Kino » 110 Jahre Hitchcock
Zensiert, verstümmelt, verboten - was Hitchcock nicht drehen durfte...
Veröffentlicht am 12.08.2009, 15:00
Am 13. August 2009 wäre Alfred Hitchcock 110 Jahre geworden. Im Laufe seiner Karriere führte er Regie bei unglaublichen 67 Filmen und TV-Produktionen. Nicht alle davon haben bis heute überlebt. TV-Produktionen wurden nicht routinemäßig von den Sendern archiviert, und auch einige Stummfilme sind mit den Jahren verloren gegangen. Noch schwerer ist es, an Material zu gelangen, das diejenigen Projekte dokumentiert, die Alfred Hitchcock zwar begann oder entwickelte, aber aus unterschiedlichsten Gründen nicht beenden konnte.
Natürlich gingen nicht alle Projekte Hitchcocks besonders weit. So bekundete er zum Beispiel seinem damaligen Studio Interesse an Jekyll & Hyde, kam aber nicht über die Lesungsphase hinaus. Auch Remakes seiner eigenen Werke waren öfter geplant als das eine Mal, als er Der Mann, der zuviel wusste von 1934 neu verfilmte und unter gleichem Titel (Der Mann, der zuviel wußte) 1956 veröffentlichte. Auch Die 39 Stufen von 1935 und The Lodger von 1927 waren von Hitchcock als Remakes anvisiert worden, wurden aber nie weiterverfolgt.
Bis 1987, lange nach seinem Tod, hielt Alfred Hitchcock die Rechte an Mary Rose, einem Stück von J.M. Barrie. Fast seine gesamte Karriere hindurch, sollte es dieser Stoff sein, zu dem Hitchcock, ähnlich wie Orson Welles und sein Don Quixote, immer wieder zurückkehrte. In seiner Jugend sah Hitchcock das Stück über ein Ehepaar in den Flitterwochen. Während eines Trips zu einer angeblich verfluchten Insel, verschwindet die junge Frau – um Jahre später wieder aufzutauchen, als wäre für sie nicht ein einziger Tag vergangen. Alfred Hitchcock sollte nie die Gelegenheit bekommen, die Dreharbeiten auch nur zu beginnen. Mehr noch, Universal schrieb laut seiner eigenen Aussage in den Vertrag, dass er grundsätzlich jeden Film drehen dürfe – außer Mary Rose.
Ein weiteres Projekt, für das Alfred Hitchcock sich längere Zeit begeisterte, war eine moderne Adaption von Shakespeares Hamlet. Cary Grant sollte die Hauptrolle übernehmen und Hitchcock überlegte bereits, wie er sich am besten gegen Plagiate und Ideendiebstahl absichern konnte, da das Theaterstück Teil der Public Domain, also für jedermann frei zugänglich war. Für die erste Drehbuchfassung war sogar der spätere Skandalautor Joe Orton vorgesehen, der damals noch vor seinem großen Durchbruch stand und den Hitchcock dementsprechend als “billig, aber ausreichend [...] und für 500 Pfund zu haben” einstufte. Das Projekt starb dann übrigens aus genau den Gründen, die Alfred Hitchcock gefürchtet hatte: Ein Autor veröffentlichte auf die Schnelle eine moderne Adaption Hamlets und verklagte prompt Hitchocks Produktionsfirma.
Das am weitesten gediehene Projekt war wohl Kaleidoscope. Zwischenzeitlich auch Frenzy genannt, gehen die Ähnlichkeiten zum späteren Frenzy von 1972 nicht über Kleinigkeiten hinaus. So wäre der zweite Mord in der 1967er-Fassung von Kaleidoscope auf ähnliche Weise in Szene gesetzt worden, wie das in Frenzy geschah: Der Mörder und das Opfer werden in einem Raum zurückgelassen, die Kamera verlässt langsam erst den Raum, dann das Gebäude und obwohl der Zuschauer nichts von dem Mord sieht, so weiß er doch genau, was sich gerade in dem Zimmer abspielt. Der Mörder ist zwar auch hier charmant, aber längst nicht so anziehend wie der ursprünglich geplante, durchtrainierte “Babyface”-Killer.
Für Kaleidoscope experimentiere Hitchcock mit neuen Aufnahmemethoden. So versuchte er in geheimen Testaufnahmen den Dreh ohne künstliche Lichtquellen zu perfektionieren. Und für die Schluss-Szene war mit in Primärfarben gestrichenen Öltanks ein erneuter Versuch geplant, die Farbensprache sinnvoll in einem Film zu verwenden, nachdem ihm dies in Topas nach eigenem Bekunden misslungen war.
Erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass Hitchcock für die Probeaufnahmen durchweg Hippies engagierte und ein Portfolio über Aussehen und Lebensweisen von Hippies erstellt hatte. Doch Hitchcock hätte das Bizarre noch über einen Hippiethriller hinaus getrieben: die Requisitensammlung für die Vorarbeiten beinhaltet auch schwule Pornographie, zu der die Hauptfigur in einer Szene masturbieren sollte – um dann von seiner Mutter erwischt zu werden. Sein damaliges Studio, MCA zeigte sich jedoch vollkommen unbeeindruckt, als Hitchcock eine aufwändige Präsentation vorführte. Die Erlaubnis wurde nicht erteilt.
Der Trailer zu Frenzy von 1972 – Wasserleichen, Krawattennadeln und Kartoffeln, statt Hippies
Nach dem Fiasko, als das sich 1969 Topas herausstellen sollte (das Studio MCA griff immer wieder in Hitchcoks Arbeit ein und entzog ihm teilweise die Kontrolle), zog Hitchcock die Konsequenzen und drehte seinen nächsten Film Frenzy als ersten Film seit langer Zeit wieder in seiner Heimat Großbritannien – mit dem Nebeneffekt, daß MCA aufgrund der Distanz nur minimalen Einfluss ausüben konnte. Insgesamt schien Hitchcocks Verhältnis zu den großen Studios zerrüttet, seitdem das Studio 1967 die Erlaubnis verweigerte Kaleidoscope zu drehen. Als 1976 für seinen letzten Film Familiengrab Bruce Dern anmerkte, dass eine Tür im Hintergrund einer Szene authentischer aussähe, wenn Graffitti darauf wäre, er aber keine Ahnung hätte, was man schreiben solle, antwortete Alfred Hitchcock trocken: “Fuck MCA.”
Kängufant (Andreas Gerold) 2009/08/12 15:00:00
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Kommentare
über Zensiert, verstümmelt, verboten - was Hitchcock nicht drehen durfte...
filmschauer 2009/08/12 17:03:04
alanger 2009/08/12 20:36:37
klasse das ihr zu hitch so einen rundumschlag macht. DAS ist der kleine unterschied zu ähnlichen seiten.
MP rules!
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Es ist immer schade, wenn alte Werke wie einige von Hitchcocks Stummfilmen, die nicht gepflegt wurden, mit der Zeit für die Nachwelt verloren gehen. Gerade hier kann man seine Entwicklung als Regisseur gut nachvollziehen, auch wenn sie nicht so genial sein sollten wie seine bekannteren Werke.
Dass Hitchcock nicht grad ein Liebling der Produzenten war, konnte man auch am Verhältnis mit David Selznick von MGM sehen.
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