Interview zu Königin der Wüste

Werner Herzog über die kriminelle Energie des Filmemachens

Robert Pattinson, Nicole Kidman und Werner Herzog am Set von Queen of the Desert
© Prokino (Fox)
Robert Pattinson, Nicole Kidman und Werner Herzog am Set von Queen of the Desert
moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
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Viele Geschichten gehen mit der Erwähnung des Namens Werner Herzog Hand in Hand. Angefangen bei den Kollaborationen mit Klaus Kinski bis hin zu den Begegnungen am Ende der Welt: Manchmal weiß man gar nicht so recht, welcher Geschichte man Glauben schenken soll und welcher nicht - vor allem, wenn es im Zweifelsfall tatsächlich Filmaufnahmen gibt, die bestätigen, dass Werner Herzog einst sogar tatsächlich sein eigenes Schuhwerk in einem Topf mit kochendem Wasser zubereitet und im Anschluss verschlungen hat. Eine unglaubliche Anekdote jagt die nächste im Leben von Werner Herzog und in seinen Filmen geht es nicht weniger aufregend zu - so wird beispielsweise in Fitzcarraldo ein ganzer Flussdampfer über eine Anhöhe geschafft und in La Soufrière - Warten auf eine unausweichliche Katastrophe die letzten Minuten vor einem Vulkanausbruch dokumentiert.

Sein jüngstes Werk erzählt ebenfalls eine dieser fantastischen Geschichten, nämlich die von Gertrude Bell, jener historischen Persönlichkeit, die während sowie nach dem Ersten Weltkrieg maßgeblich an der politischen Neuordnung des Nahen Ostens beteiligt war. Doch nicht nur Getrude Bell offenbart sich als spannende Persönlichkeit, sondern auch der Regisseur ihres ersten Biopics. Ende Juli dieses Jahres hatte ich die Gelegenheit, ein ausführliches Interview mit Werner Herzog anlässlich des Kinostarts von Königin der Wüste zu führen. Und ja, ich war unglaublich aufgeregt. Was dabei herausgekommen ist, könnt ihr im folgenden Text lesen. Spoiler: Es geht um Lyrik, Kriminalität und Parks and Recreation.

Matthias: Ich hatte Queen of the Desert Anfang des Jahres auf der Berlinale gesehen, wo der Film auch im Wettbewerb lief. Ist das etwas Besonderes für Sie?

Werner Herzog: Eigentlich nicht, weil, wie soll ich sagen, Festivals sind in einem großen Wandel begriffen, eigentlich gar nicht mehr so wichtig und sehr stark auch weltweit zu einem Selbstzweck geworden. Das sehen Sie ganz simpel daran, dass es heute 4000 Festivals gibt. Aber in einem guten Weinlesejahr, in einem guten Erntejahr gibt es nach wie vor nicht mehr als vier wirklich gute Filme. Weltweit pro Jahr. Da existiert so ein Ungleichgewicht zwischen der Anzahl von wirklich guten Filmen und der Anzahl von Festivals.

Haben Sie das Gefühl, im Rahmen der Berlinale wieder zurück nach Deutschland zu kommen, wo ihr Schaffen hierzulande bei Weitem nicht die gleiche Aufmerksamkeit erhält wie beispielsweise in den USA?

Ich war nie weg. Der Unterschied ist nur, dass, sagen wir mal, von meinen letzten 25 Filmen nur zwei in Deutschland im Kino liefen. Das kann ich allerdings nicht ändern und da gibt es eben verschiedene Trends und auch die wandeln sich.

Als der Vorhang nach Queen of the Desert wieder zugegangen ist, hatte ich das Gefühl, dass das Publikum im Berlinale-Palast etwas irritiert war, weil das nicht der typische Werner Herzog-Film war, den Sie gesehen haben. Wie würden Sie den Film selbst in Ihrem Œuvre einordnen?

