Aus dem Nichts - Kritik

Aus dem Nichts / AT: In the Fade

DE/FR · 2017 · Laufzeit 106 Minuten · FSK 16 · Drama · Kinostart
Du
  • 9

    Der Film macht sehr vieles richtig, so ziemlich alles sogar. Akin hat es geschafft, alles, was man an Diane Kruger, wie formuliere ich es, nicht soo mögen könnte, weg-regiet, was ziemlich erstaunlich ist. Sie spielt einzigartig und verdient dafür jeden Preis...ja, auch den im Februar, wenn es denn realistisch wäre:) Spannend, klug, bewegend. Und keine Sekunde langweilig. Und Herrn Tukur übrigens gehört die Gänsehaut-Szene des Films.

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      Professor_Film 08.12.2017, 20:38 Geändert 08.12.2017, 20:40

      Am Ende des Film kommt es zum Verweis auf die NSU Anschläge. Und obwohl Fatih Akin Bezug auf diese nimmt, handelt es sich bei "Aus dem Nichts" nur bedingt um eine filmische Aufarbeitung dieser.
      Denn die Perspektive ist eine sehr subjektive. Im Fokus steht der Charakter von Diane Kruger und ihre ganz persönliche Verarbeitung der Geschehnisse - so gehört der Konsum von harten Drogen zur Schmerzbewältigung bei ihr eben dazu. Auch wird dadurch der Ausgang des dritten Aktes relativiert, der sonst in einem sehr merkwürdigen Licht stehen würde.
      So ist "Aus dem Nichts" ein Drama, das zum Ende Züge eines Thrillers annimmt. Für mich funktioniert dies nur bedingt. Ohnehin war ich noch nie großer Fan Fatih Akins. Sein neuestes Werk wird dies wohl auch nicht ändern.

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      • 6
        bloodyglasspuppet 06.12.2017, 17:23 Geändert 07.12.2017, 09:32

        Als ernsthafter Beitrag zum sozialen und politischen Klima in Deutschland im Spannungsfeld zwischen AFD, Pegida und NSU-Morden will Aus dem Nichts, der neue Films des deutschen Regisseurs Fatih Akin (vielleicht Speerspitze des deutschen „Wofür-Gebildeter-sich-nicht-schämen-braucht-Kinos“), mehr sein als die gewohnte deutsche Bräsigkeitsberieselung mit Schweighöfer und Schweiger, scheitert dann aber etwas an seiner Unentschlossenheit.
        Als Ausgangspunkt dient dem Film zunächst die glückliche Ehe zwischen dem türkischstämmigen Nuri (Numan Acar) und der ehemaligen Kunststudentin Katja (Diane Krüger): Noch in der Eingangszene des Films, die Katjas und Nuris Heirat gleich anschließend an dessen Haftentlassung zeigt, möchte man vermuten, in diesem, in seinem schlitzohrigen Auftreten sogleich die vierte Wand durchbrechend, bereits den Antagonisten des Films vor sich zu haben. Stattdessen entwirft der Film ein Idealbild gelungener Integration: anständiger Beruf, Kind, großes Haus, wobei der Film in der Portraitierung seines Milieus (Hamburger Kiez) zugleich erfrischend ungefiltert und vulgär daher kommt.
        Die hierdurch bereits zu Beginn latent unsichere Stimmung des Films entlädt sich schließlich als eine Nagelbombe Mann Nuri und Kind Rocko tötet. Ein rassistischer Hintergrund, so wird sehr bald nahe gelegt und der Film verortet sein Thema nicht allein beim tragischen Extremfall: Eine Szene etwas später die Katja im Kreise ihrer Eltern und Schwiegereltern zeigt verweist durch die Spannung zwischen den Figuren darauf: Die Kluft, das Misstrauen zwischen den Kulturen ist nicht auf soziale und gesellschaftliche Randbereiche beschränkt, es zeigt sich immer schon in Kontexten vermeintlicher Normalität. („Wenn du besser aufgepasst hättest, würde mein Sohn noch Leben!“, so die Mutter des Ermordeten gegenüber Katja etwas später bei dessen Beerdigung.)
        Herzstück des Films jedoch bildet der Gerichtsprozess, bei dem Akin und sein Kameramann Rainer Klausmann gekonnt alle inszenatorischen Register ziehen. Eindrücklich: Eine längere Einstellung in der die Kamera im Vordergrund die Gerichtsmedizinerin bei ihrer Schilderung der verheerenden Wirkung der Mordwaffe zeigt, Katja in zunehmendem Maße verstört im Hintergrund. Überhaupt überzeugt Krüger vor allem in den Szenen, in der die Verletzlichkeit ihrer Figur besonders stark zum Tragen kommt, solche in denen ihr Charakter hingegen resoluter Auftritt, gar Ausbrüche des Zornes zeigt haftet zuweilen etwas unbeholfenes an.
        Bildet der Gerichtsprozess zwar den spannenden Höhepunkt des Films, so markiert er zugleich jedoch auch den Punkt ab dem der Film sich zu beschränken beginnt, um sich zunehmend dem schnellen Spannungseffekt unterzuordnen: Das Hin und Her zwischen Verteidigung und Anklage fesselt auch dank der überzeugenden Leistungen von Denis Moschitto (als integerer und fähiger Anwalt) und Johannes Kirsch (als moralisch opportunistisch auftretender Verteidiger), bleibt aber letztlich recht routiniert. Zumal sich der Film hier schließlich zu stark auf abgegriffene Stereotype zurückzieht („Mein Sohn verehrt Adolf Hitler“, so der Vater des Angeklagten).
        Im letzten Akt schließlich verändert der Film erneut seine Form, wird ganz auf die Protagonistin fokussierter Rachethriller. Der schwächste Teil des Films.
        Aus dem Nichts setzt sich letztlich etwas zwischen die Stühle: Es will zum einen ein Essay über ein Versagen der Verständigung zwischen den Kulturen und das hieran sich anknüpfende Entstehen von Gewalt sein, zum anderen aber auch „bloß“ persönliches Drama und „nur“ spannender Gerichtsthriller. So überrascht es auch wenig, wenn es am Ende in seiner Wirkung auf den Zuschauer recht konsequenzlos bleibt.

