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Werner Herzog & das Mysterium der Extreme

Queen of the Desert
© Berlinale
Queen of the Desert
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There is nothing wrong with spending a night in jail if it means getting the shot you need.

- Werner Herzog, Pieces of Filmmaking & Life Advice

Werner Herzog - um diesen Namen ranken sich Sagen und Legenden. Ein Mythos verfolgt den anderen. Wo der deutsche Regisseur eben noch mit vollem Engagement einen Schuh im Kochtopf zubereitete, verschlingt er das entsprechende Fußwerk wenige Minuten später. Und zu diesem Zeitpunkt der Aufbereitung altbekannter Anekdoten ist noch nicht einmal der Name Klaus Kinski gefallen, jene Schauspielfurie, die vor allem mit dem Frühwerk von Werner Herzog in Verbindung gebracht wird. Insgesamt fünf Filme haben die beiden eigenwilligen Künstler zusammen gedreht, namentlich Aguirre, der Zorn Gottes (1971), Nosferatu - Phantom der Nacht (1979), Woyzeck (1979), Fitzcarraldo (1982) und Cobra Verde (1987). Bereits in diesen Werken ist eine Vorliebe von Werner Herzog mehr als präsent: Extreme. Sei es die Extreme eines Klaus Kinskis, sei es die Extreme der Natur oder sei es die Extreme der Gesellschaft: Wer sich mit Werner Herzog einlässt, lässt sich zwangsläufig auf ein Abenteuer der Extreme ein.

Schon 1962 ging in Herakles ein Bodybuilder an die Grenzen seiner Ausdauer. Sprich eine Grenzerfahrung, wie sie sich als roter Faden fortan durch das Schaffen von Werner Herzog ziehen soll. Abseits der Kinski-Kolloborationen erfolgt das Ertasten des Möglichen nicht nur im narrativen Spielfilm. Nein, auch im dokumentarischen Rahmen wagt sich Werner Herzog bis in Die Höhle der vergessenen Träume und ans Ende der Welt. Dazwischen erfolgen Lektionen in Finsternis und auch vor dem Tod in Texas macht der Regisseur keinen Halt, der im Wettbewerb der Berlinale 2015 erneut an einen dieser extremen Orte zurückkehrt. Bereits der Titel scheint prädestiniert für ein Herzog-Werk: Queen of the Desert. Anno 2015 verschlägt es den Filmemacher anlässlich seines Gertrude Bell-Biopics mit Nicole Kidman als titelgebende Protagonistin in den heißen Wüstensand - als hätte die erlebnisreiche Odyssee durch den Amazonas-Dschungel vor über 40 Jahren ihre Fortführung im Geiste erhalten.

Wenngleich die Prämisse sich nach einer Rückbesinnung auf alte Tage anhört, entsagt Werner Herzog jedoch der puren Nummernrevue. Seine Wüstenkönigin - und bereits in dieser Tatsache (der weiblichen Hauptfigur) verbirgt sich ein Novum - mag sich so gar nicht an die Regeln eines schweren Herzogs-Epos halten, denn nach dem überwältigenden Prolog im lebensfeindlichen Dünenmeer schlägt das Tonfall radikal um. So fleißig Klaus Badelt dem musikalischen Unterbau von Lawrence von Arabien nacheifert, so wenig ist Werner Herzog daran interessiert, die gleiche Richtung wie David Lean seinerzeit einzuschlagen. Im Handumdrehen verwandelt sich Queen of the Desert ist einen geradezu altmodischen Kostümfilm, wo Kostüme noch Kostüme sein dürfen und sogar eine platonische Liebesgeschichte in all ihren naiven Facetten ausgelebt werden kann. Ein radikaler Bruch im Œuvre. Regelrecht leichtfüßig, aber genauso selbstbewusst fühlt sich das offensichtlich neue Kapitel in der jüngeren Schaffensphase von Werner Herzog an.

Mit ähnlichem Pepp, mit dem Dominik Graf im vergangenen Jahr Die geliebten Schwestern in ein Dialogfeuerwerk sondergleichen verwandelt hat, tobt sich Werner Herzog in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus. Was dabei besonders auffällt: Im Gegensatz zu früheren Herzog-Protagonisten ist Gertrude Bell eine Heldin, deren Selbstzweifel quasi nicht vorhanden sind. Sie kam, sah und siegte - so in etwa lässt sich ihre Reise durch den Nahen Osten zusammenfassen und dennoch ist Queen of the Desert kein belangloser oder oberflächlicher Film. Tief im Innern verbirgt sich nämlich mehr. Ein unbestimmtes Etwas, das sich am ehesten als Mysterium umschreiben ließe. Und genau um dieses Mysterium geht es Werner Herzog beim Spiel mit den bewegten Bildern, wie er es am Sonntag im Q&A mit Joshua Oppenheimer nach The Look of Silence erneut betonte. Dabei kann es sich einfach um zwei Leguane handeln, die urplötzlich in einem Ausraster wie Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen Nicolas Cage die Show stehlen, oder schlicht der fehlende Blick hinter den Wasserfall in The White Diamond.

Auch mit Queen of the Desert hat Werner Herzog diesen Drang zum Mysteriösen in die Extreme nicht verloren. Und das spannende daran ist, dass er neue Formen und Herangehensweisen ausprobiert, um sich jenen Gegebenheiten des Mysteriösen und des Extremen anzunähern - angefangen bei einem ungeklärten Kartentrick seitens James Franco über die Selbstverständlichkeit von Gertrude Bells Auftreten bis hin zu fragmentarischen Bildern einer kräftezehrenden Wüstendurchkehrung, obgleich die Gewalt der Natur sowie andere Hürden im sonstigen Verlauf der Handlung praktisch nicht vorhanden sind. Das ist alles anderes als "bland and boring". Schön zu sehen, dass Werner Herzog auch in seinem Spätwerk neue Dinge auf ungewohnte Weise ausprobiert und selbige mit altbekannten Facetten seiner Filme problemlos kombiniert. Was da wohl mir Salt and Fire auf uns zukommt?

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