"Ein ganz anderes Level": Planet der Affen 4-Regisseur Wes Ball verrät, wie er einen der größten Sci-Fi-Blockbuster des Jahres gedreht hat

10.05.2024 - 16:30 UhrVor 13 Tagen aktualisiert
Planet der Affen: New Kingdom
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Wie dreht man einen Film mit sprechenden Affen auf Pferden? Regisseur Wes Ball hat sich für Planet der Affen: New Kingdom einiges bei Avatar abgeschaut. Im Interview spricht er über die Entstehung des Sci-Fi-Blockbusters.

Eigentlich hatte Wes Ball ganz andere Pläne. Nachdem er die Arbeit an der Maze Runner-Trilogie erfolgreich beendet hatte, wollte er in das Fantasy-Universum der Comic-Reihe Mouse Guard eintauchen und die Geschichte der tapferen Mäuse-Bruderschaft auf die große Leinwand bringen. Kurz vor Drehbeginn ging das 170 Millionen US-Dollar teure Projekt jedoch aufgrund des Disney-Fox-Mergers in die Brüche.

Drei Jahre hatte Ball in die Entwicklung des Stoffs gesteckt. 2019 stand er vor einem riesigen Scherbenhaufen aus Konzeptzeichnungen und Testaufnahmen und hatte keine Ahnung, wie seine Regiekarriere weitergeht. Genau in diesem hoffnungslosen Moment offenbarte sich ihm eine unerwartete Möglichkeit: die Inszenierung des nächsten Teils der Planet der Affen-Reihe – eines der ikonischsten Sci-Fi-Franchises.

Basierend auf Pierre Boulles gleichnamiger Romanvorlage kam 1968 der erste Planet der Affen-Film ins Kino. Es folgten vier Fortsetzungen sowie eine umstrittene Neuverfilmung von Tim Burton im Jahr 2001. Mit Planet der Affen: Prevolution startete eine Dekade später die von Rupert Wyatt (Teil 1) und Matt Reeves (Teil 2 und 3) inszenierte Reboot-Trilogie. Und an diese Trilogie schließt nun Planet der Affen: New Kingdom an.

Der Trailer zu Planet der Affen: New Kingdom:

Planet der Affen: New Kingdom - Trailer (Deutsch) HD
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Ehe sich Ball versah, hantierte er mit digitalen Affen statt digitalen Mäusen. Doch wie dreht man den zehnten Film einer Sci-Fi-Reihe, die sich mehrmals neu erfunden hat? Ball und sein Team mussten kreative wie logistische Herausforderungen meistern. Unterstützung gab es aus James Camerons Lager, der mit Avatar: The Way of Water dem neuen Planet der Affen-Film den Weg geebnet hat, wie Ball im Interview verrät.

Moviepilot: Lass uns ganz am Anfang anfangen. Wie bist du zu Planet der Affen: New Kingdom gekommen?

Wes Ball: Ursprünglich hatte ich zusammen mit Matt [Reeves] an Mouse Guard für 20th Century Fox gearbeitet. Das war während der Zeit, in der der Disney-Fox-Merger passierte, und unser Film kam dabei unter die Räder. Vielleicht werde ich eines Tages in diese Welt zurückkehren, aber damals war ich ziemlich niedergeschlagen. Dann kam das neue Fox-Studio auf mich zu und sagte: "Du hast doch bei Mouse Guard mit der Motion-Capture-Technologie gearbeitet und alles von Matt gelernt, was er bei den Affen-Filmen an Erfahrung gesammelt hat. Was würdest du mit dem nächsten Teil machen?"

Hast du direkt zugesagt oder hattest du noch Hoffnung, dass Mouse Guard doch noch irgendwie gerettet werden kann?

