Hollywood und China – Eine Allianz mit Beigeschmack

Iron Man: Was China nicht passt, wird von Hollywood passend gemacht
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moviepilot Team
Mr Vincent Vega Rajko Burchardt
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Meint es gut mit den Menschen.

Hollywood-Blockbuster erwirtschaften einen Großteil ihrer Umsätze nicht mehr am heimischen, sondern internationalen Box Office - ein Film, der in den USA kaum Zuschauer in die Kinos bewegt oder hinter den Erwartungen zurückbleibt, kann über weltweite Einnahmen noch zum profitablen Geschäft werden. Diese Verschiebung der Absatzmarktprioritäten hat zwangsläufig Einfluss auf Produktion und Gestaltung der Filme selbst, im Idealfall ergibt sich durch sie eine vielfältigere Kinolandschaft, die den Blick in alle Richtungen öffnet. US-Studios schielen dabei vor allem auf China, dem so unwahrscheinlich wachsenden und Prognosen zufolge bald umsatzstärksten Filmmarkt der Welt. Multiplexe schießen dort wie Pilze aus dem Boden.

Gefragt sind vor allem pektakel im hier längst nicht mehr so populären 3D-Format. Den Hauptteil des Angebots bilden chinesische Filme, sie sind größer und teurer denn je, zunehmend international besetzt und vermarktet. Großes Interesse aber entfachen auch US-Blockbuster, denen die Volksrepublik Einhalt gebietet, indem sie sie auf 34 Titel pro Jahr beschränkt. Hollywood hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, den lukrativen Markt auf zweierlei Wegen zu erobern: Mit Filmen, die alle Anforderungen erfüllen, um es in die enge Auswahl zu schaffen, und mit Co-Produktionen, die die Importquote durch in sie geflossene chinesische Gelder umgehen. Dann winken statt mickriger 25 sogar 43 Prozent Gewinnanteil.

Zu diesen Anforderungen zählt, was chinesische Staatsdoktrin ist bzw. nicht ist: Prachtvolle Wolkenkratzer, wirtschaftliche Kompetenzen und blühende Landschaften liegen auf Parteilinie, fremder Militarismus, zerstörte Kulturgüter und antikommunistische Inhalte tun es nicht. In Pixels durften Aliens den Taj Mahal und das Washington Monument in Schutt und Asche legen, die Chinesische Mauer mussten sie verschonen. In Skyfall waren James Bond Schattenspiele vor Shanghai-Ambiente erlaubt, die tödliche Überlistung chinesischer Polizisten wurde entfernt. Und in einer exklusiven Version von Iron Man 3 ließ sich Tony Stark seinen Granatsplitter in China herausoperieren, sämtliche Verweise auf die Herkunft des Gegenspielers Mandarin fehlten dann selbst in der internationalen Fassung.

Nicht alle Änderungen erfolgen nach gegenseitiger Absprache, mit Sicherheit können Hollywood-Produzenten nie wissen, welchen Erfolg ihre Maßnahmen bringen. World War Z wurde von chinesischen Zensoren abgelehnt, obwohl das Studio den Film um die offenbar anstößige Information des dort zuerst auftretenden Zombievirus bereinigte. Die für nachträgliche digitale Änderungen aufgewendeten 1 Million US-Dollar (!), die es sich Red Dawn kosten ließ, chinesische in nordkoreanische Aggressoren zu verwandeln, hätten ebenfalls gespart werden können. Bösewichte, sagte Peter Shiao von der Orb Media Group, müssten jetzt wieder verstärkt aus dem Nahen Osten kommen - so lange jedenfalls, bis es dort selbst einen wachsenden Filmmarkt gibt, den niemand verschrecken möchte.

Kunstkorrekturen als vorauseilender Gehorsam: Was Hollywood-Studios nicht alles tun, um den Repräsentanten eines Systems zu gefallen, das Homosexuelle willkürlich inhaftiert und politische Gegner mit dem Tod bestraft. Die Filme werden um affirmative Inhalte erweitert und weniger affirmative gekürzt. Sie werden in der servilen Bereitschaft produziert, chinesische Investoren und Zensoren zu befrieden. Ginge es dabei nur um alberne Plotdetails oder Product Placement wie in dem vom China Movie Channel mitfinanzierten Transformers 4, könnte man das unter rein kommerziellen Gesichtspunkten logische Geschäftspraxis nennen: Zwei Filmindustrien kaufen sich in ihre Märkte ein und profitieren von gegenseitigen Zugeständnissen. So weit, so einfach. Wären die Joint Ventures zwischen Hollywood und China nicht zu denkbar ungleichen Bedingungen ausgehandelt.

