Oscar: Wie der Ausstieg von Moderator Kevin Hart die Academy blamiert

Kevin Hart, Ex-Oscar-Host
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Die Quoten stürzen in den Sinkflug, Kategorien werden erfunden und wieder vernichtet und nun ist der Moderator in Rekordzeit abgesprungen. Der wichtigste Filmpreis der Welt taumelt von Krise zu Krise, während die nächste Verleihung näher rückt. Als wollte man die gestrigen Golden Globe-Nominierungen aus dem Gedächtnis blitzdingsen, warf der designierte Moderator der Oscar-Verleihung heute morgen überraschend seinen Job hin. Kevin Hart, Star aus Jumanji - Willkommen im Dschungel, ist einer der populärsten Comedians in den USA, doch schon kurz nach seiner Ernennung zum Host der Oscars 2019 wurden ihm homophobe Tweets und Aussagen aus der Vergangenheit vorgehalten. Anstatt sich zu entschuldigen, gab sich Hart erst positiv, dann beleidigt. Die Entschuldigung kam dann doch - mit der Bemerkung, dass er den Posten aufgibt. Nun steht die Oscar-Verleihung ohne Moderator da und die Verantwortlichen wurden blamiert, ob der Entscheidungen, die dazu führten. Es ist ein weiteres Symptom einer Dauerkrise der Veranstaltung, die seit Jahren im Gange ist.

Moderator beim Oscar 2019 - "Der schlechteste Job in Hollywood"

Die Oscars sind ein Großereignis und man könnte meinen, die Stars würden der Academy of Motion Picture Arts and Sciences die Tür einrennen, um sie zu moderieren. Doch der Job bleibt undankbar und wenig lukrativ. Der Host investiert mit seinem Autorenstab Monate in die Vorbereitung, um eine aus den Nähten brechende Verleihung am Laufen zu halten. Enttäuschte Kritiken sind vorprogrammiert, denken wir nur an Anne Hathaway und James Franco, Neil Patrick Harris oder zuletzt Jimmy Kimmel im zweiten Anlauf. Einen Durchbruch feiert niemand als Oscar-Host, da die Auserwählten sowieso etabliert sein müssen, um für Quoten zu sorgen. Risiko ist nicht gewünscht. Viel wahrscheinlicher ist eine peinliche Niederlage, die sich in der Biographie fest frisst, wie bei der legendär verrissenen Moderation von David Letterman. Deswegen haben erfahrene Moderatoren wie Tina Fey und Amy Poehler, die bei den Globes für Lacher sorgten, beim Hauptgericht abgewunken. Selbst wenn die Verleihung rund läuft, sind da immer noch die seit Jahren sinkenden Quoten, die dem Host den Morgen danach verderben. Insofern dürfte Kevin Hart für die Verantwortlichen wie ein Glücksfang gewirkt haben.

Es dauerte nämlich ungewöhnlich lange, bis die Academy und US-Sender ABC einen Willigen fanden und das Engagement von Kevin Hart bekanntgaben. Der "schlechteste Job in Hollywood" (Hollywood Reporter) war endlich besetzt. Man könnte meinen, es gäbe Monate nach der Entlassung von James Gunn wenigstens einen Verantwortlichen, der die Social Media-Profile auf potenzielle Brandschätze abklopft. Zu viel der Hoffnung ...

Kevin Hart: Hasserfüllte Tweets und überholte Witze

Bei Twitter wurde Kevin Hart schon kurz nach Bekanntgabe als "homophobster Host der Oscar-Geschichte" bezeichnet (der Autor sollte mal Bob Hope googlen). In einem früheren Stand-up-Special spricht Hart über seine Angst davor, einen schwulen Sohn zu haben. Hier sei zumindest der Kontext erwähnt. Immerhin gibt er sich auf der Bühne in seiner Männlichkeit (und Größe) zutiefst verunsichert, was er mit der Lautstärke kompensiert. Hart spielt eine Karikatur. Bis zu einem gewissen Grad sollen wir über seine absurden Ängste lachen. Die Gags wirkten bereits bei Erscheinen veraltet und geschmacklos, aber wer richtet besser über den Wert von Comedy als die Zeit?

