Netflix' irrer Zeitschleifen-Mindfuck lässt Bandersnatch im Regen stehen

Matrjoschka
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wieselmax Max Wieseler
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Junior Redakteur bei Moviepilot. Mag die großen Gefühle und schreibt daher am liebsten über Horror. Bekennt sich zu seiner Seriensucht.

Die von Natasha Lyonne verkörperte kettenrauchende New Yorkerin Nadia verbringt ihren 36. Geburtstag in einer nicht enden wollenden Zeitschleife und stirbt dabei grausame Tode. Was auf den ersten Blick nach einer Seriendaption von Happy Deathday klingt, ist tatsächlich ein cleverer, tiefgründiger, schockierender, verrätselter und verdammt lustiger Zeitreise-Spaß. Kurzum: Bei euren nächsten Binge-Wochenende kommt ihr um Netflix' neue Miniserie Matrjoschka (OT: Russian Doll) nicht herum. Denn die jetzt schon beste Netflix-Serie 2019 bringt euch mit gerade mal acht knackigen 25-Minuten-Häppchen an die Grenzen eures Verstandes.

Und täglich grüßt ... das Netflix-Déjà-vu

Die Murmeltier-Prämisse von Matrjoschka klingt nur allzu vertraut, auch wenn Hauptfigur Nadia (Natasha Lyonne) eher davon überzeugt ist, dass sie sich im Plot von The Game befindet und eigentlich Michael Douglas ist. Immer und immer wieder erleidet Nadia einen grausamen Tod auf Arten, die die Szenerie von New York perfekt aufgreifen. Wie in einem Videospiel wird ihr Charakter nach dem Ableben zurück an den letzten Speicherpunkt vor dem Badezimmerspiegel auf ihrer Geburtstagsparty versetzt; untermalt von Harry Nilssons Horror-Ohrwurm Gotta Get Up, der zu Nadias I Got You Babe mutiert.

Neben der unbändigen Energie der Hauptfigur schöpft Matrjoschka seine Faszination zu Beginn aus dem Mysterium der Zeitschleife. Wird Nadia verrückt? Hat der Israeli-Joint schlechte Nebenwirkungen? Hat die jüdische Vergangenheit des Gebäudes was damit zu tun? Ist es ein Glitch in der Matrix? Und was zur Hölle hat die verschwundene Katze Oatmeal zu bedeuten? Die Schnitzeljagd nach versteckten Hinweisen wird garniert mit bissigen One-linern, wahnwitzige Toden und jeder Menge Twists, die euch verwundert lachen lassen oder euer Mark erschüttern und das Herz in Stücke reißen. Ihr solltest Matrjoschka also möglichst ohne große Vorahnung erleben.

Natasha Lyonne stiehlt Bandersnatch auf Netflix die Show

Als Nadja transzendiert Lyonne mit ihrer herrlichen und fast manischen No fucks given-Attitüde (Ist sie ein Zwilling von Orange Is the New Blacks Nicky?) durch das nächtliche New Yorker East Village und muss sich zwischen pseudo-intellektuellen Hipster-Partys, rostigen Feuerleitern und Kunstlicht-durchfluteten Spätis mit ihren eigenen Traumata auseinandersetzen. Mit jeder neuen Zeitschleife pulen sich weitere Schichten ihrer dicken (Lidschatten-)Fassade ab und geben neue Einblicke in das tragische Seelenleben Nadias frei, das von ihrer omnipräsenten und verstorbenen Mutter vernarbt wurde.

Netflix-Aficionados werden bei Matrjoschka einige Parallelen zum kontroversen Interaktions-Thriller Bandersnatch erhaschen - immerhin ist Nadia nicht ohne Grund eine Videospiel-Entwicklerin und Code-Expertin. Allerdings ist Matrjoschka Bandersnatch ganz ohne interaktives Gimmick in fast allen Punkten überlegen. Zwar werden auch hier unterschiedliche und eskalierende Pfade erforscht, doch werden hier im Gegensatz zum substanzlosen Entscheidungsspiel tiefgreifende Themen über die menschliche Psyche bis zum Ende durchgezogen. Darüber hinaus lässt uns Nadias magnetische Ausstrahlung die verschiedenen Ebenen (oder verschachtelten Matrjoschka-Puppen) ihres komplexen Wesens mit aufrichtiger Neugier erforschen.

Matrjoschka ist das Westworld unter den Netflix-Serien

In Matrjoschka passt einfach alles zusammen. Jedes versteckte Detail und jeder noch so unscheinbare Nebensatz fügt sich früher oder später in das große Ganze und erfordert vom Zuschauer ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Stellt am besten eine Pinnwand und roten Bindfaden bereit, denn beim multidimensionalen Rätselraten werdet ihr so viele Ebenen, Theorienfutter und Interpretationsmöglichkeiten finden können, dass selbst Westworld-Fans vor Neid erblassen. Denn Matrjoschka funktioniert auf vielen Ebenen.

Einerseits enthüllt sich uns, wie die titelgebende Matrjoschka andeutet, mit jeder neuen Zeitschleife ein weiteres Stück der Vorgeschichte Nadias und ihrer zu Beginn enigmatischen Psyche. So können die russischen Püppchen in einer Deutung für die vielen Schichten stehen, die die Menschen um sich herum aufbauen, um ihre Gefühle in der anonymisierenden Techno-Gesellschaft zu beschützen. Die Angst vor der eigenen Sterblichkeit, die Verarbeitung von Traumata und das Feststecken im Alltags-Hamsterrad sind weitere Teile des großen Themenpuzzles.

Tief im Inneren der Matrjoschka versteckt sich schließlich ein rundum perfekte Ende, nachdem ihr euch mit Freude sofort ein weiteres Mal in den Untiefen der Zeitschleifen verlieren wollt. Also bitte, Netflix: Denk bloß nicht daran, dieses Erlebnis mit einer 2. Staffel zu zerstören. Jetzt müssen wir nur noch hoffen, das dieses Serienhighlight nicht zu intelligent für den geneigten Netflix-Zuschauer ist.

Die 1. Staffel von Matrjoschka umfasst 8 Episoden, die am 01.02.2019 bei Netflix veröffentlicht wurden. Als Grundlage für diese Seriencheck diente die komplette 1. Staffel.

Welche Zeitschleifenfilme konnten euch bisher so richtig begeistern?

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