Die Verachtung - Wenn das Kino die Liebe am Leben scheitern lässt

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Die Verachtung
16.10.2018 - 10:00 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Mit Die Verachtung schuf Jean-Luc Godard einen der größten Filmklassiker über den persönlichen Zwiespalt zwischen Kunst und Kommerz sowie die fatalen Folgen, die dieser Konflikt auf eine brüchige Liebesbeziehung hat.

Als Teil der französischen Nouvelle Vague-Filmbewegung, bei der sich ehemalige Filmkritiker als Regisseure das Ziel setzten, die Sprache des Mediums Film bedeutend mitzugestalten, ist Jean-Luc Godard aus dem Weltkino heute nicht mehr wegzudenken. Mit Werken wie Außer Atem dachte der Regisseur Filme vermehrt als Sprache und kreierte unter anderem mit der spontan entwickelten Einführung des Jump-Cuts eine stilbildende, wegweisende Montagetechnik. Drei Jahre später schuf Godard 1963 mit Die Verachtung einen weiteren großen Klassiker der Filmgeschichte, dem ich hier mein Herz schenken möchte.

Die Verachtung als selbstreflexiver Ausdruck von Godards Zwiespalt zwischen Kunst und Kommerz

Die Verachtung stellte 1963 schon im Voraus Jean-Luc Godards bis dato prestigeträchtigstes Werk dar. Mit einem italienischen Produzenten sowie amerikanischen Co-Produzenten im Rücken wollte der Franzose anfangs Kim Novak und Frank Sinatra für die Hauptrollen in seinem Film gewinnen. Als dieses Vorhaben scheiterte, drangen die Produzenten darauf, dass Godard das französische Model sowie Sexsymbol Brigitte Bardot in der Hauptrolle besetzt. Die bildhübsche Blondine mit der weißen Alabasterhaut ist schließlich auch das Erste, was der Zuschauer in Die Verachtung zu sehen bekommt. Vollkommen nackt liegt sie als Camille auf dem Bett neben ihrem von Michel Piccoli gespielten Ehemann Paul auf dem Bauch.

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Als wäre sie nur ein handelsübliches Gut, an dem sich jeder einzelne Bestandteil qualitativ einordnen lässt, soll Paul verschiedene Teile ihres Körpers bewerten und Camille versichern, wie sehr er beispielsweise ihren Hintern liebt. Wichtig zu wissen bei der Betrachtung der Eröffnungsszene ist dabei, dass Godard diese erst nachträglich drehte, nachdem der eigentliche Film längst fertiggestellt war. Um den potenziellen kommerziellen Erfolg von Die Verachtung weiter anzukurbeln, wurde Godard von den amerikanischen Co-Produzenten dazu gedrängt, noch Nacktszenen mit Bardot einzufügen. Somit ist der Auftakt des Films, in dem sich die Kamera von Raoul Coutard förmlich am entblößten Körper des Models labt, in Verbindung mit dem Inhalt der dazugehörigen Szene bereits der erste Meta-Kommentar Godards, mit dem dieser seinen persönlichen Zwiespalt zwischen Kunst und Kommerz verhandelt, dem er zum damaligen Zeitpunkt selbst ausgesetzt war.

Die Verachtung als melodramatisches Schlachtfeld der Liebe

Nach dem Auftakt breitet Jean-Luc Godard die eigentliche Geschichte seines Films aus, die sehr lose auf dem Roman des italienischen Schriftstellers Alberto Moravia basiert. Darin wird Paul, ein französischer Drehbuchautor, von dem italienischen Filmproduzenten Jeremy (Jack Palance) darum gebeten, das Skript zu einer geplanten Odysseus-Verfilmung umzuschreiben, die unter der Regie von Fritz Lang entsteht. Parallel zu Godards eigener, realer Situation fordert auch Jeremy von dem Drehbuchautor, dass Odysseus mehr Aufnahmen von nackten Frauen braucht, um den nötigen kommerziellen Anklang zu finden. Hierdurch gerät Die Verachtung, den Godard in teurer Cinemascope- sowie Technicolor-Ausstattung drehte, neben dem edel-opulenten Rahmen zur intimen Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Druck, dem sich der Regisseur während der Realisierung dieses Films permanent ausgesetzt sah.

Die Verachtung

Daneben widmet sich Jean-Luc Godard auch in Die Verachtung wieder einem seiner Lieblingsthemen, das auch schon Außer Atem maßgeblich bestimmte: Die komplizierte Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau. Hierfür vollzieht der Regisseur in seinem Film nach ungefähr dem ersten Drittel der Laufzeit einen radikalen Bruch. Plötzlich wandelt sich Godards Film zu einem Kammerspiel innerhalb der Wohnung von Paul und Camille, wo sich das Verhältnis zwischen dem Paar sukzessiv zuspitzt. Gewiss kann der Zuschauer nur mutmaßen, inwieweit die Ehe zwischen beiden Figuren schon von vornherein dem Untergang geweiht war. Den entscheidenden Stein ins Rollen bringt zuvor jedoch erst Jeremy, der gegenüber Camille bei ihrem ersten Kennenlernen ein fast schon penetrantes Interesse äußert, während Paul seine Frau dem Filmproduzenten geradezu selbstverständlich überlassen will.

Dieses Verhalten, das für Camille einen deutlichen Vertrauensbruch sowie eine starke Erschütterung in Pauls Gefühlen zu ihr darstellt, macht aus der Wohnung von beiden schließlich ein melodramatisches Schlachtfeld der Liebe. Während die Kamera von Raoul Coutard weiterhin als virtuoser Beobachter agiert, der die Hauptfiguren einfängt, zusammenführt, auseinandertreibt und wieder zusammenführt, schwillt im Hintergrund, das zutiefst bewegende Thema  von Komponist Georges Delerue an. Zusammen mit dem ununterbrochenen Dialog zwischen Paul und Camille, der zwischen offensichtlichen Spannungen, zaghaftem Vorantasten, bitterer Enttäuschung und verletzter Verachtung hin und her schwankt, ist die gut 30-minütige Passage in der Wohnung des Paares gewissermaßen die Essenz von Die Verachtung.

Die Verachtung

Gerne wird Jean-Luc Godard von Kritikern seines Schaffens vorgeworfen, seine Filme seien lediglich intellektuell-verkopfte Seminararbeiten, die den Zuschauer mit selbstverliebten Referenzen und herablassenden Belehrungen quälen würden. Auch Die Verachtung ist voll von solchen Kniffen, wenn der Regisseur Anspielungen auf die Reise in Homers Odyssee in die eigentliche Handlung einstreut und Fritz Lang beispielsweise von Fritz Lang selbst gespielt wird und gekünstelte Dialoge aufsagt, die geradewegs aus Godards Mund zu stammen scheinen. Im Kern ist Die Verachtung aber auch ein Filmerlebnis, das ganz schlicht durch die Reize des Kinos auf den Betrachter einwirkt. Schlussendlich berichtet der Regisseur von einer Liebe, die durch das Kino, das für Godard schon immer 24 mal pro Sekunde die Wahrheit bedeutet, am Leben zerbricht.

Was haltet ihr von Jean-Luc Godards Die Verachtung?

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