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Harry Potter und die Kammer des Schreckens ist ein unterschätzter Horrorfilm

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© Warner Bros.
Harry Potter und die Kammer des Schreckens: Die Gefahr im Blick.
13.05.2020 - 15:03 UhrVor 6 Monaten aktualisiert
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Ein mit Spoilern behafteter Erlebnisbericht aus Kindertagen, oder: Warum der Blockbuster Harry Potter und die Kammer des Schreckens (k)ein Horrorfilm ist.

Es gibt wohl wenige Filme meiner Kindheit, die für meine filmische Sozialisation so wichtig gewesen sind wie Harry Potter und die Kammer des Schreckens, die meine Vorliebe für erzählerische Teasing-Strategien, die Komposition von filmischer Fantastik und die ästhetische Aufbereitung von Schauerlichkeit und Grusel so sehr prägten.

Ich weiß noch genau, wie ich in ganz jungen Jahren verschüchtert und angsterfüllt im Kinosessel auf und ab, hin und her wippte, mich zeitweilig in ihm vergrub oder mit verschwitzten Händen an der Lehne des Sitzes nestelte. Ich konnte die schiere Anspannung des Films schwerlich ertragen oder fassen. Ich empfand ihn als ungemein aufregend, stellenweise unaushaltbar gruselig.

Harry Potter und die Kammer des Schreckens: Ein Horror-Sog

Schon als kleiner Junge war ich angezogen von den giftgrünen und goldenen, von den prächtigen und satten Bildern des Kinder-Blockbusters, der mir schon als Kind eher wie ein Stück Horrorkino vorkam: Ein Film, der - so weiß ich heute - tatsächlich genuine Schreckensbilder formulierte.

Und eine Frage bohrte sich in meinen Kopf, die sich körperlich bemerkbar und spürbar machte: Was um Gottes willen war in dieser Kammer der Geheimnisse, in der Kammer des Schreckens? Ich wurde zum Entdecker. Ich wollte forsch sein. Eher aus Angst als aus Abenteuergeist. Unentwegt nervte ich meinen Sitznachbarn, löcherte ihn mit dieser einen Frage. Immer wieder sagte er mir, dass da eine Schlange drin sei. Eine Schlange? Dieses kleine Wesen aus der "Duellierclubszene" in der Mitte des Films etwa? Was sollte das denn? Das war doch lächerlich, nahezu piefig. Warum dann so ein Fass aufmachen?

Doch immer mehr verstand es der Film, mich weiter in seinen Sog zu bringen, an mir zu ziehen, unentwegt; detektivisch und kriminalistisch näherten sich die Hauptfiguren den monströsen Gegebenheiten und schwindeligen Rätseln an.

Der Trailer zu Harry Potter und die Kammer des Schreckens

Harry Potter und Die Kammer des Schreckens - Trailer (Deutsch)
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Harry (Daniel Radcliffe), Hermine (Emma Watson) und Ron (Rupert Grint) begegneten auf ihrem Weg Blut beschmierte Wände, versteinerte Katzen, erstarrte Menschen, schreiende Pflanzen, verschlagene Lehrer, falsche Zauberer, langbeinige Spinnen-Armeen und glubschäugige Kobold-Aufstände, all jenes machte die Angelegenheit nur noch verworrener, noch doppelbödiger.

Was ich damals noch nicht wissen konnte: Es handelte sich bei dem Film Harry Potter und die Kammer des Schreckens zuweilen um einen Slasher im Gewand eines Kinderfilms, der die für das Genre üblichen performativen und blutigen Morde im Subtext von bizarren Geschehnissen und grausamen Andeutungen verhandelte.

Autorin J.K. Rowling verfasste mit ihrem gleichnamigen Buch eine hochspannende und schauerliche Detektivgeschichte, ein mitunter komplexes Kriminalstück, einen versierten Krimi, der durchweg mit den Elementen des Fantastischen und der Kinderliteratur flirtete, aber der die (kindlichen) Leser vor allem auch mit unvorstellbar gruseligen Passagen konfrontierte. Fast hätte man meinen können, dass sich auch genauso gut Sherlock Holmes hätte der Sache annehmen können.

Regisseur Chris Columbus übersetzte diesen Facettenreichtum in teils wohlige, getragene oder eben ungemein stimmungsvolle, edle Bilder, die Kamera hatte stets eine beruhigende, kräftige und bestimmende Statik, die nur selten herausgefordert, dann aber umso wirkungsvoller durch eine leichte Schrägstellung düpiert wurde. In den Hintergründen gab es starke, verwaschene Farben und die Tiefe des Raumes wurde stets durch aufwändig beleuchtete Sets hergestellt.

Natürlich war der Film eine vom Studio hoch überwachte Auftragsarbeit für den Regisseur, aber das mehr als kompetente und zuweilen großartige Filmhandwerk von Chris Columbus konnte nahezu perfekt mit der exaltierten Geschichte harmonieren, die sowohl Raum als auch Bändigung erfuhr.

