The Leftovers - Staffel 3, Folge 8: Das perfekte Serienfinale

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Bevor Nora Durst (Carrie Coon) sich auf den Weg nach Australien machte, um eine hochentwickelte Technologie zu nutzen und den Verschwundenen in ihre Welt zu folgen, muss sie vor der Kamera noch einmal Stellung nehmen. Ja, sie ist zurechnungsfähig. Ja, sie will wirklich ihre Kinder wiedersehen. Ja, sie ist sich der Risiken und der Unwahrscheinlichkeit des Erfolgs bewusst. Aber man glaubt Nora Jamison Durst nicht. Sie beteuert wiederholt aufrichtig ihre Intentionen, doch am Ende, wenn sie ihren Blick direkt in die Kamera richtet, richtet sie sich auch an uns und entweder glauben wir ihr hier – oder nicht. Wie wir uns entscheiden als Zuschauer, sagt mehr über uns als über Nora aus. Damit legt The Leftovers bereits dank der großartigen Regie von Mimi Leder und dem Drehbuch aus der Feder von Damon Lindelof sowie dem Autoren der Buchvorlage, Tom Perrotta, den Grundstein für das Serienfinale.

Das Konzept der (bequemen) Lüge hat The Leftovers zu genüge untersucht. Insbesondere die (nicht mehr so) geheime Hauptfigur Nora (die fabelhafte Carrie Coon, deren Darbietung in diesem Finale Worte nicht Genüge tun) lügt, dass sich die Balken biegen. Am schlimmsten: Sie belügt sich selbst. Nun, am Ende, wissen wir immer noch nicht, ob sie lügt. Vielleicht weiß sie es auch selbst nicht. Gerade deshalb ist das Finale so spannend.

The Leftovers war schon immer eine Serie aus einer guten Mischung aus Show and Tell. Kurioserweise bricht die Serie das Drehbuchgesetz und lässt uns nichts von dem sehen, was die Figuren sich gegenseitig erzählen. Stattdessen sehen wir ihre Gesichter. In den insgesamt nur 28 Folgen, die diese wunderbare Serie aufweist, gibt es oft diese tiefgehenden Gesprächen, in denen am Ende nur noch die Gesichter der Figuren den Bildschirm einnehmen und wir ganz intim ihren Geschichten lauschen. Wir wissen nicht immer, ob sie stimmen. Oft sind es ohnehin nur Perspektiven der Wahrheit, die jedoch viel über die Erzählerin oder den Erzähler aussagen. Und so ist auch das Ende von The Leftovers ein ganz intimer Moment, in dem wir Lüge nicht mehr von der Wahrheit unterscheiden können. Die Serie argumentiert in den drei Staffeln, dass dies jedoch kein Problem sein muss. Für die, die nicht aufgepasst haben, ertönt auch zu Beginn wieder der alte Theme Song"Let The Mystery Be".

Dabei ist The Leftovers im Serienfinale so nah dran, das Mysterium zu lösen, wie noch nie zuvor. Nora verabschiedet sich in einer herzzerbrechenden Szene von Matt. Christopher Eccleston brilliert in der Szene, als er Matts Ängste hinsichtlich seiner Krebserkrankung erläutert und damit aber auch gleichzeitig sowohl die so oft von The Leftovers analysierte menschliche Existenz als auch Noras Beweggründe erklärt. Dann betritt Nora einen LKW-Anhänger, in dem etliche Batterien und Laser und sonstiger Technologiekram stehen, in dessen Mitte eine kugelförmige Kammer wartet. Diese wird sich mit Wasser füllen und Nora dann nackt an den Ort der Verschwunden schicken. Der Terminator lässt grüßen. So sehr hat die Serie sich noch nie in Richtung Science-Fiction bewegt und große Zweifel kommen auf, doch Nora zieht die Sache durch. Ihre Nacktheit unterstreicht die Verletzbarkeit sowie ihre große Verzweiflung, die zu dieser Situation führen. In der letzten Sekunde, bevor wir "Sarah" in Australien und das Ende von The Book of Kevin erneut sehen dürfen, öffnet Nora ihren Mund, um etwas zu sagen. Es passiert blitzschnell und kann beim ersten Eindruck so wirken, als ob sie nur noch einmal nach Luft schnappt, doch es ist beim zweiten Schauen sehr klar: Nora ist kurz davor etwas zu schreien.

Wir werden nie erfahren, ob Nora tatsächlich dann in die Welt der Verschwundenen transportiert wurde oder ob sie mit voller Kraft "Stop!" rief und dann enttäuscht und blamiert aus der Kugel ausstieg. Vielleicht war sogar das ganze Theater der beiden Wissenschaftlerinnen ein ausgeklügelter Witz oder ein perfides, psychologisches Experiment, um zu sehen, wie weit die Leute tatsächlich gehen würden. Jede Theorie, die sich über den Ausgang der Eröffnungsszene und die anschließenden, nicht gezeigten Konsequenzen ermöglicht, erscheint thematisch logisch und gleichmäßig ertragreich. Das bedeutet auch, dass es keine Rolle spielt, was wahr ist. Welche Geschichte auch immer Nora für sich auswählt, ist die richtige.

In Australien lebt Nora etliche Jahre (es dürften wohl so ungefähr fünfzehn sein) irgendwo im Nirgendwo. Kevin (Justin Theroux) ist nicht zum weltweit bekannten Jesus geworden, den nun auch Nonnen im Outback kennen (eine Theorie zum Beginn der Staffel), sondern ein ganz normaler Mann mittleren Alters, der nach seiner alten Liebe sucht. Er scheint plötzlich vor Noras Haustür und lädt sie zu einem Tanz in einer nahe gelegenen Stadt ein. Kevin scheint gut drauf zu sein. Er ist erleichtert, dass er Nora gefunden hat. Gleichzeitig beteuert er aber, dass die beiden sich nicht kennen. So will er sie zuvor ausschließlich bei dem Tanzabend in Mapleton kurz und auf dem Amtsgericht gesehen haben. Was ist nun passiert? Handelt es sich doch um die Parallelwelt? Verzweifelt ruft Nora Laurie an, die gerade ihren großmütterlichen Pflichten nachkommt (Jills Baby, Ehe super. Tommy? Nicht so sehr, aber es geht ihm gut). Schön zu sehen, dass Laurie sich doch nicht umgebracht hat, selbst wenn sie es plante und es zur Folge gepasst hätte. Es verwirrt, dass Laurie doch noch lebt und so glücklich ist. Und dann beteuert Kevin erneut in einem herzzerbrechenden Moment, dass er Nora zuvor noch nie gesehen hat.


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