The Deuce – Staffel 1, Folge 2: Gefilmter Sex

The Deuce
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moviepilot Team
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Meint es gut mit den Menschen.

Die erste Folge warf uns in einen Sumpf voller Leben, die zweite verdichtet die zahlreichen Handlungsstränge zum größeren Bild – Sex als vielfältiges Geschäftsmodell ist dessen Rahmung. Nur vereinzelt gab es im Piloten Hinweise auf den wachsenden Markt mit pornographischen Bewegtbildern zu entdecken, über die funkelnden Reklamen der Grindhouse-Kinos und deren Versprechungen von schlüpfrigen Sensationen. Dass der abendfüllende Auftakt die Entstehung der professionellen Pornobranche im New York der frühen 1970er Jahre lediglich andeutete, ist geradezu typisch für das "literarische Erzählen" von Showrunner David Simon: Sujetvermittlung nicht als hastige Illustration eines Kernthemas, sondern Analyse seiner strukturellen Voraussetzungen. Gut möglich, dass HBO mit The Deuce eine Serie über die aufkeimende Pornoindustrie versprochen bekam, so jedenfalls wurde sie angepriesen. Doch auf bloße Verkaufsargumente ließ sich bislang noch keine Arbeit von David Simon herunterbrechen.

"Show and prove" lautet der Titel der jüngsten Episode. Vor- und nachweisen müssen die Prostituierten, dass sie 48 Stunden lang nicht verhaftet worden sind. Als "Nuttenpatrouille" kündigt sich die Polizei an, "you know the drill", wer keinen Stempel hat, muss aufs Revier. Die Szene ist großartig, mindestens aus zwei Gründen. Weil sie erstens eine Analogie herstellt zum Barbetrieb des noch immer etwas undurchsichtigen Vincent (James Franco), der früh am Abend die Büroarbeiter und spät nachts die Prostituierten bedient – genau umgekehrt läuft es im großen Polizeiwagen, dort nehmen erst die aufgesammelten Frauen und dann die betrunkenen Freier Platz. Und weil sie zweitens die scheinbar öffentlichkeitswirksame Verhaftungsaktion als symbolpolitisches Ritual entblößt, auf das Cops wie "Hos" gleichermaßen keine Lust haben. Streifenpolizist Chris Alston (gespielt von Lawrence Gilliard Jr. aus The Wire!) notiert sich die Essenswünsche der Frauen hinter Gittern, diniert wird zusammen auf dem Hinterhof der Station.

Erneut ragen Candy (Maggie Gyllenhaal) und Darlene (Dominique Fishback) aus dem Ensemble hervor, auf unterschiedliche Weise tauchen sie in das blühende Geschäft der Blue Movies ein. Während Candy einen harmlosen Sexfilm dreht und schnell Gefallen an dessen Inszenierungsstrategien findet (ulkigstes Detail: Kartoffelsuppe als Ejakulatersatz), muss sich Darlene unfreiwillig mit der Erfahrungsrealität illegal vertriebener Hardcore-Pornographie auseinandersetzen. Ahnungslos ließ sie sich von einem Kunden beim Sex filmen, massenhaft wird das Material jetzt ohne ihr Wissen unter der Ladentheke verhökert – die Ausbeutung auf der Straße setzt sich in den Filmkabinen fort. Mit einer simplen Frage entlarvt Darlene die Abmelkungsökonomie der Branche: Warum als Erotikdarstellerin einmal schlecht bezahlt werden, wenn Produzenten und Händler mit jeder Kopie neues Geld einstreichen? Zwei Folgen reichen nicht aus, aber eigentlich möchte ich mich schon festlegen: Sie ist die unergründlichste und faszinierendste Figur der Serie.

Über diese beiden Frauen entwirft The Deuce eine Utopie vom käuflichen Sex als Selbstverwirklichung. Candy schaut und studiert den vom Drehset stibitzten 8mm-Film, Darlene fordert zumindest einen Teil des mit ihren Aufnahmen verdienten Geldes zurück und besorgt sich aus zunächst unklaren Gründen ein Buch aus der Bibliothek (vielleicht eines, das sie über ihre Rechte aufklärt?). Als selbstbewusst erweist sich auch die frisch in New York aufgeschlagene und umgehend vereinnahmte Lori (Emily Meade). Ihr Zuhälter C.C. (Gary Carr) – jener Brutalo, der letzte Woche zu erkennen gab, was er unter "Zuckerbrot und Peitsche" versteht – will seinem drohenden Machtverlust umso deutlicher entgegenwirken. Als Lori den im Milieu angesiedelten Film Klute erwähnt, kritisiert C.C. dessen vermeintlich unrealistische Darstellung einer selbstständig arbeitenden Prostituierten. Die Serie bestätigt das mithin leider tatsächlich wirkungsvolle System, als C.C. die beinahe von einem Kunden entführte Lori befreit. Leicht macht es sich David Simon nie.

Gern würde ich mehr über James Franco schreiben, der als prominentester Schauspieler immerhin das Zugpferd von The Deuce ist. Viel fällt mir zu ihm und seiner Doppelrolle allerdings nicht ein. Die Szenen, in denen Vincent Geld für die Mafia auftreibt, sind offenbar entscheidend, zumal vor dem Hintergrund, dass die amerikanische Cosa Nostra eng verwoben ist mit dem Porno Chic jener Zeit und den Großteil der New Yorker Schwulenbars kontrolliert (eine solche wird Vincent hier überantwortet). Doch von allen Handlungssträngen scheint es mir die plotfixierteste und daher am wenigsten interessante zu sein. Wozu braucht es überhaupt komplizierte Einstellungen, in denen Franco mit sich selbst spielt? Auf solche ausgestellt filmreifen Momente ist eine souveräne Fernseherzählung wie The Deuce eigentlich gerade nicht angewiesen – und Variety zufolge besteht auch am Ende der Staffel noch Klärungsbedarf über die Notwendigkeit dieser Zwillingsperformance. Das ist kein Wermutstropfen. Nur eine Idee, die gänzlich Idee bleibt.

Sky Ticket - The Deuce

Parallel zur wöchentlichen Ausstrahlung auf HBO ist die Serie in der Nacht von Sonntag zu Montag wahlweise Deutsch synchronisiert oder im Original über Sky Ticket, Sky Go und Sky On Demand zu sehen. Einen Tag später läuft die erste Staffel auf Sky Atlantic HD. Jeden Dienstag ist sie dann außerdem als digitaler Download bei Amazon, Deutsche Telekom, Google Play, iTunes, Maxdome, Sony Playstation und Xbox erhältlich.

Alle Recaps zur ersten Staffel von The Deuce:

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Meint es gut mit den Menschen.

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