Mein Herz für Klassiker

Ich, Vom Winde verweht und die taffe Scarlett

11.09.2011 - 08:50 Uhr
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Mein Herz für Klassiker: Vom Winde verweht
© MGM
Mein Herz für Klassiker: Vom Winde verweht
Für manche ist Vivien Leigh in der Rolle der Scarlett O’Hara mindestens so nervtötend wie Dakota Fanning in Krieg der Welten. Ich hingegen muss da kräftig widersprechen, denn Vom Winde verweht erhält heute mein Herz für Klassiker.

Als ich das erste Mal Vom Winde verweht im Fernsehen anschaute, durfte ich den Schluss des Films nicht sehen. Immerhin geht der Film stolze 238 Minuten und dauerte bis in die späten Abendstunden. Meine Mutter schickte mich ins Bett, besänftigte mich aber damit, dass sie den Film auf VHS aufzeichnen würde. Die Älteren unter Euch erinnern sich bestimmt noch daran, dass viele VHS Kassetten damals nur 240 Minuten umfassten. Da meine Mutter den Rekorder vorsorglich etwas früher programmiert hatte, geschah etwas Schreckliches: Es fehlten die letzten 5 Minuten des Films. Meine gesamte Kindheit und Jugend lebte ich in der Illusion, bei dem Ende auf der Kassette handele es sich um den echten Ausgang der Geschichte: Scarlett O’Hara (Vivien Leigh) realisiert, dass sie Rhett Butler (Clark Gable) liebt und rennt zu ihm, um sich mit ihm zu versöhnen. Ein wunderschönes Happy End.

Warum ich Vom Winde verweht mein Herz schenke
Wie die meisten unter euch aber wahrscheinlich wissen, ist das gar nicht das Ende von Vom Winde verweht. Das stellte ich allerdings erst Anfang 20 fest, als ich von einem Freund die DVD geschenkt bekam und mir erstmals den Film in voller Länge ansehen konnte. Wunderbarer Weise gefiel er mir nun aber sogar noch besser als zuvor. Es ist die Figur der Scarlett O’Hara, die mich schon immer am meisten fasziniert hat. Im Grunde genommen ist sie verdammt unsympathisch, eigennützig, arrogant und hinterfotzig. Gleichzeitig aber ist sie in meinen Augen eine der stärksten Frauenfiguren im Film. Sie ist es, die das Gut der einst wohlhabenden Familie nach dem Ruin durch den Bürgerkrieg wieder aufbaut. Nach dem Motto „Morgen ist auch ein Tag“ kann sie sich auch in Momenten größter Verzweiflung stets motivieren, weiterzumachen. Sie muss Rückschläge und Entbehrungen in Kauf nehmen und so manchen Verlust verkraften. Aber für die Liebe zu ihrem Land, zu der Plantage namens Tara, nimmt sie alle Opfer in Kauf. Ihre Fähigkeit, genau zu wissen, was sie will und gegen alle Widrigkeiten dafür zu kämpfen, bewundere ich sehr.

Warum auch andere Vom Winde verweht lieben werden
Natürlich handelt es sich bei Vom Winde verweht in erster Linie um eine der größten Liebesgeschichte der Literatur: Scarlett liebt Ashley, aber der liebt Melanie und Rhett liebt Scarlett, die aber Ashley anhimmelt und so weiter. Das klingt ein bißchen nach Gute Zeiten, schlechte Zeiten, ist aber tatsächlich sehr romantisch und ergreifend. Davon abgesehen aber hat der Film noch eine ganze Menge mehr zu bieten, wie zum Bespiel liebevolle Charakterzeichnungen und die großartige Hattie McDaniel, die als erste afroamerikanische Schauspielerin für ihre Rolle der Mammy den Oscar bekam. Auch visuell ist Vom Winde verweht ein Meisterstück: Als einer der Meilensteine des Technicolor tauchen die Regisseure Victor Fleming, George Cukor und Sam Wood die amerikanischen Südstaaten in faszinierende, knallbunte Bilder.

Warum Vom Winde verweht einzigartig ist
Der Film bringt nicht nur eine der berührendsten Liebesgeschichten auf die Leinwand, sondern ist auch eine eindrucksvolle Darstellung des amerikanischen Bürgerkrieges, wie wir sie heute kaum noch finden. Nicht ein patriotischer Held steht im Mittelpunkt oder die tragische Geschichte eines verachteten Sklaven, sondern ein im Grunde ganz normales Südstaatenmädchen, das im Laufe der Kriegswirren zur verantwortungsvollen Frau heranwächst. Natürlich ist die Darstellung der Sklaverei in Vom Winde verweht verharmlosend, aber wir müssen den Film auch als Zeitzeugnis begreifen. Bürgerkriegsfilme gehörten damals nicht unbedingt zu den Kassenschlagern und Geburt einer Nation hatte mit seiner extrem rassistischen Darstellung der Afroamerikaner dieses historische Thema auch mit einem bösen Fluch belegt. Umso mutiger, dass Vom Winde verweht versucht, einen kleinen Eindruck davon zu vermitteln, welche (ökonomischen) Dynamiken in diesem Krieg eine Rolle gespielt haben.

Warum Vom Winde verweht die Jahrzehnte überdauert
Liebe und Kriege, das sind zwei Elemente, die den Menschen immer interessieren werden. Und es ist insbesondere die unerfüllte Liebe, die uns am meisten fesselt und rührt. „Oh, Ashley“, schmachtet Scarlett mehrmals und wir haben das Gefühl, ihren Schmerz fühlen zu können. Gleichzeitig erschrecken die Bilder des Lazaretts, in dem die Südstaatenschönheit während des Krieges aushilft, nicht nur die piekfeine Scarlett, sondern auch das Publikum gestern wie heute. Eine moralische Botschaft bringt uns der Film ebenso mit: Niemand ist durchweg und grundlos bösartig. Scarlett O’Hara und auch Rhett Butler sind Menschen, die kaltblütig wirken und doch nur vergeblich ihrem Lebensglück nachjagen. Gleichzeitig erweisen sich geächtete Figuren wie die Prostituierte Belle Watling (Ona Munson) als herzensgute Menschen. Vom Winde verweht ist mehr als nur eine Liebesschnulze, nämlich eine packende Darstellung nicht nur der Schwächen des Menschen, sondern im Besonderen auch seiner Stärken.

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