Zuerst war ich mir unsicher. Ich habe mir eine Woche Zeit genommen, um über das Angebot nachzudenken. Dann habe ich mit [meinem Produzentenpartner] Joe Hartwick ein paar Ideen hin- und hergespielt und mir wurde klar, dass ich nicht wirklich an einem vierten Teil interessiert bin. Stattdessen wollte ich ein neues Kapitel aufschlagen und herausfinden, wie es sich in die vorherige Geschichte einbettet. Es gibt jetzt zehn Planet der Affen-Filme. Wo wäre da unser Platz im Vermächtnis des Franchise? Das war mein Ausgangspunkt. Daraufhin habe ich mit Rick [Jaffa] und Amanda [Silver] gesprochen, die die Reboot-Trilogie produziert und die ersten beiden Teile geschrieben haben. Sie waren allerdings skeptisch und sagten nur: "Moment, haben wir das gerade nicht erst getan?"

Jetzt sind sie trotzdem als Produzent:innen im Abspann von New Kingdom gelistet. Wie konntest du sie mit deinen Ideen überzeugen?

Letztendlich sind wir einfach ins Gespräch gekommen. Sie sagten: "Wir haben gerade Avatar mit Josh Friedman geschrieben, du solltest dich unbedingt mit ihm unterhalten. Er ist der perfekte Drehbuchautor für den Film, den du drehen willst." Also habe ich mich mit Josh getroffen und ihm meine losen Ideen erzählt. Er hat die dann alle in einer Geschichte zusammengeführt und sich den Fahrplan das neue Kapitel ausgedacht. Ein Jahr lang haben wir an den Details des Drehbuchs gearbeitet und es in eine verfilmbare Form gebracht. Als wir endlich grünes Licht hatten, sind wir nach Australien gegangen und haben dort den Film gedreht. Das war vor ungefähr zweieinhalb Jahren.

Planet der Affen: New Kingdom

Haben es alle deiner ursprünglichen Ideen ins Drehbuch geschafft?

Nein, wir hatten viele Ideen, deren Umsetzung wir uns nicht leisten konnten. [lacht]

Kannst du mir ein Beispiel nennen?

Ich hatte mir ein riesiges Action-Set-Piece ausgedacht. Im Grunde wollte ich die beste Verfolgungsjagd mit Pferden drehen, die es jemals im Kino zu sehen gab. In der Sequenz wäre Mae von einem Affen auf dem Rücken der Pferde zum nächsten gereicht worden. In meinem Kopf war das richtig cool, weil es in den Trümmern eines Autobahnkreuzes stattgefunden hätte – mit all den verschlungenen Ebenen und mächtigen Strukturen, die eingestürzt wären. Es war richtig abgefahren, aber wir konnten es uns nicht leisten. Die Sequenz war einfach zu groß, zu viel, zu teuer. Also mussten wir sie streichen, genauso wie viele andere kleinere Szenen. Wir hatten viel zu viele Ideen für einen Film. Ich kann dir leider nicht verraten, was das für Szenen waren, weil wir sie vielleicht in zukünftige Filme einbauen werden, wenn es nach diesem hier weitergeht.

Du hast bereits die Motion-Capture-Technologie angesprochen. Der Cast trägt graue Anzüge mit Referenzpunkten, die später am Computer in die Affen umgewandelt werden. Wie genau kann ich mir die Dreharbeiten zu so einem Film vorstellen?

Die Dreharbeiten waren sehr knifflig. Ich wusste, dass es nicht leicht wird, wenn ich mich auf einen Blockbuster wie diesen einlasse. Ich verfüge zwar über ein bisschen Erfahrung im Bereich der visuellen Effekte, aber das hier war ein ganz anderes Level. Jetzt habe ich eine völlig neue Wertschätzung für das, was Rupert [Wyatt] und Matt [Reeves] geschaffen haben. Diese Filme sind unglaublich schwer zu machen. Die meiste Zeit über haben wir aber tatsächlich an echten Schauplätzen gedreht und echte Sets gebaut. Natürlich werden viele dieser Sets später digital erweitert. Wir legen mehrere Ebenen an visuellen Effekten über die Aufnahmen. Aber es ist wichtig, dass wir mit etwas anfangen, das sich echt anfühlt. Nicht zuletzt wird das Set schnell abstrakt, wenn die Schauspieler in ihren grauen Motion-Capture-Anzügen mit den Ping-Pong-Bällen kommen. Sie haben kleine Punkte im Gesicht und Kameras, die ihre Performance aufzeichnen. Trotzdem drehen wir das wie einen normalen Film. Wir müssen sie uns nur als Affen vorstellen.