Sehen Sie: Das sind so bestimmte Dinge, die gehören zu Festivals dazu. Da gibt es bestimmte Erwartungshaltungen und es hat sich auch nur ein spezialisiertes Publikum zusammengefunden. Das ist ja kein Kinopublikum. Es sind Fachleute, Journalisten und Filmfreaks und die haben sich einen ganz anderen Film erwartet. Sie dachten, dass sich da jetzt eine Gertrude Bell genauso grimmig wie Klaus Kinski dem Wüstensturm trotzdend durch die Landschaft kämpft. Und das ist der Film eben nicht. Zum Teil hatte das Publikum auf der Berlinale wahrscheinlich einen Film im Kopf, der dann so nicht stattgefunden hat, wie sie sich das sozusagen vorgestellt haben. Da gab es offensichtlich schon ganz vorgefestigte Bilder.


Ich hatte nach der Premiere unter anderem auf Twitter Reaktionen zu Queen of the Desert verfolgt. Immer wieder kam der Vorwurf, der Film sei zu verspielt, zu romantisch, zu albern.

Albern ist das Letzte, was ich sehen würde. Der Film ist halt keine Biografie. So etwas passt besser in Bücher. Biografien passen nicht ins Kino - mit wenigen Ausnahmen wie zum Beispiel Gandhi. Aber es geht halt mehr um die innere Ansicht der Gertrude Bell, das heißt ihren Sinn für die Würde des Lebens der Beduinen und über Lyrik und ihre tragischen Liebesgeschichten. Das passt alles in einen großen epischen Spielfilm. Und dass der Film eine solche Gewichtung hatte oder hat, das wird sich jetzt noch richtig einpendeln.

Eine der ersten Szenen zeigt die Mächtigen der Welt, wie sie die politische Neuordnung des Nahen Ostens besprechen. Diese Szene erinnerte ans Theater, nicht zuletzt aufgrund der Hingabe zum Kostüm.

Falsch, falsch. Kostüme sehen Sie in Game of Thrones. Dass es bei mir im Film Kostüme gibt, nimmt man eigentlich gar nicht wahr. Das [die Szene] ist einfach eine Art Einführung der Hauptperson. [lacht] Jeder macht sie nieder und als Zuschauer bin ich jetzt ganz gespannt: Wer ist sie denn wirklich, diese Gertrude Bell?

Und mit Gertrude Bell kommen wir auch zu Ihrer ersten weiblichen Hauptfigur in einem Film.

Das stimmt, aber das muss ja nicht viel heißen. Ich habe gerade jetzt einen nächsten Spielfilm [Salt and Fire] fertig gedreht und auch schon geschnitten. Weitgehend geht es da wieder um eine weibliche Hauptfigur [verkörpert von Veronica Ferres]. Das per se an sich ist ja nicht sensationell.

Bei der Berlinale wurden allerdings gerade die "starken Frauenfiguren in Extremsituationen" in den Vordergrund des Wettbewerbs gestellt.

Ich habe keinen der anderen Filme gesehen. Es interessiert mich auch nicht, ob in anderen Filmen der Berlinale Frauenfiguren waren. Das ist mir völlig egal. Genauso wie mir egal ist, ob in Cannes Filme über Drogenbarone laufen und in Venedig Filme über irgendsonstetwas. Ich sehe diese Filme alle gar nicht.

Gibt es einen bestimmten Grund, warum Sie sich diese Filme nicht anschauen?

Nein, eigentlich nicht. Ich sehe halt relativ wenige Filme pro Jahr, vielleicht drei oder vier im Durchschnitt. Also viel weniger als ein normaler Kinozuschauer. Ich sehe fast keine Filme.

Bewusst, um sich vom Werk anderer nicht beeinflussen zu lassen?

Nein, das war bei mir schon immer so. Dafür lese ich sehr viel.

Dienen dann diese literarischen Werke, die Sie lesen, als Inspiration?

In dem Fall überhaupt nicht. Aber Inspiration [bei Queen of the Desert] war natürlich das, was Gertrude Bell selbst geschrieben hat. Ihre Briefe, ihre Tagebücher, ihre Lyrik-Übersetzungen. Und zum Teil sind diese im Film auch wörtlich zitiert.

