Im Herzen der See - Unter Walfängern mit Chris Hemsworth

Chris Hemsworth als Walfänger im Herzen der See
© Warner Bros. Pictures Germany
Chris Hemsworth als Walfänger im Herzen der See
02.12.2015 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Ron Howard ist in vielen Genres zuhause. Als er verkündete, er wolle mit seinem nächsten Projekt Im Herzen der See der Wahrheit hinter dem Mythos von Moby Dick Leben einhauchen, war das Medienecho groß. Moviepilot Elman Smithee durfte sich ein eigenes Bild machen.

Schon immer hegte ich eine Faszination für Wale und so wagte ich mich immerhin an die Geschichte des Cetacea princeps aka Moby Dick. Die Lektüre harrt derweil immer noch ihrer Vollendung. Verschlungen hingegen wie einst der Wal den Jonas habe ich In The Heart Of The Sea: The Tragedy Of The Whaleship Essex von Nathaniel Philbrick . Dieses Buch bildet die Grundlage für das neueste Werk Im Herzen der See von Genre-Springer Ron Howard und brachte mich vor gut zwei Jahren nach London auf das Gelände der Warner Bros. Studios, Leavesden nahe London.

London Calling: Vom Warner Lot nach Little-Nantucket

18. Oktober 2013: Auf das viel gepriesene Londoner (Schmuddel-)Wetter ist auch kein Verlass mehr: Anstatt des erwarteten Nieselregens strahlender Sonnenschein, der sich im falschen Pflaster von Nantuckets Straßen spiegelt. Ich befinde mich gemeinsam mit einer Handvoll Gleichgesinnter in nachgemachter, zum Leben erweckter Geschichte. In diese führt uns versiert Mark Tildesley, seines Zeichens Production Designer, als solcher schon mehrfach für Danny Boyle tätig (z. B. 28 Days Later, Sunshine), und hier nun für den richtigen Look von Im Herzen der See zuständig.

Umgeben von Nachbauten, in denen Seil- und Fassmacher, Schmiede und Harpunenschleifer ihrem Geschäft nachgingen, die Ladungskontrolleurin penibel die Ausbeute der rückkehrenden Seeleute aufnahm und die Bänker das Geld scheffelten, steht er uns Rede und Antwort, lässt er belesen das Nantucket der alten Tage vor unserem geistigen Auge auferstehen. Die etwa 50 km südlich vor Cape Cod gelegene Insel galt zu ihrer Hochzeit im 18. Jahrhundert als der Mittelpunkt des Walfangs und als Saudi-Arabien ihrer Zeit. Dem von hier in die Welt verschifften Walöl wurde die beste Qualität nachgesagt und es stellte die Versorgung mit Licht und Energie sicher.

Da es aus dieser Zeit selbstredend keine Photographien gibt, musste Tildesley, der auf Empfehlung von Kameramann Anthony Dod Mantle zum Herzen der See fand, auf Gemälde aus dieser Zeit zurückgreifen. Im Bemühen um größtmögliche Authentizität, um nur ein Beispiel zu nennen, nahm er die Dienste der letzten zwei noch in Großbritannien lebenden Fassmacher in Anspruch. Unter ihrer Anleitung wurden all die antiken Fässer, derer man nicht habhaft werden konnte, selbst erzeugt und auf alt getrimmt. Insgesamt kamen an die 1.700 Fässer im Film zum Einsatz. Man merkt: Fässer spielen hier eine große Rolle.

So begeistert er auch von seiner Arbeit ist, Tildesley weiß, dass nichts von Dauer ist und der Aufwand nicht in Screentime umgerechnet werden sollte, denn: 12 Wochen Konstruktionszeit finden letztlich nur in 5 Minuten Abbildung.

Wir bleiben in Nantucket: In einem mit Wasser gefüllten Tank, der an seiner tiefsten Stelle 4 Meter tief ist, befindet sich ein Nachbau der Essex, das Schiff, das die unheilvolle Begegnung mit dem Weißen Wal haben sollte. Das “Original” heißt Phoenix und befindet sich zwischenzeitlich auf dem Weg in die Kanaren. Dort sollen später die Aufnahmen “auf offener See” stattfinden. Der marine coordinator Daniel F. Malone führt uns mit einem kleinen Motorboot an Bord und auch ich steige hüftsteif über die Reling. Er erklärt, dass der Nachbau film-freundlicher gestaltet wurde, will heißen ein wenig länger und breiter als das Original, um mehr Platz für das technische Equipment wie Kameras und Beleuchtungsmittel sowie deren Bediener zu haben.

