Fear the Walking Dead: Rolle rückwärts statt Neustart in Staffel 4b

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Nichts würde mir mehr Freude bringen, als endlich wieder positiv über Fear the Walking Dead zu schreiben. Die 3. Staffel beendete auf hohem Niveau eine spannende Geschichte über die Aushandlung der alten Welt und ihrer Verträge und Versprechen. Doch die 1. Staffelhälfte unter der Führung der neuen Showrunner Andrew Chambliss und Ian Goldberg zerstörte jeden guten Aspekt der ersten drei Staffeln in Kürze. Binnen nicht einmal 8 Episoden wurde die Serie umgekrempelt, sodass sie nicht mehr wiederzuerkennen ist. Fear tötete zwei wichtige Hauptfiguren beinahe beiläufig unter abstrusen Verhältnissen, während die neuen Figuren blass blieben. Selbst die Farbe schien in den grauen Landschaften wie aus den Bildern gesaugt, ein episodenübergreifendes Thema suchte man vergeblich.

Motorschaden

Aber die Serie wollte es so. Morgan (Lennie James) ist die neue Hauptfigur, doch seine Existenz – hier und jetzt – gleicht Sand im Getriebe. Ihm steht nun eine Gruppe an etablierten und neuen Figuren bei, mit denen eine Geschichte zu erzählen ist. Doch die Serie weigert sich im Auftakt erneut. Jetzt, wo ein Neustart Fear The Walking Dead neues Leben einhauchen könnte, entschließt sich Morgan für eine Rückkehr nach Alexandria. Wohl um pünktlich zum bereits angekündigten Ausscheiden von Andrew Lincoln Rick einen guten Abschied zu wünschen. Wahrscheinlich hat er auch die Nachrichten gelesen. Die Figur, für deren Crossover eine beliebte Serie zerstört wurde, möchte nun wieder zurück. Verständlich. Zu der Rückkehr wird es wahrscheinlich ohnehin nie kommen, vorher wird ihn irgendeine Beliebigkeit stoppen, doch dass die Serie überhaupt wieder die Nähe Virginias sucht, legt die Verzweiflung der Autoren offen.

Die 1. Episode von Fear the Walking Dead nach der Sommerpause folgt einem bekannten Konzept. Morgan erzählt seinen Freunden von seinen Plänen und wir als Zuschauer erhalten somit einen Überblick über die Motivationen, Beziehungen und Konflikte, die die 2. Staffelhälfte dominieren sollen. Doch wirklich spannend ist hier bis auf ein bisschen Wind recht wenig. Alicia, Strand und Luciana sitzen alle lethargisch in ihrer hübschen Villa herum und versinken in Trauer und Selbstmitleid. Es fehlt nur, dass noch Adeles "Rollin‘ in the deep" vom Plattenspieler trällert. Jedes Wort für die restlichen Figuren scheint zu viel.

Fliegende Zombies in Fear the Walking Dead

Die Episode kann immerhin mit ein paar Ansätze im Setting überzeugen; wenn auch nur für Nerds, deren Durchdenken der Zombieapokalypse nur World War Z-Autor Max Brooks Konkurrenz machen könnte. Zunächst wäre da einmal die schöne Villa, in der sich Strand mit Luciana und Alicia zurückgezogen hat. Sie hat im ohnehin relativ menschenleeren Südwesten der USA das anfängliche Chaos gut überstanden und dient nun als luxuriöses Domizil der depressiven Überlebenden. Die schöne Einrichtung ist ein selten genutztes Hintergrundbild für ein Serienuniversum, das sich sonst gerne im Schlamm wälzt. Somit gelingt der Serie ein schöner Kontrast.

Der heraufziehende Sturm hingegen ist ein wahrhaft spannender Einfall. In einer Zombieapokalypse kann einen schließlich kein Wetterfrosch mehr über das Fernsehen vor einem Hurrikan warnen, sodass herumfliegenden Zombies zu tödlichen Geschossen mutieren. Zumindest auf dem Papier klingt die Idee spannend, die Umsetzung scheitert jedoch entweder am Willen, Budget oder den kreativen Einfällen. Vielleicht kam auch schlicht keiner auf die Idee, sich authentische Aufnahmen als Referenz anzuschauen. Aber auch so dürfte man das Wissen voraussetzen, dass sich Bäume bei extremen Wind zumindest ein bisschen bewegen sollten.

Dass der Hurrikan durch seine lieblose Inszenierung nicht überzeugen kann, schadet der Serie doppelt. Einmal wird ein kluger Einfall schlecht umgesetzt, sodass die nicht billigen Spezialeffekte und Stunts unnötigerweise Geld aus dem Fenster schleudern. Zweitens wirkt die Gefahr für die Figuren nie real, sodass die in Dialogen verkündeten Risiken zu keinem Punkt beim Zuschauer ankommen.

Pure Lethargie in Fear the Walking Dead

Schlussendlich ist aber auch dieses Set Piece nur daran interessiert, Figuren voneinander zu trennen und am Ende nach ein bisschen Melodrama und Action zu vereinen. Um sie dann wieder in alle Winde zu verstreuen. Es ist ein stetiger und messbarer Zyklus, der die Mutterserie trotz vermeintlich aufregenden Schlachten seit etlichen Staffeln prägt.

Das muss aber nicht sein. Gerade wurde der Zyklus doch durchbrochen. Tatsächlich starben überraschenderweise Hauptfiguren und prinzipiell stehen Fear the Walking Dead alle Wege offen. Die Altlasten sind abgearbeitet, nun könnte die neue Vision der Showrunner loslegen und die Zweifler überzeugen. Doch stattdessen herrscht Flaute im Zombieland. Althea will weiterhin nur ihre Story, June will wieder weglaufen, Charlie ist trotz Logik und Moral tatsächlich Teil der Gruppe, Alicia und Co. sind ohne die Dynamik von Nick und Madison aufgeschmissen. Selbst Johns Liebesgeschichte ist schon jetzt eingeschlafen. Kein Wunder, dass Morgan zurück möchte.

Das Ausbleiben eines Zusammenfindens - ein Thema, das bereits in der 1. Hälfte der 4. Staffel eigentlich abgeschlossen war - bewahrt die Serie davor, eine tatsächliche Geschichte erzählen zu müssen. Während The Walking Dead immerhin unter all den zähen Kämpfen und eintönigen Negan-Monologen einen brennenden Konflikt hatte sowie spannende Fragen zum Wiederaufbau der Zivilisation nach einer Zombieapokalypse diskutierte, kann Fear mit absolut nichts aufwarten. In der Serie herrscht schlicht pure Leere. Es gibt keine Konflikte, keine Plots, keine Ziele, keine Ideen und somit auch keine Motivation der Figuren sich zu bewegen, außer sie sind voneinander getrennt. Es herrscht pure Lethargie im Spin-off. Nichts und niemand bewegt sich nach vorne. Wenn sich die Zombies mehr bewegen als die Figuren, hat ein Zombienarrativ ein Problem.

Was bisher geschah:


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