Zum 75. Geburtstag

Werner Herzog - Der Filmemacher im Kampf mit der eigenen Persona

Werner Herzog am Set von Rescue Dawn
© Metro-Goldwyn-Mayer Studios Inc.
Werner Herzog am Set von Rescue Dawn
moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
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Als Beat Presser vor ein paar Tagen im Arsenal-Kino in Berlin eine 35mm-Vorführung von Fitzcarraldo einführte und mit einem anschließenden Q&A beehrte, war auch der baldige Geburtstag von Werner Herzog ein Thema. Es wäre vermutlich das Letzte gewesen, was der Regisseur des Films gewollt hätte, heißt es gleich zu Beginn des Gesprächs mit jenem Mann, der unter anderem als Standfotograf und Kameraassistent mit Werner Herzog zusammengearbeitet hat. Auf keinen Fall soll sein Ehrentag mit Denkmälern zelebriert werden, als wäre er bereits in den Kreis der großen Schöpfer des Kinos aufgestiegen. Beherztes Lachen ist im Saal zu vernehmen. Wenngleich Werner Herzog nicht persönlich anwesend ist, so kann sich jeder der Anwesenden seinen exakten Wortlaut in dieser Beziehung vorstellen und zustimmen. Und dennoch: Der Saal ist voll, so voll sogar, dass die Vorstellung vom Arsenal 2 in das Arsenal 1 verlegt wurde.

Die Faszination für Werner Herzogs Filme und seine Persona scheint selbst nach 75 Jahren kein bisschen abgenommen zu haben. Stattdessen ist das Gegenteil der Fall. Keine fünf Minuten vergehen im soeben erwähnten Q&A, bis die Frage nach den heftigen Auseinandersetzungen mit Klaus Kinski aus dem Publikum ertönt. Nicht zuletzt hat Werner Herzog die Mythenbildung über die Hassliebe, die er zu dem Hauptdarsteller von fünf seiner Werke hegt, mit der Dokumentation Mein liebster Feind - Klaus Kinski selbst befeuert. Jeder geneigte Herzog-Enthusiast hat Set-Berichte und -Aufnahmen von Streitgesprächen und Wutausbrüchen längst zur Kenntnis genommen und als popkulturelles Gut abgespeichert. Beat Presser nimmt den stürmischen Übertragungen jedoch den Wind aus den Segeln und beschwichtigt: Es hat Auseinandersetzungen gegeben, aber niemand wurde ernsthaft verletzt. Alles halb so wild - oder doch nicht?

Ekstatische (Un-)Wahrheiten und Fake-Herzog

Es ist gar nicht so einfach, über Werner Herzog zu reden, da wir uns stets in einem Informations-Sammelsurium aus ekstatischen (Un-)Wahrheiten bewegen. In einem Zeitalter, in dem Fake News vollständig im Mainstream angekommen sind, wirkt Werner Herzog wie ein Pionier, der das Territorium lange zuvor erobert hat. Nicht, dass er sich aktiv daran beteiligt, falsche Nachrichten in die Welt zu setzen. Allerdings hat er nichts dagegen, auf dem schmalen Grat der Wahrnehmung zu balancieren, die ihn auf der einen Seite zu einem der größten Dokumentaristen unserer Zeit macht, auf der anderen Seite aber genauso gerne in Gerüchte eintaucht, wie sie etwa um einen Zwischenfall am Loch Ness kursieren. Ausgerechnet dann, wenn die Anekdoten ein Level höchster Absurdität erreichen, halten Les Blanks Aufnahmen dagegen und wir können bezeugen, wie Werner Herzog wahrhaftig einen seiner Schuhe kocht und im Anschluss verspeist.

"Fake-Herzog" ist eine der Begrifflichkeiten, die Werner Herzog selbst in die Welt gesetzt hat, um das Phänomen seiner sonderbaren Social-Media-Präsenz zu umschreiben. Wenngleich er persönlich keinen Twitter- oder Facebook-Account besitzt, gibt es zahlreiche Doppelgänger, die für ihn wie unbezahlte Bodyguards in Aktion treten. Sie kämpfen für ihn einen Teil der Schlachten, an denen er nicht teilnehmen will. Trotzdem können sie ihn nicht vor echten Kugeln beschützen, sodass er sich in diesem Fall sogar dazu berufen fühlt, zwischen Folklore und Bestandsaufnahme zu unterschieden. Die Frage ist nur, wie weit die Bestandsaufnahme geht. Aus der Sicht von Mark Kermode, der Filmkritiker, der ihm an jenem verhängnisvollen Tag, an dem er angeschossen wurde, zur Seite stand, sieht diese Geschichte wieder ein Stück anders aus. Einmal mehr löst sich Werner Herzogs Persönlichkeit im Nebel der Halbwahrheiten auf.

Wer ist dieser Werner Herzog nun wirklich?

Werner Herzog ist der, der mit der gleichen Motivation bei Wind und Wetter durch das Eis wandert, wie er in die Tiefen des Infernos blickt. Werner Herzog ist der, der Kameras aus dem Inventar des Studios entwendet und das kostbare Werkzeug über Grenzen schmuggelt. Er ist der, der sich die kriminelle Energie des Filmemachens zu Eigen macht, um das Mysterium der Extreme zu erkunden. Und der, der die Last der Träume auf sich genommen hat, um Begegnungen am anderen Ende der Welt zu ermöglichen. Werner Herzog ist der, der nachfragt, wenn es wehtut, und trotzdem ein Geheimnis für sich behalten kann, wenn es angemessen ist. Ungeachtet all dieser dekorierenden Aufzählungen ist Werner Herzog aber vor allem der, der seit Anbeginn seiner Karriere beobachtet und bis heute nicht damit aufgehört hat. Kein Wunder also, dass er nicht will, dass wir seinen Geburtstag mit Denkmälern zelebrieren, denn es gibt noch so viel zu entdecken.

Werner Herzog ist der, der noch lange nicht dort angekommen ist, wo er hin will. Alleine seine Arbeiten aus dem letzten Jahr zeugen von einer Neugier und Schaffenskraft, wie sie nur wenige Filmemacher von sich behaupten können. Es wäre eine vertane Chance, wenn sich das Herzog-Narrativ ewig im Kreis von Dschungel-Wahnsinn und Wüsten-Expeditionen dreht. Der Dschungel und die Wüste müssen dafür gar nicht aufgegeben werden. Stattdessen finden sie sich in einer anderen Form in seinem Schaffen wieder. Da wäre etwa das undurchdringliche Internet in Wovon träumt das Internet? oder die ewige Salztonebene in Salt and Fire, die Werner Herzog mit der gleichen Hingabe in seine Eroberungen des Nutzlosen einfließen lässt, wie er es seit Jahrzehnten tut. Wir können nur hoffen, dass er uns auch in Zukunft an noch viele weitere dieser Orte entführt, von denen wir bisher nicht einmal zu träumen wagten.

Alles erdenklich Gute!

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