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        • 7 .5

          Aus dem nachvollziehbaren und von allen Menschen, die mitdenken, geteilten Zorn auf die verschleppten Untersuchungen zur NSU-Mordserie hat Fatih Akin ein wütendes Rachedrama gemacht, das mehr als einmal der Grenze zum verfassungsfeindlichen AUfruf zur Selbstjustiz gefährlich nahe kommt aber weit öfter noch, emotional packendes Kino in Reinform ist.
          In drei Kapiteln erzählt Akin wie Diane Krugers Katja zuerst zur trauernenden Witwe, dann zum Justizopfer und schließlich zum Todesengel wird. Während das erste Kapitel mit den Aufnahmen von der Knasthochzeit noch kraftvoll und packend startet fällt es bald ab und stagniert in der Trauerarbeit. Ebenso notwendig für die weitere Charakterentwicklung wie dann doch zu sehr Mittel zum Zweck als dass diese Szenen ihr ganzes Potential entfalten können. Kruger ist hier auch noch zu stark verheultes Blondchen und die Nebenfiguren folgen allzu vielen Klischees. Das hätte der Herr Akin an der Stelle auch etwas weniger lieblos gestalten können.
          Im zweiten Kapitel dreht er dafür dann gehörig Saft auf und schafft ein ebenso konzentriertes wie spannendes Justizdrama, dessen Ende man als Zuschauer natürlich schon kennt (und sei es aus der Werbung zum Film) aber doch bis zur finalen Urteilsverkündung nicht wahrhaben will. Hier spielt Akin großartig mit den Emotionen der Zuschauer und präsentiert sich als der brilliante Manipulator, der er nun einmal ist. Natürlich hält er sich nicht mit irgendwelchen Subtilitäten auf sondern lässt klar schwarz auf weiß knallen, Zeitlupen und wilden Kamerabewegungen inklusive. Als besonderes Schmankerl setzt der Film noch den (wie gewohnt) atemberaubend guten Ulrich Tukur auf uns los, dessen Szene mit Abstand das ergreifenste ist, was ich dieses Jahr im Kino gesehen habe. Mit einer provokanten aber wichtigen fast schon rechtsphilosophischen Überlegung beschließt Akin dann dieses mit Abstand stärkste der drei Kapitel.
          Auch wenn das abschließende Kapitel auch nicht von schlechten Eltern ist, was Akin als langsamen, sich stetig steigernden Thriller aufbaut, der sich in einem Ventil am Ende entlädt, das wie ein Faustschlag nachwirkt. Hier kommt auch Krugers schauspielerische Präsenz erstmalig voll zum Tragen, auch wenn sie ein paar Mal zu oft für meinen Geschmack Malick-artig in der Natur rumhockt.
          Was bleibt ist einer von Akins kräftigeren Filmen, der aber nicht an die emotionale Wucht eines SOLINO oder GEGEN DIE WAND ankommen kann.

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            Kein großer Wurf, schon gar nicht oscarwürdig aus meiner Sicht.
            Ja es ist sehr gut gespielt von Diane Kruger, ja es hat durchaus emotionale Wucht.
            Das wars aber schon fast.

            SPOILERWARNUNG:

            Das war mir schon einen Ticken zuviel mit der Wucht, die sogar in Selbstjustiz endet und den ja irgendwie sogar gutheisst oder als logische Konsequenz darstellt. Zuviel schwarz-Weiss: der böse, hinterlistige Verteidiger, das Nazi-Pärchen bleibt oberflächlich ( ja der film soll die Opferperspektive zeigen, aber das war trotzdem zu oberflächlich und farblos) .Der Rechtsstaat wird als hilflos dargestellt, der unfreiwillig die Nazis schützen muss. War für mich auch total unglaubwürdig, dass bei dieser eindeutigen Beweislage ein Freispruch herauskommt

            Den Bezug zu den NSU-Morden: Naja da war für mich wenig Bezug, ausser dass Ausländer einen Bombenattentat zum Opfer fielen. Man hätte den gleichen oder ähnlichen Film machen können, wo eine Zufallsfamilie Opfer eines beliebigen anderen Terrorakts wird.
            Wäre doch mal viel spannender einen Film über die NSU-Morde zu machen, wo mal die Beteiligung de Geheimdienste und des Verfassungsschutz und deren Vernetzung in der rechtsradikalen Szene thematisiert wird. Und wie diese V-Männer des Verfassungsschutzes und deren Auftraggeber von der Justiz geschützt werden, bzw. Akten zufällig verloren gehen. Da wäre doch die Ohnmacht der Opfer, die Enttäuschung von der Justiz und vom Staat viel nachvollziehbarer gewesen als diese dünne Geschichte vom Freispruch, weil ein Schlüssel unter einem Stein vor dem Gartenhaus lag. Man hätte sich nur in der Realität bedienen müssen, die viel unglaublichere und schlimmere Geschichten schreibt, als das was uns hier aufgetischt wurde.