Gab es bei dieser Nähe zur historischen Person den Gedanken, das Leben der Gertrude Bell als Dokumentarfilm umzusetzen, gerade weil Sie selbst auch viele Dokus machen?

Queen of the Desert habe ich eigentlich nie als Dokumentation gesehen. Für mich war immer klar: Das ist eine ganz große, epische Kinogeschichte.


Wie kam es zur Entscheidung, den Cast aus Namen wie Nicole Kidman, Robert Pattinson und James Franco zusammenzustellen?

Das ist eine etwas kompliziertere Geschichte. Ich wollte sofort immer Nicole Kidman. Zu der Zeit, als das Drehbuch gerade fertig war, sagte mir die Agentur jedoch ganz unverblümt, dass dies unmöglich ist, da Frau Kidman bereits für zwei Filme unter Vertrag stand. Deswegen gab es damals den Kontakt zu Naomi Watts, die allerdings immer wieder um Aufschub gebeten hatte. Es ging da, glaube ich, um familiäre Sachen, wie die Kinder, die eingeschult wurden, und ähnliches. Das hat sich dann so lange hingezogen, bis ich irgendwann gesagt habe, das kann ich nicht länger aufschieben - und zu diesem Zeitpunkt war Nicole Kidman plötzlich wieder vollkommen frei. Da habe ich mir gesagt, da habe ich jetzt aber Glück gehabt. Und dann auch Leute wie James Franco: Der wollte seit zehn Jahren mit mir zusammenarbeiten. Ich hatte nur nie eine Rolle für ihn, in die er hineingepasst hätte. Auch Robert Pattinson und Damian Lewis wollten schon lange Zeit mit mir arbeiten. Insofern war der Cast dann sehr schnell zusammengestellt.

Steht man da unter einem bestimmten Druck, wenn man mit einem dermaßen international bekannten Cast dreht?

Nein, überhaupt nicht. Das sind Weltklasse-Leute und darüber hinaus hochgradig professionell. Wenn die Schauspieler professionell an ihre Arbeit herangehen, dann ist so ein Dreh immer einfach.

Wie sieht es bei all der Professionalität mit Improvisation aus?

Das sind im Großen und Ganzen schon sehr genau geplante Sachen. Wenn bei einem Überfall von um sich schießenden Beduinen-Reitern ein Dromedar ausbüchsen will - damit müssen Sie rechnen. Da gibt es durchaus einen bestimmten Spielraum. Aber der Film an sich ist sehr genau stilisiert und sehr präzise inszeniert.

Inwieweit ist der Film dann künstlich? Und sind Künstlichkeit und Kino nicht sowieso eng miteinander verbunden?

Richtig, es sollte ja kein Dokumentarfilm sein. Ich glaube, dass es in Zukunft auch den ein oder anderen Dokumentarfilm über sie [Gertrude Bell] geben wird. Das würde ich nicht ausschließen - nur nicht von mir natürlich.

In ihren Tipps an Filmemacher sagten Sie neulich, dass nichts daran falsch ist, eine Nacht im Gefängnis zu verbringen, wenn man dafür am nächsten Tag die perfekte Aufnahme hat. Gab es bei Queen of the Desert auch diesen einen Moment, wo Sie irgendwo in der Wüste ausgeharrt haben?

[zögert] Sie müssen dem Film jetzt nicht etwas aufzwingen, was nicht stattgefunden hat. Aber klar ist: Wir waren mit der Kamera in der Wüste, bevor die Schauspieler überhaupt da waren. Wir waren drei Wochen unterwegs und es kam ein Sandsturm und da war mir klar, dass wir uns alle um vier Uhr morgens fertig machen mussten. Ich habe gesagt: "Da müssen wir hinein, da müssen wir hinaus in den Sturm selber". Und das hat sich auch rentiert. Das Problem war dabei nur, dass Teile unseres Kamerageräts dann für drei, vier Tage außer Gefecht waren.

Trotzdem war es das Risiko wert?

