Marvel's Luke Cage - Pilot-Check zur neuen Superhelden-Serie

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Wie gut ist Marvel's Luke Cage, die dritte Superhelden-Serie aus dem Hause Netflix?
30.09.2016 - 10:00 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Nachdem er bereits in Marvel's Jessica Jones sein Debüt im Marvel Cinematic Universe abliefern durfte, startet er nun in seine eigene Serie. Ab heute ist Marvel's Luke Cage auf Netflix verfügbar. Wir haben uns die Pilot-Episode für euch angeschaut.

Nachdem Marvel's Daredevil Anfang vergangenen Jahres den Grundstein gelegt und Marvel's Jessica Jones den Netflix-Sektor des Marvel Cinematic Universe weiter ausgebaut hat, ist nun der stählerne Luke Cage an der Reihe. Wie schon in den Serien zuvor geht es in Marvel's Luke Cage aber nicht bloß um die Heldentaten eines Einzelgängers, sondern um einen weiteren Baustein im gigantischen Porträt, das die Marvel-Netflix-Serien von New York City zeichnen. Ob ihr da einschalten solltet? Auf alle Fälle!

Geschrieben von Serienschöpfer Cheo Hodari Coker und inszeniert von Sherlock-Veteran Paul McGuigan setzt die Handlung der ersten Episode, Moment of Truth, ein paar Monate nach den Geschehnissen von Jessica Jones ein. Der von Mike Colter verkörperte Luke Cage arbeitet inzwischen in Pops (Frankie Faison) Friseursalon und lebt ansonsten zurückgezogen. Wenn er nicht gerade den Müll herausbringt und die Haare am Boden auffegt, verdient er sich die zweite Hälfte seines aktuellen Lebensunterhalts als Tellerwäscher in einem angesagten Club Harlems, dem Harlem's Paradise. Ein Leben in Bescheidenheit: Luke ist ein gebrochener Mann, der sich von seinen Superkräften und dem damit einhergehenden Unheil zu distanzieren versucht, wenngleich Pops mit Unverständnis reagiert. Ist das alles, was er aus dem Rest seines Lebens machen will?

Mike Colter und Simone Missick in Marvel's Luke Cage

Gleich in seinen ersten Minuten stellt Cheo Hodari Coker die existenziellen Fragen des Superheldentums inklusive aller Zweifel und Sorgen hinsichtlich der eigenen, ungeheuren Fähigkeiten. Wo die meisten Geschichten dieser Art erst im fortgeschrittenen Stadium an diesen Punkt gelangen, profitiert Luke Cage unheimlich von seiner Einführung in Jessica Jones: Die Figur wurde in ihren Grundzügen bereits etabliert und sogar gebrochen. Eine Origin-Story wird am ehesten noch mit flüchtigen Flashbacks angedeutet, zum Ausbuchstabieren ist Cheo Hodari Cooker allerdings die wertvolle Laufzeit zu schade. Sein Fokus liegt auf der Zukunft, in die sein Protagonist von Tag zu Tag stolpert. Natürlich gibt es da noch dieses eine ungelöste Rätsel in der Vergangenheit. Ein Trauma, das Luke nicht schlafen lässt. Vorerst gilt es jedoch andere Probleme in Harlem zu bewältigen, die von größerer Dringlichkeit sind.

Während die Avengers im Kino gleich die ganze Welt beschützen, widmen sich die Marvel-Netflix-Serien einem deutlich kleineren Bestandteil des MCU. Luke Cage bildet da keine Ausnahme. Er bringt dennoch seine eigene Handschrift mit, um das Bild von New York City und insbesondere Harlem zu schärfen, inklusive eines beherzten Grooves, der an die Blaxploitation-Film der 1970er Jahre erinnert. Im Gegensatz zu Stranger Things, wo die 1980er Jahre-Nostalgie als definierendes Aushängeschild fungierte, bedient sich Luke Cage der vertrauten Elemente in einer deutlich beiläufigeren Art, selbst wenn es unter Umständen zu regelrechten Blaxploitation-Schüben im Rhythmus der Pilot-Episoden kommen kann. Gekonnt jongliert Paul McGuigan in diesen Fällen mit den verschiedenen Einflüssen, denen sich Luke Cage verschrieben hat. Dominant und willkommen ist da vor allem der Hip-Hop-lastige Soundtrack, der sich geschickt ins Geschehen eingliedert und im wahrsten Sinne des Wortes den Ton angibt.

