Wissenschaftlich betrachtet

Inferno, Outbreak & Co. - Wie viel Wahrheit steckt in Seuchenfilmen?

Oubreak
© Warner
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Gestern startete mit Inferno die neueste Dan Brown-Verfilmung von Ron Howard in den deutschen Kinos. Hier muss Tom Hanks die Freisetzung eines tödlichen Virus verhindern, um die Weltbevölkerung zu retten. Eine solche drohende oder ausgebrochene Virusepidemie wird in Seuchenthrillern wie Contagion und Outbreak gern thematisiert, als Zombievirus haben sie Horror-Kultstatus. Welche wissenschaftlichen Märchen dem Zuschauer hierbei erzählt werden, wer mit gutem Beispiel vorangeht und warum Viren wirklich eine globale Bedrohung sind, will ich euch zeigen. Dieser Artikel stammt nämlich aus der Feder der redaktionseigenen Biologiestudentin und Praktikantin. Betrachtet diesen Artikel also als "Eine Biologiestudentin schaut Filme - Spezial".

Ein kurzes Wort für alle Zombiefreunde
Viren wie die Übeltäter in 28 Days Later oder ähnlichen Streifen sind in dieser Form ein Fantasiekonstrukt. Allerdings gibt es wenige Einzelaspekte, die Viren tatsächlich auslösen können. Einige Viren können auf das menschliche Gehirn übergreifen und z.B. eine Hirnhautentzündung entfachen sowie erhöhte Reizbarkeit oder Halluzinationen. Sehr prominent ist das Tollwut-Virus (Rabies), welches sich seinen Namen durchaus verdient.

Was seltener Erwähnung findet, aber auch ins Schema passt, ist die von Prionen verursachte Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. Prionen sind nicht direkt Viren, können aber genauso ansteckend sein. Sie sind so etwas Ähnliches wie Proteine und tauchen in gesunder Form im menschlichen Körper z.B. im Gehirn auf. Das Problem bei Prionen ist, dass mutierte Exemplare andere Prionen dazu anregen, sich zusammenzuschließen und als für den Körper unbrauchbares Material abzulagern. Durch die Ablagerungen können Hirn- und Nervenzellen geschädigt werden. Die Nervenschädigung bewirkt bei manchen Creutzfeldt-Jakob-Patienten wirklich das Bild lebender Toter (bevor sie zu popkulturellen Hirnfressern wurden): der sogenannte "akinetische Mutismus" ist eine mögliche Folge der Hirnschädigung. Der Betroffene zeigt weder Motivation, zu sprechen (Mutismus = psychisch bedingte Stummheit), noch sich zu bewegen (Akinese = krankhafte Bewegunglosigkeit). Dabei ist er aber trotzdem bei Bewusstsein und wach. Creutzfeldt-Jakob ist leider genauso wenig heilbar wie ein Zombievirus.

Die Märchen der Seuchenfilme
In Filmlabors wird viel durch Lichtmikroskope geschaut, um Viren zu untersuchen. Aber, wie in Der Sinn des Lebens von Monty Python erklärt wurde: "Ein Virus ist, was wir Fachleute als sehr, sehr klein bezeichnen." Viren sind nur einen winzigen Bruchteil so groß wie die ohnehin schon winzigen Bakterien und lassen sich nur unter speziellen Elektronenmikroskopen oder mittels Kernspinresonanz sichtbar machen. Ein Lichtmikroskop hilft hier etwa so viel wie eine Lesebrille beim Untersuchen eines Bakteriums. Auch lässt sich mithilfe eines Elektronenmikroskop-Bildes ein Virus noch lange nicht analysieren. Dustin Hoffman und Kevin Spacey vergleichen am Wendepunkt von Outbreak zwei Bilder (im übrigen einfach nur Ebola-Aufnahmen). Dabei stellen sie fest, dass die Ränder des neueren Virus fransiger sind als die des älteren. Das muss eine mutierte Proteinstruktur sein! Ja, Viren mutieren schnell. Allerdings sind sie auch so klein, dass selbst elektronenmikroskopische Aufnahmen sehr vage sind und gerade einmal zur groben Einordnung taugen. Dieser "Erkenntnisgewinn" ist in etwa mit CSI: Miami zu vergleichen, wenn auf einem schwammigen Überwachungskamera-Bild plötzlich bei fünfmaligem Zoomen ein Nummernschild sichtbar wird. Eine veränderte Proteinstruktur ist ein Unterschied, der mittels chemischer Analysen und spezieller Methoden nachgeprüft werden müsste.

Wer einen annähernd korrekten Labor-Film sehen will, sollte niemals zu Virus Outbreak - Lautloser Killer greifen. In dem hat ein Virus eine Inkubationszeit von zehn niedlichen Minuten (die 24 Stunden in Outbreak sind schon schnell) und die Protagonistin ätzt mit einer Ladung Schwefelsäure einen Türgriff weg (wobei sie direkt die entstehenden Dämpfe einatmen und kurz darauf Blut husten müsste). Die größte Lüge des Films ist jedoch das angerührte Heilmittel, für das lediglich 40 Minuten benötigt werden. In einem technisierten Verfahren in der Fabrik mag das eventuell möglich sein. Aber bei organischer Chemie von Hand dauert so etwas schon erheblich länger. Wer schon einmal einen Kuchen gebacken hat, weiß, dass man selbst hier zum Abwiegen, Schokolade hacken etc. mindestens eine Stunde braucht. Im Labor muss jedes Milligramm genau abgewogen, Verhältnisse berechnet, bestimmte Temperaturen beachtet und der Versuch oft ständig überwacht werden. Als Orientierungshilfe: Aspirin bzw. dessen Wirkstoff Acetylsalicylsäure per Hand herzustellen nimmt bei gründlicher Arbeit mindestens drei Stunden in Anspruch. Für ein Krebs- bzw. Virusheilmittel dürfte da noch erheblich mehr Zeit benötigt werden, zumal dessen Wirkung ausgiebig getestet werden muss. Auch in Outbreak ist mit dem immunen Wirt innerhalb von gefühlt einer Stunde ein Heilmittel geschaffen. Eine knappe Woche würde eher hinkommen.

