Soma für alle, Opium fürs Volk

Dystopien aus Hollywood sind zutiefst paradox

Willkommen in der Film-Maschinerie der Unterstadt
© Metro-Goldwyn-Mayer Studios Inc.
Willkommen in der Film-Maschinerie der Unterstadt

Momentan haben Kinofilme sowie Serien mit dystopischen Themen oder einer ebensolchen Bildsprache Hochkonjunktur. Nicht umsonst veranstalten wir diese Dystopie-Woche. Insbesondere die Filmindustrie scheint Gefallen an der speziellen Thematik gefunden zu haben. Sicher nicht erst seit gestern, schließlich brachte uns die Traumfabrik schon vor Jahrzenten Filme wie Flucht ins 23. Jahrhundert oder Blade Runner – alles mehr oder weniger klassische Dystopien. Aber auch neuere Werke wie The Purge – Die Säuberung, Oblivion oder Ender’s Game – Das große Spiel bedienen sich über weite Strecken dystopischer Elemente. An sich begrüße und befürworte ich das, ich oute mich gern als großer Fan von gut gemachten Dystopien. Nur bleibt mir in letzter Zeit immer öfter die Freude im Halse stecken: Der Genuss solcher Filme hinterlässt einen faden Nachgeschmack.

Wehret den Anfängen!
Denn für mich bedeutet Dystopie immer auch Kritik, Warnung und Aufruf. Kritik an den aktuellen Zuständen, der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft und den skrupellosen Menschen, die dabei sind, unseren geliebten Planeten zugrunde richten. Das schließt die Warnung vor den daraus resultierenden Folgen mit ein. Dystopien funktionieren meines Erachtens als Aufruf, diesem zerstörerischen Tun Einhalt zu gebieten. Sonst blüht uns eine Zukunft, wie sie George Orwell in 1984 beschreibt, Aldous Huxley in Schöne neue Welt oder Ray Bradbury in Fahrenheit 451. Dystopien führen uns die möglichen Auswirkungen heutiger Entwicklungen vor Augen, wenn wir nichts dagegen unternehmen. Somit verstehe ich eine Dystopie immer auch als Weckruf, als Wachrütteln oder als Hinweis. Sie spitzen bedrohliche Tendenzen von heute zu, denken sie zu Ende und präsentieren uns das Ergebnis, damit wir sehen, wohin das alles führen kann.

System-Erhaltung im neuen Turm zu Babel
Seien wir mal ehrlich: Wie viel ist Hollywood im Speziellen und der Filmindustrie im Allgemeinen wohl daran gelegen, etwas am aktuellen Status Quo zu ändern? Ich wage zu behaupten, dass sie im Gegenteil eher darum besorgt sind, das vorherrschende (Unterhaltungs-)System in seiner jetzigen Form um jeden Preis zu erhalten. Schließlich schafft es Arbeitsplätze, macht viele Mitwirkende reich und hält den Rest bei Laune. Beziehungsweise schauen wir uns bereitwillig auch den fünften Teil des Prequel-Reboots an. Denn die Filmindustrie geht Hand in Hand mit der Werbeindustrie, welche uns permanent erklärt, warum wir uns die zehnte Franchise-Fortsetzung anschauen müssen. Dazu kommen Stars und Sternchen, die wir verehren dürfen, weil sie gottgleich inszeniert werden. Man muss nicht paranoid sein, um da ein Kastensystem zu erahnen (es hilft aber ungemein). Schauspieler und Regisseure leben gefühlt in einer ganz anderen Welt voller Glanz und Glamour, in die wir Normalsterblichen nie vordringen werden. Wenigstens dürfen wir uns ab und an in ihrem Abglanz sonnen, wenn wir unsere Helden auf der Leinwand oder bei der Oscar-Verleihung sehen.

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"Im Kino Schlafen heißt: dem Film vertrauen."
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