Netflix-Film: Die Geldwäscherei ist viel besser als sein extrem hässliches Poster

Die Geldwäscherei
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Die Geldwäscherei
03.09.2019 - 07:30 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Im Netflix-Film Die Geldwäscherei schleust Steven Soderbergh ein Star-Ensemble durch den Panama Papers-Skandal und Roman Polanski rollt die Dreyfus-Affäre neu auf. Lest hier erste Eindrücke aus Venedig.

Meryl Streep ballert in Die Geldwäscherei an einer Stelle mit einer Pumpgun herum und ich werde euch den Kontext ersparen, um den vollen Genuss dieser Szene zu bewahren. Ihre Figur trägt in dem Netflix-Film keine Clowns-Schminke, aber sie ist ein paar Martinis und einen weiteren Schicksalsschlag entfernt von den Massenrandalen in Joker, der gestern beim Festival Venedig  Premiere feierte.

Beide Film nähern sich demselben Volkszorn von unterschiedlichen Seiten, womit sie sich einreihen in einen Festivaljahrgang auf der Suche nach Rechenschaft.

Mit seinen Wettbewerbsfilm rollt Steven Soderbergh höchst amüsant und bissig die Geldwäsche auf, welche durch den Leak der Panama Papers aufflog. Demgegenüber widmet sich Roman Polanski in seinem Tatsachendrama An Officer and a Spy der Affäre Dreyfus und ihrem andauernden Nachhall von Antisemitismus und "Fake News".

Aber erstmal müssen wir über ein Poster sprechen...

Der Netflix-Film Die Geldwäscherei und das Poster des Grauens

Die Filmfestspiele sind eine Insel für sich und das ist wörtlich gemeint. Wohnt man auf dem Lido, der schmalen Insel mit zahlreichen Strandkörben, Mehrfamilienhäusern und ein paar Kinos, dann sieht man bis auf ein paar Kanäle und Boote wenige Postkartenmotive. Eigentlich müsste man hier zur Erinnerung DVDs von Wenn die Gondeln Trauer tragen verteilen.

Das Festivalgelände, zu 50 Prozent geschichtsträchtig mit architektonischem Mussolini-Einschlag, zu 50 Prozent bessere Lagerhallen, ist gespickt mit Filmpostern. Während in Cannes Transformers-Banner über Häuserfassaden gestreckt werden, dominieren in Venedig die Filme im offiziellen Programm. Jeden Morgen werde ich von Brad Pitts kalkulierendem Astronautenblick abgeschätzt, sehe ich Timothée Chalamet trübselig über seine Shakespeare-Zeilen nachdenken. Und dann ist da das Sparschwein.

Ein Sparschwein mit Sonnenbrille und Bikini-Röte vor sandigem Hintergrund. HTML-Farbencode #ebe0c4, um genau zu sein. Sollte ich jemals ein Moviepilot-Ranking der hässlichsten Filmposter-Farben anstrengen, wäre #ebe0c4 mit Sicherheit in der Top 10. Das Schweinchen steht auf Geldscheinen unterschiedlicher Währung und wird von Namen gerahmt. Meryl Streep steht da, Gary Oldman und Antonio Banderas. Weiter unten leuchtet es rot: Netflix.

Die Geldwäscherei

Das Drehbuch von Die Geldwäscherei behandelt ein komplexes Thema, das sei zugegeben. Es arrangiert ein großes Ensemble. Das reicht von Meryl Streep als Rentnerin Ellen, deren Ehemann bei einem Bootsunglück ums Leben kommt, zu Gary Oldman und Antonio Banderas als Leiter der Briefkastenfirmenschleuder Mossack Fonseca und führt mit Matthias Schoenaerts bis nach China.

Wie visualisiert man die Star-Gesichter, die Geldwäsche und die rechtlichen Freiräume, die sie möglich machen? Im Falle von Die Geldwäscherei entschied man sich vermutlich nach einem Prosecco-getränktem Brainstorming im Großraumbüro mit Kickertisch für diese mutierte Poster-Scharade. Für den Netflix-Katalog wird's schon taugen. Eingerahmt ins älteste Filmfestival der Welt stürzt es regelrecht aus dem Bild.

The Big Short trifft auf die Panama Papers im Netflix-Film Die Geldwäscherei

In Die Geldwäscherei kommt kein einziges Sparschwein vor. Die Tatsachensatire rollt die Hintergründe des Skandals um Mossack Fonseca mit wütender Süffisanz auf. Eine Art umgekehrter Schmetterlingseffekt im Finanzmarkt-Kapitalismus wird in dem Soderbergh-Film geschildert. Wie also die Steuervermeidung von Superreichen dazu führt, dass eine verwitwete Rentnerin keine ordentliche Entschädigung für den Tod ihres Mannes bekommt.

Dazwischen liegen Briefkastenfirmen in Steueroasen, durch deren Funktionsweise uns die beiden von Banderas und Oldman gespielten Mossack Fonseca-Chefs führen, als würden sie uns jeden Gast auf einer Gala-Premiere persönlich vorstellen. Es sind zynische Figuren aus einem zynischen Geschäft, in dem ein Wisch von heute auf morgen 20 Millionen oder nur 38 Dollar wert sein kann. Man sieht kein Geld in Die Geldwäscherei, dafür blanke Zettel mit einsamen Unterschriften und die Pools in Kalifornien, die sie finanzieren.

Die Geldwäscherei

Für Soderbergh ist es der zweite Film dieses Jahr, in dem die Helden das System durch seine eigenen Regeln überlisten. In High Flying Bird geschieht das durch die geschickte Manipulation des Basketball-Betriebes. Der auf dem iPhone gedrehte Netflix-Film mit André Holland erzählt eine Geschichte der Ermächtigung.

