The Frankenstein Chronicles - Mystery-Serie mit Sean Bean im Check

The Frankenstein Chronicles
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Hält sich jung mit Coming-of-Age-Filmen.
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Bevor in Ingolstadt Autoteile zu funktionstüchtigen Marken-Karossen montiert wurden, versuchte selbiges, weniger erfolgreich, ein gewisser Viktor Frankenstein mit Armen, Beinen und Köpfen. Allem eben, was so ein menschlicher Körper zum Funktionieren braucht. Die sechsteilige Miniserie The Frankenstein Chronicles spielt aber nicht in Ingolstadt, sondern in London. Dieses London hatte schon vor zweihundert Jahren mehr zu bieten als die bayerische Provinz. Obschon oder gerade weil London anno 1827 der Place to Be für allerlei Monströses, Mörderisches und Obskures war.

Von London sehen wir im Piloten zu The Frankenstein Chronicles zunächst nichts weiter als suppigen Nebel. Wenn New York sich atmosphärisch kenntlich macht durch dampfende Gullis und L.A. durch sich an Palmenfarnen vorbeidrängende Sonnenstrahlen, dann verifiziert die weiße Nebelsuppe unsere Anwesenheit in London. Gerade über der Themse sind die Schwaden so dick , dass sie sich mit Händen problemlos formen ließen. Dort wachst der Londoner Nebel Sean Beans Haare, aber das könnte natürlich auch der Regen sein, der zusammen mit dem schweren Himmel auf die Stadt drückt. Sean Bean, lange bekannt dafür, zu sterben, wenn es wirklich ernst wird, spielt in The Frankenstein Chronicles einen Inspector mit Militär-Vergangenheit.

Leichen zucken

Am Strand der Themse (kein Sand, kein Rasen: schwarzer Schlamm) findet Inspector John Marlott (Bean) ein junges Mädchen mit lapidar angenähten Gliedmaßen. In unbehaglicher Zweisamkeit mit der Mädchenleiche lässt er sich zu einer sanften Berührung hinreißen, eine Übersprungshandlung, die ihm die Leiche mit einem markerschütternden Zucken dankt, dabei gar hilfesuchend nach seinem Handgelenk greift. Sowas passiert angeblich schon mal, auch in Obduktionshallen und Bestattungsinstituten der Gegenwart. Aber diese Serie heißt The Frankenstein Chronicles, da nimmt man sowas nicht auf die leichte Schulter. Dann das Intro, das uns musikalisch den Weg ins Londoner Traumland weist und dabei mit viktorianischem Kolorit aufwartet, obgleich die Serie 1827, also zehn Jahre vor der viktorianischen Ära spielt. Wer das schon immer wissen wollte: Produziert wird dieser charakteristische, rau schwirrende Sound von einem Hackbrett, was, auch wenn es nicht so klingt, ein Musik- und kein Metzgerinstrument ist.

Ein solches benötigte aber sicher jener Leichenfledderer, der das am Themse-Ufer angespülte Mädchen aus mindestens sieben verschiedenen Leichenteilen komponierte, wie der zuständige Chirurg feststellt. "Piecework" sei das, meint er. Ein Puzzle ist das Mädchen, ein Body-Remix, Ergebnis eines perversen Anatomie-Ausschneiden-und-Einfügen-Spiels. Pfui.

Inspector Marlott wird mit dem Fall betraut, wahrscheinlich aber nur deshalb, da er einer von zwei Polizisten ist, die ohnehin bereits wissen, dass mit dem toten Mädchen was faul ist. Und das soll so auch bleiben, gebietet der politische Abgesandte Sir Robert. "More than you can imagine rests on your chest", vertraut er Marlott an. Sir Robert (Tom Ward) glaubt, hinter der Mädchenleiche stecken religiöse Gegner der Chirurgie, solche, die es nicht goutieren, dass an toten Menschen zu wissenschaftlichen Zwecken herumgeschnibbelt wird. Bei dem Mädchen war auch recht deutlich ein Chirurgie-Amateur am Werk, befindet der ausführende Chirurgie-Profi. Bewegen sich Leichen jemals, fragt Marlott den Chirurgen. Nein, sagt der, denn die sind ja schließlich tot.

Fortan sucht die Londoner Polizei nach vermissten Kindern zwischen acht und zwölf Jahren. Marlott läuft Familien ab und sendet mittellose Straßenkinder aus, die für zwei Pence die Augen offen halten sollen. Eines davon, so behauptet es, begegnet in der Gosse einem Monster, das die Kinder zu sich nimmt. Rat, Tat und Gesellschaft holt sich Marlott darauf bei seinem neuen Assistenten Nightingale (Richie Campbell). Der ist zwar offenkundig loyal und kompetent, aber nicht der erhoffte Sidekick, der mal etwas Leben in die Bude bringt. Oder ein Lächeln, wenigstens ein Lächeln.

Ein warmes Plätzchen im Elend

Aber nein. The Frankenstein Chronicles ist kein Penny Dreadful 2.0. Kein buntes Van Helsing, nicht so charmant und clever wie Sherlocks Victorian-Special und nicht so spannend wie Ripper Street. Kein Steampunk, keine Nostalgie, keine historische Verklärung. The Frankenstein Chronicles sucht keine einfachen Lösungen, scheut nicht das Unangenehme und Dunkle seiner Zeit. Im Gegenteil: Der Pilot kultiviert und feiert, auf seine Weise, den menschenfeindlichen Moloch selbstzerstörerischer Urbanität. Das ist kein Ort für Glück und Licht. Dort ist nicht mal Platz für Trauer, denn der Tod ist hier ja das nützlichste Gut, was selbstverständlich für jede Krimiserie gilt, hier aber in besonderem Maße zutrifft. Warum als Schauplatz London und nicht irgendeine mittelgroße englische Hafenstadt? Die Serie zeigt, dass die extreme Konzentration von Zivilisiertheit das Gegenteil davon hervorbringen kann, nämlich Barbarei. Die Menschen beuten sich gegenseitig aus und suchen doch nur ihr warmes Plätzchen im Elend.

Der Schatten und das Feuchte sind überall. Das ist zuweilen furchtbar reizlos, da bieder inszeniert und erdrückt von dürren Dialogen. London ist feucht, das Drehbuch von Stacey Greg und Barry Langford etwas trocken. Mary Shelley, Autorin des Ausgangswerks der Frankenstein-Sage, soll eine tragende Rolle spielen und bekommt im Piloten einen kurzen, unauffälligen Auftritt gewährt. Ihr Charakter könnte sicher noch interessant werden. Bis jetzt aber ist The Frankenstein Chronicles eine Krimiserie, die dem Mythos Frankenstein sehr rational nachgeht, ein einfacher Historienkrimi, der einen Frankenstein-Nachzügler zu einem besseren Serienkiller degradiert. Raum für Spielereien oder inszenatorische Einfälle nahm sich Regisseur Benjamin Ross nicht.

Sean Bean spielt den Inspector mundfaul und devot, will einen gebrochenen Mann darstellen, der das wenige Gute in einer Stadt retten will, dabei aber ausschließlich auf Schlechtes trifft. Denn dieses London ist eine schlammige, neblige Hölle, verloren an das Böse. Und The Frankenstein Chronicles ist der triste, nebelverhangene Regentag unter den britischen Krimiserien. Aber auch so einem lässt sich ja manchmal Gutes abgewinnen, wenngleich es etwas Mühe und Überwindung kosten mag.

The Frankenstein Chronicles ist seit Mittwoch auf TNT Serie zu sehen. Eine 2. Staffel wurde bisher nicht angekündigt.

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