            Nein zu einem solchen Film fehlte der Mut. Das war eindeutig zu kurz gesprungen.
            Letztlich ist der Film sehr eindimensional: Böse Nazis, böses Attentat, Verzweiflung, Wut, ungerechter Rechtsstaat der im zweifel die bösen Nazis schützt und letztendlich dann ein Rachefilm, wo man selbst für Gerechtigkeit sorgt, nachdem der Staat es nicht geschafft hat. .
            Das ist mir zu wenig für einen großen Film.

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            • 7 .5
              alter.native 01.12.2017, 09:28 Geändert 01.12.2017, 11:37

              Der Film kommt mit einer unheimlichen emotionalen Wucht daher, und das in erster Linie durch Diane Kruger. Es lässt sich auch alles irgendwie nachvollziehen als ein Zeichen, ein Symbol, wie die Wut auf den Prozessausgang (obwohl die Begründung des Gerichts bei der Faktenlage wirklich haarsträubend ist). Das hilflose Ende verstärkt die emotionale Wucht nochmal und entlässt den Zuschauer dann auch ziemlich ratlos in die finstere Nacht.
              Der Film ist ein Aufschrei gegen rechte Gewalt und das was den (überlebenden) Opfern damit angetan wird.
              Als politische Aufarbeitung der Verhältnisse, die das ermöglichen, und die die Wahrheitsfindung verhindern, wäre mehr drin gewesen!

              • 6

                Der Film als Fiktion - ok.
                Der Film als emotionale Verarbeitung der NSU Morde......naja.
                Wer wirklich verstehen will wie solche Leute ticken
                Doku Tipp von 3Sat: Die rechte Wende
                http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=70183

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                • 9

                  Über die Handlung und Intention von Aus dem Nichts
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                  Aus dem Nichts handelt von Katja Sekerci (Diane Kruger), die bei einem Bombenattentat ihren Ehemann und deren gemeinsamen Sohn verliert. Zwischen ihrer Gebrochenheit, ihrer Bestürzung und psychischer Zerrissenheit und der Klärung des Falls bleibt aber nicht viel Zeit. Wer steckt dahinter? Ist ein politisch motiviertes Verbrechen gewesen, ein Mord aus Leidenschaft oder gar ein Mord aus Herkunfts- und Abstammungsgründen? Dieser Frage widmet sich nun Aus dem Nichts und ist unter dessen sehr schwere Kost. In einer Welt, in der es Bobenattentate, Anschläge und Amokläufe gibt, sagt mir, wird die Gereichtigkeit in Aus dem Nichts die Überhand gewinnen?
                  Diane Krüger: Ein Ozean aus Gefühl und Stärke

                  Zunächst einmal kann ich schon vorab sagen, dass Diane Kruger's Spiel in Aus dem Nichts über jeden erdenklich möglichen Zweifel erhaben ist. Ich möchte ihre Charakterdarstellung gerne mit einem sorgsam ausgewählem Zitat verdeutlichen, dass ich beinahe jeden Tag in der Bahn, auf meinem Weg zur Arbeit, sehen und lesen kann:

                  "Man muss nicht immer in Worten reden, und nicht immer kann man es"

                  -Tschingis Aitmatov-

                  Diane Kruger tut in Aus dem Nichts vor allem Folgendes: Sie lässt ihr Gesicht mehr sprechen, als es ihre Worte je könnten. Der gesamte Film lastet auf diesem Gesicht und sie ist es, die alle Emotionen und alle Gedanken, die es nicht immer auszusprechen gilt, mit Gestik und Mimik ganz genau erfasst. Sie muss den gesamten Film über eine gebrochene und zwiegespaltene Person spielen un dazu braucht schlicht ein gewisses Maß an Professionalität und das hat und beweist sie uns in Aus dem Nichts. Und sie macht es wirklich mit Bravour!

                  In ihr ist das wertvollste auf der ganzen Welt zerbrochen und das ganze Leid, die Tränen, die Gesichtszüge und jeder Mundwinkel wirkt authentisch. Aber viel Ruhe bleibt ihr im Film nicht, denn die Polizei möchte ihre Arbeit machen und wenn die Täter gefunden würden, dann müsste man auch die Gerichtsverhandlung zügig vornehmen. Eine erste Hausdurchsuchung darf natürlich auch nicht fehlen und ihr bleibt keine Zeit, in der sie das Geschehen wirklich verarbeiten kann.

                  Zwischen Drehtagen vergehen meist ganze Tage, Wochen, mitunter sogar Monate und trotzdem sieht es bei Kruger's Spiel zu jeder Zeit so aus, als hätte man das ganze Material innerhalb von 2-3 Tagen abgedreht. Dieses gebrochene, lustlose, ebenso emotionslose, wie auch resignierende Gesicht werde ich nie vergessen. Grandios!

                  Ich hatte sie vorher für eine, milde gesagt, mittelmäßige bis uncharismatische Schauspielerin gehalten, ahnte aber schon im Trailer, dass ich mich schon bald dafür schämen würde. Es ist genau das, was den Film ausmacht und was er thematisiert, was ich in diesen Momenten getan habe, bevor ich den Film überhaupt sah. Ich verurteilte und das, obwohl ich die Bandbreite ihres Könnens nicht kannte. Auch in Aus dem Nichts wird verurteilt, falsch gedacht und auch die Rillen und Risse des Gesetzes ergründet. Die menschlichen Abgründe werden erkundet, wie auch der Wert von Rache und wie er sich auf uns auswirkt.