Harry Potter im Kino: Lektionen in Angst und Ungewissheit

Während der Kinovorstellung auf die Toilette zu gehen war für mich absolut tabu. Ich wippte weiter, tippelte mit den Fingerspitzen. Und Harry Potter fand derweil in einer der markantesten Szenen auf der Leinwand ein Tagebuch, das mit ihm sprach, das auf seine gestellten Fragen schriftlich antwortete und ihn dann sogar verschlang und mit ihm in die trügerische Vergangenheit reiste.

Harry Potter und die Kammer des Schreckens

Die Geschichte verschlang mich. Wortwörtlich. Auf einmal war das Zaubererschloss Hogwarts bleich, ausgewaschen, aschfahl, in schwarze und weiße Töne der Vergangenheit gehüllt und geworfen. Als würde man Filmgeschichte begehen können, die es gar nicht gab, nie gegeben hatte; Harry wohnte Momenten bei, die ein dunkles Kapitel von Hogwarts darstellten. Und dann sollte sogar sein liebgewonnener Freund Hagrid der Verursacher und Täter aller unheimlicher Vorkommnisse sein?

Pure Spannung. Überforderung. Das Monster in der Kammer des Schreckens stellte sich dann als eine Spinne heraus. Aber mein Sitznachbar meinte doch, dass es eine Schlange war!? Wieder Überforderung. Noch mehr Überforderung. Ein Dickicht aus Fragen und Angst. Hier konnten also auch Freunde Mörder sein oder Gefahr bringen? Nichts war mehr sicher. Das Urvertrauen wurde in Frage gestellt. Dieser traumatische Perspektivwechsel steigerte meinen Bluthochdruck weiter.

Harry und seine Freunde trieb es dann weiter in den verbotenen und vor allem nebligen Wald, wo sie ein mächtiges Spinnen-Monster stellen wollten und ich ging natürlich mit ihnen. Die Spinne konnte sprechen, sie war keine CGI-Kreatur, sondern war haptisch, haarig, sie war lebendig. In der schon damals sehr digitalen Filmwelt lockte Harry Potter und die Kammer des Schreckens noch mit handgemachten Effekten, hydraulischen Attrappen und mechanisch entworfenen Fantastereien, die sich gekonnt mit denen vom Computer generierten Szenen verbanden.

Harry Potter und das Spiel mit dem Zuschauer

Effekte wurden nicht gezeigt, sondern sie wurden inszeniert, ins Dunkle gerückt, eingebettet in Kompositionen und somit mit Nachhall ausgespielt. Doch dieses Monster, diese Spinne - wie sich dann herausstellte - war auch nicht das mörderische Wesen, das sich in der Schule herumtrieb. Der Film steigerte erneut mein Unbehagen, den peinigenden Grusel, er überlagerte die bunte Märchenwelt mit lustvollem Kitzel.

Und dann näherte sich irgendwann der Showdown, Puzzleteile wurden detektivisch und erzählerisch kunstvoll zusammengesetzt und es zeigte sich, dass sich in den Windungen des Schlosses eine riesige, uralte Schlange verbarg, von der nur in Form einer, als gestrig angesehenen, Sage berichtet wurde. In diesem Moment wurde eine Legende zur Wahrheit. Ein Mythos lebte tatsächlich in den Mauern. Was für ein Bild.

Geschichte, die sich durch die alte Fassade schlug und schlängelte, die das brüchige Gemäuer zum Pochen brachte, Vergangenheit, die lebendig im kalten Stein steckte. Ein Schloss, das atmete. Und Harry konnte diesen Puls hören. Er konnte ihn spüren. War mit ihm verbunden. Ich mochte es kaum glauben. Hogwarts war doch ein Schutzraum. Ein Zuhause. Der Film konfrontierte mich mit Altlasten, mit Verbotenem, mit Verdrängtem. Hogwarts hatte eine Haut. Ein Gewebe. Hogwarts trug ein nie abgelegtes Schuppenkleid.

Und dann begab sich Harry in die Kammer des Schreckens, die im Tiefsten von Hogwarts verschlossen geblieben war. Das ikonischste und wichtigste Harry-Potter-Setting und für mich eines der unvergesslichsten Film-Settings überhaupt: Eine Wasserlache spiegelte unheilvolle Schlangen-Monumente, die zu einem steinernen, mächtigen und riesengroßen Männerkopf in der Mitte führten.

Harry Potter und die Kammer des Schreckens

Es handelte sich bei dem Kopf des Mannes um Salazar Slytherin, der einer der Mitbegründer von Hogwarts war und einer der größten und dunkelsten Magier überhaupt. Vor seinem hausgroßen Kopf lag ein kleines, mit Blut benetztes Mädchen, welches regungslos und blass wie eine Wasserleiche auf dem kalten Boden lag. Visuelle Überforderung. Ein genuines Horrorbild. Pur und klar.

Doch immer noch keine Schlange. Aus dem Nichts kam dann ein hochnäsiger und blasierter Jungspund spaziert, der sich als festgehaltene Erinnerung von Lord Voldemort offenbarte und als solche manifest wurde. Er kam aus dem Tagebuch. Harry hatte mit einer Erinnerung gesprochen, die im Tagebuch festgehalten war. In einem vergifteten und spannenden Monolog ließ diese glasige Erinnerung den Film Revue passieren.

