Joker mit Joaquin Phoenix: Dieser Wahnsinn würde dem MCU gut tun

Joaquin Phoenix als Joker
© Warner Bros.
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Joaquin Phoenix macht diese Sache mit seinem linken Schulterblatt, die lässt sich schwer beschreiben. Jedenfalls steht er in Joker in seinem Film-Wohnzimmer, oberkörperfrei. Er versinkt in einer seiner psychopathischen Pilates-Einlagen, sein Schulterblatt krümmt sich, als wolle es gleich aus der Haut bersten. Hätte Phoenix die Chestburst-Szene aus Alien gedreht, dann wohl ohne animatronisches Tierchen.

Sein Arthur Fleck durchläuft im DC-Film ebenfalls eine grauenerregende Transformation. Die hat so viel seriöses Gewicht, dass es Joker damit in den Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig geschafft hat.

Joker lässt sich mit nichts vergleichen, was Marvel Studios oder DC Films in den letzten Jahren aus ihren Comic-Verfilmungen geformt haben. Ohne Anbindung an ein Universum, ohne Action, ohne Superheld wird die Entstehung eines der berühmtesten Comic-Schurken als Period Piece erzählt.

Es ist ein düsteres Psychogramm, das auf den Schultern eines Joaquin Phoenix ruht, der zu Vergleichen mit Heath Ledger oder Jared Leto gar nicht erst einlädt. Dieser Joker ist ein anderes Biest.

Joker mit Joaquin Phoenix: Ans DCEU denkt hier niemand

Die neuste Version des Jokers ist aus einem implodierenden Universum hervorgegangen. Kein Wunder, dass der angehende Comedian Arthur (Joaquin Phoenix) ein "bissel" am Rad dreht. Die Rezeption von Batman v Superman und später Justice League stellte das universelle Denken bei Warner Bros. und DC in Frage. Die seitdem erschienenen Aquaman und Shazam spielen nominell in derselben Welt, aber ohne erzwungene Team-ups. Günstiger produzierte One-Shots sollen die Blockbuster ergänzen. Das erste davon heißt Joker.

Dieser Joker raubt (noch) keine Banken aus oder lässt Stifte in Schädeln verschwinden. Er heißt zunächst einmal Arthur Fleck, wohnt bei seiner Mutter und verdingt sich als Clown. Arthur träumt von der Karriere als Stand-up-Comedian oder vielleicht träumt er nur davon, dass überhaupt jemand über ihn lacht. Oder ihn bemerkt. Arthur nimmt sieben verschiedene Medikamente und trägt Kärtchen mit sich herum, die Fremden seine unkontrollierbaren Lacher entschuldigen.

Zwei Arten von Lachen hat Arthur. Das eruptive, das ihm wie ein schweres Husten die Kehle zuschnürt, und das gekünstelte Lachen, das jede echte Freude im Raum erstickt. Von seiner Umgebung wird Arthur im besten Fall ab- und im schlimmsten zu Boden gestoßen. Gäbe es in seiner Wohnung Internet, dann hätte er wohl einen edgy Twitter-Account gespickt mit unlustigen Witzen, die von seinen 73 Followern als cleverer Anti-Humor interpretiert werden.

Arthur lebt allerdings im Gotham von 1981, in dem es kein Internet und auch keine Superhelden gibt. Nur Superratten krabbeln gelegentlich durch den Hintergrund. Es ist ein Moloch, in dem der Müll die Straßen verstopft und sich die Bessergestellten - wie Thomas Wayne - hinter hohe Gitter am Stadtrand flüchten.

Gotham sieht aus wie das verwahrloste Film-New York aus jenen Jahren, aus Die Frau mit der 45er Magnum und natürlich Taxi Driver. So viel Stadt gab es lange nicht mehr in einem amerikanischen Superheldenfilm zu spüren, die Straßenzüge lieber zerstören, als den Blick darüber schweifen zu lassen. Arthur fährt kein Taxi, er schwadroniert nicht über den Regen, der die Stadt reinigen wird. Er braucht eigentlich nur intensive psychologische Betreuung. Stattdessen schenkt ihm jemand eine Pistole.