Musterschüler Steven Soderbergh
Contagion von Steven Soderbergh stellt einige Film-Märchen der Virenwelt richtig. Wissenschaftlich korrekt erklärt z.B. Kate Winslet in Contagion, dass ein Virus nicht jeden befallen muss, der damit in Kontakt kommt. Genauso wird berücksichtigt, dass nicht nur Leute ansteckend sind, die bereits Symptome zeigen. Bis ein Virus im menschlichen Körper eine Reaktion hervorruft, vergeht eine gewisse Zeit - weitergegeben werden kann das Virus währenddessen aber meist trotzdem. Auch die Herstellung des Impfstoffes nimmt realistisch viel Zeit in Anspruch und ist hervorragend erklärt.

Zudem ist das Virus im Film rundum durchdacht: Es ist eine Neukombination aus Fledermaus- und Schweinevirus. Das klingt schräg, ist aber tatsächlich keine Fantasterei. Gerade bei Grippeviren ist eine Übertragung und Neukombination vieler Säugetier-Erreger gut möglich. Schweine sind da eine Hauptgefahrenquelle, weil sie für Viren anfällig sind, die leicht auf den Menschen übertragen werden. Fledermäuse wiederum bilden eines der größten natürlichen Virenreservoirs überhaupt (so stammt beispielsweise Ebola mit hoher Wahrscheinlichkeit von Flughunden). Contagion orientiert sich also an der Schweinegrippe, was auch zur Beschreibung der Gestalt des Virus passt: Seine Morphologie (= äußere Form) wird als rundlich und umhüllt beschrieben. All diese Merkmale treffen auch auf Grippeviren zu. Ebenso stimmig sind die Symptome, die die Befallenen im Film zeigen und der langsame Anlauf der Grippewellen. Denn ein Virus verbreitet sich, falls nicht kontrolliert, zwar schnell, aber sicherlich nicht innerhalb von zwei Tagen über die ganze Welt mit Tausenden von Opfern. Die anfänglichen zwei, drei Toten bei Soderbergh malen da ein realistischeres Bild. Zuletzt wird Grippeimpfstoff über die Nasenschleimhaut aufgenommen - wie auch in Contagion.

Warum die Virusapokalypse trotzdem keine ferne Zukunftsvision ist
Bis ein Walking Dead-Virus die Menschheit in fleischfressende Monster verwandelt, dürfte die Tollwut noch ein paar tausend Mutationen durchmachen müssen. Dass es aber eines Tages irgendein Virus schaffen wird, die Menschheit in eine mittelschwere, globale Krise zu stürzen, ist leider keine reine Fiktion. Viren bereiten der Wissenschaft jetzt schon Schwierigkeiten. Großes Problem ist die Globalisierung: Touchscreens überall erhöhen das Infektionsrisiko, Virustragende können innerhalb weniger Stunden um den Globus reisen. Die Vernetzung der Welt bewirkt zudem, dass Tierviren durch die Verschleppung oder den Verkauf von exotischen Tieren an den Menschen gelangen. Wie oben beschrieben, kommt es dabei leicht zu Rekombinationen und schon ist ein neues Virus geboren, bei dem die Ärzte von vorne anfangen müssen.

Der Klimawandel sorgt für die Vermehrung von Wirtstieren wie Moskitos und stört gleichzeitig die Krankheitsresistenz von Wildtieren. In den boomenden Städten nimmt die Plage durch den Krankheitsüberträger namens Ratte zu. Bei einer tatsächlichen Pandemie müssen sich alle Beteiligten verantwortungsvoll verhalten, statt möglichst nah an den Schreckensschauplatz zu kommen, um mit dem Smartphone zu filmen. Viele gefährliche Viren konnten bereits ausgerottet werden, indem der Impfstoff weltweit verfügbar gemacht wurde. Doch Impfgegner und Dritte-Welt-Länder stellen große Sicherheitslücken dar. Wo sich ein Virus ungehindert vermehren kann, kann es auch mutieren, um sich an neue Bedingungen anzupassen. Ein ewiges Wettrüsten zwischen Erreger und Wirt, das wir mit etwas Pech eines Tages verlieren werden. Das alles ist keine Vorhersage des Weltuntergangs, sondern vielmehr eine Warnung, dass wir uns viele Probleme selbst zuzuschreiben haben. Die Wissenschaft macht täglich Fortschritte und sichert uns weitestgehend ab, aber die Natur lässt sich nicht beherrschen.

moviepilot Team
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"I'd be lost without my blogger." Ich blogge zwar nicht für Sherlock, aber immer gerne für euch ;)

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