Aus dem Nichts - Kritik

Aus dem Nichts / AT: In the Fade

DE/FR · 2017 · Laufzeit 106 Minuten · FSK 16 · Drama · Kinostart
Du
  • 7

    – S P O I L E R –

    Der Film kritisiert auch die Defizite bei Ermittlung und Rechtssprechung. Deswegen der Racheakt, der dadurch erträglicher wird oder sein soll, daß sie selbst auch dabei umkommt. Harter Film, leider nötig.

    • 6

      Spoiler!

      "Aus dem Nichts" sind drei Filme in einem. Dies macht Fatih Akin durch die Aufteilung in drei Kapitel deutlich; es war ihm bei Erstellung des Films also bewusst. Ein solches Vorgehen birgt Vor-, wie aber auch Nachteile in sich. Zunächst sichert es dem Film ein facettenreiches Auftreten. Der Mensch durchläuft nach einem Schicksalsschlag, wie ihn Diane Kruger hier porträtieren muss, verschiedene Phasen. Da liegt es nahe, die filmische Aufarbeitung dieses Themas auch in verschiedene Phasen aufzuteilen. Der Film ist infolgedessen zu Anfang ein Familiendrama, anschließend ein Gerichtsthriller und schließlich eine Selbstjustiz-Story. Diese Einteilung erscheint vor dem Hintergrund der Geschichte ebenfalls schlüssig. Das Problem an einer solch offensichtlichen Einteilung ist jedoch, gerade wenn der Regisseur sie so deutlich herausstellt, dass die einzelnen Elemente weitgehend isoliert betrachtet werden können und so die Gefahr besteht, das etwaige Schwachstellen nicht in einem großen Ganzen verschwinden können. Oder noch schlimmer, dass die einzelnen Kapitel qualitativ deutlich auseinanderliegen.

      Die ersten beiden Kapitel sind authentisches und mitreißendes Kino. Diane Kruger liefert eine beeindruckende Leistung ab, die zwischenzeitlich leicht am Overacting kratzt, aber durch mehrere starke Momente wieder ausgeglichen werden kann. Wohl die wenigsten hätten ihr einen derartig überzeugenden Auftritt zugetraut. Hut ab. Der Film selbst hält sich in dieser Phase angenehm zurück.Optische Spielereien gibt es wenige, Fatih Akin nimmt sich auf dem Regiestuhl zurück und vertraut seinen Darstellern und der Kraft der Geschichte. Eine gute Entscheidung. Der politische Standpunkt der Macher wird im zweiten Abschnitt deutlich, die rechtsradikalen Angeklagten hätten etwas mehr Profil vertragen können. Der Wucht des Films tut dies jedoch keinen Abbruch. Bis hierhin ein lobenswertes, ehrliches Werk, jenseits von überzeichneter Betroffenheitsdramatik.

      Ein leider beinahe schockierender Qualitätsabfall ereignete sich dann, in meinen Augen, im letzten Drittel. Nach vorangegangenem Versagen der Ermittlungsbehörden und dem darauf folgenden Versagen des Gerichts ist Diane Kruger auf sich allein gestellt und sieht keinen anderen Ausweg, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Auf dem Papier scheint dies, wie bereits gesagt, eine logische Konsequenz zu sein, es wäre jedoch von Nöten gewesen, eine solche Storyentwicklung im Vorfeld subtil anzukündigen. Der Film, der sich in seinen ersten zwei Teilen als aufwühlende, ruhige und beinah dokumentarische Abhandlung der NSU-Thematik präsentiert, lässt seine Protagonistin im letzten Drittel zur Spionin, Bombenbauerin und Märtyrerin werden. Dies erscheint in der Entwicklung der Figur etwas überzeichnet und vor allem im Ton des Films fehl am Platze. Die Selbstjustiz als Konsequenz ist in der Figurenzeichnung vertretbar, wird jedoch vollkommen hanebüchen und in plumpe Symboliken verpackt präsentiert. Warum muss Diane Kruger unbedingt selbst eine Bombe bauen? Mehr als eine plakative, pseudo-clevere Rachefantasie kann ich darin nicht entdecken. Dazu gesellt sich in diesem finalen Teil das ungute Gefühl, dass Fatih Akin selbst mit dieser Auflösung nicht zufrieden war. Diane Kruger dreht sich in ihrer Figurenentwicklung in diesem Abschnitt des Films nur im Kreis; sie ändert mehrmals aus unerklärlichen Gründen ihren Plan, ohne nachvollziehbare Konsequenten daraus zu ziehen. Leider bleibt insgesamt der Eindruck, es habe an einer klaren Vorstellung gefehlt, den Film zu einem konsequenten Ende zu bringen.