Kevin Harts ausgegrabene Tweets dagegen, in denen es vor hasserfüllter Sprache über Schwule wimmelt, erschweren die Unterscheidung zwischen Witzen und homophoben Hasstiraden. 2015 äußerte sich Hart im Rolling Stone zu seinem alten Stand-up-Special uneinsichtig: "Ich würde den Witz heute nicht bringen, denn damals, als ich das gesagt habe, war die Zeit nicht so empfindlich wie jetzt." Wer eine Entschuldigung von Hart forderte, wurde enttäuscht. Die Multimillionendollar-Antwort im selben Interview:

Ich denke, wir lieben es, ein großes Ding aus Ereignissen zu machen, die diese Aufmerksamkeit nicht verdienen. Diese Sachen werden zu öffentlichen Spektakeln. Warum soll man sich selbst zum Scheitern verurteilen?

Ja, warum sollte man das tun? Die Tweets jedenfalls blieben stehen und waren der Academy und ABC entweder nicht bekannt oder egal. Mit Hart wurde darüber im Vorfeld der Oscars anscheinend nicht gesprochen. Damit allein war der Comedian noch nicht zum Scheitern verurteilt. Ein Witz in einem Stand-up-Special stürzt keinen Oscar-Moderator. Hätte er sich zeitnah wenigstens für seine Jahre alten Tweets entschuldigt, hätte er seine Integrität als Comedian gewahrt und den Job behalten. Oscar-Host Jimmy Kimmel konnte den Schatten der frauenfeindlichen Man Show, die er früher moderierte, auch hinter sich lassen, weil er seitdem "gewachsen" ist. Das ist - bei allen Skandalen, die Twitter-Nutzer schon ausgegraben haben - immer noch möglich. Man mag es kaum glauben.

Kevin Hart jedoch reagierte kopflos. Von der Academy erhielt er ein Ultimatum. Er unterschätzte und beleidigte seine Kritiker als "Internet-Trolle" (USA Today). Dann schmiss er per Social Media seinen großen Traum vom Oscar hin. Statt eines Ausgleichs, eines Lernprozesses, verhärteten sich die Fronten zwischen Star und Kritikern bis zur Eskalation. Es ist ein Versagen sowohl auf Seiten der Academy als auch Kevin Harts.

Die Oscars stecken in der Vergangenheit fest

Dieses Versagen zeugt einmal mehr davon, dass die Oscar-Verleihung längst nicht in der Gegenwart angekommen ist. Es mögen noch so viele Star-gespickte Selfies geschossen werden. Harts Abgang deutet auf eine fundamentale Blindheit gegenüber dem Wandel öffentlicher Diskussionen über die Oscars hin - beim Host, aber auch der Academy und ABC. Dabei war es eine Hashtag-Kampagne (#OscarsSoWhite), welche die Erweiterung der Wählerbasis der Academy um diversere Mitglieder in Gang gesetzt hatte. An einigen Fronten geht die Academy mühsam mit der Zeit, an anderen steckt sie fest.

Vor wenigen Monaten wurde die Einführung eines Sonderpreises für den "populären Film" angekündigt und wieder verworfen. Es sollte ein verzweifelter Schritt sein, um den niedergehenden Quoten zu begegnen. Der mediale Wandel, die Abwanderung der jungen Zielgruppe vom Fernsehen ins Internet, ist für ein Live-Ereignis wie die Oscars noch ein viel größeres Problem als für geskriptete Serien. Letztere können per Stream verwertet werden. Die Oscars laufen nur einmal und das von Werbung finanziert. Wenn sie aus den Gewohnheiten jüngerer Zuschauer verschwinden, wird dies schwer rückgängig zu machen sein. Das Drama um Kevin Hart wird niemanden überzeugen, wieder einzuschalten.

Was sagt ihr zum Ausstieg von Kevin Hart aus der Oscar-Verleihung?

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