Aber ist das nicht extrem schwer, bei so vielen verfremdenden Elementen ein Gefühl für den Film zu behalten?

Das Schwierigste war, dass wir mit einer aktiven und spontanen Kamera gearbeitet haben – also sehr viel Handkamera mit komplexen Bewegungen. Es kam alles auf das Timing an. Zuerst haben wir die Szenen mit den Schauspielern gedreht und sind mit der Kamera ihren Bewegungen gefolgt. Dieses Material dient später als Grundlage für die Animation der Affen. Wenn wir damit zufrieden waren, haben wir die Szene erneut gedreht – dieses Mal ohne die Schauspieler. Das bedeutet, dass der Kameramann die Bewegung mit demselben Timing nochmal hinkriegen muss. Im Frame fehlt aber jegliche Referenz. Der Kameramann muss genau wissen, wo die Schauspieler eben gestanden haben und wo sie gleich stehen werden – und genau dann muss er den Schwenk machen, damit wir später die beiden Versionen am Computer zusammenfügen können. Für gewöhnlich macht man das mit Motion-Control-Kameras, die bis ins kleinste Detail programmiert werden können, aber wir hatten keine Zeit dafür. Es dauert Stunden. Deswegen haben wir nach Bauchgefühl gearbeitet. In den meisten Fällen hat es funktioniert, aber es war nicht einfach.

Hast du immer nur mit einer Kamera gefilmt oder mit mehrere wie Ridley Scott, der zuletzt bei Napelon bis zu elf Kameras gleichzeitig hat laufen lassen, um in kürzester Zeit so viel Material wie möglich zu drehen?

Meistens filme ich nur mit einer Kamera, manchmal habe ich auch eine zweite. Und dann haben wir immer diesen riesigen Truck am Set, in dem sich die Computer und Festplatten befinden, wo wir die ganzen Daten speichern. Diesen Organisationsaufwand muss man immer mitdenken. Das war bei Planet der Affen deutlich mehr als bei einem normalen Film. Bei Maze Runner habe ich zum Beispiel 30 bis 40 Setups am Tag geschafft. Hier waren es höchstens zehn. Man muss wirklich effizient und sorgfältig arbeiten. Jeden Tag hat man das Gefühl, man würde die Schlacht verlieren, weil man nicht die Einstellung bekommt, die man will. Zum Glück habe ich eine Splinter-Crew, die ich einfach losschicken kann, wenn ich was Interessantes sehe. "Hey, seht ihr diesen Wald da drüben, könnt ihr das schnell filmen?" Das hat uns ein paar Mal gerettet. Die Aufnahmen sind großartig geworden. In der Post-Produktion haben wir noch einen Affen auf einem Pferd hineingesetzt.

Planet der Affen: New Kingdom

Wie lange dauert es nach dem Dreh, bis der Film dann fertig ist?

Sobald wir im Schneideraum angekommen sind, schauen wir uns die Aufnahmen an und filtern die Versionen heraus, die am besten zusammenpassen. Ein Take hier, eine Einstellung da. Im Endeffekt erfindet man den Film in der Post-Produktion nochmal neu. Eineinhalb Jahre haben wir damit verbracht, das, was du jetzt im Kino siehst, aus unzähligen Einzelteilen zusammenzusetzen. Irgendwann kommst du an den Punkt, an dem sich Affen durchs Bild bewegen, atmen und reden, als wären sie echte Lebewesen. Ich kann gar nicht genug betonen, was für eine unglaubliche Arbeit das Team geleistet hat. Nicht nur bei den Affen: Gerade das Wasser war eine große Herausforderung, die wir ohne die Vorarbeit von Avatar vermutlich nicht gemeistert hätten.

