Jon Snow aus Game of Thrones ist der überschätzteste Seriencharakter aller Zeiten

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Kit Harington als Jon Snow in Game of Thrones
15.04.2021 - 14:40 UhrVor 8 Monaten aktualisiert
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Game of Thrones wird 10 Jahre alt und die Fans diskutieren immer noch über das kontroverse Finale von Staffel 8. Über ein viel ärgerlicheres Problem des Fantasy-Hits wird aber zu wenig gesprochen.

Vor fast 10 Jahren ist die erste Folge von Game of Thrones über US-amerikanische Bildschirme geflimmert. Die Serie über mehrere Familien, die sich um den Iron Throne und somit die Herrschaft über die sieben Königreiche von Westeros streiten, wurde über die Jahre vom Sex- und gewaltlastigen Fantasy-Geheimtipp zum größten Serienspektakel aller Zeiten.

Game of Thrones hatte alles: Drachen, Inzest, Eiszombies, Sex, unfassbar viel Rotwein. Vor allem aber Szenen, die auch lange nach dem umstrittenen Ende von Staffel 8 zum Besten zählen, was die internationale Serienlandschaft jemals gesehen hat.

Das lag nicht nur an Schockmomenten wie der Red Wedding oder spektakulär inszenierten Schlachten. Für mich persönlich sind es vor allem die Hauptcharaktere, die das Fantasy-Epos so besonders und spannend machten. Bis auf eine Ausnahme: Jon Snow.

Niemand in Game of Thrones ist so langweilig und eindimensional wie Jon Snow

Cersei Lannister (Lena Headey) mag eine der moralisch verkommendsten Figuren in Game of Thrones sein, ist gleichzeitig aber auch eine faszinierende Frauenfigur zwischen Privileg und Unterdrückung. Mindestens die Hälfte aller guten One-Liner aus der Serie stammen von ihr - und würden selbst Roger Sterling aus Mad Men neidisch machen.

Daenerys Targaryen (Emilia Clarke) ist zwar deutlich eindimensionaler und langweiliger als Cersei, hat aber Drachen. Und durchläuft zumindest in den letzten drei Folgen eine Art Charakterentwicklung.

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Littlefinger (Aidan Gillen) ist unsympathisch und schmierig, man weiß aber auch nie, was er als Nächstes plant. Ramsay Bolton (Iwan Rheon) ist ein verabscheuungswürdiger Sadist, beweist gleichzeitig aber ein gutes Gefühl für komödiantisches Timing und sorgt für eines der besten Wurst-Memes aller Zeiten.

Und Jon Snow (Kit Harington), der von Beginn der Serie an als liebenswerter Underdog aufgebaut wird und gerade in den späteren Staffeln zunehmend als eigentlicher Held von Game of Thrones positioniert wird? Er guckt große Teile seiner Screentime betroffen an der Kamera vorbei und wiederholt seine immer gleichen Catchphrases.

Beim "Bastard" von Winterfell gibt es keine komplexen Motive, keinen doppelten Boden. Er ist weder witzig, noch abgründig, noch passiert in seinem Handlungsstrang über große Teile der Serie hinweg sonderlich viel.

Selbst das größte Mysterium in Game of Thrones hat keine Konsequenzen

Das Spannendste an Jon war das Geheimnis um seine wahren Eltern. Jahrelang entwickelten Fans Theorien dazu, ob Ned Stark wirklich Jons Vater sei und warum er so ein Geheimnis darum macht, mit welcher Frau er seine große Liebe Caitlyn Stark angeblich betrogen hat. Doch selbst wenn das Geheimnis endlich in der Serie gelüftet wird und Jon erfährt, dass er von den Targaryens abstammt, ändert das – nichts, eigentlich.

Keine Sinnkrise, keine tiefgreifenden Fragen, keine größeren Auswirkungen auf das Endgame von Game of Thrones. Jon Snow bleibt die Teflon-Pfanne unter den Game of Thrones-Charakteren: Nichts bleibt haften, nichts hat wirkliche Konsequenzen.

