Under the Silver Lake: Wie folgst du einem Film wie It Follows?

Under the Silver Lake
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Under the Silver Lake
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the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Man nehme It Follows und erzähle die Geschichte aus Sicht der übernatürlichen Geschlechtskrankheit. Das sonnige Slacker-Ambiente von Under the Silver Lake erweist sich als verräterisch und sein Held mit dem weichen, unscheinbaren Namen Sam (Andrew Garfield) ebenso. Sam sucht in dem Neo-Noir seine verschollene Nachbarin und glaubt, dank Hinweisen auf Cornflakes-Schachteln und in Liedtexten einer riesigen Verschwörung auf der Spur zu sein. Dabei gräbt er sich durch den geschichtsträchtigen Bauch von Los Angeles, dessen popkultureller Mythologie David Robert Mitchell in seinem neuen Film Tribut zollt. Nachdem die ersten beiden Filme des Regisseurs in der Woche der Kritik liefen, hat er es mit Under the Silver Lake in den Wettbewerb des Festivals von Cannes geschafft.

It Follows ist das zu verdanken, dem ansteckenden Horrorfilm, der 2014 für Furore sorgte. Under the Silver Lake, Mitchells dritter Spielfilm, wirkt nun wie ein echter Zweitling nach dem Durchbruch: ein größeres Budget und Stars werden genutzt, um eine exzentrischere Story mit allen Ideen vollzustopfen, von denen man jemals geträumt hat, sie in einem Film unterzubringen. Es erinnert an den Sprung von Brick zu Brothers Bloom, von Donnie Darko zu Southland Tales. Wo It Follows in der Reduktion glänzte, fällt Under the Silver Lake mit einem barocken Referenzgewebe auf, durch das die Erzählung mit Garfields besessenem Helden mäandert. Es ist zu viel und nur halb so clever, wie der Autor denken mag, und irgendwie unwiderstehlich.

Under the Silver Lake ist düsteres La La Land

Schön auch, dass die Cannes-Götter den Programmplatz von Under the Silver Lake zeitnah zu einem Screening von Vertigo legten. Sam ist ein Voyeur, der seine Nachbarn durch das Fernrohr stalkt und dabei auf Sarah (Riley Keough) stößt, die mit ihren Freundinnen in einer WG wohnt. Sie ähnelt Emma Stone in La La Land, nur haben sich die Träume von der Berühmtheit längst verzogen. Under the Silver Lake erzählt nicht von jenen neuen Einwohnern von Los Angeles, die mit ihrem Ehrgeiz den Hollywood-Schriftzug zu erklimmen suchen, sondern denen, die schon runtergefallen sind. Was genau Sam in L.A. macht, ist unklar, aber es gehört nun mal zu dieser Stadt, dass in ihr kaum einer geboren, aber viele begraben werden. Vielleicht hat sich Sam eine Karriere als Drehbuchautor erträumt oder er wurde von diffuseren Ideen in die Stadt der Engel gezogen. Engel gibt es hier viele, nur ähneln sie Grab-Skulpturen.

Sam jedenfalls lebt in Silver Lake vor sich hin, eines der Viertel, das beispielhaft für die Gentrifizierung von Los Angeles in den letzten Jahren steht. Einst lebten in diesen Straßen Latino-Arbeiter, dann entwickelte sich eine schwule Untergrundkultur in dem vergessenen Viertel und heute holt man sich den Pappkarton-Kaffee bei Intelligentsia. In Silver Lake standen frühe Filmstudios. Tom Mix, Western-Star der 10er, 20er und 30er, ließ angeblich sein Pferd Tony the Wonder in der Gegend begraben. Heute leben hier Ryan Gosling und James Franco.

Sam lernt Sarah kennen, einen Tag später ist ihre Wohnung leer geräumt, von ihr keine Spur. Es beginnt eine Schnitzeljagd durch Silver Lake, die sich zunehmend ins Paranoide kehrt. Die inhärente Harmlosigkeit des Andrew Garfield kommt dabei gelegen. Früh im Film ertappt Sam ein paar Jungen, die Autos zerkratzen. Er schlägt einen nieder, tritt ihm in den Bauch und quetscht ein rohes Ei in seinen Mund. Man lacht, als befinde man sich in einem Shane Black-Film, in dem solche schwarzhumorigen Ausbrüche durch das Dauer-Zwinkern des Films gerechtfertigt werden.

Weiter geht es zum nächsten Hinweis, der mit dem Edding auf einer Pizzaschachtel entziffert werden muss. Buchstabenkombinationen verbergen geheime Zahlenreihen, Zahlenreihen verbergen geheime Buchstabenkombinationen. Eine Lehre zwischendrin: Wenn du einen Kojoten auf der Straße siehst, dann folge ihm. Sam ist der Typ Mensch, der das macht. Er folgt Frauen, die mit Piraten in Limousinen einsteigen, die zu Partys auf Friedhöfen gehen, auf dem Grabstein von Alfred Hitchcock herumlungern und in Grüften zu ätherischem Indie-Rock tanzen. Obdachlose, erklärt Sam einmal, findet er abstoßend, weil sie absichtlich an den Rändern herumlungern. Sie beobachten die Leute mit Geld, wie sie ihr Essen essen und Leben leben. Er könnte auch von sich selbst sprechen.

Under the Silver Lake dekonstruiert den Film noir-Helden

139 Minuten dauert dieses Puzzlespiel, welches zuvorderst die inszenatorischen Fähigkeiten von David Robert Mitchell bestätigt, der uns Sams Perspektive aufzwingt - auf Los Angeles und vor allem die Frauen, die seine Besessenheit füttern. Die 139 Minuten zeigen allerdings auch, dass es an den Dialogen hakt, die einen Neo-Noir durch seine verschwurbelte Handlung hinweg tragen können. Manchmal zweifelt man, Under the Silver Lake würde überhaupt jemals zu einem Ende kommen, was wohl in Sams Interesse liegen würde. Dieser Sam reiht sich ein in die besessenen (männlichen) Cannes-Helden des Festival-Jahrgangs. Sie strotzen vor Selbstüberschätzung und wirken dadurch umso kläglicher, ob nun Serienkiller Jack aus Lars von Triers The House That Jack Built oder Flieger-Ass Han Solo.

Der Sommer des Sam jedenfalls ist überlang, undiszipliniert und zäh. Ähnlich wie der Serienkillerfilm des Dänen kann die Beschränkung auf Sams Perspektive leicht mit der von David Robert Mitchell verwechselt werden. Dabei ist Under the Silver Lake in Ansätzen eine dunkle Dekonstruktion jener männlichen Einzelgänger, deren Spur wir im Film noir traditionell folgen. Auch dieser Einzelgänger füllt sein Leben mit Sinn, in dem er die Leerstellen im Leben von anderen mit Sinn erfüllt, selbst wenn dazu die absurdesten Verschwörungstheorien herhalten müssen. An It Follows kommt dieser Film bei weitem nicht heran, aber David Robert Mitchell sollten wir folgen.

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