Ja, sicher, weil das sind ungewöhnliche Aufnahmen, die hat noch niemand gemacht.


Wie lässt sich ein solches Risiko mit Dingen wie der Budgetplanung vereinen?

Da müssen Sie lernen, geschickt zu sein und mit den Bedingungen zurechtzukommen. Der Film ist ja groß und episch und wirbt mit vier Weltstars und niemand auf der Welt würde diesen Film überhaupt erst einmal anfangen und anfassen unter 50 Millionen Dollar. Die große Leistung bei dem Film ist, dass der Film für den kleinen Bruchteil eines solchen Budgets gemacht wurde und trotzdem ein sehr genau inszeniertes, großes, episches Gebilde geworden ist - mit eben vier Weltstars. Das macht sonst keiner.

Hatten Sie das Gefühl, dass Sie das eingeschränkt hat?

Eingeschränkt ist jeder Film. Auch ein 200-Millionen-Dollar-Film ist eingeschränkt. Es beklagen sich ja alle. Ich bin der Einzige, glaube ich, der nicht dieser Kultur der Wehleidigkeit angehört. In der Filmbranche gibt es, glaube ich, keinen, der mit relativ kleinem Budget so große Sachen auf die Leinwand bringt. Fitzcarraldo zum Beispiel ist ein großer Film, der mit fast keinem Geld hergestellt wurde.

Und Fitzcarraldo ist auch noch ein Film, der richtig auf Film gedreht wurde. Wie sah das bei Queen of the Desert aus?

Das spielt keine Rolle, ob etwas auf Film gedreht ist oder nicht. Das ist eher ein Grundgefühl, mit dem man an eine Filmstory herangeht, eine bestimmte formelle Art, wie der Film dann auf der Leinwand erscheint. Das heißt, eine gewisse Größe, eine gewisse Weite von Landschaft. Ob Sie das auf Zelluloid oder digital aufnehmen, spielte heute eigentlich kaum mehr eine Rolle, weil digital mittlerweile fast so gut ist wie Zelluloid.

In den Tipps an Filmemacher sagten Sie aber noch, dass man mit der letzten Zelluloidrolle unter seinem Arm etwas Besondere anstellen soll.

Genauso gut könnte aber der Chip, den ich in der Kamera habe, der letzte sein, den ich je mit Bildern füllen kann. Die Grundhaltung bleibt dabei dieselbe. Es ist ein außergewöhnliches Privileg, das man sich erkämpfen muss, manchmal auch ein Glücksfall, manchmal auch eine Gnade vom Himmel, dass man das machen kann, was man macht. Und dieses Privileg, das ich habe, hat sonst fast keiner auf der Welt. Ich habe jetzt über 70 Filme gemacht, einen nach dem anderen - wann ich ihn machen wollte und wie ich ihn machen wollte. Da gibt es eigentlich kaum jemanden, der diese Freiheiten genießt.

Gab es im Rahmen dieser 70 Filme auch den Moment, wo Sie um Vergebung anstelle von Erlaubnis gebeten haben, wie Sie es zuletzt in Ihren Filmemacher-Tipps angedeutet haben?

[lacht] Ja, fast bei jedem. Das muss man jetzt aber nicht im Einzelnen darlegen, wo sozusagen die kriminelle Energie anfängt und wo die kirchliche Abbitte. Das ist meistens eine interne Angelegenheit und muss nicht breitgetreten werden. Aber was ich mit diesem Satz eigentlich sagen wollte, ist, dass Sie sich als Filmemacher unter Umständen auch über die Regeln hinausbewegen müssen und sich Ihre eigenen Regeln schaffen. Und die sind dann oft im Konflikt mit der Gesellschaft oder der Filmindustrie oder der Polizei oder ich weiß nicht wem.

Ist die kriminelle Energie ein Relikt aus Ihren früheren Schaffensphasen oder auch jetzt immer noch aktuell?