                  Katja Sekerci steht natürlich zu jeder Zeit im Vordergrund und ihr Martyrium überträgt sich nahtlos auf den Zuschauer. Die Kamerarbeit und Regie leistet indes auch ganze Arbeit, denn die Kamera bewegt sich meist langsam, verfolgt die Charaktere und Fatih Akin sorgt dafür, dass wir das wahrhaftige Schauspiel der Diane Kruger in Nahaufnahmen und zur Gänze mitanschauen und verinnerlichen können. Die Kameraarbeit war sehr hochwertig und genau. Dazu die eher dunklen Farben und der verstärkte Einsatz von dunkler Kleidung und Regen steuern ebenfalls maßgeblich zur Atmosphäre bei.

                  Diane Kruger ist fesselnd, ihr Gesicht ein Ozean, den man ergünden möchte und das Leid in ihrer Rolle, zutiefst verstörend. Sie strahlt Selbstbewusstsein, Zerrissenheit, Zerstörung und Stärke aus und verleiht so dem Film seine ganze Intensität.

                  Was würde der Verlust der wichtigsten Menschen in unserem Umfeld mit uns anrichten? Wären wir auf Rache aus oder etwa auf Gerechtigkeit? Und hat ein Mensch mit solch einer Tat eigentlich sein Recht auf Leben verwirkt? Diese moralischen und ethischen Fragen lasse ich an dieser Stelle so stehen, wie sie gefallen sind. Aus dem Nichts findet eine Antwort und lässt mit dem Ende ein polarisierendes und effektives Erlebnis in uns zurück. Auch hier stand Authentizität an alleroberster Stelle. Spitze!

                  Über den Regisseur und Kopf hinter Aus dem Nichts
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                  Fatih Akin! Einer der mutigsten und innovativsten Regisseure unseres Landes. Ein Mann, der seine eigene Herkunft nicht verschleiert, sondern alle Herkunften im Film authentisch miteinarbeitet. Auch türkische Eltern werden mitsamt ihrer Ehre und ihren Vorstellungen etabliert. Keine Klischees, aber stellenweise etwas zu einfach gezeichnet.

                  Hier gibt es nur einen Special-Effect, auf den er gesetzt hat. Er heißt Diane Kruger und dieser Effekt hat nichts mit CGI zu tun. Mit Filmen, wie Gegen die Wand und Goldener Bär, zeigte er bereits, dass er zu höherem bestimmt ist. Das Drehbuch schrieb er eigenhändig und recherchierte wohlwollend. Das Stichwort ist Authentizität, auch wenn man der Handlung eine gewisse zusätzliche Prise Dramatik natürlich nicht aberkennen kann. Aber das ist kein Minuspunkt, denn ein Film muss immer auch eine besondere Bindung aufbauen. Und zwar diese zum Zuschauer!

                  Wie mich die Werbung auf Aus dem Nichts vorbereitete
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                  Über den Wert der Werbung für das Kino.
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                  Hachja. Die Werbung. Momentan ist sie längst schon länger, als ein Kurzfilm und von wenig inhaltlicher Relevanz. Trotzdem läuft momentan ein ganz wunderbarer Werbespot vor den Filmen, der doch meinen ganzen Respekt bekommt. Die Rede ist vom neuen Saturn-Werbespot. Dieser handelt von einem (entweder/oder) Demenzkranken bzw. Altsheimerkranken, alten Mann, der seine Tochter nicht mehr wiedererkennt. Diese hat schwer damit zu kämpfen und kauft ihm eine Virtual-Reality-Brille, durch die er seine Tochter in Kinderjahren spielen und die Wohnung, samt ihren ganzen wundervollen Erinnerungen, sehen kann. Er erkennt sie wieder und im Hintergund läuft einer der schönsten Songs aller Zeiten, neu aufbereitet. "Always on my mind".

                  Das muss der Wert hinter der Werbung im Kino sein, auch wenn die Einblendung von "Saturn" natürlich ein wenig Authentizität und einen Teil der entstandenen Emotionallität raubt.

                  Ein 10 Sterne Werbespot muss man dennoch anerkennen und ich habe ihn in den letzten Wochen wohl schon mindestens 10 mal gesehen. Grandios und wenn das Lied ertönt, die Erinnerungen, die unser aller Glück sind, dass uns auch niemand nehmen kann, dann fließen Tränen, zumindest bei mir.

                  "If I make you feel second best/ I'm so sorry, I was blind/ You were always on my mind"

                  -Elvis Presley-

                  Wegen solcher Werbespots darf die Werbung für mich auch etwas länger gehen...

                  Abschließendes Fazit
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                  Alles in allem war es für mich ein herausragendes Filmerlebnis, und Aus dem Nichts eine Erfahrung, die die wichtigsten Komponenten eines vernünftigen und ordentlichen Dramas vollkommen erfüllt hat. Ich war öfter den Tränen nahe, als ich vorher glauben wollte und manchmal kullerten sie schon, bevor ich es bemerkte. Fatih Akins Aus dem Nichts ist ein gellschaftlich und historisches Stück Kritik, dass die Fülle der Menschlichkeit und den Wert von Rache in uns selbst brisant präsentiert und mit purer Authentizität untermalt.