Für seine bereitwillige Marktöffnung erwartet China von den USA nämlich einerseits künstlerische Ergebenheit durch Einflussnahme auf Filminhalte, die der politischen Schönfärbung des Landes dienen (und damit natürlich rein propagandistische Zwecke verfolgen). Andererseits plant die Volksrepublik selbst den Einstieg in den US-amerikanischen Kinomarkt, auf dem chinesische Blockbuster bislang keine nennenswerte Rolle spielen (der vom obersten Staatskünstler Zhang Yimou inszenierte The Great Wall wird der erste Lackmustest sein). US-Studios träumen lediglich von Gewinnmaximierung, China aber geht es auch um eine Politur seines Images. Und Hollywood scheint leider gewillt, sich als Putzkraft zur Verfügung zu stellen.

Während unerwünschte Produktionen wie Ten Years, der eine Dystopie der Übernahme Hongkongs durch China entwirft, von hiesigen Leinwänden verbannt werden, laufen eskapistische Fantasy-Spektakel und politisch zurechtgemachte Blockbuster auf Hochtouren. Marvel willigte ein, Handlungsorte in Doctor Strange von Tibet nach Nepal zu verlegen, damit im Kino niemand auf völkerrechtliche Gedanken kommt. US-Schauspieler wie Christian Bale oder Adrien Brody flogen nach China, um Hauptrollen in revisionistischen Historienfilmen zu spielen. Hollywoodstars als Trojanisches Pferd sozusagen. Wenn der Paycheck stimmt, lassen sie sich auch mal vor den Karren spannen (demächst: Bruce Willis im von "art director" Mel Gibson überwachten WW2-Drama The Bombing).

In den USA läuft das Geschäft weniger sichtbar. Die Dalian Wanda Group, ein auf unterschiedlichen Feldern tätiger chinesischer Konzern, erwarb 2012 die 5000 Leinwände starke US-Kinokette AMC. Seit Anfang des Jahres gehört ihr das für 3,5 Milliarden Dollar übernommene Medienunternehmen Legendary Entertainment, mit Sony unterhält sie eine "strategische Allianz". Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass sich der chinesische Internetriese Alibaba derweil in Amblin Partners eingekauft hat. Ihr Gründer – niemand geringeres als Steven Spielberg – verkündete stolz, man werde "mehr China nach Amerika und ein bisschen mehr Amerika nach China bringen". Hoffentlich ist damit chinesische Unterhaltung, nicht chinesische Pressefreiheit gemeint.

Das marktfreundliche Argument, produziert werde, was gefragt sei, verliert bei diesen Geschäftsmodellen vollständig an Aussagekraft (falls es denn überhaupt je eine besaß). In der Volksrepublik bestimmt nicht das Volk, was es sehen will, es sieht, was es sehen darf. Und das sind, wenn es um amerikanische Produktionen geht, Blockbuster, deren sinnfreie Änderungen auch in China für Verwirrung sorgen. Ein amüsanter Satire-Text von Hollywood and Swine brachte es ganz gut auf den Punkt. "Ich bin stolz, wie weit es Hollywood geschafft hat", wird DreamWorks-CEO Jeffrey Katzenberg darin vermeintlich korrekt zitiert: "Einst setzten wir Drehbuchautoren auf schwarze Listen, weil sie Kommunisten waren. Nun lassen wir uns von einer kommunistischen Regierung Drehbuchvorschläge machen. Das ist wahrer Fortschritt."

Natürlich ließe sich diskutieren, inwieweit Mainstream-Kunst immer schon dadurch korrumpiert ist, größtmöglich verwertbar und gefällig zu sein - inwieweit also weitere Diktate tatsächlich einen dramatischen Einschnitt in Produkte markieren, die ohnehin mit dem Ziel gefertigt wurden, überall absetzbar zu sein. Die gegenwärtig von Ecken und Kanten befreite US-Blockbuster-Kultur wird allerdings erst recht keine interessanteren Filme produzieren, wenn es künftig auch noch die Befindlichkeiten chinesischer Investoren und Zensoren zu berücksichtigen gilt. Scott Mendelson merkte in einem Forbes-Artikel zudem an, dass Gedankenspiele um schwule Superhelden und mehr Diversität in weite Ferne rücken. So wurde Cloud Atlas auf dem chinesischen Markt um 40 queere Minuten erleichtert und war trotz Yellowfacing ein Hit.

Auch andere Stereotype scheinen kein kommerzielles Hindernis zu sein, um an chinesischen Kinokassen abzuräumen. Whitewashing-Vorwürfe richteten sich zuletzt gegen The Great Wall, der Matt Damon als heroischen Kämpfer im China des 11. Jahrhunderts zeigt, und Doctor Strange, für den Tilda Swinton als Tibetanerin gecastet wurde, um die chinesische Kulturaufsicht nicht zu verärgern. Somit spiegeln sich die wirtschaftlichen Abhängigkeiten der kooperierenden amerikanischen und chinesischen Kinoindustrien in den Filmen selbst wieder. Sei es durch die Praxis, einen autoritären Staat in hübsche Bilder zu kleiden. Oder durch die Bestätigung alter Darstellungskonventionen und Besetzungspraktiken, die zu überwinden Teil eines Deals hätte sein können, von dem das Kino letztlich am allerwenigsten profitiert.

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