Nach ES 2: Netflix' Im hohem Gras ist euer Horror-Mindfuck fürs Wochenende

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Im hohen Gras
04.10.2019 - 10:55 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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ES Kapitel 2 läuft noch im Kino, da bringt Netflix das surreale kleine Horror-Brüderchen der Stephen King-Verfilmung raus. Lest hier, was euch bei Im hohen Gras erwartet.

Ein Geschwisterpaar verläuft sich im hohen Gras des Mittleren Westens der USA und der Horror beginnt. So simpel ist die Ausgangsidee der gleichnamigen Kurzgeschichte von Stephen King und Sohnemann Joe Hill, die im neuen Netflix-Film Im hohen Gras auf Spielfilmlänge gestreckt wird.

Der beste Vergleich für den neuen Horror-Eintrag im Katalog des Streaming-Dienstes ist allerdings nicht der noch im Kino laufende ES Kapitel 2, sondern eine andere Netflix-Produktion: In seinem Konzept erinnert Im hohen Gras an Mike Flanagans Das Spiel, der Carla Gugino an ein Bett fesselte und auf engstem Raum ihre Vergangenheit und unsere Nerven ausdehnte.

Haben wir es hier mit einem eigenen Netflix-Genre zu tun, das den aufgeblasenen Kino-Budgets von Blockbuster-Horror wie ES Grusel auf engstem Raum für daheim entgegenhält? Im hohem Gras liefert mit seiner effizient inszenierten Öko-Kulisse, den alptraumhaften Thrills und einem wahnsinnig am Rad drehenden Patrick Wilson jedenfalls Argumente für mehr kleinformatigem Grusel dieser Art.

Nach ES 2 kommt Im hohen Gras: Mindfuck-Horror im Grünen

Vincenzo Natali adaptierte die Kurzgeschichte für Netflix und scheint dank seiner Vita wie geboren für den Posten. Seinen Durchbruch feierte er immerhin mit dem kanadischen Kultfilm Cube von 1997, der eine Gruppe Fremder auf engstem Raum brutalen Fallen auslieferte - ganz ohne einen Jigsaw als Spielmeister.

In Im hohen Gras zieht sich das harmlose Grün am Wegesrand langsam zusammen, bis es den turmhohen Wände eines Brunnens gleicht, aus dessen Tiefen Hilfeschreie tönen.

Patrick Wilson in Im hohen Gras

Die hören die Geschwister Becky (Laysla De Oliveira) und Cal (Avery Whitted) bei ihrer Fahrt übers leere, platte Land. Beide achten nicht weiter auf die verstaubten Autos, die bereits vor einer baufälligen Kirche stehen, und geben ihrem inneren Samariter nach.

Die schwangere junge Frau und ihr überfürsorglicher Bruder verlieren sich zwischen den hohen Halmen, bis Hilferufe zu Schreien werden und irgendwann Patrick Wilsons Gesicht im grünen Inferno aufscheint, mit einem Grinsen, das Jack Torrance gefallen würde.

Die schlanke Story von Stephen King und Joe Hill bot bereits Ansätze brutal-surrealer Horror-Explosionen. Natali erweitert die Geschichte diesen Wegweisern folgend zu einem Zeit und Raum biegenden Mindfuck, der sich aus dem einfachen Konzept wie eine verschnörkelte giftgrüne Blüte erhebt.

Basismaterial sind die zwei bis drei Meter hohen Halme, ein Dschungel im Herzen der USA, wo sonst Mais und Baseballspieler wachsen. Ähnlich wie in den Weiten von S. Craig Zahlers Western Bone Tomahawk lauert in diesem "Heartland" eine dunkle, archaische Macht, die sich an fremden Körpern nährt.

Ihre Präsenz wird in Im hohen Gras äußerst effektiv durch das labyrinthische Feld suggeriert, das den Horizont zu verschlucken droht. Seine Spitzen wogen unter dem blauen Himmel, bis man nicht mehr so sicher ist, ob der Wind sie führt oder sie selbst atmen.

Patrick Wilson ist das große Highlight von Netflix' Im hohen Gras

Eine Urangst manifestiert sich in diesem Netflix-Feld des Horrors und über weite Strecken wird sie von den Männern im Cast gefüttert, die ganz besonders von dem wilden Grün angezogen werden. Allen voran steht Patrick Wilson, der bereits in der Insidious-Reihe einen gewöhnlichen Mann beim Stolpern über die Grenze des Wahnsinns spielte.

Wilson singt, droht und predigt in Im hohem Gras, als ginge es um sein Leben, vor allem aber um unsere Unterhaltung, welche den anderen Castmitgliedern anscheinend weniger am Herzen liegt.

Laysla De Oliveira in Im hohen Gras

Sie alle geben ihr Bestes, wenn es darum geht, sich in Anstrengung und Sorge zu ergehen. Für Wilson gilt allerdings dasselbe wie für den ganzen Film. Am besten ist Im hohen Gras, wenn er erzählerisch freidreht, sich von der drohenden "Moral von der Geschicht" löst und sich dem gräsernen Dschungel in seinem Herzen hingibt.

Dann tobt sich Vincenzo Natali mit seinen Alptraumbildern aus, legt mal eben mit einem Schwenk Tage und Wochen übereinander, um zur nächsten Horrorvision zu gelangen. Dass die saubere Lösung her muss, die Ratio also obsiegen muss, gehört denn auch zu den größeren Enttäuschungen des Films.

Andererseits grenzt diese ausholende Erzählbewegung auf beschränktem Raum Im hohem Gras von einer Channel Zero- oder Twilight Zone-Episode ab. Es ist dann doch ein Film, den Vincenzo Natali gedreht hat, und im Katalog neben dem um einiges vielschichtigeren Das Spiel macht er sich gut.

Im hohen Gras

Im hohen Gras bietet reichlich Angriffsfläche für Kritik (das Drama über Mutterschaft und Verantwortung verharrt auf Sprösslingsstufe), doch immerhin führt mit Natali ein Horrorfachmann Regie, dessen Visionen der Austauschbarkeit von Bird Box, The Silence und anderen widerstreben.

Ein Tipp am Rande: Wenn schon kein Kino zur Verfügung steht wie hier beim Festival des phantastischen Films in Sitges, dann sollte man Im hohen Gras bei größtmöglicher Verdunkelung sehen. Nicht nur wegen des Horrors, sondern weil das Blut auf Patrick Wilsons Wangen im Mondlicht noch schöner funkelt.

Im hohen Gras steht ab Freitag, dem 4. Oktober 2019 bei Netflix bereit.

Werdet ihr euch Im hohen Gras anschauen?

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