[lacht] Das hat mich nie verlassen. Einen Film wie Queen of the Desert für so ein winziges Budget zu machen, das geht nicht anders, wenn Sie nicht irgendwelche Energien haben. Ich würde es jetzt nicht kriminelle Energien nennen, aber auf alle Fälle eine gestalterische Energie, die unter Umständen Grenzen, die normalerweise akzeptiert werden, hinter sich lässt.

Ein weiterer Ihrer Filmemacher-Tipps beschäftigt sich mit der Essenz der Landschaft.

Moment, warum zitieren Sie mich die ganze Zeit? Warum schauen Sie sich nicht einfach meine Filme an?

Ich habe viele Ihrer Filme gesehen und Ihre Zitate gelesen und fand beides inspirierend. Daher die Fragen.

[lacht] Na also, dann raus damit!

Ich kann es auch überspringen.

Nein, überspringen Sie das jetzt nicht.

Landschaften spielen in jedem Ihrer Filme eine wichtige Rolle - angefangen bei Aguirre, der Zorn Gottes über The White Diamond bis hin zu Queen of the Desert. Was ist das Bewegende daran?

Ich glaube, es hat damit zu tun, dass ich Landschaften nie als Hintergrund verwende, wie man das sehr oft im Kino sieht. Und Sie sehen es vor allem in Werbespots, so Landschaften, wo der großartige Dschungelwasserfall der Hintergrund für ein Parfüm ist. Bei mir sind Landschaften immer ein Spiegel einer inneren, einer menschlichen Qualität. Das heißt der Urwald in Aguirre ist ein Ort, an dem viele Träume stattfinden. Und die Wüste [in Queen of the Desert] ist eine große, menschliche Metapher - wofür, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen, aber ich bin mir sicher, dass es eine ist. Ich inszeniere ja auch Landschaften so, wie ich Menschen inszeniere. Auch Tiere inszeniere ich immer mit großer Freude, aber vor allem Landschaften.


Können Sie sich vorstellen, einen narrativen Film ausschließlich über Landschaften und ohne menschliche Protagonisten zu erzählen?

Das ist eine interessante Frage. Es gibt ja solche Ansätze bei mir, zum Beispiel Fata Morgana, ein früher Film, wo ich Fata Morganas gefilmt habe. Aber nein, ich bin jemand, der Spielfilme und Dokumentarfilme macht und manchmal als Schauspieler arbeitet. Ich glaube, ich verstehe das Medium, in dem ich arbeite. Und ganz zutiefst bin ich dann doch ein Geschichtenerzähler, insofern kommt so etwas Abstraktes für mich nicht in Frage.

Apropos Schauspielerei: Sie waren erst kürzlich als Alexander von Humboldt in Die andere Heimat zu sehen und haben selbst eine historische Persönlichkeit verkörpert, so wie es jetzt Nicolde Kidman in Queen of the Desert macht. Wie war das?

Das ist wie ein großer Kreis gewesen, der sich geschlossen hat. Ich habe mit Edgar Reitz [seines Zeichens Regisseur von Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht] ein relativ nahes Verhältnis gehabt, als wir beide Mitte der 60er Jahre [mit dem Filmemachen] anfingen. 50 Jahre später schließt sich nun der Kreis. Er und ich sind in einer Szene zusammen auf der Leinwand zu sehen. Und mir macht eben alles Freude, was mit Kino zu tun hat. Das heißt, auch das Drehbuchschreiben, der Schnitt, das Filmen, das Regieführen und eben auch die Schauspielerei. Sie sehen ja auch zum Beispiel in Jack Reacher, dass ich ein wirklich schreckenerregender Bösewicht sein kann. [lacht] Da bin ich richtig gut. [lacht weiter] Ich habe auch viel bessere Kritiken bekommen als Tom Cruise.


Wie fühlt sich das an, dem eigentlichen Hauptdarsteller die Show zu stehlen?

[immer noch lachend] Nein, das überhaupt nicht. Das Einzige, was mich gestört hat, ist, dass er mich am Ende umbringen muss.

Wären Sie etwa gerne auch im zweiten Teil dabei gewesen?

