnte man bei Kaufinteresse exquisite, politische Fallstricke, düstere Einblicke in Absprachen und perfektionierten Abstimmungspoker erwarten. Doch weit gefehlt, das Politikgeschehen wird zur Familientragödie. Susanne Kröhmer stellt sich entgegen des Willens ihres Vaters, gleichzeitig Fraktionschef, zur Wahl als Bürgermeisterin auf. Sie will offene, ehrliche, soziale Politik machen und entdeckt dabei die korrupten Geschäfte ihres Vaters und ihren wahren Gen-Ursprung. Politik aus Leidenschaft könnte spannend werden. Nach der pathetischen Rede folgt die Therapiesitzung. Von der Couch lacht der Ödipuskomplex. Ergänzt wird das Dilemma durch den eigenen, sie schwängern wollenden Ehemann und den investigativ kriminell agierenden Journalistenfreund. Für das Private scheint trotzdem nicht viel Zeit, es wartet das neu zu beackernde Geschäft. Denn Susanne Kröhmer ist bis dato ein unbescholtenes Blatt Programmpapier. Das Startkapital ist ihr Prestigeprojekt der Resozialisierung von straffälligen Jugendlichen. Die Anwältin für Sozialrecht versinnbildlicht den Inbegriff einer Gutmensch-Politikerin. Den Schauplatz dieser Wunschweltprozedur gibt Berlin – kein Wunder, schließlich ist die Stadt bekannt als Dauerbaustelle irregeleiteter, ambitionierter Bürgermeister.

Abziehbilder
Lange haben sich die Antihelden in unser Serienherz gebohrt und unsere Lust an menschlichen Abgründen entfesselt. Frank Underwood (Kevin Spacey) beim Machtkampf zuzusehen, ist grandios, weil er seine Feinde und uns hinters Licht führen kann, ohne dass wir den Hauch einer Chance haben, seine Pläne zu erkennen. Bei dem Weg zum Präsidententhron verzeihen wir ihm Morde und Intrigen. Doch wie verhält sich das in der Wirklichkeit? Es gibt das Verlangen nach mehr Mitsprache, mehr Transparenz, mehr Engagement. Die Stadt und die Macht müsste die Paradeserie für alle politisch Engagierten sein. Schließlich huldigt sie einer Frau, die ihr Wahlprogramm mit den Worten „Ehrlichkeit und Transparenz“ ausstaffiert und über weite Strecken hält sie ihr Versprechen.


Gerade wurde „Gutmensch“ zum Unwort des Jahres gewählt und damit endgültig unmöglich gemacht. Toleranz und Hilfsbereitschaft würden damit als naiv, dumm und weltfremd pauschalisiert. Ich schließe mich den Kommentaren an, die finden, dass Gutmensch eben keine Beschimpfung, sondern eine soziale Auszeichnung ist.

Wegen der pauschalisierenden Abziehbilder politischer Machtkämpfe und den offengelegten Geheimnissen bleibt Die Stadt und die Macht im Gegensatz zum Netflix-Original House of Cards ein zahnloses Monster. Aber leider verlautet sie auch keinen politischen Weckruf. Nicht, weil ich voller Unglauben bin, dass es keine deutsche Korruption gibt. Es stört, dass die Hauptfigur sich nur auf den flüchtigen Blick standfest gibt und dabei die ungelenken Manipulationsversuche der Gegner – den eigenen Vater eingeschlossen – naiv übersieht. Wenn die Intrigen schon schlecht sind, sollte man sie erkennen und aushebeln, sonst ist man nicht ambitioniert, sondern bleibt „eine verblasene Idealistin“. Das sind zunächst Karl-Heinz Kröhmers (Thomas Thieme) Worte zur Tochter nach der plötzlichen Überlegung, Bürgermeisterin zu werden.

Da fängt das Unglück nämlich schon an. Ein Geflüster des Parteifreundes von hinten, „Wenn du es besser weißt, dann mach doch“, und so schnell wird eine politische Laufbahn ins Rollen gebracht. Die neue Kandidatin muss eine gepfefferte Rede liefern und beginnt mit einer Lüge, die belangloser nicht formuliert sein könnte. Kurz zusammengefasst gewinnt sie das erste Duell gegen ihren parteiinternen Konkurrenten mit einer falschen herzleidenden Vater-Tochter-Geschichte und einem lauten „Wir sind eine starke Partei. Wir sind Berlin.“ Mit dieser ersten Rede verliert sie direkt in der ersten Folge ihre Glaubwürdigkeit und ist ab da damit beschäftigt, sich diese mühsam zurück zu erarbeiten.

