In den Gängen - An Franz Rogowski kommt ihr dieses Jahr nicht vorbei

Sandra Hüller und Franz Rogowski in In den Gängen
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Sandra Hüller und Franz Rogowski in In den Gängen
24.02.2018 - 11:00 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Franz Rogowski ist überall, ob an Filmsets von Terrence Malick oder Michael Haneke, und bei der Berlinale ist er mit Transit und In den Gängen gleich zweimal vertreten.

Wenn du den Sohn von Isabelle Huppert spielst, hast du es geschafft. Zumindest beeindruckt mich diese Casting-Entscheidung für Happy End noch ein bisschen mehr als der Umstand, dass Franz Rogowski dabei mit Michael Haneke gedreht hat. Happy End ist über weite Strecken eine triste Erfahrung, außer an zwei Stellen: dem Moment am Ende, in dem sich die ganze Schwere der bürgerlichen Fassade in Hupperts Fingerspitzen sammelt und es in einer fremden Hand wahnsinnig unangenehm (und amüsant) knackt. Und die Karaoke-Szene ihres Filmsohns, dem Rogowski. Bei der Berlinale 2018 wurde er als Sahnehäubchen zum europäischen Shooting Star ernannt. Als ob er das bräuchte, finden sich in seiner jungen Filmografie schon Haneke und Terrence Malick, Love Steaks und Victoria. Internationales Autorenkino oder aufregend junger deutscher Film: Franz Rogowski ist überall, auch bei der Berlinale, wo neben Christian Petzolds Transit die Tragikomödie In den Gängen im Wettbewerb läuft.

Staplerfahrer Christian - Der erste Arbeitstag

In Tansit, dem besten Film im Wettbewerb der Berlinale, spielt Rogowski einen Flüchtenden. Mit fremder Identität landet er in einem fremden Hafen. Erst die scheue Präsenz einer Fremden hält ihn, obwohl die Häscher immer näher kommen. Was Transit an Hintergrundgeschichte ausspart, wird in dem neuen Film von Thomas Stuber (Herbert) zaghaft aufgebröselt. Christian (Franz Rogowski) fängt in einem Supermarkt nahe einer ostdeutschen Autobahn an. Es liegt am alten Hasen Bruno (großartig: Peter Kurth), den Frischling in die Geheimnisse der Getränkestaplerei einzuführen. Die Kenntnis diffiziler Koalitionen und Kriegserklärungen zwischen Süßwaren, Eingewecktem und dem schockgefrosteten Sibirien gehört ebenso zum Programm.

So reisen wir mit Christian in der ersten Hälfte von In den Gängen hinter die Kulissen einer vertrauten Welt. Nur eine Sprechrolle wird den Kunden zugedacht (off-screen, es geht um Schokolinsen), dafür entfaltet sich ein Ballet der surrenden Staplerfahrer, die zwischen den Konsumschluchten ihre Runden drehen. Christian ist ein ruhiger Kerl, ein bisschen linkisch stellt er sich an, aber Bruno ist ja da, um ihm die Finessen des Staplerdaseins zu lehren. Und der Splatter-Lehrfilm Staplerfahrer Klaus - Der erste Arbeitstag, der es dank einer Weiterbildungsszene nun auch in den Wettbewerb der Berlinale geschafft hat. Allein dafür können wir Thomas Stuber und Kollegen zu Dank verpflichtet sein.

In den Gängen

Einer der vergnüglichsten und melancholischsten Filme im Wettbewerb der Berlinale

Ein Supermarkt ist nun nicht der erste Ort, an dem wir ein Gefühl der Geborgenheit vermuten, In den Gängen findet es aber genau da. Das Kollegium hat viele Jahre gemeinsam auf dem Buckel, erzählt Bruno, der mal Fernfahrer war, bevor die Wende kam, und der seinen Kilometerstand zwischen Bier und Brause füllt. Die Außenwelt schaut nur herein, um gleich wieder zu verschwinden, das Private findet woanders statt. Hier haben alle ihren blauen Mantel, Stifte und Cutter in der Brusttasche, und ihre Abteilung. Hier gehören sie und ihre gebrochenen Biografien hin. Auch Christian, dessen martialische Tätowierungen aus dem Kragen lugen, die so gar nicht zu seinem Habitus passen wollen. Zwischen den Regalen himmelt er Marion (Sandra Hüller) an. Im Supermarkt kann sie allen kontra geben, wie es daheim aussieht, steht auf einem anderen Blatt.

