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Brüderliebe

Zwei auf einen Streich im Test zu Brothers: A Tale of Two Sons

Brothers: A Tale of Two Sons
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Brothers: A Tale of Two Sons
18.08.2015 - 16:15 Uhr
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Brothers: A Tale of Two Sons beginnt als verspieltes Märchen und entwickelt sich zu einer düsteren Geschichte über das Erwachsenwerden. Weshalb das Spiel auch mit seiner ausgeklügelten Steuerung überzeugen kann, erfahrt ihr in meinem Review.

Die Brüder Naia und Naiee sehen sich in Brothers: A Tale of Two Sons mit einer unbezwingbar scheinenden Aufgabe konfrontiert. Aus heiterem Himmel wird ihr Vater sterbenskrank und nur magisches Wasser kann sein Leben retten. Dessen Quelle ist allerdings ein mystischer Baum, der weit von ihrem Heimatdorf entfernt ist. Obwohl sich die Situation schwierig gestaltet, verlieren die Geschwister nicht ihren (Lebens-)Mut und machen sich voller Elan auf den Weg. Zu Beginn wirkte Brothers: A Tale of Two Sons derart kindlich-unbeschwert auf mich, dass ich es beinahe zu süß fand. Allerdings weckte die gewitzte Steuerung meinen Ehrgeiz und fesselte mich dann doch an die Geschichte der zwei Brüder, die im Verlauf des Spiels einen deutlich düsteren Kurs einschlägt.

Der Beginn einer risikoreichen Reise

Brothers: A Tale of Two Sons verzichtet nicht nur auf Hilfestellungen wie Karten oder Anzeigen, sondern ebenfalls auf eine verständliche Sprache. Doch was das Puzzle-Adventure für mich wirklich außergewöhnlich macht, ist dessen ausgeklügelte Steuerung. Denn über weite Strecken kontrolliert ihr simultan sowohl Naia als auch Naiee, mithilfe ein und desselben Controllers. Dieser wird in der Mitte geteilt — mit der linken Seite steuert ihr den älteren Bruder Naia, mit der rechten hingegen den jüngeren Naiee. Das lockte zumindest mich aus meiner Komfortzone. Ich für meinen Teil navigiere normalerweise den spielbaren Charakter reflexartig mit dem linken Analog-Stick und passe dabei die Kameraperspektive mit dessen Gegenpart auf der rechten Seite an.

Ein Aspekt der Steuerung erinnerte mich stark an das Action-Adventure ICO, in dem ihr eine Taste gedrückt halten müsst, um eure Begleiterin nicht zu verlieren. Im Fall von Brothers: A Tale of Two Sons fürchtet sich Naiee vor Wasser, weil er hilflos mitansehen musste, wie seine Mutter ertrank. Wenn also Schwimmen auf dem Spielplan steht, müsst ihr auf einer Seite des Controllers beständig eine Taste gedrückt halten, damit Naiee sich an Naia klammern kann. Aufgrund der Steuerung bekommt ihr die enge Verbindung der Geschwister an euren eigenen Händen zu spüren und zumindest ich habe mich während des Spielens gefragt, wie es sich wohl anfühlen mag, wenn einer von ihnen plötzlich nicht mehr da ist.

Weil Naiee Angst vor Wasser hat, kann er nicht schwimmen

Die Geschichte von Brothers: A Tale of Two Sons stammt aus der Feder des Drehbuchatoren und Regisseurs Josef Fares (Jalla! Jalla!, Kops), der erstmals an einem Videospiel arbeitete. Er ließ nicht nur autobiographische Elemente, sondern auch Fragmente seiner Muttersprache in das Puzzle-Adventure einfließen. Dass die Figuren eine Art Fantasie-Sprache sprechen, springt bereits während der ersten Minuten des sofort ins Auge oder vielmehr ins Ohr. Laut Josef Fares handele es sich dabei um eine Abwandlung des Arabischen. Folglich müsst ihr euch vollständig auf Gestik und Mimik der Figuren verlassen, um zu verstehen, was geschieht. Auch dieser Aspekt trägt in meinen Augen zur Einzigartigkeit des Spielerlebnisses bei.

Die Spielumgebung, in der ihr euch auf der Suche nach einem Heilmittel begebt, ist hingegen von Skandinavien inspiriert. Dorthin wanderte der assyrisch-aramäische Künstler im Alter von zehn Jahren mit seiner Familie aus. Außerdem wurde Brothers: A Tale of Two Sons unter anderem von der nordischen Mythologie beeinflusst. Deshalb gehören Trolle, Geister, Riesen und unsichtbare Monster zur Ingame-Realität wie hochaufragende Gebirgsketten oder Burgruinen.

