Steven Yeun und das Leben nach dem Ausstieg aus The Walking Dead

Steven Yeun überlebt auch Mayhem
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Steven Yeun überlebt auch Mayhem
29.03.2018 - 10:30 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Ein zertrümmerter Schädel läutete für Steven Yeun in The Walking Dead eine neue Karrierephase ein, die der Star aus Okja und Mayhem zu nutzen weiß.

Dieser Artikel über Steven Yeun erschien im Rahmen des Festivals des fantastischen Films in Sitges am 07.10.2017. Heute erscheint Mayhem in Deutschland auf DVD und Blu-ray.

Wir haben das Fernsehen aktuell gewaltig lieb, werden mit neuen Kritikerlieblingen überschüttet, holen unterschätzte Tipps nach oder entspannen begleitet vom schallenden Gelächter eines Sitcom-Publikums oder dem Swoosh einer Kugel, die einen matschigen Zombie-Kopf durchbohrt. Nichtsdestotrotz behält der Sprung ins Kino als nächster Schritt eines TV-Stars seine Aura bei. Kann und will Kit Harington den verschneiten Ikea-Wams langfristig gegen Spielfilm-Kostüme eintauschen? Wird einer der Big Bang-Menschen Jennifer Aniston nacheifern? Und haben die Götter in Weiß im Grey Sloan Memorial Hospital nach 13 Staffeln jedwede Chance verspielt, einen George Clooney abzuziehen? Steven Yeun hat die harte Trennung hinter sich. Vergangenes Jahr wurde seine Figur Glenn Rhee in The Walking Dead endlich - die Erleichterung war nach dem Cliffhanger-Wahn verdient - mit einem drahtumhüllten Baseball-Schläger aus der Serie befördert. Viele mehr oder weniger zentrale Figuren sind in sieben Staffeln The Walking Dead aus der Serie geschieden. Glenn allerdings war ein Sonderfall: als Fan-Liebling, Kernmitglied seit Folge 2 und Hauptfigur mit asiatisch-amerikanischem Hintergrund in einer der aktuell erfolgreichsten Fernsehserien. Geben die 12 Monate unmittelbar nach seinem Ausstieg eine Ahnung, dann hat Steven Yeun Größeres vor, als von seinen Tantiemen und signierten Porträts auf Fan-Conventions zu leben.

Die fadenscheinige Splatter-Satire Mayhem, die dieses Jahr beim Festival in Sitges und zuletzt dem deutschen Fantasy Filmfest lief, wird eher nicht als Sternstunde in Steven Yeuns Oeuvre eingehen. Wobei eines klar sein sollte: Yeun ist fraglos das Beste an dem Film. Der wirkt nicht nur ein bisschen, als wurde er von einem 14-Jährigen geschrieben, der gerade zum ersten Mal Fight Club gesehen hat und sich von den trostlosen White Collar-Büroszenen in seinen nicht vorhandenen Zukunftsvisionen beschnitten sieht. Yeun spielt Derek, der alles darin investiert, in der Firma aufzusteigen, dann aber für die Fehler anderer zum Bauernopfer verdammt werden soll. Zeitgleich breitet sich ein enthemmender Virus im abgeriegelten Hochhaus aus. Ausrede genug, um sich mal mit "denen da oben" so richtig auszureden. Das zynisch-blutige Ergebnis ist die schlimmste Sorte Infantilität - die, die vorgibt mehr zu sein, als sie ist. So metzelt sich Steven Yeun nach The Walking Dead weiter, diesmal durch Security-Leute und wahnsinnige Kollegen. Das viel zu hübsche Postermotiv des in seiner ausdruckslosen Hässlichkeit beinahe beeindruckenden Films zeigt Yeun im Aufzug. Blut strömt ihm von der Stirn. Es könnte auch Standbild eines Supply Runs aus einer der letzten Zombie-Staffeln sein.