      Schon isoliert betrachtet krankt dieser finale Akt an einem unausgereiften Skript und seinen unausgewogenen Figuren. Im Zusammenhang mit den vorangegangenen Akten fühlt er sich dann, aufgrund der unterschiedlichen Stimmung und Attitüde, endgültig an wie ein Fremdkörper, der dem Film als Gesamtwerk spürbar schadet. Das können die überzeugenden und nahegehenden ersten beiden Akte leider nicht kompensieren. Schade.

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        Ich kann mich User “Rosenblum” und seine bis ins Detail stechende Kritik nur anschließen. Gefährlich finde ich diesen Film allerdings nicht; einfach nur extrem überbewertet.

        Dieser Film ist meiner Meinung nach erstens überbewertet (wie vorhin schon erwähnt) und zweitens kein Oscarmaterial. Sowas kann die ARD/ZDF ruhig mal am am Samstag und Sonntag um 22:15 als Zweiteiler zeigen, wenn die meisten von uns im Bett liegen und schlafen. Aber für die große Leinwand? Nein, sorry.

        Ich denke der Hype um den Film hat mit der derzeitigen Situation in Deutschland zu tun, plus ein gewisses Maß an Ar$chkriecherei (“Schaut uns Deutsche an, wir lieben einen Film, der von einem Muslimen dirigiert wurde! Wir sind keine Nazis!”). Für mich ist das der Grund, warum deutsche Filmkritiker diesen Film so gehyped und gut benotet haben.

        Warum Diane Krüger in diesem Film ist? Meiner Meinung nach weil sie praktisch die einzige weltberühmte noch relativ jungaussehende deutsche Schauspielerin ist, die VERMARTKBAR ist. Ihre Präsenz im Film bringt Geld in diese Kassen. Oder? Von der Leistung hergesehen war sie im Film ok, hat es aber ab und zu etwas übertrieben. Vor allem die Heulszenen waren ja fast schon melodramatisch.

        Am Ende ist der Film technisch gut gemacht, schauspielerisch ok und von der Story betrachtet eher mittelmäßig.

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        • 2 .5

          Und leider schon die nächste Gelegenheit sich in die Nesseln zu setzen...

          OK, vorab: ich würde es lieben an dieser Stelle einen international erfolgreichen Film loben zu können. Ich denke, dass es der deutsche Film verdient hätte. Der deutsche Film - aber nicht AUS DEM NICHTS.

          Kurz in die Realität: ein Trio von Neo-Nazis mordet willkürlich deutsche Staatsbürger - Nachbarn, Freunde, Kollegen, Ehemänner, Brüder, Väter - mit Migrationshintergrund. Zwei der Täter erschießen sich, die Frau im Trio steht im Augenblick vor Gericht.

          Zurück zum Film, der sich explizit auf die NSU-Mordserie bezieht, dies aber mit einem Twist: blonde, blauäugige Frau heiratet Kurden. Dieser und ihr Sohn werden Opfer eines Mordanschlags.
          Warum setzt Fatah Akin auf Diane Kruger? Vielleicht weil er den blonden, blauäugigen Deutschen vermitteln wollte: stellt Euch mal vor einem von Euch wäre das passiert. Hat bei mir nicht funktioniert, aber egal... Vielleicht bin ich nicht blond und blauäugig genug.
          Weiter geht's: der Streifen ist in drei Kapitel eingeteilt, von denen das zweite "Gerechtigkeit" heißt. In diesem Kapitel wird der Rechtsstaat dargestellt. Der Polizist ist eine intrigante Schlange, der Verteidiger ein fieses Schwein, der Richter eine Luftnummer, der Anwalt des Opfers ein hilfloses Lamm. Der Rechtsstaat ist also ein überflüssiges, vielleicht sogar feindliches Konstrukt. Hier zählt nicht Gerechtigkeit, sondern nur das was irgendwelche liberalen Spinner "Recht" nennen. Was für Idioten...
          Fatih Akin offenbart hier ein ziemlich klares Weltbild. Der Rechtsstaat ist in seinen Augen überflüssig, ungerecht und überholt. Er setzt lieber auf den Zeitgeist der Autokraten. Was soll das Gequatsche? Hängt die Typen doch einfach auf. Warum haben die ein Recht auf Verteidigung? Warum hört man solchen Menschen zu?
          Seine Darstellung der Vertreter dieses Rechtsstaats ist augenfällig. Polizist und Strafverteidiger sind hässlich, verquollen, haben schiefe Zähne und große Nasen. Das hat mich persönlich sofort an schlimmste Stürmer-Karrikaturen erinnert - inklusive der Botschaft: finstere Mächte wirken. Hier gibt es keine Moral. Hier gibt es keine Menschlichkeit! Alles ist hässlich und fies! Wehr dich doch endlich, du blonde Frau!
          Zurück zur Realität: ja, die Ermittlung und Aufarbeitung der NSU-Morde ist ein Justizskandal und ein Trauerspiel, aber der Rechtsstaat und unsere demokratischen Strukturen zeigen derzeit, dass sie willens und in der Lage sind damit umzugehen. Der Prozess in München wird fair und besonnen geführt. Geheimdienste werden umstrukturiert, viele Verantwortliche mussten gehen oder wurden angeklagt. Prozesse laufen. Journalisten lassen nicht locker, Bücher klären auf. Der Rechtsstaat - in seiner ganzen Langsamkeit - funktioniert. Eindeutig zu spät, aber er funktioniert. Das bringt die Opfer natürlich nicht zurück. Das heilt keine Wunden. Aber es ist das einzige Mittel der Zivilgesellschaft.