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                  • 7

                    Fatih Akins präsentiert mit seinem preisgekrönten Drama "Aus dem Nicht" ein extrem subjektives und angriffslustiges Statement zur NSU-Mordserie und der anschließenden jurististischen Aufarbeitung. Kombiniert mit der scheinbar unausweichlichen Konsequenzen, zu der er seine Protagonistin Katja Sekerci (Diane Krüger) treibt, macht das "Aus dem Nichts" natürlich extrem angreifbar. Denn- seien wir ehrlich- Akins Film wirkt ein wenig wie die deutsche Arthouseversion exploitativer Selbstjustiz-Reißer von Schlage "Ein Mann sieht rot".

                    Trotzdem ist Diane Krüger keinesfalls die die deutsche Charles Bronson, denn wie kein anderer Regisseur besitzt Akin die Fähigkeit, solche B-Movie-Ausgangsituationen als Aufhänger für glaubhafte Charakterdramen zu nutzen. Im Gegensatz zu anderen deutschen Kollegen, scheut er das Pathos, die große Geste nicht nicht verschämt -sie sind seine größten Waffen. Wenn, die Hüpfburg im Garten langsam ungenutzt einschneit, oder die Schatten herabfließender CGI-Regentropfen auf einem Fenster zu den Tränen der Protagonistin werden findet Akin, gepaart mit dem extrem aufoperungsvoll Spiel von Diane Krüger Spiel, einige herausragende Bilder für die Spirale aus Trauer, Hilflosikeit, Schmerz und Wut seiner Protagonistin. Ein Fleißkärtchen bekommt Denis Moschitto, der in seiner ungewohnten Rolle als Symbol einer durch staatliche Institituionen kontrollierten Wut auftritt und sich vor Gericht einige denkwürdige Duelle mit einem ebenfalls effektiven Johannes Krisch liefert. Der Mittelteil markiert trotzdem den Schwachpunkt, da der Ausgang des Prozess kaum erklärt und tatsächlich etwas "Aus dem Nichts" daherkommt und so den finalen Akt nur unzureichend vorbereitet. Das Ende gestaltet Akin dabei gleichermaßen gehetzt wie moralisch ambivalent, überschreitet hier aber ab und an endgültig die Grenze zum Trash, was leider den herausragenden Rest des Films ein guten Teil seiner Kraft nimmt.

                    PS: Der wohlkommen nichtssagende Titel steht in schöner Tradition zu seinen anderen Werken "Kurz und schmerzlos" und "Gegen die Wand".

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                    • 10

                      "Aus dem Nichts" von Regisseur Fatih Akin handelt von einer Frau, die ihre Familie verliert und selbst den Tätern auf die Spur kommt um sich zu rächen. In der Hauptrolle Diane Kruger, die eine beeindruckende, emotionale Darstellung abliefert und für bewegende Momente sorgt. Sehr trauriges, spannendes Drama das das Thema NSU-Terrorismus behandelt, bei dem viele ausländische Menschen Opfer wurden. Insgesamt ein sehr starker Film, der zu recht für den Auslands-Oscar nominiert werden dürfte!

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                      • 6

                        Kein Werk, das als würdiges filmisches Denkmal für die Opfer der NSU-Terroristen dienen könnte. Hierzu ist der Film viel zu oberflächlich geraten.

                        • 10

                          "Aus dem Nichts" schafft Ausnahme-Regisseur Fatih Akin (Goldener Bär für "Gegen die Wand") ein deutsches Thriller-Drama, dass es nicht nur aufgrund seiner beängstigenden Realitätsnähe so noch nie in Deutschland gab.
                          "Aus dem Nichts" gelingt Diane Kruger eine schauspielerische Intensität, die von Anfang bis Ende fesselt und jede gezeigte Emotionalität liebevoll wie schmerzlich nachfühlen lässt; zurecht ausgezeichnet mit der Goldenen Palme.
                          "Aus dem Nichts" ist Lovestory, Drama, Gerichts- und Rache-Thriller in einem. So etwas habe ich noch nie gesehen und geht hoffentlich ins Oscar-Rennen!

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                            Punsha 26.11.2017, 19:26 Geändert 26.11.2017, 19:29

                            Auch Fatih Akins Stift malt nur in Schwarz-weiß: Eine trauernde Heldin als Vorbild für Völkerverständigung, farblose Nazi-Karikaturen, ein empathieloser Verteidiger, der auch optisch keine gute Figur macht und der charismatische Anwalt der erfolglos für Gerichtigkeit kämpft. Die dargestellte Ungerechtigkeit romantisiert den Selbstjustizgedanken und peitscht das Publikum an. Lass ma' paar Nazis in die Luft jagen.
                            Müsste nicht eigentlich langsam der letzte begriffen haben, dass das ständige stupide Draufgekloppe nichts anderes macht, als den (Rechts-)Extremismus anzuheizen?

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                            • 9

                              Die Wucht der Bildkomposition, das großflächige eingängige Spiel Diane Krugers, die Stille in vielen Momenten, all das zeigt eindeutig, dass Fatih Akin nicht die Geschichte als das bedeutendste Element ansieht, sondern deren Performanz und Wirkung. Und diese ist intensiv. Man muss recht empathielos sein, um Diane Kruger in diesem Film nichts abgewinnen zu können. Eindringlicher habe ich Verlustschmerz, Zorn und Furcht in der letzten Zeit nicht auf der Leinwand gesehen. Deshalb ist dieser Film auch kein durchschnittlicher "Tatort", sondern eine regelrechte Überraschung, wenn man sie auf sich einwirken lässt.
                              Ich habe mitgefühlt, ich habe mitgelitten, ich habe mitgezittert. "Schaut auf dieses Gesicht". Das ist wohl wahr! Diane Kruger ist großartig und allein wegen ihr, lohnt es sich diesen Film zu würdigen.