Dieser Troll gehört zu den freundlichen Vertretern seiner Art

Sowohl die beiden Protagonisten als auch die Spielumgebung wurden mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Die Geschwister unterscheiden sich in ihren Wesensarten enorm voneinander. Während der Jüngere oft Schabernack treibt, verfolgt der Ältere zumeist einen pragmatischen Ansatz. Ingame könnt ihr diese verschiedenen Herangehensweisen erleben, indem ihr mit Personen oder Gegenständen interagiert, die aufgrund des Fehlens jeglicher Anzeigen allerdings manchmal schwer zu finden sind.

Doch auch abseits des gleichermaßen strapazenreichen wie aufregenden Weges zur Beschaffung des Heilmittels bietet euch die detailreich gestaltete Welt von Brothers: A Tale of Two Sons kleine Geheimnisse. Ihr könnt beispielsweise Baby-Schildkröten retten oder einen verzweifelten Mann vor dem Suizid bewahren. Dadurch erhaltet ihr nicht nur Achievements, sondern werdet außerdem Zeugen kleiner Kurzgeschichten, die sich durch das gesamte Spiel ziehen. Das treibt zwar nicht die Hauptgeschichte voran, macht aber für mich einen großen Teil des Charmes von Brothers: A Tale of Two Sons aus.

Um das Puzzle-Adventure meistern zu können, müsst ihr ständig am Ball bleiben. Nicht nur die fehlenden Anweisungen, sondern auch die Fantasie-Sprache und die ungewöhnliche Steuerung machen dieses Puzzle-Adventure zu einer kleinen Herausforderung. Das sich selten wiederholende Gameplay stellt euch außerdem immer wieder vor neue Aufgaben und zeigt euch unterschiedliche Perspektiven der märchenhaften Welt. Mal muss Naia seinen Bruder Naiee mithilfe eines Katapults über eine Mauer befördern, mal schlagt ihr euch mit den Geschwistern durch ein Schlachtfeld voller im Krieg gefallener Riesen oder müsst euch auf Schafsrücken schwingen, um abgelegene Areale zu erreichen. Falls ihr irgendwann wirklich einmal nicht weiterkommt, kann euch Naia aber glücklicherweise einen Wink in die richtige Richtung geben.

Dieses blutige Schlachtfeld voller Riesen ist mein persönliches Highlight

Zu meinen Kritikpunkten gehören die etwas schwerfällige Kamera, die fehlende narrative Tiefe sowie die geringe Spieldauer. Obwohl ihr die Kamera eigenmächtig einstellen könnt, tendiert sie dazu, die Brüder so zu positionieren, dass sie sich auf ihren korrespondierenden Controller-Seiten befinden. Naia also links, Naiee hingegen rechts. Dadurch kann die Spielumgebung schnell schwer einsehbar werden, was mich an einigen Stellen von Brothers: A Tale of Two Sons frustrierte. In meinen Augen war außerdem die Spielzeit von rund drei Stunden zu kurz. Sie entriss mir das Puzzle-Adventure an einem Punkt, an dem mir Steuerung sowie Geschichte einfach Lust auf mehr machten. Leider schwächelt auch die Geschichte des Spiels ein wenig. Denn mir wurde nicht offenbart, warum das Wasser des magischen Baums das richtige Heilmittel für den Vater der Geschwister ist. Ähnlich ergeht es den Schicksalen der Charaktere, deren Bekanntschaft ich während des Spielverlaufs machte. Sobald sich ihre Wege von dem der Brüder trennten, verschwanden sie zu meinem Bedauern aus dem narrativen Fokus des Spiels.

Fazit

Die ausgeklügelte Steuerung, die den Controller unter den zwei Geschwistern aufteilt, das abwechslungsreiche Gameplay, die liebevoll gestalteten Protagonisten und die detaillierte Spielumgebung machen Brothers: A Tale of Two Sons zu einem charmanten Indie-Titel.

Allerdings führt die schwergängige Kamera manchmal dazu, dass die Spielumgebung nur schwer eingesehen werden kann und auch die geringe Spieldauer wird diesem herausfordernden Puzzle-Adventure nicht gerecht. Unerfreulicherweise werden im Spiel außerdem einige interessante Nebenfiguren eingeführt, auf deren Geschichten aber leider für meinen Geschmack zu wenig eingegangen wird.

Brothers: A Tale of Two Sons wurde uns in Form eines PS4-Downloadcodes zur Verfügung gestellt.

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