Serienale 2016

Synchron-Panel - Untertitel sind ein No-Go

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© AMC/Sky/Netflix
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Hält sich jung mit Coming-of-Age-Filmen.

Wenn das a nicht gerade vom Sakko-Revers verdeckt wird, steht auf Holger Kreymeiers T-Shirt asynchron. Ob er sich das Shirt speziell für diesen Anlass zugelegt hat oder er es zufällig in seinem Schrank hängen hatte, wird ein Geheimnis bleiben. Kreymeier, der Medienjournalist, moderiert das Synchron(isations)-Panel bei der ersten Serienale, die derzeit auf noch etwas tapsigen Welpenpfoten in Berlin läuft. Kreymeier hat bei diesem ersten Panel des Festivals nicht groß zu tun, weil die zum fachkundigen Austausch eingeladenen Synchonsprecher ohnehin gerne und viel erzählen möchten. Es geht um die Kunstfertigkeit des Synchronsprechens im allgemeinen Sinne, weil darüber, über das Synchronsprechen, so selten gesprochen wird. Das übergeordnete und bald auch beherrschende Thema der Diskussion sind jedoch die Auswirkungen des Serien-Booms auf die deutsche Synchron-Branche. Um die zu erklären, werden schmerzhaft klingende Begriffe wie Accelerated Dubbing fallen, bei denen es um Schnelligkeit und ihre Notwendigkeit geht.

Dem traditionsreichen Arbeitsgebiet der Synchronisierung ist eine relativ neue Herausforderung zugekommen. Synchronität verheißt dem Zuschauer nicht mehr nur akkurates Lippenspiel. Wird eine neue Staffel Game of Thrones oder The Walking Dead in den USA veröffentlicht, erwartet der moderne deutschsprachige Serienzuschauer mittlerweile annähernde Gleichzeitigkeit in der Bereitstellung synchronisierter, also ins Deutsche übertragener Inhalte. Klaus Bauschulte, Synchron-Regisseur und einer von sechs Gästen beim Panel, veranschaulicht diese Problematik.

Es geht ein Konkurrenzdruck aus vom sowieso stets verfügbaren Originalton und seinem Schergen, dem Untertitel. Die Synchron-Branche und Klaus Bauschulte sind sich dessen absolut bewusst. Der Aufwand, das Geld, das in die aufwendige Synchronisierung fremdsprachlicher Inhalte für den deutschsprachigen Markt fließt, sagt Baschulte, muss sich am Ende auch lohnen. Sprich, die produzierten deutschsprachigen Versionen müssen auch angeschaut (angehört) werden. Lässt die synchronisierte Fassung zu lange auf sich warten, würden gerade bei attraktiven und populären Serien wie The Walking Dead jedoch viele Zuschauer auf die Originalversion umsteigen, selbst wenn die ihnen eigentlich überhaupt nicht behagt. Die Neugierde und der Drang, immer auf dem neuesten Stand zu sein, obsiegt hier über Sehgewohnheiten. Um synchronisierte Inhalte also bereits nach zwei Tagen zur Verfügung zu stellen und so ihr Synchron-Publikum halten zu können, nehmen die Produzenten erhebliche Abstriche bei ihren Produktionsbedingungen in Kauf.

Diese Reaktion der Synchronstudios auf einen wuchtigen, prallen und beschleunigten Serienmarkt, nennen die Redner eben Accelerated Dubbing. Erstmals angewendet wurde Accelerated Dubbing bei den späteren Staffeln Breaking Bad. Um möglichst zeitnah nach der US-Premiere der Drama-Serie eine deutsche Version zur Verfügung zu stellen, arbeiteten die Studios mit Non-Final-Material, das ihnen von den amerikanischen Sendern vorab zur Verfügung gestellt wurde. Dieser hektische Modus ist heute Routine. Er zwingt die Studios, mit Rohschnitten und Filmmaterial, das noch in Bewegung ist, zu arbeiten. Die Dialog-Regisseure schleifen oft an Episoden, die ihnen scheibchenweise und ohne jeglichen erzählerischen Kontext zur Verfügung gestellt werden. “Wenn du Folge 1 bearbeitest, weißt du nicht, was in Folge 5 los ist.”, beklagt sich Baschulte, und richtet sich damit vor allem an die amerikanischen Anbieter, die sich in der Regel wenig kooperativ zeigen, die Synchronisation vor allem als technische Dienstleistung betrachten, nicht als künstlerischen Prozess. Der Accelerated Dubbing-Modus drückt die Bearbeitungszeit an einer Episode auf zwei, maximal zweieinhalb Tage.

Wir arbeiten oft unter Vorbehalten.

