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Mein Herz für Klassiker

Ich, Tanz der Vampire & der zart besaitete Alfred

08.07.2011 - 08:50 Uhr
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Mein Herz für Klassiker geht an Tanz der Vampire
© UIP
Mein Herz für Klassiker geht an Tanz der Vampire
Das Herz für Klassiker geht diese Woche an Tanz der Vampire, einen Film, den ich aus meiner Kindheit kenne. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, offenbaren sich mir neue Facetten, zum Beispiel der erotische Subtext.

Meine Mutter hat für zeitgenössische Blockbuster nichts übrig. Als Kind fand ich das doof. Aber wie das ja oft so ist: Wenn wir erwachsen werden, lernen wir die Bemühungen unserer Eltern zu schätzen. Jetzt bin ich dankbar, denn ohne meine Mutter hätte ich Tanz der Vampire niemals entdeckt. Wenn wir heute den Namen des Regisseurs Roman Polanski hören, denken wir im besten Fall an Der Pianist oder Der Ghostwriter und im schlechtesten Fall an Sexualstraftaten. Aber an Tanz der Vampire erinnern sich leider die wenigsten.

Warum ich Tanz der Vampire mein Herz schenke
Ich liebe ihn einfach, diesen Professor Abronsius, der sich mit seinem Gehilfen Alfred, gespielt von Roman Polanski selbst, in die Südkarpaten aufmacht, um den Vampirismus zu erforschen. Abronsius, der mich mit seinem wirren weißen Haar immer ein wenig an Einstein erinnert, ist ein gutgläubiger, ja, geradezu naiver Mann. Als die Herbergsleute behaupten, es gäbe in der Gegend weder Vampire noch ein Schloss und der Knoblauch hinge nur zur Deko in allen Ecken, ist Abronsius lediglich ein wenig irritiert. Sein zart besaiteter Assistent Alfred hat zwar den besseren Riecher, aber nicht unbedingt mehr Kompetenz. So kommt es dazu, dass das Chaos-Duo von einem Missgeschick ins nächste taumelt und schließlich im Schloss des Grafen Krolock landet. Abronsius ist blind vor Begeisterung über das Vampirismus-Fachwissen des Grafen und übersieht fast, dass Krolock eigentlich nur seine eigene Spezies erforscht. Alfred hingegen fühlt sich bedroht: Nicht nur vom buckligen Angestellten, sondern auch von Krolocks schwulem Sohn Herbert, der stets die Nähe des verängstigten Assistenten sucht. Spätestens in der Szene, in der Herbert Alfred zärtlich den Arm umlegt und mit ihm gemeinsam den Ratgeber „Hundert Wege, des Herz einer Jungfrau zu erobern“ konsultiert, tränen meine Augen stets vor Lachen.

Warum auch andere Tanz der Vampire lieben werden
40 Jahre später hätte diese Story in einem haarsträubenden Vampir-Klamauk geendet. 1967 jedoch gab es noch kein Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen und beim Stichwort “Vampir” dachte der damalige Zuschauer noch an Dracula und Nosferatu, eine Symphonie des Grauens. Das merkt ihr dem Film auch an: Statt seine Protagonisten ins Lächerliche zu ziehen, hilft uns Roman Polanski dabei, nicht über, sondern mit den Figuren zu lachen. Professor Abronsius ist einfach nur einer dieser verschrobenen Wissenschaftler und Fachidioten, wie es sie in allen universitären Disziplinen gibt. Ein Mann, der vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht, bzw. vor lauter Knoblauch nicht den Vampir… oder so ähnlich.

Weil er es aber trotzdem stets mit allen gut meint, egal ob Mensch oder Vampir, ist der Professor dem Zuschauer auf Anhieb sympathisch. Ähnlich verhält es sich mit Alfred, dem unschuldigen Assistenten, der sich sofort in die Tochter des Herbergswirts verliebt und dessen primäre Motivation im Grunde nicht dem wissenschaftlichen Interesse entspringt, sondern seiner Libido. Denn Alfred möchte heldenhaft die junge Sarah (Sharon Tate) aus den Fängen Krolocks befreien, was ihm am Ende des Films sogar gelingt. Aber – Achtung Spoiler – zu diesem Zeitpunkt hat die bildhübsche Sarah schon ganz andere, blutrünstige Interessen. Und so ist die Pointe des Films die, dass durch Professor Abronsius die Spezies Vampir, die er zu vernichten suchte, über die ganze Welt verbreitet wird.

Warum Tanz der Vampire einzigartig ist
Schon in den ersten Sekunden, wenn sich der MGM Löwe in einen Vampirkopf verwandelt und der fast schon schmerzhafte Grusel-Sing-Sang ertönt, der sich als Motiv durch den gesamten Soundtrack zieht, begreift der Zuschauer, dass er es nicht mit einem ernst gemeinten Horrorfilm zu tun hat. Roman Polanski schafft es, einen Teil der Stummfilm-Ästhetik mit in das Kino der 60er Jahre zu transportieren. Szenen mit Slapstick Humor laufen einen Tick schneller ab und erinnern somit an das scheinbar zu rasche Tempo des frühen schwarz-weiß Kinos. Jack MacGowran verleiht Professor Abronsius fast schon clowneske Mimik und Gestik. Afreds angebete Sarah hat eigentlich keinen Charakter. Ihre Aufgabe innerhalb des Films besteht im Grunde darin, das männliche Publikum zu erfreuen, in dem sie immer wieder halb nackt mit vernebeltem Blick in irgendeiner Badewanne auftaucht. Für mich eine meisterhafte Anspielung auf die sexuelle Reduktion der Frau im Horrorfilm.

Warum Tanz der Vampire Jahrzehnte überdauert
Vampire üben eine anhaltende Faszination auf die Menschen aus. Wie sonst ist es zu erklären, dass wir uns immer wieder neue Geschichten ausdenken, die um dieses Thema kreisen? Auf der Leinwand hat alles mit F.W. Murnau und Nosferatu, eine Symphonie des Grauens angefangen. Und bereits hier – wie im Grunde in allen folgenden Vampirfilmen – spielt Sexualität eine ganz besondere Rolle. Da fügt sich natürlich das neueste Beispiel für Vampirromantik nahtlos ein, denn was ist Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen mehr als eine Allegorie für pubertären Geschlechtsverkehr? Und so ist auch in Tanz der Vampire das Thema stets präsent: Kaum setzt sich die schöne Sarah nackt wie Gott sie schuf in ihren Badezuber, wird sie vom Vampir gebissen. Die erste Amtshandlung des Vampir gewordenen Wirts ist es, sich endlich ins Schlafzimmer der Magd zu schleichen, die er schon so lange begehrt. Ganz zu schweigen vom schwulen Vampir Herbert und seiner tragischer Weise unerwiderten Liebe zu Alfred. Ja, der Vampir darf all die schmutzigen Dinge tun, von denen wir nur träumen. Vielleicht rührt daher unsere ewige Faszination für diese mythologischen Wesen.

Ich habe Tanz der Vampire als Kind natürlich nicht wegen des erotischen Subtexts geliebt (obwohl Freud das sicher anders sehen würde, aber das nur am Rande), sondern für seinen Humor. Und das ist eben das Tolle: In Tanz der Vampire ist für jeden etwas dabei!

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