Joker hat mehr mit Hangover gemeinsam, als man denkt

Regisseur Todd Phillips (Hangover) geht diesen Joker-Film seiner Comedy-Filmografie zum Trotz als Psychodrama an. In seinen bisherigen Filmen suchte er den Humor in Kindsmännern, deren Eskapaden plötzlich in Gewalt und Zerstörung ausbrechen können.

Zach Galifianakis, Joker-Sprecher in The Lego Batman Movie, perfektionierte diesen Typus in den Hangover-Filmen und Stichtag. Seine Männer blieben irgendwo in der emotionalen Entwicklung stecken. Sie geben ihrem Drang nach Freundschaft und Zuneigung mit einer infantilen Verantwortungslosigkeit nach.

In der Komödie Stichtag schlägt Robert Downey Jr. seinen Road Movie-Kumpan Galifianakis, der ihn wiederum "aus Versehen" anschießt. Es ist ein kruder Humor, der die Anarchie von Dick und Doof auf gesittete Vorstadtmänner überträgt. Der Ausbruch aus dem Alltag zieht bei Phillips körperliche Opfer nach sich (und manchmal echte Lacher). Phillips' Filme gehen diesen Männertypus weniger sentimental an als etwa Judd Apatow (Beim ersten Mal).

Sein Joker passt nicht so ganz zur Junggesellenparty mit Tiger in Las Vegas. Er spitzt Galifanakis' Figuren stattdessen durch eine Prise psychologischen Realismus zu, bis ein Superbösewicht dabei rauskommt.

Das Drehbuch lässt Joaquin Phoenix dabei Freiraum zum Dirigieren der kränkelnden Psyche seiner Figur. Phoenix' Arthur ist aus dem Takt mit der restlichen Welt geraten, wie der Darsteller eines Musicals, der vom Set in die echte Welt steppt, wo niemand seinen Einsatz kennt. Erst ein Gewaltakt sorgt für geistige Harmonie im Kopf von Arthur, der in dem Late Night-Moderator Murray Franklin (Robert De Niro) eine bildschirmgroße Vaterfigur hat.

Joker bietet eine nötige Abwechslung zum MCU-Einerlei

Die Phoenix-Show mitsamt ihres erzwungenen Grinsens, der Lachimprovisationen und Tanzeinlagen erfindet den Joker nicht neu. Die Verzweiflung an der Welt, die der Joker grinsend auf den Kopf stellt, fütterte schon vorher Interpretationen des Schurken. Nur sehen wir ihn in einem früheren Stadium und das in einer Stadt, die keine Helden kennt.

Mit dem kriminellen Genie des Heath Ledger-Jokers oder Jared Letos Gangster-Gepose hat Phoenix Interpretation nur bedingt etwas zu tun. Der Joker als Figur ist groß genug, um sie alle zu fassen.

So fügt sich der neue Joker ohne größere Probleme ein in die Erzählmechanismen des Superheldenfilms, der uns immerhin auch Watchmen, Super und Punisher: War Zone gebracht hat. 20 Jahre nach Beginn des Booms ist noch viel möglich in dem Genre, auch wenn die stromlinienförmige Dominanz des Marvel Cinematic Universe uns anderes glauben machen will.

Wie Arthur sich im Wohnzimmer oder der Parktoilette dehnt und streckt für sein imaginäres Publikum, lässt sich trotzdem das Gefühl nicht abstreifen, hier einem blutroten Luftballon beim Platzen zuzuschauen.

Joker steht wie viele Filme von Todd Phillips im Verdacht, seine zynische Leere mit Äußerlichkeiten zu füllen. Alles wirkt slick und teuer. Schick werden die ranzigen Straßen von New York ausgeleuchtet. Zazie Beetz, Frances Conroy und sogar Robert De Niro polieren das Ensemble auf Hochglanz.

Joker sieht nach was aus, nur was genau - das lässt sich schwer definieren. Wie ein Taxi Driver-Verschnitt aus der Feder des frühen Frank Miller womöglich. Wie ein Todd Phillips-Film und wie eine One-Man-Show von Joaquin Phoenix. Wie etwas, das so niemals bei Disney entstehen könnte - auf jeden Fall.

Habt ihr Lust auf den Joker-Film oder sollte der Crown Prince of Crime mal Pause machen?

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