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                                Kein Film über die NSU

                                Schade, es hätte ein guter Film über ein aktuelles, wichtiges Thema werden können. Aber Fatih Akin hat es vergeigt. Mal wieder.
                                An sich ist der Film durchschnittlich.
                                Der erste Teil ist ein etwas überdurchschnittlicher "Tatort".
                                Der zweite Teil ist ein sachlicher Gerichts-Film.
                                Der dritte Teil ist ein anfangs etwas spannender Rache-Thriller.
                                Und das alle mit schönen Bildern, d.h. Aufnahmen vom griechischen Meer aber vor allem Diane Krugers Gesicht in Nahaufnahme.
                                Was den dritten Teil angeht, so ist er bei weitem nicht so radikal wie "Elle" aus dem letzten Jahr. Akin kann hier wie im gesamten Film eigentlich nichts neues erzählen. Kann er nicht, oder traut er sich nicht?
                                Wie gesagt, an sich, ein durchschnittlicher deutscher Kino-Film, dem ich 6,5 oder 7 Punkte geben würde. Eine emotionale, aber starke Frau im Mittelpunkt, eine recht spannende Erzählung.
                                Aber es gibt etwas, das ich diesem Film extrem Übel nehme:
                                Die Entpolitisierung der Täter.
                                Allein die Texttafel am Ende des Films lässt erblicken, dass Akin hier eine Film über den NSU-Terror drehen wollte. Im Film selber...?
                                Ja, die Täter sind 2 Nazis. Aber mehr erfährt man nicht über sie. "Er verehrt Hitler". Mehr wird nicht gesagt. Politische Zusammenhänge, Motive, Hintergründe werden zu keiner Zeit erläutert. Ich meine diese Taten der NSU kamen ja nicht "aus dem Nichts", wie es sich für die Opfer angefühlt hat. Nun werden einige einwenden, dass dieser Film ja aus der Perspektive eines unpolitischen Opfers handelt. Keinesfalls, denn es hat sich sowohl während den Gerichtsszenen, als auch im letzten Teil, als das Opfer zur Selbstjustiz greift, also selber zum politischen Subjekt wird, genug Gelegenheit zur politischen Beleuchtung des Terroraktes geboten. Aber Akin tut es nicht. Und das ist schrecklich. D.h. nämlich, dass die Täter völlig austauschbar sind, dass es eigentlich für den Film keinen Unterschied gemacht hätte, ob es sich hier um Drogendealer, Mafia, Islamisten oder Nazis handelt. Der Film spricht dem NSU-Terror damit das Politische ab. Und diese Entpolitisierung ist ungerecht sowohl gegenüber den Tätern, aber noch viel viel mehr gegenüber den Opfern dieser Anschläge, denen dieser Film ja doch gewidmet ist.
                                Fatih Akin ist ein total überbewerteter deutscher Regisseur. Seine frühen Werke "Gegen die Wand" und "Auf der Anderen Seite" waren gute bis sehr gute Filme. Aber seitdem ist er tief gestürzt. "The Knife" war schon schlecht. Über "Tschick" wollen wir schweigen. Er sollte sich eine Pause gönnen, und sich wieder seinen Anfängen erinnern.

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                                  Jenny von T 25.11.2017, 19:48 Geändert 25.11.2017, 19:50

                                  Statt "Aus dem Nichts" könnte dieser Film eigentlich auch "Ins Nichts" heißen, denn genau dorthin führt der schon beim Hinsehen unerträgliche Weg von Diane Kruger. Akins Neuer handelt von einer Frau Ende 30, die mitten im Leben steht, aber unvermittelt aus selbigem gerissen wird, als eines Tages eine Bombe vor dem Büro ihres Mannes explodiert – mit der Folge, dass sie nicht nur ihn, sondern auch den gemeinsamen kleinen Sohn verliert. Was folgt, ist eine Tour de Force, die man im Kino nur selten durchstehen darf... beziehungsweise muss.

                                  Der Verdacht der Protagonistin fällt bald auf das rechtsextreme Milieu und tatsächlich sitzt eines Tages ein Neonazi-Pärchen auf der Anklagebank, die Indizien sind belastend. Ein ganzes Kapitel hat Akin diesem Gerichtsprozess gewidmet, der für mich der beeindruckendste Part des Films ist – Gesichter brennen sich ins Gedächtnis wie bei Bergman oder einem Italowestern, jede Casting-Entscheidung erweist bis in die Nebenrollen hinein als Volltreffer. Dazu passt auch, dass der Film hier beginnt, wirklich konsequent zu werden, denn Akin denkt gar nicht daran, an der Schuld der Täter zu rütteln, und das – wie man meinen könnte –entgegen der Unschuldsvermutung, die ich übrigens für die wohl wichtigste Errungenschaft unseres Rechtssystems halte. Selbst die elementarsten Grundsätze jedoch können an ihre Grenzen stoßen, was "Aus dem Nichts" schmerzlich aufzeigt. Denn wenn ein Angeklagter schon beim kleinsten Zweifel freigesprochen werden muss, bedeutet das früher oder später wohl automatisch auch, dass kapitale Verbrechen ungesühnt bleiben – es ist der hohe Preis, den unser Rechtsstaat bezahlt, um zu vermeiden, dass niemand im Knast landet, der wirklich nichts getan hat.