Auch wenn das Schiff analog ist, bedeutet das nicht, dass es ganz ohne CGI auskommt: So sind die Masten ab einer bestimmten Höhe gekappt und werden nachträglich am Computer aufgesetzt. Dies hat ganz pragmatische Gründe: Eine Hydraulik-Apparatur simuliert die Bewegungen des Schiffs auf hoher See; dabei kann es bis auf knapp 20° auf die Seite gelegt werden - zu viel Mast wäre da nur hinderlich. Um das Schiff herum sind mehrere Wind- und Wellenmaschinen sowie Wasserpumpen in den Tank integriert, um Seegang bis Sturmszenarien glaubhaft heraufzubeschwören. Mir reichen schon diese Erzählungen, um ein wenig seekrank zu werden. Und so bin ich nicht ganz unglücklich, als es wieder ans Festland geht.

Whale, there she blows, man!

Nahezu unvermittelt steht mit Benjamin Walker einer der Hauptdarsteller in voller und den alten Zeiten nachempfundener Montur vor uns. Er spielt Kapitän George Pollard und Chris Hemsworth’ menschlichen Antagonisten zur See. Mag er an Bord der Essex auch zum Kommando-Ton greifen, im direkten Interview ist er alles andere als herrisch. Stattdessen erzählt uns von seiner Motivation, unbedingt Teil des Survival-Dramas sein zu wollen. Und die Motivation trägt einen Namen: Ron Howard. Sein Arbeitsethos sei wie bei keinem anderen, mit dem er bisher zusammengearbeitet habe. Walker versuche, seine Karriere auf Menschen zu bauen, von denen er lernen und stehlen könne. Ein verschmitztes Lächeln unterstreicht die Ernsthaftigkeit seines Ansinnens. Ich bitte ihn um einen dem Film angemessenen Original-Ton und bekomme ein fachmännisches: “There she blows, man!

Während Walker gerade eine Drehpause hat, sind die anderen in vollem Einsatz: Vor dem Eingang einer Halle, in dem der Großteil der Mannschaft schuftet, steht Chris Hemsworth, noch in vollem Saft und ganz Thor, nur echt im Aussie-Dialekt parlierend. Während meine Mitstreiter ihn nach seiner Vorbereitung auf die Rolle, ergo die Lektüre des Buches von Nathaniel Philbrick, der Journale des 1. Offiziers Owen Chase, den er spielt, und anderen wissenswerten Lesestoffs sowie nach anderen Strapazen (i. e. geregelte Diät) fragen, suche ich die Abstraktion. Ich bitte ihn uns mitzuteilen, was für eine Art von Survivor er denn wäre: Generell sähe er sich als Teamplayer, aber er gesteht auch “certainly an appetite for life” zu haben - was das heißt, ist jedem klar, der die wahre Geschichte der Überlebenden der Essex kennt.

Dem Iren Cillian Murphy, im Film ein enger Freund von Owen Chase, merkt man eine andere Art der Annäherung an das Schauspielern an. Auch er trägt sein Kostüm, aber anders als Hemsworth wirkt er nicht, als wäre er im Hier und Jetzt, sondern auf See. Seine blauen Augen strahlen in die Ferne, als er sich mit uns unterhält. Natürlich habe auch er - und zwar in seiner späten Jugend - Herman Melvilles Moby Dick gelesen. Und jetzt auch noch einmal? Seine Replik: “Naa, once is enough”, sorgt für allgemeine Erheiterung. Was an Ron Howard so besonders sei: Zum einen sei er an jedem noch so kleinen Detail interessiert, außerdem sei sein Enthusiasmus ansteckend, sagt Murphy, und die Erinnerung an sein Mitwirken an 28 Days Later kommt in den Sinn.

Intermezzo: Special Effects - Whale, here you got your blowing (courtesy of cgi)

Nach all den analogen Informationen und Mutmaßungen über den Wal wird es nun konkret und digital: Nicht nur das nasse Element wird am Computer über- und eingearbeitet in das klassisch gedrehte Material. Das Opus magnum der digitalen Effektschmiede ist der Weiße Wal (neben all den anderen Walen, die im Film zu sehen sein werden). Wie uns der Vertreter der Abteilung für die Spezialeffekte wissen lässt, wird - während wir auf unserem Setvisit sind - bereits auf Hochtouren an dem Wal gearbeitet, der schließlich nicht irgendeiner sein soll, sondern der Wal aller Wale. Dementsprechend gibt es viele Beteiligte bei der Entwicklung: das Art Department, verschiedene Visual-Effects-Companys und Concept Artists, um nicht nur den richtigen Look zu erarbeiten, sondern auch sein konkretes Aussehen. So soll er als altersloser, von Narben übersäter einsamer Wal dargestellt werden, der aber kein Monster ist, sondern wider alle Erwartung das Herz am rechten Fleck hat. Wir müssen uns wohl oder übel in Geduld üben, bis wir einst einen ersten Blick auf den Wal werfen dürfen.

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