Lara: Tom Schilling über die größte Herausforderung

Tom Schilling im Interview zu Lara
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Volontärin bei Moviepilot. Sozialisiert von Pippi Langstrumpf und 90er Jahre Anime. Immer auf der Suche nach packender, lustiger, schöner Filmmusik.

Im neuen Film von Oh Boy-Regisseur Jan-Ole Gerster Lara spielt Tom Schilling den musikalisch begabten Sohn von Hauptfigur Lara (Corinna Harfouch), die an ihrem 60. Geburtstag zu dessem Konzert kommt und dabei schmerzlich an ihre verpasste Karriere als Pianistin erinnert wird.

Wir haben Tom Schilling zum Interview in Berlin getroffen und nicht nur erfahren, wie intensiv er sich für seine Rolle in Lara vorbereitet hat, sondern auch, dass wir uns bald offenbar auf eine Serie mit ihm freuen können.

Moviepilot: Wie bist du zu Lara gekommen?

Tom Schilling: Jan-Ole Gerster hat mir erzählt, dass er sich endlich entschieden hat, was er als zweiten Film machen möchte und mich gefragt, ob ich die Rolle von Viktor spielen möchte. Dann habe ich mir das Drehbuch durchgelesen und fand es sehr gut. Mir hat die Figur gefallen und ich konnte verstehen, warum er möchte, dass ich sie spiele.

So kam es zu unserer zweiten Zusammenarbeit. Es ist eigentlich schon die dritte! Ich habe in seinem Bewerbungsfilm für die Filmhochschule vor 15 Jahren mitgespielt, mit dem er dann an der DFFB, der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin, angenommen wurde.

Du hast einmal in einem Interview gesagt, dass du eine Rolle nur dann annimmst, wenn du das Gefühl hast, der Figur etwas Einzigartiges geben zu können. Was war das bei Viktor?

Ich glaube, dass ich viel mit dieser Gefühlswelt anfangen kann. Mit diesem Perfektionismus der Figur, mit der starken Mutterfigur, mit der Demut gegenüber der Kunst, mit der Angst vor dem Scheitern und mit der großen Melancholie der Figur - damit kann ich viel anfangen. Vielleicht mehr als andere.

Tom Schilling spielt das Chopin-Stück in Lara selbst

Mit Anfang 20 hast du dir selbst das Klavierspielen beigebracht, aber für Lara hast du nochmal mehr geübt und die Revolutionsetüde von Chopin selbst gespielt. Wie viel Übung hat das erfordert?

Ich bin ganz froh, wenn ich viel Vorbereitungszeit habe, weil ich dann das Gefühl habe, besser in die Figur hineinzuwachsen. Deswegen drehe ich eigentlich nicht gerne viele Filme. Das Schwierigste beim Filmedrehen ist für mich die Vorbereitungszeit - abgesehen von den ersten Drehtagen, wenn alles neu und man total unsicher ist und sich irgendwie nur schlecht fühlt.

Es dauert meistens sehr lange, bis man an dem Punkt ist, an dem man sagt "jetzt bin ich die Figur" und sich dabei selbst nicht mehr wahrnimmt. Sich da richtig reinzugeben dauert wahnsinnig lange. Grade wenn man sehr spezifische Dinge tun muss, wie zum Beispiel Klavierspielen.

Ich musste ganz genau wissen, wie dieses Chopin-Stück funktioniert. Es ist irrsinnig schnell und man macht viel mit der linken Hand. Und wenn man kein richtig, richtig, richtig guter Pianist ist, kann man das gar nicht spielen. Also muss ich begreifen, was die Problematik an dem Stück ist und wie es geht.

Ich habe mich gefragt, ob ich es spielen könnte - zwar nicht so schön und nicht in der Geschwindigkeit, aber könnte ich es spielen? Und dann hieß es, sich jeden Tag ausschließlich mit klassischer Musik zu befassen, bis ich das Gefühl habe, ja.

War das auch die am schwierigsten zu drehende Szene?

Ja, die Klavierszene natürlich, weil ich so einen hohen Anspruch an mich selber habe, dass ich die perfekte Illusion möchte. Weil ich nicht möchte, dass die Gefahr besteht, dass zum Beispiel ein Musiker oder Pianist denkt, dass ich das nicht selbst spiele.

Spielst du jetzt immer noch oder hast du seit dem Dreh aufgehört?

Ich spiele immer noch Klavier, aber ich spiele keine klassische Musik. Ich kann nur ein paar Stücke von Bach. Aber so radikal wie ich in einen Film reinspringe, so radikal lasse ich ihn meistens zurück. Nach dem letzten Drehtag schmeiße ich die metaphorische Tür zu und möchte damit erstmal nichts mehr zu tun haben.