Da wird es keinen zweiten Teil geben, vermute ich mal. Aber wie soll ich sagen: Ich hätte gerne den Film so gesehen, dass der Bösewicht am Schluss lebendig übrig bleibt. Aber so funktionieren Hollywood-Geschichten leider nicht.

Ich habe Sie vor Kurzem auch in der siebten Staffel von Parks and Recreation entdeckt.

Dann bestimmt auch in meiner Gastrolle in Die Simpsons. Ich mache solche Sachen wahnsinnig gerne und ich glaube, ich mache sie auch gut.

Ist Parks and Recreation eine Serie, die Sie selbst verfolgen bzw. verfolgt haben?

Nein, ich weiß bis heute nicht, worum es da geht.

Fühlt sich das nicht komisch an?

Ich hatte das Gefühl, da passe ich hinein, obwohl ich nur das Drehbuch zu dieser einen Episode gelesen hatte. Das hatte man mir zugeschickt und ich fand das irgendwie ganz witzig. Da habe ich gesagt: "Ja, gut, lasst mich mal versuchen." Es ist aber nicht so, dass ich mich dazu dränge. Stattdessen wurde ich jedes Mal eingeladen. Bei Jack Reacher habe ich mich zum Beispiel nicht beworben, sondern Tom Cruise und der Regisseur [Christopher McQuarrie] wollten mich haben.



Meine Uhr sagt, wir haben schon überzogen.

Na, ist egal, wenn Sie noch Fragen haben, fragen Sie weiter.

Eine abschließende Frage zu Ihrem nächsten Film: Salt and Fire. Es geht um Vulkane ...

Nein, nein …

… es geht nicht im Vulkane?

Sie schauen zu viel ins Internet. Das ist Ihr Problem.

Ich komme ja auch aus dem Internet. Aber worum geht es dann?

Das ist ein Spielfilm, in dem nur kurz über einen Vulkan geredet wird. Aber das ist im Internet verwischt worden mit einem Projekt über Vulkane, das eigentlich ein Langzeitprojekt und eigentlich auch noch nicht fest in Stein gemeißelt ist. Ob dieser Dokumentarfilm allerdings wirklich gemacht wird, das wird man noch sehen. Es gibt andere Dinge, für die ich das Projekt aufschieben würde. Salt and Fire ist schon abgedreht und auch schon geschnitten. Aber morgen fange ich nochmal eine andere Sache an zu drehen. Das ist aber mehr für YouTube, so etwas ähnliches wie From One Second to the Next. Den müssen Sie sich unbedingt anschauen. Der hatte viele Millionen Hits gehabt, obwohl der Film über 30 Minuten lang ist. Das, was sonst eine Million Zuschauer erreicht, sind Katzenvideos, die gehen dann aber nur 60 Sekunden lang und nicht länger. Das Nächste, was ich mache, ist eine Sache aus kleineren Bestandteilen über das Internet, die Gefährdungen im Internet und die Guardians, also die Wächter, des Internets.

Das geht dann Richtung Webserie?

Nicht ganz. Das ist so ähnlich wie diese katastrophalen Sachen [bei From One Second to the Next], die sich abspielen, wenn Leute im Auto fahren und Text-Messages abschicken und drei Leute totfahren. Also vier Fälle, die danach zu einem gesamten Film zusammengestellt werden. Man kann die Episoden aber auch einzeln sehen.

Also im Geiste von On Death Row?

Nein, das [die einzelnen On Death Row-Episoden] sind viel längere und tiefergehende Filme. Die sind ja fast eine Stunde lang. Das ist nochmal was anderes, der Blick in menschliche Abgründe. Aber mit anderen Worten: Ich bin viel am Arbeiten. Ab September möchte ich aber freie Beweglichkeit haben.

Ganz ohne Projekte?

Projekte gibt es immer, aber ich muss dann sehen, was ich mache.

Ich bin gespannt, was es wird und bedanke mich ganz herzlich für dieses Interview!

Ja, alles Gute nach Berlin.


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