Mr. Vincent Vega eckt an

Twilight – Bis(s) zum Kino der wahren Liebe

Kristen Stewart & Robert Pattinson
© Concorde
Kristen Stewart & Robert Pattinson

Wie versteinert sitzt Bella mit eingezogenen Beinen auf ihrem Stuhl am Fenster. Sie starrt regungslos in die Leere, in die Schwärze ihrer Gefühle, während um sie herum die Monate verstreichen, die Blätter sich zu färben beginnen und schließlich auch der erste Schnee die Vorgärten bedeckt. Ein Moment in New Moon, der die Verlorenheit seiner Protagonistin in einem sehnsuchtsvollen, nicht enden wollenden Kameraschwenk aufs Allerschönste zum Ausdruck bringt. Die Twilight-Filme leben von solchen Momenten, in ihnen wird nicht nur mit erlesenen Kitschbildern oder sanftmütigen Popsongs, sondern auch den ganz großen quälenden Teenagergefühlen die wahre Liebe beschworen. Zumindest jedoch eine Idee der wahren Liebe, eine Fantasie der ultimativen Gefühle. Diese sind, im emotionalen Wirrwarr des Heranwachsens, so fürchterlich kompliziert, dass sie die schöne Bella eben auch mal monatelang lähmen können. Eingepfercht von der unstillbaren Sehnsucht nach dem fernen Edward Cullen, dem ewig 17jährigen Vampir, der das kleine Städtchen Forks verlassen musste, um seine geliebte Sterbliche vor den Gefahren hungriger Vampirclans und monströser Rivalitäten zu schützen.

Mit New Moon, nach Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen dem zweiten Teil der Twilight Saga nach Stephenie Meyer, begann ich damals, den so unvergleichlich erfolgreichen Franchise-Traum um unerfüllte Liebe, bedingungslose Hingabe und nimmermüden Herzschmerz annähernd zu verstehen. Und mit den beiden folgenden Filmen, Eclipse – Bis(s) zum Abendrot und Twilight 4: Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht – Teil 1, wurde ich schließlich ein wenig zum Fan. Zu reich sind die Filme an klugen Aufdröselungen herkömmlicher Teenager-Klischees, zu besonders in der Skizzierung ihrer Heldin Bella, zu einnehmend in der Vermittlung hemmungsloser Emotionen, die über bald fünf Teile immer wieder pompös durch- und ausgespielt werden. Und zu wunderbar leichtfüßig sind letztlich auch die irrtümlicherweise als reaktionär verschimpften Ideen von (nur scheinbarer) Enthaltsamkeit und ewiger Versprechung. Dass all die in Twilight verhandelten Prinzessinnenwünsche und deren Integrität heute nur noch in einem Fantasy-Kontext bestehen können, nimmt solchen Vorwürfen ja ohnehin den Wind aus den Segeln. Idealisiertes Schmachten ist hier immerhin wesentlich an die Frage gekoppelt, was denn eigentlich erstrebenswerter wäre: Mit einem ergebenen Vampir zu schlafen oder sich doch lieber vom wilden Werwolf (auf)reißen zu lassen.

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Edward oder Jacob also, da muss sich Bella lange entscheiden. Dass sie sich indes überhaupt entscheiden „darf“, ist ohnehin schon etwas Besonderes im eben so gar nicht konservativen Twilight-Kosmos. Bella ist eine selbstbestimmte Figur, die ihre eigenen Entscheidungen trifft und dabei, natürlich, vor allem ihrem Herzen folgt. In der Art, wie die Twilight-Filme die beiden männlichen Rivalen zu Objekten von Bellas Lust degradieren, sind sie nahezu re-emanzipatorisch. Edward und Jacob, Vampir-Romeo und Sixpack-Werwolf, verkörpern romantische wie sexuelle Ideale, sind trotz ihrer Unterschiede aber vor allem Träger weiblichen Begehrens und damit vorzugsweise funktionalisiert. Unter anderem deshalb bietet Twilight jungen Mädchen eine spezielle Projektionsfläche, auf der sie endlich einmal ihre Bedürfnisse, Wünsche und unbedingt auch naiven Träumereien ausbreiten können, während Bella das Geschehen aktiv steuert – und nicht umgekehrt. Wenn Robert Pattinson in Interviews davon erzählt, dass junge Mädchen von ihm gebissen werden wollen, dann ist das doch eine schöne Chiffre für jene Geilheit, die die vermeintlich keuschen Twilight-Filme bei ihren Zuschauer_Innen offenbar heraufbeschwören.

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Dass dem (männlichen) Durchschnitts-Filmnerd so viel weibliche Selbstverwirklichung offenbar nicht schmeckt, zeigen die überproportionalen Hater-Kommentare allein quer durch das Internet. Die (gern auch bemüht lustig verkleidete) Ablehnung des Twilight-Phänomens ist dabei um einiges nervtötender, als es die Filme jemals sein könnten. Vor allem aber offenbart sich am demonstrativen Genörgel über Kristen Stewart, Taylor Lautner und Co. die eigentliche Spießigkeit im Zusammenhang mit Twilight: Für romantische Liebesfilme ohne Geblödel, ohne durch ausgestellte Vulgaritäten kompensierte Verklemmtheit oder wohl eben auch ohne männliche Autoritäten im Mittelpunkt können sich die Hater einfach nicht erwärmen. Sie wettern gegen funkelnde Vampire und liebeskranke Werwölfe, als sei eine sinnlich-romantisch überhöhte Variation dieser klassischen Horrorgestalten nicht auch mal ganz wunderbar. Alle anderen – also all jene, die noch bereit sind die Liebe in ihr Herz zu lassen – blicken derweil vorfreudig dem 22. November entgegen. Dann nämlich startet endlich Twilight 4: Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht – Teil 2, das große Finale einer der schönsten Kinofilmserien der vergangenen Jahre.

Als Mr. Vincent Vega polemisiert sich Rajko Burchardt seit Jahren durch die virtuelle Filmlandschaft, immer auf der Suche nach dem kleinstmöglichen Konsens. Denn “interessant ist lediglich Übertreibung und das Pathos – alles andere ist langweilig, leider.” (Christian Kracht). Wenn er nicht gerade auf Moviepilot aneckt, bloggt Rajko für die 5 Filmfreunde und sammelt Filmkritiken auf From Beyond.

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