The Terror - Tiefgekühlte Serienkost auf den Spuren von H.P. Lovecraft

The Terror
© AMC/Berlinale
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Beeblebrox Matthias Hopf
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Redakteur bei Moviepilot. Schaut zu viel ins Internet, mag den Weltraum und fühlt sich auf Tatooine genauso zu Hause wie in Hogwarts und Mittelerde.

Update, 26.03.2018: Unseren Serien-Check zu The Terror haben wir bereits anlässlich der Berlinale-Premiere im Februar 2018 geschrieben. Nun startet die 1. Staffel der Horror-Drama-Serie in den USA auf AMC und hierzulande auf Amazon Prime.

Ein düsterer Prolog ist das erste Versprechen, das The Terror gibt, die neue Dramaserie aus dem Hause AMC. Ein Prolog, der vom Schrecken des Meeres kündet, vom Tod im Eis und dem puren Grauen, das sich in der Dunkelheit der Nacht versteckt - übertragen von einem Zeugen, der in fremder Sprache spricht und aufgrund unermesslicher Furcht am ganzen Leib zittert. Was auch immer geschehen ist: Es muss den Verstand jenes Boten wahrlich auf die Probe gestellt haben. Die ungläubigen Blicke der Zuhörer untermauern seine furchteinflößende Geschichte, wenngleich uns Zuschauern bisher bloß der Hauch einer Ahnung und die Neugier bleibt, was denn da draußen in der Kälte Unheilvolles schlummert. Als hätte die Adaption von Dan Simmons' gleichnamiger Romanvorlage in diesem Moment nicht schon unsere gesamte Aufmerksamkeit geweckt, folgt kurze Zeit später ein weiteres Versprechen: "There will be no melodramas here."

Für Kapitän John Franklin (Ciarán Hinds) gibt es da gar keinen Zweifel: Selbst wenn er mit Schiff und Crew bis ans Ende aller Tage auf der See gefangen sein sollte, kommt für ihn das große Melodram nicht infrage. Er verlangt von seinen Männern, dass sie an ihren Abenteuergeist appellieren, unabhängig der Hoffnungslosigkeit ihrer Situation. Kapitän Francis Crozier (Jared Harris) erweist sich dagegen als passiver Verbündeter, der seinem Kollegen zwar freundschaftlich zur Seite steht, sich insgeheim jedoch längst in den Hintergrund verabschiedet, als hätte er sich mit dem baldigen Übergang ins Jenseits bereits abgefunden. Vorerst bleibt allerdings keine Zeit, um den persönlichen Gefühlen auf den Grund zu gehen, denn die unbarmherzige Natur offenbart sich als vorrangiger Gegenspieler in The Terror: Sowohl Franklins Schiff, die Erebus, als auch Croziers Schiff, die Terror, sind im Rahmen einer Polarexpedition im ewigen Eis steckengeblieben.

Ein Risiko, das jeder Mann an Bord bereit war, einzugehen. Dennoch lassen die zwei von Edward Berger inszenierte und Serienschöpfer David Kajganich geschriebenen Auftaktepisoden schnell durchblicken, dass keiner der Beteiligten tatsächlich auf die Herausforderungen dieser Polareroberung vorbereitet ist. Am Anfang scherzen die Seemänner noch über den Rang des seit ein paar Tagen merkwürdig unruhigen Köters. Später blicken sie dem Horizont mit Angst und Ungewissheit in den Augen entgegen, insbesondere im Hinblick auf die Frage, ob sie ihn denn je erreichen werden, bevor sich die Vorräte dem Ende neigen und der letzte Sprengstoff mit verzweifelter wie vergeblicher Geste verbraucht wurde, um der Gefangenschaft im Eis zu entkommen. Dann folgt The Terror einem Haufen verlorener Jungs, deren Abenteuerdurst am eigenen Eifer sowie an der eigenen Courage zerbricht, während trotzdem versucht wird, die Form zu wahren.

The Terror investiert überraschend viel Zeit, um die Hierarchien an Bord der Erebus und der Terror aufzuschlüsseln und zu zeigen, wie die zwischenmenschlichen Ströme fließen. Viel spannender - und das ist wohl die bislang größte Stärke der Serie - gestaltet sich jedoch das Setting inklusive der unheilvollen Prämisse, die auf ein Monster bei Nacht im Schneeregen hoffen lässt. Der Geist von H.P. Lovecraft waltet beinahe über jeder Einstellung, die der Distanz zwischen beiden Schiffen im Meer aus der Ferne ihren Tribut zollt. Teilnahmslos gleiten sie durch das Eis, ehe es nicht mehr vorwärts geht und das warme, knarzende Holz unter einer weiß-bläulichen Eisschicht verschwindet. Für Gänsehaut sorgt dieser Anblick vor allem aufgrund der Dinge, die wir nicht sehen, gesteigert durch die angsterfüllten Blicken der Seemänner aber erwarten. Nicht zuletzt verweist die unheimliche Geräuschkulisse beständig auf eine gewaltige Bedrohung.

Besonders großartig ist eine Parallelmontage, in der gleich zwei - sprichwörtliche - Einschnitte vorgenommen werden, die auf gewisse Weise jenen Punkt in der Geschichte markieren, an dem es kein Zurück mehr gibt. Auf der einen Seite wäre da der Schiffsarzt, der einen verstorbenen Matrosen den Leib aufschneidet, um sich zu vergewissern, dass sein vorzeitiges Ableben kein Resultat der gefürchteten Seekrankheit Skorbut ist. Während der Brustkorb gewaltsam aufgerissen wird, findet andernorts ein weiterer Einschnitt statt - dieses Mal geradezu mit einer existenziellen wie poetischen Bedeutung versehen. Verpackt in einem schweren Taucheranzug durchbricht einer der tapferen Männer die eiskalte Wasseroberfläche, um unter dem Schiff nach einem Problem zu sehen. Der nachfolgende Moment ist mindestens genauso magisch wie furchteinflößend und definitiv eine Grenzüberschreitung, die im übertragenen Sinn das Böse entfesselt.

Wie die Reise ins Jenseits war, will Crozier von dem Taucher wissen. "Like a dream, Sir", lautet die aufrichtige Antwort, die sich für uns Zuschauer dennoch als Lüge offenbart. Denn im verborgenen Dunkel unter dem Schiff lauern die Geister der Vergangenheit - und wer weiß, vor welcher bevorstehenden Gefahr diese warnen wollen. 90 Minuten lang trügt jedoch der Schein. "Funny to think that this place is home, isn't it?", entfährt es Crozier in einem ungedeckten, nachdenklichen Augenblick. In Wahrheit hält The Terror aber weiterhin am eingangs erwähnten Versprechen fest und präsentiert uns ein trostloses Porträt lebender und toter Männer, die schon bald genauso eingefroren im Nirgendwo versinken, wie die prächtigen, szenisches Standbilder, die sie zuvor noch in Gegenwart ihrer Frauen im heimischen Hafen auf der Bühne unter tosendem Beifall bestaunten. Bleibt zu hoffen, dass The Terror dieses Versprechen auch im weiteren Verlauf der Geschichte einhalten kann.

Die 1. Staffel von The Terror umfasst insgesamt zehn Episoden, die ab dem 26.03.2018 wöchentlich in den USA auf AMC und in Deutschland auf Amazon Prime ausgestrahlt werden.

Hier findet ihr eine Übersicht über alle Serien, die auf der Berlinale 2018 laufen. Weitere Texte werden auf unserer Berlinale-Themenseite gesammelt.

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