Was würdest du sagen, ist am Ende das Verhältnis zwischen "echten" und digital bearbeiteten Aufnahmen?

Wie gesagt, wir haben an vielen Schauplätzen gedreht, die wirklich existieren. Im fertigen Film befinden sich aber 30 bis 40 Minuten, die komplett am Computer entstanden sind. Alle Umgebungen, alle Figuren wurden in diesen Szenen mit computergenerierten Effekten erstellt. Da bewegen wir uns eindeutig im Fahrwasser von Avatar und hoffen, dass das Publikum den Unterschied nicht bemerkt. Dieser Baum? Der ist nicht echt! Und dieser Hintergrund auch nicht. Wir hätten es uns nicht leisten können, all das zu bauen. Es wäre zu kompliziert und aufwendig geworden. Aber am Ende hat die Kombination sehr viel Spaß gemacht. Ich wollte schon immer einen großen Motion-Capture-Film drehen und austesten, wie weit ich gehen kann. Man hat bei diesem Prozess viele Freiheiten, um eine Welt zu schaffen, in der man sich im Anschluss austoben kann.

Hast du je überlegt, den Film im Volume zu drehen wie The Mandalorian?

Nicht wirklich. [Das Team von The Mandalorian] war so freundlich und hatte mich ans Set eingeladen, damit ich mir anschauen konnte, wie sie das Volume einsetzen. Für unsere Zwecke war es aber nicht das Richtige. Wir mussten bei unserem Film sowieso schon so viel am Computer austauschen, dass ich nicht noch mehr mit digitalen Hintergründen arbeiten wollte. Ich wollte am Set sein und mich von der Umgebung inspirieren lassen. Denn genau dann bekommt man die tollen Bilder, die man am wenigsten erwartet. Ich finde es beim Filmemachen wichtig, ein Gefühl für Spontanität zu wahren. Gerade bei einem Blockbuster, der ansonsten in klar definierten Prozessen gefangen ist. Am Set von The Mandalorian fühlte ich mich eher beschränkt. Alles muss bis ins kleinste Detail vor dem Dreh geplant werden. So viel Zeit stand uns nicht zur Verfügung. Es ist definitiv eine spannende Technologie, aber man muss sie richtig einsetzen.

Wenn du sagst, dass 30 bis 40 Minuten komplett aus dem Computer stammen, habt ihr bei dem Film auch auf KI-Unterstützung zurückgegriffen?

Nein, bei diesem Film nicht. Ich kriege die Entwicklungen rund um KI mit und probiere ab und an ein paar Sachen aus. Bei einem Film wie Planet der Affen würde KI vermutlich aber nur in der Planungsphase zum Einsatz kommen, wenn es darum geht, bestimmte Szenen vorab zu visualisieren. KI ist in meinen Augen kein Werkzeug für die finalen Bilder. Aber wer weiß, was in der Zukunft passiert. Es entwickelt sich wahnsinnig schnell. KI wird nicht verschwinden. Und wir müssen lernen, wie wir damit umgehen und was das für uns als Kunstschaffende bedeutet. Vielleicht erleichtert uns KI, die Ideen und Bilder, die wir beim Filmemachen im Kopf haben, mit anderen zu teilen. Vermutlich wird es aber sehr chaotisch und kompliziert, bis wir herausgefunden haben, wie wir wirklich am besten mit der Technologie umgehen. Aber es wird definitiv passieren, denke ich.

Planet der Affen: New Kingdom läuft seit dem 8. Mai 2024 im Kino.

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