Tom Schilling mag Dokumentationen

Gibt es Erkenntnisse, die dich über deine Vorbereitungen für eine Rolle hinaus begleitet haben, obwohl du nach dem Film radikal die Tür hinter dir zugeschlagen hast?

[Denkt lange nach] Ich habe eigentlich wirklich ganz oft irgendwelche Erkenntnisse, aber jetzt fällt mir nichts ein.

Das kenne ich. Aber bei Vorbereitungen wird man vielleicht empathischer, oder?

Es ist eher eine allgemeine Erkenntnis, aber man guckt natürlich hinter die Fassade und sieht beide Seiten der Medaille. Die Hülle ist ja nur, wie man sich gerne gibt, aber dahinter zu schauen, das ist das wichtige.

Ich interessiere mich persönlich zum Beispiel viel mehr für Dokumentationen als für fiktionale Filme. Weil sie meistens viel ambivalenter und komplexer sind und weil sie keine Message verkaufen müssen, sondern nur abdecken müssen, wie etwas ist. Bewerten kann dann jeder für sich.

Schaust du dir deine Filme hinterher gerne noch an - auch Jahre später? Wann hast du zum Beispiel Crazy das letzte Mal gesehen?

Also das ist bestimmt 15 Jahre her.

Also schaust du sie dir nicht wirklich an?

Zumindest nicht bewusst, dass ich sage, ach, heute hätte ich mal Zeit dafür, einen Film von mir zu gucken. Wenn es aber dazu käme, dass zum Beispiel ein Film 20-jähriges Jubiläum feiert und jemand sagt: "Wir wollen ihn zeigen, kommst du vorbei?". Dann würde ich ihn mir vielleicht nochmal angucken.

Tom Schilling macht eine Serie und mag Chernobyl

Welche weiteren Projekte hast du in Aussicht?

Ich weiß nicht, ob da schon was unterschrieben ist, aber nächstes Jahr ist geplant, dass ich eine Serie drehe.

Fürs Fernsehen?

Na klar fürs Fernsehen, wofür denn sonst? Oder meinst du Streaming?

Das könnte ja auch für Netflix sein.

Fernsehen und Streaming ist für mich eigentlich dasselbe [lacht]. Ich kann noch nicht mehr darüber sagen, aber es wird etwas längeres.

Was schaust du denn zurzeit im Fernsehen oder bei Streaming-Diensten?

[Denkt nach] Chernobyl war schon echt das Beste, was ich seit langem gesehen habe. Es ist sehr, sehr düster, aber da steigst du sofort ein und es strengt dich ganz schön an.

Kannst du dir vorstellen, auch mal bei einem Horrorfilm mitzumachen?

Ich mag eigentlich jedes Genre. Der Film muss aber eine Wahrhaftigkeit und eine Tiefe haben. Er muss etwas Mysteriöses haben - also nicht alles auserzählen und plakativ sein und den Zuschauern sagen, was sie fühlen sollen. Dann ist mir eigentlich relativ egal, was das für ein Genre ist. Einen Horrofilm könnte ich mir gut vorstellen. Aber es muss schon ein kluger sein.

Tom Schilling und Berlin

Sowohl Oh Boy als auch Lara spielen in Berlin und du bist hier geboren. Du kennst hier wahrscheinlich jede Ecke. Wie würdest du Menschen, die noch nie in der Stadt waren, Berlin erklären?

Ich glaube, Jan-Ole als Nicht-Berliner kennt Berlin viel besser als ich. Als wir uns kennengelernt haben, war ich sehr selten im Westen, weil ich im Osten aufgewachsen bin. Wenn man Berliner ist, wird man so unglaublich faul und muss sich auch eigentlich gar nicht bewegen, man kann ja da bleiben, wo man ist.

Wenn man zuzieht, sind die Sinne geweitet und geöffnet und man ist total wissbegierig und will mal hierhin, mal dahin und alles auschecken. Deshalb kennt man Berlin als Zugezogener bestimmt besser als ich. Ich habe dafür im Gegensatz zu Zugezogenen vielleicht eine größere Selbstverständlichkeit mit der Stadt.

Mit Jan-Ole habe ich bereits darüber gesprochen, dass er eine Trilogie machen könnte, wenn er nach Oh Boy und Lara noch einen Film dreht, der in Berlin spielt und das Leben einer Person beleuchtet. Du müsstest aber natürlich wieder mitmachen. Wärst du dabei?

Na klar wäre ich dabei.

Dieses Interview wurde gekürzt und verdichtet.

Wir bedanken uns bei Tom Schilling herzlich für das tolle Gespräch. Am Samstag könnt ihr bei Moviepilot außerdem noch ein Interview mit Regisseur Jan-Ole Gerster lesen. Lara läuft seit dem heutigen 7. November 2019 im Kino.

Werdet ihr euch Lara anschauen? In welchem Genre wollt ihr Tom Schilling als nächstes sehen?

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