                                  Ist "Aus dem Nichts" – wie einige Kritiker offenbar meinen – eine plumpe Rachephantasie? Ich finde, mit dem Vorwurf macht man es sich zu leicht. Rache begeht man immer auch in der (trügerischen) Hoffnung, sich danach besser zu fühlen, Hauptfigur Katja allerdings ist darüber schon lange hinaus. Was am Ende des Films passiert, kommt vielmehr einer Kapitulation vor der eigenen Ohnmacht gleich, und nicht zuletzt das verleiht "Aus dem Nichts" eine so tragische, nachhallende Wirkung. In der Vorstellung, in der ich den Film sah, stand kein einziger Zuschauer auf, als der Abspann einsetzte, und sogar ich blieb wie festgeklebt sitzen, um das Gesehene wirken zu lassen, obwohl ich mich meistens recht schnell verdrücke. Das ist natürlich zum einen der Verdienst von Akin, der so wuchtig inszeniert wie wahrscheinlich kein anderer lebender deutscher Regisseur und so selbst durchschnittliche Drehbücher beinahe regelmäßig vergoldet. Hier spielt er in drei Akten seine ganze Klasse aus, was genauso für die in Cannes prämierte Diane Kruger gilt, von der ich bislang eher kein Fan war. Durch sie wirkt die ohnehin zu jeder Sekunde spürbare Wut des Regisseurs noch einmal doppelt und dreifach, absolut jede ihrer Regungen saugt man wie ein Schwamm auf – und fühlt sich anschließend ausgewrungen, leer, zerdrückt.

                                  Das heißt nun nicht, dass "Aus dem Nichts" ein makelloses, auf ganzer Linie überzeugendes Meisterwerk wäre, denn bestimmt gibt es Angriffspunkte. Offen gestanden habe ich keine Ahnung, zu welchem Anteil ich ihn womöglich wider besseres Wissen mag. Auf jeden Fall festhalten muss ich aber, dass er mich bewegt und mitgerissen hat – und das konnte ich in diesem Jahr von nicht gerade Filmen behaupten. Ein typischer Akin eben.

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                                    In drei Kapitel hat Fatih Akin seinen neuen Film „Aus dem Nichts“ eingeteilt. Schlicht betitelt heißen sie nur „Die Familie“, „Gerechtigkeit“ und „Das Meer“. Was in diesen Kapiteln geschieht, könnte hingegen kaum konträrer zu den simplen Titeln sein. In „Die Familie“ zeigt Akin eine Familie, die schon nach kurzer Zeit auf ewig auseinandergerissen wird, in „Gerechtigkeit“ bleibt ausgerechnet die Gerechtigkeit aus und unter dem Begriff „Das Meer“ denken die Menschen oftmals an den beruhigenden Rhythmus des Wellenschlags, dem der Regisseur kurz vor dem Abspann seines Films eine lange nachhallende Erschütterung voranstellt.
                                    Inspiriert wurde Akin für die Geschichte durch den realen NSU-Prozess, ein Gerichtsverfahren gegen fünf Mitglieder der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“, die an Anschlägen und Morden gegen Migranten und Polizisten beteiligt gewesen sein sollen. Das Urteil in diesem Prozess, dessen Ermittlungen sich über Jahre hinzogen und der vor allem für Aufruhr sorgte, da zuerst umfassend im persönlichen Umfeld der Opfer nach kriminellen Verbindungen gefahndet wurde, steht bis heute aus. Die Erzürnung des Regisseurs darüber, dass die Opfer dieser Taten und zugleich deren Hinterbliebene zunehmend in den Hintergrund rücken, ist diesem Film hingegen in jeder Einstellung anzumerken.
                                    Im Gegensatz zu Akins Roman-Adaption „Tschick“ aus dem vergangenen Jahr, in der es im Rahmen einer weitestgehend leichtfüßigen Coming-of-Age-Geschichte vor allem um das Heraufbeschwören eines Gefühls von Jugend sowie kindlichen Sehnsüchten ging, ist „Aus dem Nichts“ wieder ein Film, der bewährte Motive aus dem Schaffen des Regisseurs aufgreift. Hauptfigur des Films ist Katja, eine deutsche Frau, die mit dem Kurden Nuri verheiratet ist. Dieser betreibt mittlerweile ein Reise- und Übersetzungsbüro, nachdem er zuvor wegen Drogenhandels im Gefängnis saß. Zusammen hat das Paar einen sechsjährigen Sohn namens Rocco, der die dreiköpfige Familie komplettiert.
                                    Nachdem eine Nagelbombe vor dem Büro ihres Mannes explodiert und Nuri sowie Rocco tötet, verliert Katja von einem Moment auf den anderen alles, was ihrem Leben Sinn verliehen hat. Im ersten Kapitel, das fortan Katjas Leben kurz nach dem Anschlag behandelt, inszeniert Akin die lähmende Trauerarbeit der Hauptfigur mit einer dichten Körperlichkeit, wie man sie aus Filmen des Regisseurs wie „Gegen die Wand“ kennt. Diane Kruger, die hier ihre erste deutschsprachige Rolle verkörpert, spielt die stille Verzweiflung sowie durch Drogen betäubte Lethargie dieser jungen Frau ebenso eindringlich wie die lauten Ausbrüche, in denen die Welt rund um Katja vollständig unterzugehen droht.
                                    Zusammen mit der unruhigen Handkamera von Rainer Klausmann, die im ersten Drittel des Films häufig ganz nah an Krugers Gesicht haftet und jede kleinste Nuance darin ergründet, legt der Regisseur das emotionale Gewicht seines Films alleine auf die Schultern der Hauptdarstellerin, die zugleich eine Karrierebestleistung abliefert. Wenn sich die Ermittlungsarbeit der Polizei zunächst ausschließlich auf das Umfeld von Katjas verstorbenem Mann beschränkt und nach möglichen Tätern sucht, die eventuell mit Nuris krimineller Vergangenheit in Verbindung stehen, während Katjas Mutter beispielsweise offen durchscheinen lässt, dass sie von Anfang an gegen die Ehe zwischen der deutschen Frau und dem türkischstämmigen Mann gewesen ist, präsentiert Akin wütende, anklagende Motive in filmisch konzentrierter Form, um Katjas Situation mit scharfem Nachdruck zu verdeutlichen.
                                    Auch im zweiten Kapitel, das den Gerichtsprozess gegen die beiden mutmaßlichen Täter behandelt und sich zu einem Großteil im Inneren des Gerichtssaals abspielt, wird deutlich, dass Akin ein Filmemacher ist, der das Politische im Privaten verhandelt und am liebsten so eng wie möglich bei seinen Hauptfiguren verweilt. Die ausführlichen Szenen der Verhandlung sind mit formaler Strenge komponiert und doch verweist der Regisseur unentwegt auf die Reaktion von Katja, in der sich der unfassbare Terror der Situation und gleichzeitig die erdrückende Ohnmacht gegenüber dem Justizsystem widerspiegelt. Besonders eine Einstellung, in der Katjas Gesicht im Hintergrund zu sehen ist, während im Vordergrund eine Gerichtsmedizinerin in sämtlichen Details beschreibt, wie die Körper der Opfer von den Auswirkungen der Explosionen erfasst und zerfetzt wurden, wird von einer Trauer und Fassungslosigkeit durchzogen, die man nicht mehr so schnell vergessen wird und in der ein so spröder Prozess wie die zähe Gerichtsverhandlung aufrichtiger Empathie weicht.
                                    Das dritte Kapitel, in dem Akins Vorliebe für Genrefilme schließlich vollends zum Vorschein kommt, positioniert „Aus dem Nichts“ auf herausfordernde Weise zwischen der Sensibilität eines einfühlsamen Dramas und den geradlinigen Mechanismen eines aufwühlenden Thrillers. Mit stiller Poesie verlagert der Regisseur die Fragen über zweifelhafte Moral sowie verwerfliche Selbstjustiz weiterhin auf die Schultern seiner Protagonistin. Was als irritierender, brutaler Schlussakt missverstanden werden könnte, ist dabei nichts anderes als ein finales Statement des Regisseurs, der seiner eigenen Ratlosigkeit im Angesicht unverständlicher Entwicklungen Ausdruck verleiht, indem er gemeinsam mit Katja bis zum bitteren und nichtsdestotrotz zutiefst menschlichen Ende geht. Nicht die Handlung, die den Schluss dieses Films markiert, stimmt wütend, sondern die Umstände, die es nach zögernder Verzweiflung so weit haben kommen lassen.