Sie sprach praktisch über den von mir gerade gesehenen Film. Deutete ihn. Sie zeigte mir meine Missverständnisse in Form von Rückblenden auf. Sie war genauso (Film-)Kommentar wie der schriftliche Eintrag in ein Tagebuch. Literatur, die zu Kino wurde, Kino, das literarisch war und seine Sprache fand. Stockender Atem.

Immer noch keine Schlange. Doch die Anspannung stieg in mir weiter. Rowling schrieb und Regisseur Chris Columbus inszenierte ein Theaterstück, ein konzentriertes Kammerspiel, das doch einem explosiven Showdown eines Films dieser Größenordnung zuwiderlief, ihm widersprach. Genüsslich und nahezu erbarmungslos kostete der Film seinen Vorteil aus noch Etwas in der Hinterhand zu haben. Ich krallte mich in den Sitz. Wann nur wurde mein Gefühl aufgelöst?

Harry konnte also mit seinem doch eigentlich schon langen verstorbenen Erzfeind, mit dem bösesten aller bösen Zauberer in Form einer Erinnerung sprechen? Also wurde ein bösartiges – in einem Tagebuch gebanntes - Echo, ein traumatisches Zerrbild, schemenhaft, in gespenstischer, geisterhafter Form, lebendig? Wir waren also in den Därmen eines Schlosses, in den verdrängten Wahrheitskatakomben, um dort durch ein Tagebuch in die Seele und in das Herz eines Bösewichts zu schauen, mit dessen Gedanken es sich auseinanderzusetzen galt? Die Ebenen überschlugen sich.

Harry Potter 2 ist perfektes Filmhandwerk

Und erst ganz zum Schluss löste der Film dann sein Versprechen auf das titelgebende Spektakel ein. Der Film entfesselte seine schlangenhafte Bestie (die übrigens die ausdrucksstärkste der kompletten Reihe ist, weil sie eine brillante Melange aus CGI und Handgemachtem ist), auf die er uns so lange hatte vorbereiten können.

Die Harry aber nicht ansehen durfte, weil er sonst versteinert worden wäre und um dann der Kamera, also dem Zuschauer, also uns, entgegen zulaufen, damit wir für ihn schauten, damit wir seine Augen wurden, damit wir wirklich und einzigartig in das Finale involviert waren, damit unsere Augen ihm helfen konnten. Damit unser Blick und unser Zuschauen nicht umsonst waren. Ein Held, der obwohl er nun am Ziel war noch immer nicht das Monster sehen durfte.

Der Film inszenierte also seinen (nicht nur) digitalen Knalleffekt auf das Eindrücklichste, zog ihn wie einen Joker aus dem Ärmel und zeigte ihn nicht einfach nur. Er war vorbereitet. Kein tosender Overkill des Digitalen, sondern der inszenatorisch sorgfältige Aufbau machten den Schlussakt so wirkungsvoll. Dazu peitschte einem Meisterkomponist John Williams ein, der die Konfrontation in melodramatische, opernhafte Sphären brachte, die dem Set alle Ehre erwiesen. Ultrakunst.

Daniel Radcliffe als Harry Potter

Harry löste die Probleme, die Versäumnisse und die verdrängten Fehler der Erwachsenen. Probleme, Fehler und Versäumnisse, die zu Monstern und Bestien wurden. Harry heilte das Trauma eines Schlosses, einer Gemeinschaft, eines Geheimnisses in einer blutigen Auseinandersetzung, legte die Wunden der Erzählung offen, begab sich in die Seiten der Buchvorlage, des Tagebuchs, wühlte sie auf, sprach mit dem Mythos und seinen mörderischen Auswüchsen, verhandelte sie erst diskursiv und dann kämpferisch.

Er erwachte, er erwuchs. Ich war fassungslos, verzückt und auf eine nachhaltige Weise verzaubert. Am Ende führten seine Taten zu der Rehabilitierung seines Freundes Hagrid, der in der gefühlvollsten Szene der ganzen Serie von allen umarmend und klatschend empfangen wurde. Das warme Gold des Films hatte obsiegt. Schweißnass und glücklich erhob ich mich nach Filmende aus dem Sitz.

Bis heute kenne ich keinen vergleichbaren Film. Ich kenne keinen Film aus einem so hochbudgetierten Franchise-Kontext, der ein Horrorfilm für Kinderaugen ist, der Kinder zu Jugendlichen macht, der Traumata offenlegt und sie mit den Mitteln des Horrorfilms heilt, der Kindern die Intelligenz, den Mut und die Kompetenz zuspricht sich dem Schrecken der Kindertage nicht zu verschließen, sondern ihn anzunehmen, sich ihm zu stellen. Harry Potter und die Kammer des Schreckens ist ein Film, der Kinder ernst nimmt. Ein Novum. Ein Horrorfilm. Für Kinder. Ein Kinderhorrorfilm.

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