Starker Robert Pattinson: Netflix' The King ist eine Bonus-Folge von Game of Thrones

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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Drachen fliegen nicht durch die Wolken des Netflix-Films The King und trotzdem schaut sich das Historiendrama wie eine Folge von Deleted Scenes aus Game of Thrones. Timothée Chalamet spielt in der Variation von Shakespeare-Motiven den jungen Hal, der nichts weniger will als die Krone und sie trotzdem erhält.

Der Film, der außer Konkurrenz beim Festival von Venedig läuft, erinnert in Musik, Inszenierung und Handlung an die mittleren Staffeln von Game of Thrones und wenn man wollte, könnte man statt "erinnern" auch "bedienen" in diesem Satz unterbringen.

David Michôds düsteres Epos von Intrigen und Schlachten peitscht den betrübten Timothée Chalamet von der Gosse auf den Thron, doch Robert Pattinson stiehlt allen in einer ungewohnten Rolle die Show.

Netflix' The King ist keine Shakespeare-Adaption

Vor vier Jahren versuchte sich der Australier Justin Kurzel mit Michael Fassbender und Marion Cotillard an Macbeth. Die Shakespeare-Adaption lockerte das Intrigenspiel in Schottland mit Screenshot-würdigen Zeitlupen-Schlachten auf. Landsmann David Michôd (War Machine) spinnt mit Ko-Autor Joel Edgerton aus William Shakespeares Version des realen Heinrich V. seine ganz eigene Geschichte des Königs, der während des Hundertjährigen Krieges 1415 nach Frankreich in die Schlacht zog.

The King ist, wie der Titel schon andeutet, keine Shakespeare-Adaption im eigentlichen Sinne. Dafür fallen die Ähnlichkeiten zu Game of Thrones umso stärker auf. Aber dazu später mehr.

Chalamet spielt Hal, der volltrunken unterm Volk döst, während sein Vater (Ben Mendelsohn) kränkelnd die Missgunst seiner Gefolgsleute auf sich zieht. Er hält nichts vom Thron, doch als sein kleiner Bruder (Dean-Charles Chapman) an seiner statt in die Schlacht ziehen soll, schreitet Hal ein.

Ganz nach dem Motto "wer sie am wenigsten will, ist am besten geeignet", landet die Krone auf Hals Topfschnitt. Als Heinrich V., König von England, will er alles anders machen und findet sich trotzdem auf einem Schlachtfeld in Frankreich wieder.

Der größte Unterschied zu Shakespeares Heinrich unter vielen heißt im Netflix-Film The King John Falstaff. Der legendäre Trunkenbold und Freund des Thronfolgers stirbt bei Shakespeare nach dem Bruch mit Heinrich off-screen.

Dieser Bruch markiert beim Barden die emotionale Reifung des Prinzen, der Schritt, der ihn von Hal in Heinrich verwandelt. Es ist eine Szene voller tragischer Notwendigkeit, großartig interpretiert in Orson Welles Falstaff (1966). In The King findet all das nicht statt. Joel Edgertons knuffig-ruppiger Falstaff bleibt vielmehr eine der Hauptfiguren des Netflix-Films, deren Präsenz Chalamets schmollenden Kriegsherrn zu verdrängen droht.

Wie The King sich bei Game of Thrones bedient

Edgertons wortkarger Falstaff hat wenig mit dem wuchtigen Feigling von Shakespeare gemeinsam. Beide würden aber gut in die Welt von Game of Thrones passen. Diese Vergleiche sind übrigens nicht an den Haaren herbei gezogen.

Die Game of Thrones-Parallelen in The King gehen über historische Ränkespiele weit hinaus. Da wäre ...

  • das Poster, das Timothée Chalamet auf dem Thron platziert wie einst Sean Beans Eddard Stark.
  • Als Heinrichs Bruder Thomas spielt Dean Charles Chapman zudem eine ältere Variante seines Tommen Baratheon.
  • Mit der Besetzung Chalamets wird Heinrich verjüngt, was ihn in den Altersbereich der jungen GOT-Garde bringt.
  • Die Inszenierung lässt die Ritter durch Körpermassen und Schlamm waten wie in der Schlacht der Bastarde.
  • Der Score von Nicholas Britell klingt an einigen düsteren Stellen verdächtig nach Ramin Djawadis Lord of Light-Thema aus Staffel 2 von Game of Thrones.

Diese Parallelen machen den Film nicht automatisch schlechter. Sie stehen nichtsdestotrotz dem Wunsch nach Eigenständigkeit im Weg, der The King antreibt. Heinrichs Marsch zum Netflix-Thron gleicht einer Fluchtbewegung, vor einer shakespearschen Staubwolke und dem Nationalismus, den der Mythos um Heinrichs Frankreichfeldzug füttern könnte.

The King lädt zu Vergleichen mit dem Brexit-Referendum von 2016 und anderweitigen Fehlinformationskampagnen ein. Dabei radieren die Autoren die komplexe Charakterzeichnung Falstaffs aus, ebenso wie die zwiespältige Auseinandersetzung mit dem Krieg aus der Vorlage. Hier und da gelingen die Ideen der Macher jedoch.

Robert Pattinson ist das Beste an The King

Robert Pattinson spielt in The King nämlich einen französischen Mix aus Joffrey Baratheon und Ramsay Snow. Mit Betonung auf "Französisch". Die Rolle des Bösewichts ist für Pattinson eine ungewohnte, in die er sich mit sichtlichem Vergnügen stürzt.

Während Chalamet mit der undankbaren Aufgabe ringt, todernst und mies gelaunt über das Wesen des Königtums und französische Tennisbälle nachzudenken, feiert sein Filmgegenspieler ganz allein eine kleine Schauspielparty. Selten leuchteten die Augen von Robert Pattinson so verzückt wie in dem Moment, in dem sein Dauphin mit einem französischen Akzent die Worte "giant balls" aussprechen darf.

Pattinson ist ein herrlich komischer Adrenalinstoß in diesem todernsten Königsdrama. Aber wenigstens kann Netflix jetzt eine Bonusfolge von Game of Thrones in seinen Katalog stellen.

Freut ihr euch auf Netflix' The King oder reicht euch Outlaw King aus dem letzten Jahr?

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