Es gibt die mit der Macht und die ohne
Doch das Herz, erkenne ich, schlägt am rechten Fleck und damit wächst weiter meine Hoffnung, dass diese Frauenfigur auch über den Bildschirmrand etwas bewegen kann. Mit Anna Loos wurde schon in der Besetzung auf den breiten Fernsehkonsens gesetzt. Wer mag die Frau aus dem Volke mit ehrlichen Ansichten und einfachen musikalischen Botschaften nicht? Sie schauspielert sich durch alle emotionalen Tiefen und tritt den mächtigen dicken, weißen Männern entgegen. Treffen sich drei Bierbäuche am Wasser, um zu korrumpieren, und die Widerständlerin mit Vorstadtcharme stellt sich ihnen entgegen. Ergibt sich daraus die gewünschte gradlinige Politik? Nein, die Serie zeigt, selbst wenn man es leidenschaftlich skandiert, muss es noch nichts bedeuten. Selbst wenn man seinen Vater opfert, muss es nichts bedeuten. Das ist besonders bedauerlich, da es nur wenige schaffen, Wahlkampfslogans und Bürgergespräche mit dem Grundton „Die Macht gehört dem Bürger“ mit trockenem Mund zu verkünden.


Für uns Gutmenschen ist das eine Gabe, die frohlocken sollte, dennoch bleibt meine Empathie stecken, das liegt nicht nur an den schwankend brillant oder nach Schema F geschriebenen Monologen. Wenn auf die Ansage des eigenen Wahlkampfberaters Georg Lassnitz (Martin Brambach), „Jetzt werd doch mal konkret“, keine Antwort folgt, nützt die Gabe nichts. Selbst wenn die Kröhmer eine Anfängerin darstellt, muss man diesem Dilettantismus doch Einhalt gebieten. Alle aufgedeckten Geheimnisse, mit denen sie prahlt, sind ihr zufällig beschert. Der eine in Berlin agierende investigative Journalist oder der Gegner spielen ihr Informationen zu. Sie selbst sucht erst gar nicht. Die privaten Probleme und der Wunsch nach der Anerkennung des Vaters stehen ihr wohl im Weg, nicht zu vergessen die obligatorische Fehlgeburt.

Susanne Kröhmer: „Wir alle sind für unser Handeln verantwortlich und haben dafür einzustehen. Wir alle haben die Konsequenzen zu tragen.“
Jussuf Antun (Resozialisierungsschützling): „Nicht alle. Es gibt die mit der Macht und die ohne.“

Die Stadt und die Macht lügt in ihrem Titel nicht. Da gibt es eine Stadt. Da gibt es mächtige Männer. Sie überrascht mit klaren Ansagen und Entscheidungen der Kandidatin, die aber doch nur Reaktionen bleiben. Wenn man hofft, es gebe zumindest den Geistesblitz und Elan einer Frau, die sich gegen Intrigen und Absprachen ausspricht, wird man auf zermürbende Art und Weise enttäuscht. Sie sagt „Ich habe mir was überlegt“, Lassnitz entgegnet „Wenn du so etwas sagst, kriege ich Angst“ und ich bin beleidigt, weil er Recht hat.

Bloß keine Überraschungen
Hinter dem exzentrisch gekleideten und gelockten Wahlkampfleiter Lassnitz steht ein studentisches Wahlkampfteam. Schon klar, dass die nicht ihr Parteiprogramm formen, mehr das Außen staffieren, aber eine Bürgermeisterwahl ohne Inhalte vorzubereiten, ist arg traurig. Während Susanne Kröhmer heimlich zur Therapie geht, hängt ihr Gegner und Langzeitbürgermeister mit seinem Berater im Räuberbüro ab. Ganz wie in der Fabel hängt dem Fuchs beim Entwickeln der diebischen Pläne die Zunge aus dem Maul. Dass diese „komplexen“ Schachzüge scheitern, obwohl Kröhmer nichts Erhellendes dagegen tut, wundert kaum. Damit wir alle erkennen, wie simpel die Taktiken sind, dürfen wir jeden Schachzug von Anfang an begleiten. Bloß keine Überraschungen und bloß keine eigenen genialen Einfälle der Kandidatin – nur Zufälle.

Es darf in Die Stadt und die Macht nur eine Siegerin geben, und wenn sie etwas einbüßt, dann ihr Privatleben, so ist das halt bei PolitikerInnen. Ähnliches kennen wir aus Borgen - Gefährliche Seilschaften, aber mit dem alles entscheidenden Unterschied, dass dort eine dänische Premierministerin agiert, die trotz ihres guten Herzens etwas von ihrem Fach versteht.

Auch wenn man von deutschen Serien endlich einen fragwürdigen Charakter fordert, ist es im Vergleich zum amerikanischen Qualitätskonsens zunächst eine Abwechslung, eine prinzipientreue Frau zu sehen. Letztendlich erzählt Die Stadt und die Macht aber doch nur die Geschichte einer Tochter, die sich gegen ihren Vater stellt. In diesem familiären Trauerspiel übernehmen die Männer die praktische Arbeit und Susanne Kröhmer wird zur falschen Symbolfigur, denn in ihrer Beständigkeit ist sie bei genauerer Betrachtung nur eine Plattitüde. Eine fiktionale starke Stimmung zur Aufwertung der realpolitischen Diskussion bleibt unter ihren Möglichkeiten.

Frau_Schwalbe beobachtet Figuren gerne in gestaffelter Folge, weil sie nicht alle mag, aber gerne lieben lernt. Für moviepilot schreibt sie ihre persönlichen Empfindungen auf.

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