Game of Thrones

Jon Snow fühlt sich immer wahlweise ungerecht behandelt oder überfordert. Spricht die ganze Zeit von Ehre und Loyalität, hält sich aber nur dann an Eide und Schwüre, wenn es ihm gerade passt. Hat nicht nur unglaublich dämliche Ideen, mit denen er andere Menschen (und Drachen!) in Lebensgefahr bringt, sondern hört im Zweifelsfall noch nicht mal auf andere, klügere Charaktere.

Am Hype im Jon Snow sind auch die anderen Charaktere schuld

Selbst Ned Stark (Sean Bean) wirkt smarter und komplexer als sein Ziehsohn. Ned Stark! Der Typ, der in Staffel 1 so offensichtlich und naiv in seine eigene Hinrichtung hineingestolpert ist, dass er es einem fast unmöglich machte, schockiert zu sein. Trotzdem tut gefühlt die Hälfte des Game of Thrones-Hauptcasts so, als gäbe es keinen besseren Kandidaten für den Iron Throne.

Die Sache ist: Auch in Game of Thrones darf und soll es Charaktere geben, die keine Meistermanipulator*innen sind oder andere ungewöhnliche Fähigkeiten haben. Wenn Jon nicht der klügste oder spannendste oder fähigste Mensch in Westeros ist - wen interessiert's? Es kann eben nicht jeder ein Tyrion oder eine Arya sein.

Tyrion in Game of Thrones

Das Problem ist also nicht, dass Jon langweilig ist. Das Problem ist, dass er von anderen Serienfiguren von Staffel zu Staffel mehr zum ultimativen Retter hochgehypt wird. Aber warum eigentlich?

Das Battle of the Bastards? Jon wurde vielleicht dramatisch unter Leichen begraben und hat sich anschließend wieder freigekämpft. Ohne Sansa hätten die Starks den Kampf gegen Ramsay Bolton aber klar verloren.

Die große Schlacht gegen die White Walker in Winterfell? Während Jon einen Eisdrachen anbrüllt, sticht Arya nach jahrelangem intensiven Assassinen-Training mal eben den Night King ab. Ohne die Unterstützung von Daenerys wäre es vielleicht noch nicht mal an diesen Punkt gekommen. Trotzdem ist es Jon Snow, der beim anschließenden Besäufnis gefeiert wird.

Jon Snow zeigt, wie patriarchal Westeros ist

An mehr als einer Stelle fühlt sich Game of Thrones so an wie ein Meeting, in dem ein Kollege für etwas gefeiert wird, wofür er eigentlich gar nicht verantwortlich war. Da ist es beinahe nachvollziehbar, dass Daenerys irgendwann die Sicherungen durchbrennen.

Game of Thrones

Selbst Jon Snows letzte große Tat - und vielleicht die einzige neben der Versöhnung mit den Wildlingen, die die unmittelbare Zukunft von Westeros maßgeblich verändert - kommt nicht eigeninitiativ. Tyrion (Peter Dinklage) muss ihn überzeugen, Daenerys nach ihrem Amokflug in King’s Landing zu töten. Selbst dafür gibt es übrigens keine Konsequenzen für Jon. Er kehrt dahin zurück, wo er große Teile der Serie verbracht hat: in den Norden.

Jon Snow ist der Inbegriff männlicher Privilegien. Er tut nicht viel, er existiert einfach, und lässt andere die richtigen Entscheidungen treffen. Und das reicht, um vom gesellschaftlich geächteten “Bastard” zum zwischenzeitlich aussichtsreichsten Königskandidaten aufzusteigen? Wow.

Kein Wunder, dass Cersei die ganze Zeit so superfrustriert am Weinglas nippt: Wie patriarchal und unfair kann eine Welt sein?

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Andrea Wöger, Jenny Jecke und ich diskutieren über unsere absoluten Highlights aus 8 Staffeln Game of Thrones und erzählen, worüber wir uns auch heute noch so richtig ärgern. Egal ob ikonische Szenen wie die Red Wedding oder kleine, sensible Momente wie der Kingslayer-Monolog von Jaime Lannister. Außerdem klären wir die Frage, wie das Vermächtnis des Fantasy-Epos aussehen könnte.

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Überschätzter Charakter oder eigentlicher Held der Serie: Wie findet ihr Jon Snow?

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