Diese erste Hälfte von In den Gängen gehört zu den feinfühligsten und unterhaltsamsten im Wettbewerb der Berlinale 2018, so sehr zeigt sich die Kamera an den Prozessen interessiert und den Gesichtern, die sie beleben. Franz Rogowski mit seiner Lippenspalte und den schattigen Augen passt da hinein. Dem physischen Humor zeigt er sich gewachsen, wobei In den Gängen insbesondere von der Inszenierung lebt, welche die genaue Beobachtung dem schnellen Gag vorzieht. Keine Selbstverständlichkeit für ein Filmland, dem nach Loriot die Geduld für Entfaltung des Humors in Komödien abhanden gekommen zu sein scheint. Und eine Komödie ist In den Gängen in der ersten Hälfte durchaus. Nur der etwas gestelzte Off-Kommentar von Christian, der im krassen Gegensatz zum Bierkasten-Stapeln steht, deutet an, dass das Drehbuch von Thomas Stuber und Clemens Meyer andere Ambitionen hegt.

Paula Beer und Franz Rogowski in Transit

Diese Ambitionen nagen in der zweiten Hälfte an der Zielstrebigkeit der Geschichte. Bisweilen wirkt sie verfahren, man sehnt sich die Konzentration der Stapler-Action zurück. Die Schauspieler aber machen das wett. Allen voran Peter Kurth, dem Thomas Stuber im berührenden Boxerdrama Herbert ein kleines Denkmal gesetzt hatte. Viel erfahren wir nicht über Bruno, brauchen wir auch nicht. Ein Schweigen, ein Paar hängender Schultern, und man ahnt, was alles fehlt in Brunos Nachwendeleben im Supermarkt. Kurth ist ein klassischer Charakterdarsteller, also das, wo Rogowskis Karriere auch hätte hinführen können. Ein markantes Gesicht mit markantem Lispeln, das einem Figurenkabinett rund um den Star im Mindesten Farbe verleihen kann. Momentan bewegt sich Rogowskis Werdegang allerdings in eine andere Richtung.

Shooting Star oder Charakterdarsteller?

Zu seinen Vorgängern unter den europäischen Shooting-Stars  gehören Daniel Brühl, Carey Mulligan und Alicia Vikander. Entdeckt von Jakob Lass (Love Steaks, Tiger Girl), übernahm er schnell Hauptrollen in Victoria, Fikkefuchs, Transit und In den Gängen. In Terence Malicks Radegund wird er neben August Diehl zu sehen sein und im nächsten Film von Angela Schanelec (Der traumhafte Weg) wird er ebenfalls geführt. Wir haben es hier mit einem veritablen Arthouse-Darling zu tun. Mehr der deutsche Robert Pattinson, weniger Joaquin Phoenix. Tatsächlich besitzt Franz Rogowski eine kaum zu übersehende Anziehungskraft auf der Leinwand. Die Sehnsucht seiner Figuren, wie in Transit oder In den Gängen, brennt sich bei Rogowskis Spiel in die Leinwand.

Manches Mal wirkt sein Spiel jedoch allzu selbst-bewusst, etwa in den komischen Szenen aus In den Gängen, in denen man ihm quasi dabei zusehen kann, wie er seine nächste Bewegung kalkuliert. Zurückhaltung ist seine Sache nicht, was wohl seltsam klingt bei einem Darsteller, der so verschlossene Figuren wie in Transit oder In den Gänge spielt. Mit Overacting hat das weniger zu tun als der Inbeschlagnahme des Bildes. Das ist es, was einen Star von einem Charakterdarsteller unterscheiden kann. Ein Peter Kurth kann einen ohne Weiteres 90 Minuten im Alleingang in seinen Bann ziehen, wie in Herbert gezeigt. Er kann aber auch, wenn nötig, verschwinden im Bild. Für das Stardom des internationalen Autorenfilms scheint Franz Rogowski trotzdem wie gemacht, gilt es hier doch vielfach, charakterisierende Leerstellen im Drehbuch auszufüllen. Rogowskis Leinwandpräsenz hat eine unverkennbare Qualität. Wie viel Spielraum diese bietet, ob eine reicht für unterschiedliche Stile und Genres, bleibt ungewiss. Von Peter Kurth kann er jedenfalls noch viel lernen. Und von Isabelle Huppert sowieso.

Bei critic.de findet ihr einen Kritikerspiegel zur Berlinale , in dem ihr euch einen Überblick zur allgemeinen Reaktion auf die Filme im Programm verschaffen könnt.

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