The Deuce – Staffel 1, Folge 3: Die James Franco Show

James Franco und James Franco in The Deuce
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James Franco und James Franco in The Deuce
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Meint es gut mit den Menschen.

Letzte Woche gab HBO bekannt, dass The Deuce um eine 2. Staffel verlängert wird. An den US-Zuschauerzahlen hat es vielleicht nicht ausschließlich gelegen, sie sind mit 2,2 Millionen, die den Piloten über Streaming-Kanäle und in der linearen Fernsehausstrahlung sahen, lediglich ganz gut. Entscheidender dürfte sein, was sich HBO auf längere Sicht von der prestigeträchtigen Serie verspricht. Sie besetzt eine wichtige Stelle im momentan unterversorgten Drama-Segment des Programmanbieters und könnte ihm willkommene Nominierungen für Fernsehpreise bescheren (in der deutschen Pressemitteilung hieß es, The Deuce sei ein "Muss für alle Fans anspruchsvoller Serienunterhaltung"). Selbstverständlich ist die beschlossene Fortsetzung dennoch nicht. HBO präsentierte sich in den letzten Jahren mit teuer produzierten Flops wie Vinyl, einer seltsamen Erschrockenheit gegenüber Netflix und manch unsouveränen Entscheidungen (True Detective) kaum als Qualitätsfernsehmutter, die sie unzweifelhaft ist. Obendrein waren Serien von David Simon immer eher Kritiker- denn Publikumslieblinge, also kommerzielle Zitterpartien.

Auf der anderen Seite setzte bislang keine von Simons TV-Arbeiten so auf Zugkraft durch prominente Namen wie The Deuce, vor allem James Franco soll ein größeres Publikum ansprechen. Er tritt als Produzent und zweifacher Hauptdarsteller in Erscheinung, bei der aktuellen dritten sowie der vorletzten Folge der Staffel führte er außerdem Regie. Zumindest vorübergehend rücken die von ihm gespielten Zwillingsbrüder Vincent und Frankie Martino deshalb in den Mittelpunkt der Erzählung – wenngleich es da so viel noch immer nicht zu erzählen gibt: Der eine bringt seine neue Bar auf Hochtouren, der andere häuft wieder einmal Spielschulden an. Vorbereitet wird ein Konflikt mit dem irischen Mob, es darf sich erratisch aufgebäumt werden, bis die Zeichen auf Eskalation stehen. Nach Coppola, Scorsese und sechs Staffeln The Sopranos legitimiert eigentlich nur das historische Wissen um entscheidende Verschränkungen dieser Milieus (mit Blick aufs alsbald mafiöse Pornogeschäft) den eher klischeehaft anmutenden Handlungsstrang der beiden Brüder. Alles schon ziemlich oft gesehen, ehrlich gesagt.

Es wäre verfrüht und gegenüber der Serie wahrscheinlich nicht fair, die Performance von James Franco als reines Vanity Project zu bezeichnen. In Konkurrenz mit sich selbst mutet das genuine Franco-Grinsen zwar doppelt gewöhnungsbedürftig an – und prallen sozialer Realismus, Stilisierung und Star-Persona aufeinander. Doch zeigt die dritte Folge abseits manierierter Francohaftigkeit auch, dass Vincent keine verzichtbare Figur ist. Sie führt verstreute Charaktere des Ensembles zusammen, die sich in der Bar schnell ein- und zurechtfinden, und bildet den figuralen Verbindungspunkt jener Gegensätze, aus deren Unvereinbarkeit The Deuce dramatisches Potenzial schöpft. Ganz selbstverständlich sitzen im "Hi-Hat" virile Pimps neben cruisenden Schwulen, Feierabendbier trinkende Cops neben bewaffneten Mafiosi. Vincents nonchalante Art harmonisiert unterschiedliche Weltanschauungen. Für einen Moment gerinnt die 42nd Street zum scheinbar sozial verträglichen Raum, über dessen Unannehmlichkeiten er – siehe Pilotfolge – nur großzügig hinwegzusehen braucht.

Am Tresen dieses Raums beobachtet Zuhälter Larry (Gbenga Akinnagbe) die jetzt für Vincent arbeitende und damit in die größere Erzählung eingebundene Ex-Studentin Abby (Margarita Levieva). Als möglicher Querverweis auf den erfolglosen Versuch, Candy (Maggie Gyllenhaal) von ihrer Selbstständigkeit abzubringen, antizipiert die Szene kommende Auseinandersetzungen mit der noch unter Larrys Fuchtel stehenden Darlene (Dominique Fishback), die sich längst zu emanzipieren begonnen hat. Ganz unterschiedlich lösen sich Candy und sie, die komplexesten Figuren der Serie, von männlichen Unterdrückungsstrukturen. Ihre Handlungsstränge zählen weiterhin zu den spannendsten, obwohl sie in dieser Folge kaum Platz einnehmen. Auffällig ist, dass Franco (oder wer immer es zu verantworten hat) von einem Moment zum nächsten eilt, um andere Figuren als die seine wenigstens kurz unterbringen zu können. Der Episode mangelt es dadurch an Präzision und Intensität, einige Szenen wirken regelrecht zerstückelt. Vom Piloten, den Michelle MacLaren inszenierte, ist das ein gutes Stück entfernt.

Bleibt noch C.C. (Gary Carr), den wir zu hassen und fürchten gelernt haben wie keine andere Figur der Serie (was natürlich heißt, dass sie sehr faszinierend ist). Zuletzt konnte er Lori (Emily Meade) von der vermeintlichen Wirksamkeit des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Zuhälterei und Prostitution überzeugen, ängstlicher denn je bearbeitet sie nun den Lincoln Tunnel. Vorgeblich in ihrem Interesse möchte C.C., dass Lori Stammkunden akquiriert (so wie es Darlene für Larry tut und sich trotzdem ständig erklären muss), um sicherer und effizienter arbeiten zu können. Noch immer hallt das brutale Schlussbild der ersten Folge nach. Es legt sich als Gefühl unermüdlicher Bedrohung selbst über harmlose Auftritte einer Figur, die das gewalttätige Zentrum von The Deuce bildet. Plakative Spannung aber gewinnt David Simon daraus keine, denn Angstlust ist seine Sache offenkundig nicht. Er hat schlicht früh die Bedingungen ausgehandelt, zu denen wir jetzt Woche für Woche in den fortlaufend tiefer werdenden Abgrund einnehmender Figuren blicken. Ihm lässt sich jede James Franco Show verzeihen.

Sky Ticket - The Deuce

Parallel zur wöchentlichen Ausstrahlung auf HBO ist die Serie in der Nacht von Sonntag zu Montag wahlweise Deutsch synchronisiert oder im Original über Sky Ticket, Sky Go und Sky On Demand zu sehen. Einen Tag später läuft die erste Staffel auf Sky Atlantic HD. Jeden Dienstag ist sie dann außerdem als digitaler Download bei Amazon, Deutsche Telekom, Google Play, iTunes, Maxdome, Sony Playstation und Xbox erhältlich.

Alle Recaps zur ersten Staffel von The Deuce:


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