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Kommentar der Woche

Martin Scorseses gewaltiger Taxi Driver

14.12.2013 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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© moviepilot/Neue Visionen
Kaum ein Film taucht so oft in Profilbildern auf wie dieser: Taxi Driver. Der Kommentar der Woche hinterfragt die Gewalt in Scorseses vielfach verehrtem Film.

Im Kommentar der Woche versuchen wir jede Woche einen eurer zahlreichen Kommentare zu feiern, egal ob kurz oder ausführlich, alt oder neu, zu einer Person, einem Film, einer Serie oder einer News – die Voraussetzungen für den Kommentar der Woche kann theoretisch jeder Kommentar erfüllen. Wenn ihr über einen gestolpert seid, der euch besonders gut gefallen hat, schlagt ihn uns vor, am besten per Nachricht.

Der Kommentar der Woche
Travis Bickle fährt als Taxi Driver durch die tiefe Nacht und haturast erklärt worum es im Film von Martin Scorsese wirklich geht:

Ein kurzer Moment, ein paar Schüsse, ein wenig Blut, das vergießt. Die Reaktion eines Mannes, der nicht mehr will, nicht mehr kann, der sich nicht mehr alles gefallen lässt, der sich endlich wehrt. Travis ist am Ende. Wir sind am Ende. Was folgt ist nur noch eine kurze Szene. Eine Szene in der Travis zum Helden wird. In der seine Gewalttat umjubelt und befürwortet wird. Gewalt als Reaktion auf Gewalt. Ist das verherrlichend? Glorifiziert genau das die falschen Werte? Oder ist das viel mehr ein schonungslos ehrliches Bild eines an der Gesellschaft scheiternden Menschen?

Travis Bickle ist gewiss ein psychisch angeschlagener Mann. Einer, der nicht mehr viel zu verlieren, nicht mehr viel zu erreichen im Stande zu sein scheint. Um sich ein paar „Piepen“ zu verdienen, wird er Taxifahrer. Um sich ein paar „Piepen“ zu verdienen, aber auch weil er nicht schlafen kann, nicht ruhen kann in einer Stadt, die nie schläft. Egal wohin er fahren soll, er fährt. In die dreckigsten Löcher New Yorks, in der tiefsten Nacht, all das ist ihm „scheißegal“, Travis fährt. Zu verlieren hat er eh nicht mehr viel.

Wir begleiten Travis bei seinen nächtlichen Fahrten durch New York. Durch die Ecken New Yorks, die keiner sehen will. Die keiner betreten will. Wir sehen, was er sieht. Und was er sieht, ist gewiss nicht schön. Denn „wenn es dunkel wird, taucht das Gesindel auf: Huren, Betrüger, Amateurnutten, Sodomiten, Trinen, Schwuchteln, Drogensüchtige, Fixer, kaputte Syphkranke“. Der ganze Abschaum, den Travis jede Nacht durch die Straßen New Yorks fährt. Der ganze Abschaum, der ihn ständig umgeben zu scheint. Der ganze Abschaum, zwischen dem er selbst ständig zu leben scheint.
Obwohl er doch nie Teil davon zu sein scheint. Nie Teil dieser Stadt zu sein scheint. Er selbst ständig allein lebt. Isoliert lebt. Wie ein Heimatloser, ein Fremdkörper in einer Stadt voller Menschen. Wie einer, der längst abgeschlossen hat mit der Gesellschaft, die ihn umgibt. Einer, der sich selbst als Gottes einsamsten Mann bezeichnet. Denn sein ganzes Leben war er einsam, überall. In Kneipen, im Auto, auf der Straße, in Geschäften, immer und überall.

Vielleicht ist es die Einsamkeit, die ihn nie ruhen lässt. Die Isolation, die ihn schlaflos macht. Die Kälte und Herzlosigkeit der Menschen, denen er begegnet, die ihn zu einem Mann machen, der sich wehrt. Und dann muss eben Blut fließen, dann muss eben endlich jemand da sein, der all dem ein Ende bereitet.
Doch muss wirklich Blut fließen?
Kann Gewalt wirklich eine Lösung auf Gewalt sein?

Gewiss ist für mich, dass seine Reaktion, das blutige Ende, der Moment seiner Reizüberflutung, Gewalt nicht verherrlicht. Scorseses Portrait eines in der Großstadt isoliert lebenden Mannes, „Gottes einsamsten Mannes“, sein Portrait des Taxifahrers, dessen emotionaler Weg nach unten mit einem blutigen „Amoklauf“ endet ist viel mehr die andere Seite der Medaille. Der andere Teil eben jener Geschichte der Gewalt. Die Geschichte des Travis Bickle ist der Teil der Geschichte, den viele nicht sehen, nicht sehen wollen. Die Geschichte der Gesellschaft, in der wir leben.
Gewalt ist in all ihrer offensichtlichen Sinnlosigkeit eben oft einfach auch ein Produkt von Gewalt, die Reaktion auf eine Aktion. Wie soll ein Mensch auf Gewalt reagieren, wenn er immer von ihr umgeben ist? Wenn überall wo er hinsieht Gewalt stattfindet? Gewalt im kleinen, wie im großen Rahmen. Psychisch, wie physisch. Aktiv, wie passiv. Wie soll er reagieren, wenn er in einer Welt lebt, in der es Gewalt und gegenseitigen Hass an jeder Ecke gibt, in der jeder Mensch Abschaum ist?

Er wird zu einem Abbild dessen. Er reagiert, macht mit. Er lernt kalt und herzlos zu sein in einer kalten und herzlosen Welt. Vielleicht steht Travis deshalb dort. Wedelt deshalb unbeholfen vor dem Spiegel mit der Waffe rum und übt. Übt es hart zu sein, sich „mobil zu machen“ und darauf reagieren zu können, wenn ihn jemand „anlabert“.
Vielleicht wird anhand dessen deutlich, worum es in „Taxi Driver“ eigentlich geht. Dass es zwar um Gewalt, aber eben nicht um Gewalt als eine Lösung von Problemen, sondern Gewalt als etwas durch etwas mehr Nächstenliebe verhinderbares, geht. Dass Gewalt verhinderbar sein kann, wenn wir einfach mal hinsehen würden. Es nicht einen bräuchte, der durch noch größere, noch offensichtlichere Gewalt zum Helden wird, wenn wir alle selbst häufiger zu kleinen Helden werden würden, in einer Welt in der Held zu sein längst etwas vollkommen falsches zu bedeuten scheint.
Denn wenn Gewalt die Reaktion auf Gewalt ist, was ist dann die Reaktion auf ein klein wenig mehr Achtsamkeit und Liebe Anderen gegenüber?

Den Kommentar findet ihr übrigens hier.

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