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Von frostig bis heiß - 1.Teil

Eisige Vergletscherung des österreichischen Kinos

08.03.2013 - 08:50 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls
© Alamode
71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls
Für Liebe ging jüngst der Oscar zum zweiten Mal in kurzer Zeit nach Österreich. Höchste Zeit, einen Blick auf das benachbarte Filmland zu werfen. Der erste von vier Teilen widmet sich dem frostigen Kino von Michael Haneke & Co, das die Leinwand gefrieren lässt.

Österreich ist das Filmland der Stunde. Mit Michael Haneke erhielt gerade der momentan wohl bedeutendste Regisseur des Alpenlandes für sein verhältnismäßig mildes Drama Liebe den Oscar, sein Kollege Ulrich Seidl wurde im vergangenen Jahr für seinen Film Paradies: Glaube auf der Biennale mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet (ulrichseidl.com). Seit den 1990er Jahren hat eine regelrechte neue Welle österreichischer Spielfilme auch international ihren Siegeszug begonnen, der unseren vermeintlich kleinen Nachbarn zumindest kinematographisch locker an uns vorbeiziehen lässt. Dieser Aufstieg ist Anlass genug, das österreichische Kino näher unter die Lupe zu nehmen.

Einen typisch österreichischen Filmtyp auszumachen, ist schwierig. Zu sehr unterscheiden sich beispielsweise die distanziert anmutenden Filme eines Michael Haneke von den skurrilen bis pechschwarzen Komödien von Wolfgang Murnberger, wie etwa den mitunter recht düsteren Abenteuern des Privatschnüfflers Brenner alias Josef Hader. Die drastischen Nadelstiche von Ulrich Seidl, allen voran die filmgewordene Fiebermessung Hundstage spielt wiederum in einer ganz anderen, völlig losgelösten Liga. Daher zücken wir unser eigenes Thermometer und nähern uns dem österreichischen Kino mittels Bestimmung seiner unterschiedlichen Temperaturen. Den Anfang machen trotz des beginnenden Frühlings die eisigen Minusgrade. Und dafür stehen die Filme von Michael Haneke wie keine zweiten.

Die ersten drei Kinofilme von Michael Haneke werden oft als Trilogie der Vergletscherung der Gefühle bezeichnet. Dieses Etikett hat der einstige Fernsehfilmer des WDR seinen radikalen Gesellschaftsstudien selbst verpasst, wie er in einem Interview verrät, das im Bonusmaterial ihrer DVD-Veröffentlichung als Box-Set vom Verleih Alive zu finden ist. 1989 war die Geschichte einer Familie, die beschließt, Selbstmord zu begehen, dem deutschen Fernsehen zu drastisch. Die österreichische Produktionsfirma WEGA Film ging das Risiko ein und so entstand mit Der Siebente Kontinent nicht nur der Auftakt zu besagter Trilogie sondern auch Michael Hanekes erster Kinofilm. Bereits hier sind die für den Regisseur und Drehbuchautor typischen Stilmittel vorzufinden, welche maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass es dem Zuschauer kalt den Rücken herunterläuft, wenn er der Familie bei ihrem Untergang zusieht: keine Filmmusik, keine Empathie für die Figuren, stattdessen ein distanzierter, protokollhafter Stil, der jeden Funken von Wärme sofort im Keim erstickt.

Mehr: Regisseure aus Österreich – Hart und schonungslos

Noch kälter geht es im Mittelteil der Gletscherfilme zu. In Benny’s Video von 1992 wird die Geschichte eines Teenagers aus gutem Hause erzählt, der aus einem beängstigend sterilen Jugendzimmer seine Umgebung filmt und den Bezug zur Realität verliert. Der Raum wirkt wie die Kontrollzentrale einer Überwachungsfirma, den Blick aus dem Fenster ersetzt eine Kameraaufnahme, die simultan auf einem Fernseher abgespielt wird. Doch der schockierendste Moment der gnadenlosen Kälte kommt später. Nachdem der Junge scheinbar grundlos ein Mädchen vor seiner laufenden Kamera qualvoll ermordet und sich seinen Eltern offenbart, überlegt der von Ulrich Mühe gespielte Vater so unfassbar rational, wie die Leiche am effektivsten beseitigt werden könnte, dass es kaum auszuhalten ist, der Szene am Wohnzimmertisch weiter zu folgen.

Als würde eine solch nüchterne Darstellung emotional zutiefst gestörter Figuren nicht bereits reichen, sich wie in einem Kühlschrank gefangen zu fühlen, wendet der Regisseur noch einen weiteren Trick an. Im bereits erwähnten Interview erklärt er, seine Filme mit einem leicht höheren Anteil blauer Farbtöne aufzunehmen, so dass auch über das Bild Distanz und Kälte transportiert wird. Selbiger Technik bedient sich Michael Haneke auch beim letzten Teil der Trilogie, 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls von 1994, in der in Kurzepisoden das alltägliche Leben verschiedener Menschen protokolliert wird, von denen einer zum Amokläufer wird. Auch dieser Film ist wieder richtig harte Kost, übertroffen nur noch von der drei Jahre später entstandenen Gewaltstudie Funny Games. Deren groteske Momente und ihre Überzeichnung lassen jedoch das Gemüt des Zuschauers eher überhitzen, als dass hier von eisiger Kälte durch minutiös festgehaltene Gefühllosigkeit gesprochen werden könnte.

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