Eine Reihe betrüblicher Ereignisse - Pilot-Check zur Netflix-Serie

Eine Reihe betrüblicher Ereignisse
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Eine Reihe betrüblicher Ereignisse
moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
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"Look away!", sind die ersten Worte, die Eine Reihe betrüblicher Ereignisse an uns Zuschauer richtet, als wäre der Bruch der vierten Wand eine Selbstverständlichkeit. Noch ehe wir die Möglichkeiten erhalten, uns in die tragische Geschichte der Baudelaire-Geschwister hineinzudenken, setzt der allwissende Erzähler - in persona Lemony Snicket (Patrick Warburton) - alles daran, um uns davon abzuhalten. Die Serien-Adaption von Daniel Handlers gleichnamiger Romanreihe fleht sowohl sprichwörtlich als auch im übertragenen Sinne darum, dass wir unser Angesicht von den bevorstehenden Ereignissen abwenden. Gleichzeitig weiß Mark Hudis, der kreative Kopf hinter der Netflix-Verfilmung, dass es unmöglich ist, nach einem solchen Teaser auszuschalten. Die Neugier ist geweckt. Völlig egal, was in den folgenden acht Episoden passiert, wir werden wohl sämtliche Grausamkeiten in Kauf nehmen müssen.

Es ist unmöglich, sich dem Charme zu entziehen, den Eine Reihe betrüblicher Ereignisse in seinen ersten Minuten eröffnet. Lemony Snicket erweist sich nicht nur als eloquenter Wegbegleiter, sondern lässt ebenfalls durchblicken, dass er selbst ein integraler Bestandteil der Erzählung ist. Immer wieder bahnt er sich seinen Weg ins Bild, unterbricht einzelne Szenen und liefert ergänzende Ausführungen ab. Meistens geht es ihm darum, zu betonen, wie schrecklich das Gezeigte ist, und wie leid es ihm tut, dass wir Zuschauer uns durch die einzelnen Episoden quälen müssen. Gelegentlich deutet der Erzähler allerdings auch an, dass das Ende der Geschichte längst noch nicht geschrieben ist. Im Gegenteil sogar: Lemony Snicket höchstpersönlich hat es sich zur Aufgabe macht, den Fall der Baudelaires aufzuklären, obgleich sich die gesamte Welt gegen Violet (Malina Weissman), Klaus (Louis Hynes) und Sunny (Presley Smith) verbündet hat.

Die ganze Welt - das ist in erster Linie der bösartige Count Olaf (Neil Patrick Harris), der sich des Erbes der Baudelaires bemächtigen will und sich daher als nächster Verwandter bei Bankdirektor Mr. Poe (K. Todd Freeman) vorstellt, der sichtlich erleichtert ist, die unangenehme Sache so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Da kann sich Count Olaf noch so unverhohlen verplappern: Das Schicksal der Baudelaires ist besiegelt, bevor sie überhaupt Einspruch erheben können, obwohl sie dazu jeden Grund hätten. Alleine der heruntergekommene Zustand ihres neuen Zuhauses spricht Bände. Doch Mr. Poe sowie alle anderen Erwachsenen nehmen die offensichtlichen Mängel gar nicht wahr. Unbekümmert reden sie über sämtliche Probleme hinweg, ohne deren Existenz auch nur ansatzweise in Erwägung zu ziehen. Präzise trifft Mark Hudis in diesen Momenten den Kern der Vorlage und spinnt das Grauen in Staffellänge fort.

Spätestens nach der ersten Episode dürfte also klar sein, dass Lemony Snicket mit all seinen Vorwarnungen Recht hatte. Violet, Klaus und Sunny sind chancenlos in der Welt der Erwachsenen verloren. Es ist ein bizarrer Albtraum, denn sämtliche Missstände schreien förmlich danach, in ihrer absurden Unart aufzufliegen. Doch es soll einfach nicht passieren. Ein frustrierendes Unterfangen, dass Eine Reihe betrüblicher Ereignisse - wie schon der Kinofilm aus dem Jahr 2004 - in einer Mischung aus Tim Burton und Wes Anderson einfängt. Selbst wenn die visuelle Gestaltung des Geschehens keine innovative sein mag, effektiv ist sie auf alle Fälle. Düstere Grautöne im Hintergrund vereinen sich mit stechenden Farben im Vordergrund und generell ist die Serie nie verlegen, ihre überspitzte, künstliche Oberfläche zu präsentieren. Nur so fallen die in der Musik gespiegelten Disharmonien der perfekten Vorstadtidylle auf einnehmende Weise ins Gewicht.

"This isn't better than nothing", gibt Klaus niedergeschlagen zu Protokoll, als er sich gemeinsam mit seinen zwei Schwestern in dem einen (!) Bett einrollt, das ihnen Count Olaf - großzügig, wie er ist - auf dem Dachboden zur Verfügung gestellt hat. Es ist einer der hoffnungslosesten Momente in einer Episode, die sich vorrangig aus einer Aneinanderreihung von ungerechten Niederlagen zusammensetzt, von einer abartig genüsslichen Musical-Einlage ganz zu schweigen. "I am handsome and talented and love your bank account", posaunt Neil Patrick Harris als unbeschreiblich dreister Antagonist in den Raum und trifft damit viele Facetten der Serien-Umsetzung auf den Kopf. Eine Reihe betrüblicher Ereignisse liebt es, auf dem schmalen Grat dieser unerträglich schmerzlichen Pointen zu balancieren und das unfassbare Unrecht in jedem Detail heraufzubeschwören; ein niederschmetterndes Vergnügen.

Für einen Augenblick scheint es trotzdem so, als würde Lemony Snicket diesem Eindruck widersprechen. Es könnte nämlich bedeutend schlimmer sein: ohne ein Bett, ohne eine Mahlzeit, ohne ein Dach über dem Kopf. Dann besinnt er sich allerdings, der allwissende Erzähler, und spricht zum ersten Mal in 45 Minuten das aus, was sämtliche Erwachsene vor ihm ignoriert haben: Das Leben der Baudelaires könnte nicht schlimmer sein, als in einer gewalttätigen wie erniedrigenden Umgebung wie dieser aufzuwachsen. Eine Reihe betrüblicher Ereignisse erzählt wahrhaft eine grausame Geschichte und Lemony Snicket (sprich Mark Hudis, der an Daniel Handlers Stelle tritt) ist sich der Verantwortung, diese adäquat zu erzählen, vollkommen bewusst. Entgegen aller Künstlichkeit versteckt sich hier ein aufwühlendes Märchen ohne Happy End, dem ihr aufgrund seiner tollen Zwischentöne definitiv eure Zeit schenken solltet. Und wenn das nichts für euch ist: "Watch something pleasant instead."


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