Als hätte The Get Down mit Luke Cage schon seinen insgeheimen Nachfolger gefunden, glänzt die Serie mit einem sagenhaften musikalischen Unterbau, der gleich auf mehreren Ebenen funktioniert. Während unzählige Rhythmen, die außerhalb der Handlung exklusiv für uns Zuschauer stattfinden, das Tempo der Erzählung vorgeben, bahnt sich die Musik auch innerhalb der bewegten Bilder regelmäßig ihren Weg in den Vordergrund, etwa durch einen Song, der gerade von der Band im Harlem's Paradise zum Besten gegeben wird, während sich Luke und Misty Knight (Simone Missick) zum ersten Mal begegnen. Auch darüber hinaus findet das Hip-Hop-Erbe in den unterschiedlichsten Formen seinen Weg in Luke Cage. So zum Beispiel, wenn Antagonist Cornell Stokes (Mahershala Ali), sich vor jenem ikonischen Portrait von The Notorious B.I.G. mit Goldkrone positioniert, das von Barron Claiborne für ein Rolling Stone-Cover geschossen wurde, um seine Absichten als Harlems König auszubreiten.

Mahershala Ali in Marvel's Luke Cage.

Die popkulturellen Querverweise, die lobenswerterweise der Erzählung dienen, hören an dieser Stelle nicht auf. Alleine Lukes Apartment erzählt fast mehr über die Figur, als es seine eigenen Worte vermögen. An der Wand hängt ein Miles Davis-Poster, während auf dem Tisch daneben Der unsichtbare Mann von Ralph Ellis liegt. Die Lektüre über einen schwarzen Mann, der sich nicht physisch, sondern sozial unsichtbar im Amerika der Nachkriegszeit fühlt, kommt nicht von ungefähr, sondern spiegelt Lukes Schicksal wieder, der entgegen seiner - sprichwörtlich - dicken Haut alles andere als gelassen durch die Straßen Harlems streift. Obgleich er Kugeln abfangen kann, bevor sie den Pistolenlauf richtig verlassen haben, gab es vor langer Zeit Kaliber, die tiefere Wunden hinterlassen haben, als er zugeben will. Also wählt Luke das eingangs erwähnte Leben in Bescheidenheit, ein Leben in Isolation. Die Frage ist nur, wie er diesem Labyrinth wieder entkommt.

Insofern machen es sich die ersten 60 Minuten zur Aufgabe sehr viel über Lukes Situation und das Umfeld, in dem er sich befindet, zu erzählen. Zwischen Gewalt und Ungerechtigkeit formt sich etwa die New Harlem Renaissance-Bewegung und es dauert nicht lange, bis im Vorbeigehen ein "Black lives matter" fällt. Ob es sich dabei um bloßes Namedropping handelt oder nicht, lässt sich ausgehend von einer Episode natürlich nur schwer abschätzen. Mit dem Wissen um die bisherigen Marvel-Netflix-Serien besteht dennoch die Hoffnung, dass sich die Ambitionen nicht in Schall und Rauch auflösen, sondern ernst genommen werden. Sowohl Daredevil als auch Jessica Jones vermochten nicht nur die Abgründe ihrer Figuren beachtlich herauszuarbeiten, sondern ebenso die Probleme auf der Straße anzusprechen, die von den Avengers vorzugsweise vernachlässigt werden. Luke Cage ist auf dem besten Weg, das nicht zu tun, denn er befindet sich genau am Puls der Zeit.

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