Mein Herz für Serie

In Transparent darf Sexualität selbstverständlich sein

Maura mit Familie
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sciencefiction Andrea Wöger
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Nach einer Staffel Transparent habe ich mich in die chaotische Familie Pfefferman verliebt. Ich habe mich sehr an einen transsexuellen Jeffrey Tambor mit Perücke und weit geschnittenen Frauenkleidern gewöhnt, mit sanfter Stimme und weichen Bewegungen, sodass er mit Glatze und Anzug unnatürlich und fremd wirkt auf mich. Für mich ist Jeffrey Tambor Maura, die sich nicht länger als Mort verkleiden will. Der Schauspieler selbst fühlt sich kurz nach den abgeschlossenen Dreharbeiten mit dem Alter Ego Maura als Teil von sich wohler. Gegenüber Vulture meint er bezüglich seiner lackierten Zehennägel:

Das ist meine geheime Art, mit ihr in Berührung zu bleiben. Ich habe Angst davor, sie abzulegen. Ich will sie nahe bei mir.

Ich nehme aus Transparent mit, dass Sexualität, sexuelle Orientierung, Sex, Geschlecht, Gender, Liebe, Partnerschaft und alle damit verbunden Klischees und Gewohnheiten allgegenwärtig sind, stets präsent, und es dennoch keinen Grund gibt, etwas davon bloß um seiner selbst willen an die große Glocke zu hängen.

Wer weiß schon, was er will

Die 10-teilige erste Staffel von Transparent erzählt von der fünfköpfigen Familie Pfefferman, die ihr Leben manchmal besser, manchmal schlechter im Griff hat. Der einzige, der wirklich weiß, was er will, ist der Familienvater Mort. Er möchte sich nicht länger als Mann verkleiden und lebt seit geraumer Zeit als Frau namens Maura. Sie traut sich jedoch nicht, es ihrem Nachwuchs mitzuteilen. Die drei erwachsenen Kinder ahnen nichts, und als sie von ihrem Vater zum Essen eingeladen werden, sind sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um das Thema darauf zu bringen.

Die älteste Tochter, Sarah (Amy Landecker), will weg von ihrem Ehemann und Vater ihrer Kinder, hin zu ihrer früheren Freundin. Der mittlere Sohn, Josh (Jay Duplass), ist Plattenproduzent und hat nicht selten eine Frau in seinem Bett, es aber auch sehr eilig mit Liebesschwüren und Heiratsanträgen. Die Jüngste der Familie, Ali (Gaby Hoffmann), gilt als orientierungslose Träumerin, wobei die Orientierung allen drei Kindern fehlt. Und so stolpern sie in ihrer Selbstbezogenheit von Tag zu Tag, probieren sich aus, laufen auf. Die Mutter Shelly (Judith Light) plagt sich indes mit ihrem zweiten Ehemann, der langsam aber doch zum Pflegefall wird.

Nur vordergründig geht es in Transparent um das anfängliche Geheimnis von Mort, Maura zu sein. Hintergründig laufen jede Menge verschiedener Problemchen aller Familienangehörigen ab. Transparent bemüht sich nicht, Sympathien für die Charaktere zu erwecken, sondern vielschichtige Identitäten zu kreieren. Egomanie und Selbstmitleid gehören zum Alltag wie Eingeständnisse und Humor. Doch aufgrund der tiefgehenden und ambivalenten Charakterzeichnung entsteht ein dynamisches Familienbild, zugleich stolz und filigran, das fesselt. Transparent wählt einen respektvollen Umgang und zärtlichen Tonfall. Hier gibt es keinen moralischen Zeigefinger, keine aufklärerische Mission, keine voyeuristisch inszenierten Liebesszenen zwischen Frauen - es geht bloß um diese Familie und ihre Beziehung zueinander, nicht vorrangig um gesellschaftlichen Druck, sondern die Annahme seiner eigenen Identität - von sich selbst und von den geliebten Menschen der eigenen Familie. Transparent ist wie sein Intro berührend und stets melancholisch, aber nie sentimental:


Nicht umsonst wurde Transparent als erste Webserie mit einem Golden Globe geehrt. Jeffrey Tambor nahm den Preis als Bester Darsteller entgegen. Der schwarze Humor, Tränen und Gefühle seien alles wichtige Teile der Serie, meint er. Ebenso wie die Webserie Orange Is the New Black konfrontiere Transparent die Zuschauer mit Transsexualität, ohne auf deren Kosten Witze zu machen. Jill Soloway, der Schöpferin von Transparent, die zuvor Six Feet Under - Gestorben wird immer kreierte, liegt das Thema am Herzen. Sie arbeitet darin ihre Erfahrungen mit ihrem transsexuellen Vater auf:

Es entstand aus meinem Verlangen heraus, die Welt für meinen Vater sicherer zu machen, aus seiner Wohnung hinaustreten zu können.

Von der Crew über den Cast war Soloway sehr darauf bedacht, dass an jedem Teil des Entstehungsprozesses und in allen Departments Transsexuelle mitwirken.

Verschiedenster Ausdruck unserer Sexualität darf in Transparent eine Rolle spielen und bloß (wunderbare) Nebensache sein - die Antithese zu Hollywood und weiten Teilen unserer Gesellschaft, wo diese scheinbaren Tabu-Themen stets nackte Zeigefinger auf sich ziehen. Heterosexualität wird eingereiht als eine weitere Selbstverständlichkeit neben Trans-, Bi- und Homosexualität. Hier passiert die Sexualität nebenbei, als Teil unseres komplexen Ganzen, nicht bloß als Zusatz für Schaulustige, für eine Erweiterung der Zielgruppe oder - noch schlimmer - als Tabubruch. Der Heteronormativität wird auf angenehm unaufgeregte Weise abgeschworen; so, wie ich es auch unserer Gesellschaft wünsche.

Was haltet ihr von der Darstellung der Sexualität in Transparent?

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