Extremer als jeder Horrorfilm: Das Publikum floh bei diesem Schocker reihenweise aus dem Saal

De humani corporis fabrica
© Norte Productions
De humani corporis fabrica
25.05.2022 - 13:00 UhrVor 16 Tagen aktualisiert
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Es ist kein Horrorfilm, doch die Zuschauer verließen trotzdem mittendrin den Saal: Warum einer der schockierendsten Filme in Cannes ein echtes Highlight ist, erfahrt ihr hier.

Nach einer Stunde haben sie aufgegeben. Sie – das war das Pärchen, das neben mir im Screening von De Humani Corporis Fabrica (The Fabric of the Human Body) Platz genommen hatte. Nach etwa zehn Minuten schlug der junge Mann die Hände über den Augen zusammen. Da verließen bereits die ersten im Publikum den Saal. Nach einer halben Stunde vergrub er sein Gesicht in der Schulter seiner Partnerin. Nach einer Stunde hatten sie genug.

Die beiden hielten länger durch als viele andere an diesem Tag im Theatre Croisette, wo der neue Film von Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor (Leviathan) Premiere in der Directors Fortnight feierte, eine Art Festival im Festival, das unabhängig vom eigentlichen "Cannes" programmiert wird.

Bei De Humani Corporis Fabrica handelt es sich nicht um einen ultrabrutalen Horror-Schocker, auch wenn die Bilder Horror und/oder Schock auslösen werden. Schon allein, weil sie real sind. Beim Screening stürzten einige fluchtartig aus dem Saal und das über die gesamte Laufzeit hinweg. Wer blieb, sah unglaubliche Reisen, fremde Oberflächen, wunderschöne Galaxien in den Zellstrukturen des menschlichen Körpers. Und wie mit einem Stab in einem Auge herumgepult wird. In Großaufnahme.

Das Cannes-Highlight ist kein Horrorfilm, aber bietet einen einmaligen schockierenden Blick

Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor haben sich einen Namen mit herausfordernden Dokumentationen gemacht. Ihr letzter Film Caniba widmete sich dem Kannibalen und Frauenmörder Issei Sagawa, der in Großaufnahme 90 Minuten lang von seinem Leben und Obsessionen spricht. Diesmal zieht es sie in fünf Pariser Krankenhäuser, wo die beiden sich mithilfe von medizinischen Kameras in den Körpern von Patienten versenken.

De Humani Corporis Fabrica

Das erste Wimmern auf den Plätzen neben mir hörte ich bei einer zunächst harmlosen Szene. Ein Mann spricht mit seinem Doktor. Erst nach einer Weile kommt der Rest seines Kopfes in Sicht und wir sehen, wie der Arzt seinem Patienten Metall-Einsätze in den Schädel dreht, so lässig als würde er ein Ikea-Regal aufbauen. Die Operation am offenen Gehirn, die hier vorbereitet wird, zeigt der Film ebenfalls, und zwar durch die Linse der Kamera, die mit ins Gewebe eindringt.

Wir streunen mit diesem spezialisierten Blick durch den menschlichen Körper wie Touristen in einer fremden Stadt. Oder Astronauten auf fremden Planeten. So nämlich sieht das Innere des Dünndarms aus, den wir bei einer OP erkunden, während die Ärzte sich über die steigenden Mieten in Clichy unterhalten. Die Gespräche bilden den dumpf klingenden Soundtrack von De Humani Corporis Fabrica. Beschwerden über Budget-Kürzungen im Krankenhaus, Überstunden, Erschöpfung und ausbleibende Erektionen begleiten die OPs zwischen Leben und Tod.

Das überraschend alltägliche Gerede produzierte Gelächter im Kino, wenn nicht gerade erschrocken Luft geholt oder der Saal in Eile verlassen wurde.

Die Doku zeigt das harte Handwerk, das uns am Leben erhält

Dann wieder wendet sich der Film von den Zellstrukturen ab, hält bei einem Kaiserschnitt inne, beobachtet wie an einer offen liegenden Wirbelsäule eine begradigende Stange angebracht wird oder die Krebszellen einer amputierten Brust untersucht werden.

Der Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers steht in der Dokumentation das teils rabiate Handwerk seiner Rettung gegenüber. Es wird gemeißelt, gekratzt und geschraubt an den Knochen und Eingeweiden und Augäpfeln. Die banal erscheinende Arbeit produziert wundersame Ergebnisse. Gerade auch visuell. Während die Entnahme von Zellproben an einen Besuch in der Fleischerei erinnert, sehen sie unter dem Mikroskop wie prachtvolle abstrakte Gemälde aus. Bei der Augen-OP, einem der Höhepunkte des Films, leuchtet es geheimnisvoll orange aus dem verborgenen Innern der erweiterten Pupille.

Das Leben wird in De Humani Corporis Fabrica trotzdem nicht als Wunder inszeniert, sondern als mühsam am Laufen gehaltener Prozess, der das Unausweichliche ein paar Minuten, Tage oder Jahre hinauszögert: den Tod. Diese Ehrlichkeit zählt zu den Vorzügen der Dokumentation, die jede Verklärung, jeden Kitsch scheut.

Darin ähnelt sie Stan Brakhages Avantgarde-Klassiker The Act of Seeing with One's Own Eyes, der beobachtete, wie Körper in der Pathologie in ihre Einzelteile zerlegt werden. Auch wenn ich beim Screening von De Humani... gestern froh war, nicht noch einmal sehen zu müssen, wie die Haut von einem Schädel gezogen wird.

Es ist ein verstörender Blick, den wir in dem Film von Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor einnehmen. Aber es ist genau der Richtige für eine Dokumentation, die unsere Vorstellung vom Menschsein erweitert. Die Doku durchmisst das Gewebe – man könnte auch sagen: die Leinwand – des menschlichen Körpers und die institutionellen Anstrengungen, es beisammen zu halten.

Jenseits von Blut und Gedärm finden die beiden Filmemacher:innen ein denkbar einfaches Bild dafür. Zwei ältere Damen wandern durch die Gänge einer psychiatrischen Abteilung. Ziellos, aber aneinander geklammert, wie das erschrockene Pärchen neben mir. Zunächst betrübt der Anblick, aber später dachte ich: Wenigstens laufen sie noch.

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