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                                      DieZEIT 24.11.2017, 16:15 Geändert 24.11.2017, 16:16

                                      Wie Aus dem Nichts den Zuschauer in einen seelischen und moralischen Konflikt von schier antiker Wucht hineinzieht, das ist großes Kino. Und wie Diane Kruger die Tragödin darstellt, ebenso. [Ursula März]

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                                        Persönliches Drama oder politischer Film? Aus dem Nichts ist beides und beides auch nicht. Er rennt durch die Szenen, erklärt spätestens ab dem Gerichtsverfahren wenig und hinterlässt das Bild einer Frau, deren letzte Option, mit letzter Kraft, die Selbstjustiz zu sein scheint. [Maik Baumgärtner; Hannah Pilarczyk]

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                                          Wie Kekilli trägt auch Kruger ihren Film souverän über manche Schwächen in Drehbuch und Charakterzeichnung hinweg bis zum schockierenden Schluss. Man muss ihr nicht folgen. Aber man darf ihr glauben. [Christina Tilmann]

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                                            Ein Film, der stark beginnt, aber irgendwann in plumpen Schematismus kippt. [Andrey Arnold]

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                                              Die überwiegend hohe Authentizität ist die größte Stärke des Films und einen sehr hohen Anteil daran hat u.a. die Performance von Diane Kruger. Mit dieser Leistung würde ich ihr eine Oscar Nominierung gönnen. Ich wurde über die gesamte Laufzeit bestens unterhalten und der wunderbare Credit Song rundet diesen guten Film perfekt ab.

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                                                Akin hat Aus dem Nichts als einen Film über eine Mutter und über die Trauer bezeichnet. Dem kann man zustimmen. Doch die Wut – sie ist da, sie ist sichtbar und sie bleibt. [Kirsten Taylor]

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                                                  Aus dem Nichts empfiehlt sich somit eher als eine bewegende weibliche Charakterstudie als ein souveränes Politdrama und bleibt hoffentlich nicht die einzige filmische Auseinandersetzung mit diesem Thema. [Kirsten Liese]

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                                                    Was die Regie nicht leistet, gelingt der Schauspielerin Diane Kruger. Sie hält die verschiedenen Tonlagen mit ihrem zurückhaltenden Spiel zusammen. [Anke Leweke]