Das Geldwäscherei-Drehbuch von Jake Bernstein und Scott Z. Burns kreuzt nun die Explainer-Methoden von Adam McKays The Big Short mit den Fakten der Panama Papers. Er zieht ähnlich fluffig und unterhaltsam vorbei wie McKays Film. Die filmische Konstruktion der finanziellen Globalisierung aber ist vielschichtiger, unheimlicher.

In Filmen wie The Big Short oder Vice wird mit einem Gestus selbstgefälliger Rechtschaffenheit die Vergangenheit aufgerollt. McKay beruhigt durch die Vereinfachung komplexer Zusammenhänge. Er spielt Übersichtlichkeit vor. Bei Soderbergh macht das Wissen alles noch viel schlimmer. Die Geldwäscherei enthält uns die kathartische Aufregung eines montäglichen John Oliver-Videos vor. Ihm fehlt allerdings auch die nüchterne Prozesshaftigkeit besserer Soderbergh-Filme wie Contagion oder der Che-Zweiteiler.

In Venedig dominiert die Suche nach der Wahrheit

Einmal unabhängig von der Qualität der Filme wurde Venedig dieses Jahr hervorragend programmiert. Das mag wie ein Widerspruch klingen, bezieht sich aber auf das zeitliche Arrangement der Filme.

Abends schaut man hier den neuen Olivier Assayas-Film Wasp Network (leider noch mit Embargo) und geht morgens in den Soderbergh, sodass sich über Nacht ein Netz zieht zwischen den schicken Häusern der kubanischen Flüchtlinge in Florida und den Briefkastenfirmen auf Inselparadiesen in Die Geldwäscherei (OT: The Laundromat).

Kristen Stewart als Jean Seberg

Kurz vor dem Mittag lockt die blond gefärbte Kristen Stewart in Seberg und nach Sonnenuntergang zieht Mariana Di Girolamo für Pablo Larraín (Jackie) mit einem Feuerwerfer und wasserstoffblondem Haupthaar durch Ema. Einer derart manipulativen wie eigenwilligen jungen Frau übrigens, dass dem Joker die Farbe aus dem Gesicht fliehen würde. Natürlich lief Joker gleich am Morgen danach.

Roman Polanski verfilmt die Dreyfus-Affäre in An Officer and a Spy

Während Pablo Larraín weiter stylische Clips für Jahresendmontagen auf Spielfilmlänge dehnt, zieht es Roman Polanski in seinem Wettbewerbsfilm An Officer and a Spy wieder in die Paranoia.

Polanski erschien nicht zur Premiere in der Lagunenstadt. 1977 hatte er sich einem Verfahren wegen Vergewaltigung in den USA durch die Flucht nach Europa entzogen. 2015 stellten die USA einen Auslieferungsantrag an Polen, der abgelehnt wurde.

Vor diesem Hintergrund lädt Polanskis Auseinandersetzung mit der Dreyfus-Affäre natürlich zu biografischen Deutungen ein. Die Geschichte des jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus (Louis Garrel), 1894 in Frankreich zu Unrecht des Verrats beschuldigt und verurteilt, wurde zum Lehrbeispiel medialer Hetzkampagnen. Sie stellte die korrumpierte Justiz und Militär bloß und offenbarte den Antisemitismus in Gesellschaft und Institutionen.

An Officer and a Spy

Polanskis faktenorientierter Historienfilm zeichnet sich vor allem durch die Perspektive aus. Statt Dreyfus, dessen Familie oder Unterstützer Émile Zola zur Hauptfigur zu wählen, setzt die Verfilmung eines Romans von Robert Harris (Vaterland) auf Georges Picquart (Jean Dujardin). Jener Offizier, der im Auftakt zufrieden zusieht, wie Dreyfus in einer Inszenierung öffentlicher Erniedrigung die militärischen Insignien von der Uniform gerissen werden.

Es gibt keinen Idealismus, keine Sentimentalität und wenig Empathie in dem ebenfalls antisemitischen Picquart. Ausgerechnet dieser Mann findet Hinweise, dass Dreyfus' Schuldspruch selbst eine Inszenierung ohne tragkräftige Beweise war. Schlimmer noch: Selbst mit den Fakten konfrontiert, rücken die Vorgesetzten nicht von Dreyfus' Schuld ab.

Ein spröder Held in einem sehenswerten Dreyfus-Film

Ein Held so spröde wie der Film wurde für Polanskis Dreyfus-Film auserwählt. Picquart bewegt sich die meiste Zeit unter grauem Himmel durch knarzende Altbauten und stimmt eine Symphonie raschelnder Dokumente an. Zwischen Staub, Pfeifenrauch und eingetrockneter Tinte lugt mikroskopisch klein der Mensch hervor, Jean Dujardin sei Dank.

Diese gar nicht mal so anziehende Figur hebt den Paranoia-Thriller An Officer and a Spy von anderen Dreyfus-Filmen wie Das Leben des Emile Zola und I Accuse! ab. In denen kann man sich aufbäumen mit den Helden ob der Ungerechtigkeit in der Welt. In denen wird aus einem Quell guter Intentionen heraus gekämpft für die Gerechtigkeit. In denen geht es ziemlich dröge zu, von der Unterschlagung der antisemitischen Ressentiments ihrer Figuren ganz zu schweigen.

Wie auch Soderberghs Netflix-Film Die Geldwäscherei suchen wir in An Officer and a Spy gefällige Gefühlsachterbahnen vergebens. Allenfalls finden wir die Hoffnung, das ein Rädchen im Getriebe stecken bleibt.

So und nun: Was sagt ihr zu dem Poster für den Netflix-Film?

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