Eine ganze Serien-Staffel muss innerhalb weniger Wochen, meist nicht weniger als zwei oder drei, fertiggestellt werden. Früher waren dafür mehrere Monate nötig. “Die Tempogrenze ist erreicht.”, meint Mario von Jascheroff, Synchro-Regisseur, deshalb auch. Die Regisseure und Autoren arbeiten parallel an verschiedenen Episoden und bisweilen wird Episode 16 vor Episode 5 synchronisiert. Da Informationen zu Figurenkonstellationen fehlen, muss etwa die Relevanz eines Seriencharakters anhand seines Redeanteils eingeschätzt und erzählerische Anschlussfehler, Ungereimtheiten und Fehlbesetzungen nachbearbeitet werden. Das passiert beispielsweise, wenn eine vermeintlich kleine Rolle, die in der ersten Folge nur ein paar Sätze zu sagen hatte, mit einem unbekannten, einem sogenannten Ensemblesprecher besetzt wurde, sich aber später als Hauptcharakter erweist. Die Redner beim Synchron-Panel, alle sind bei der Berliner Synchron angestellt, seufzen, lachen, pflichten sich kopfschüttelnd gegenseitig bei, wenn sie ihre Anekdoten erzählen und sich dabei, ja, auch ordentlich Frust von der Seele zu reden scheinen.

Wie kann hier noch Qualität gewährleistet werden?, fragt sich da der Zuhörer unweigerlich.

Gar nicht. Die Frequenz, in der neue Serien und ihre Staffeln auf den deutschen Markt gesät werden, hat die Synchro-Branche längst überlastet. Dass die Synchronisation einer attraktiven, aber nicht unbedingt publikumsstarken Serie wie Fargo, die von Berliner Synchron bearbeitet wird, nicht das Gelbe vom Ei ist, bilden wir uns nicht nur ein. Selbst große Serien und bekannte Schauspieler wie Martin Freeman und Billy Bob Thornton mussten mit Sprechern aus der zweiten oder dritten Reihe besetzt werden oder die Zuschauer auf den gewohnten Stammsprecher verzichten. Das gleiche gilt für Cutter, Tontechniker und Regisseure. Die Qualitätsunterschiede sind hörbar.

Marieke Oeffinger gehört zu den gefragten Schauspielern, die fast immer ausgebucht sind. Oeffinger sagt im Panel so schöne Sätze wie "Die Labiale müssen getroffen werden." und spricht mit ihrer mädchenhaften Stimme Vanessa Hudgens, Natalie Dormer und Emily Osment. Sie erzählt von einem Disponenten, der für sie ihre freie Zeit im Hintergrund verhandelt. "Den kannst du haben, dafür kriegen wir den." So läuft das. Welche Rolle sie einsprechen soll, erfährt sie oft erst am Abend vorher. Für die Arbeit des Synchronsprechers eine Katastrophe. Die sprächen teilweise Rollen für Episoden ein, die sie zuvor kein einziges Mal vollständig angesehen haben, verrät Aufnahmeleiter Jens Krüger und gibt zu, das lieber nicht getan zu haben. Länger als drei Stunden am Stück sollte man eigentlich nicht sprechen. Oeffinger lacht über diese medizinische Richtlinie nur.

Natürlich leidet unter diesen Bedingungen die Qualität. Die zeitliche Enge schnürt die Kunst ein, erstickt sie. Anforderungen des modernen Serienmarktes nennt Bauschulte das. Einmal verhaspelt er sich und sagt Nachteile. Dabei, so Jascheroff, müssen Schauspieler vor allem spielen können, sich im Studio fallen lassen können, was bei dem Takt nicht immer möglich scheint. Schlechte Synchro entstehe vor allem dann, wenn schlecht gespielt wird, und schlecht gespielt wird vor allem, wenn die Schauspieler nicht wissen, was sie spielen.

Aber Untertitel, die sind trotzdem ein No-Go, auch für die Zuschauer, sagt Oeffinger, und ihr Kollege Dirk Stollberg pflichtet dem Mantra bei. Untertitel sind ein No-Go, der Satz fällt innerhalb einer Minute drei Mal. Die Synchronisationsbranche ist sich ihrer Sache sicher. Der schnelle Originalton, der den Charme der Exklusivität, des Exotischen und des Kosmopolitischen birgt, wird sich in Deutschland, dem Synchronisationsland, nicht durchsetzen. Die Synchronisationsbranche hat sich in den letzten Jahren als wandlungsfähig erwiesen, das war bei der Sprunghaftigkeit des Marktes keine Selbstverständlichkeit. Aber: “Wir sind an der Leistungsgrenze.”, sagt von Jascheroff und nickt leise in die Runde, die leise zurücknickt. Beim anschließenden gelösten Q & A mit dem Publikum entschuldigt sich der Synchronregisseur verfrüht. Er müsse die nächste Episode bearbeiten.

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