Trifft es ihn (endlich)? Steven Yeun in The Walking Dead

Yeun schultert die Gewalt in Mayhem glaubhafter als seine Ko-Stars, das Posing versagt er sich hier größtenteils, glücklicherweise. Auch dieser Kampf in die oberen Stockwerke ist letztlich Arbeit und Yeuns Figur Derek das, was im Englischen mit Overachiever ein wenig verständnisvoller klingt als das deutsche "Streber". Das hat er mit Glenn Rhee gemein, der vielleicht keine Gerichtsdokumente hortet, sich dafür bei jeder noch so halsbrecherischen Aktion als erster meldet. Selbst wenn das heißt, sich in einen Brunnen abzuseilen, in dem ein aufgedunsener Zombie vor sich hin schwabbelt. Das breite Ensemble von The Walking Dead bot Fans Identifikationsflächen wie Daryl Dixon, dem die Aura eines Statisten aus Beim Sterben ist jeder der Erste umweht; und es bot Platz für den Pizzaboten aus Atlanta mit seinem verlässlichen moralischen Kern und unersetzlichem Improvisationstalent. Yeun, vor dem Serienstart 2010 so gut wie unbekannt, mauserte sich zu einem der Fan-Favoriten. Glenn Rhee wurde gleichzeitig zum Vorzeigebeispiel, wie asiatisch-amerikanische Figuren im US-Fernsehen auch aussehen können, ganz ohne stereotype Witzchen und Kung Fu-Kenntnisse, dafür mit romantischer Beziehung und Führungsqualitäten. Comic-Schöpfer Robert Kirkman ist das zu verdanken und auch Yeun, der der postapokalyptischen Verbissenheit von Andrew Lincoln ein paar schauspielerische Facetten hinzufügt. Zwischen Armbrustfanatiker Daryl und Revolvermann Rick hatte der am Richten wenig Gefallen findende Glenn das Zeug zum Zuschauersurrogaten Nummer 1. War ja irgendwie klar, dass er vom größten Poser und Waffenfetischisten der ganzen Serien hingerichtet werden musste.

Steven Yeun ist beileibe nicht der erste The Walking Dead-Aussteiger mit Kino-Ambitionen. Im Gegensatz zu Jon Bernthals schnell, aber nicht schnell genug entsorgten Shane, dürfte er jedoch positiv in Erinnerung bleiben. Eine Assoziation, die es bis zu einem gewissen Grad loszuwerden gilt, will man die untote Karrierestation abhaken. Ein wichtiger Schritt wurde von Steven Yeun vielleicht schon getan, bevor er Ende 2009 nach Los Angeles zog. Der Sohn zweier südkoreanischer Einwanderer, die 1988 in die Staaten übersiedelten, ging in Michigan ans College, wo er erste Erfahrungen mit improvisatorischer Comedy sammelte. So folgte er dem späteren Daily Show-Korrespondenten Jordan Klepper in die Impro-Traditionsstadt Chicago und für vier Jahre an die dortige Niederlassung des Second City Theatres, in dem Tina Fey, Amy Poehler, Steve Carell und andere ihre Anfänge feierten. Was erstmal gar nichts bedeutet, denn Improv ist an Colleges und darüber hinaus eine Volkskrankheit. Yeun blieb der Comedy während seiner Jahre bei The Walking Dead allerdings treu, trat bei Comedy Bang! Bang!, Drunk History und Bajillion Dollar Propertie$ auf und besuchte ein koreanisches Dampfbad  mit großem komischen Effekt. Die Sci-Fi-Komödie Sorry to Bother You mit vielversprechenden Cast um Tessa Thompson und Armie Hammer hat er diesen Sommer fertig gedreht. Die schauspielerische Vielseitigkeit kam ihm bereits als unverlässlicher Übersetzer in Bong Joon-hos Okja zugute. Die Rolle wurde von Bong für ihn geschrieben, auch weil sie, wie Yeun in einem Vulture-Interview  erklärte, nur von jemandem mit koreanisch-amerikanischen Wurzeln gespielt werden konnte. Auch der Tierschutzaktivist K in Okja will unbedingt dazugehören und tut dafür alles, mit schmerzhaften Konsequenzen.

Okja

Im selben Interview verrät Steven Yeun, er habe nach dem Ende von The Walking Dead mehrere Serien-Piloten mit Hauptrollen abgelehnt. Fernsehrollen über Synchro-Arbeit hinaus dürfte das in Zukunft nicht ausschließen. Yeun allerdings scheint seine Karriere im globaleren Maßstab zu denken. Okja mit seinem südkoreanischen Autorenfilmer, dem internationalen Cast und den darauf abgestimmten Figuren samt kulturellem Hintergrund, deutete an, wohin die Karriere gehen könnte. Gerüchte/Wunschdenken um ein Casting als Nightwing haben sich bislang nämlich nicht bewahrheitet. Stattdessen wurde vor kurzem bekannt, dass Yeun in einer Verfilmung einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami mit Regisseur Lee Chang-dong drehen wird. Burning wird dessen erster Film seit Poetry vor sieben Jahren sein.

Als Amerikaner mit koreanischen Wurzeln steht Yeun, der Koreanisch nicht auf Muttersprachler-Niveau beherrscht, einerseits zwischen den filmindustriellen Stühlen. Im Filmland Südkorea ist er kein heimischer Star, in den USA Teil einer Minderheit, die in Kinofilmen oder gar Hauptrollen kaum repräsentiert wird. Andererseits ist er in einem Moment aus der Erfolgsserie ausgestiegen, in dem sich die Industrie grundlegend wandelt. Netflix finanziert internationale Produktionen wie Okja und in den Casting-Agenturen entsteht langsam - zermürbend langsam - ein Bewusstsein für die Besetzung jenseits stereotyper Muster. Was Yeun selbst anmerkt : "They're super fucking waiting for us."

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