          Zurück zum Film: unserer Heldin bleibt also - laut Akin - gar nichts anderes übrig, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Und das tut sie als Selbstmordattentäterin.
          Warum? In diesem Augenblick besitzen reale Frauen den unfassbaren Mut ihr Leben zu leben, obwohl ihre Ehemänner, Väter, Brüder von Neo-Nazis umgebracht wurden. Sie haben die moralische Kraft eben nicht auf blinde Rache zu setzen, sondern mit ihrem Sein und Tun dieses Land zum Besseren zu verändern. Das sind Helden!
          Was ist die moralische Botschaft, die ein Leben als so nichtig betrachtet, dass es nur noch zur Rache dient? Alles was ich noch tun kann ist töten. Das ist eigentlich nur feige, oder? Und ich befürchte, dass es kein Zufall ist, dass Akin das Bild der Selbstmordattentäterin bemüht - Anleitung zum Bombenbau inklusive.

          Kurz: ich verstehe die Moral und die Botschaft von AUS DEM NICHTS nicht. Ich halte diesen Film für gefährlich, weil er - ganz dem gefährlichen Zeitgeist eines Trump, eines Putin, eines Erdogan geschuldet - das Denken, den Dialog und den Rechtsstaat zum unnützen Spielzeug linksliberaler Spinner erklärt.
          Ich bin einer dieser linksliberalen Spinner, weshalb ich davon überzeugt bin, dass das Gegenteil der Fall ist. Wir leben in einer Zeit, in der man den Rechtsstaat, die Presse, den Dialog, das differenzierte Denken mit allen Mitteln verteidigen sollte. Wir leben in einer Zeit, in der das Internet und der antidemokratische Teil der Gesellschaft das Misstrauen gegenüber dem Staat und seinen Institutionen schüren, um uns alle zu Einzelkämpfern a la Diane Kruger zu machen.
          Es entsetzt mich, dass sich ein so begnadeter Regisseur wie Fatih Akin vor diesen Karren spannen lässt.

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          • 8

            Ein sehr guter Film, der ein wenig anders, als das typische deutsche Drama funktioniert, weil er sich nicht an klassischem Storytelling oder Character-Arcs abarbeitet, sondern sein Anliegen weit größer formuliert. Fatih Akin will die mediale Distanz aufbrechen, welche sich - wie bei jeder weiteren Schreckensmeldung, die im Sekundentakt im Medien-Feed auf uns einströmt - nach hunderten Berichten, Jahren der Gerichtsverhandlung, etc. zwangsweise irgendwann eingestellt hat. Er will der Anschlagsserie des NSU, die für den Normalbürger weit weg und zu einem abstrakten Etwas inmitten des Rauschens geworden ist, wieder ein Gesicht geben, ein GEFÜHL dafür schaffen, dass hinter den Statistiken, Meldungen und Zahlen am Ende immer Menschen stehen. Welche, denen in diesem Fall ohne nachvollziehbaren Grund, in einem Akt völliger Sinnlosigkeit ihre Liebsten genommen wurden und deren Leid schier unvorstellbar ist. Und das gelingt ihm und der vollkommen uneitel, intensiv, mit enormer Hingabe sich die Seele aus dem Leib spielenden Diane Krüger mit Bravour. AUS DEM NICHTS schockiert, trifft da wo es ganz weh tut, zermürbt aktiv und auf den Punkt. Dass die Opfer nicht nur die ermordeten, sondern auch die Hinterbliebenden sind, deren Leben ebenso vorbei sein könnte, weil sie in ein Loch fallen, aus dem sich wieder zu befreien wenn überhaupt nur den Allerwenigsten gelingen dürfte, transportiert der Film mit einer dermaßenen emotionalen Sprengkraft, dass es mich halb aus dem Kinosessel hämmerte. Der Generalverdacht gegenüber Immigranten &co., das Loch im Herzen, die Ohnmacht der Justiz, weil selbstgefällige Widerlinge die Mörder mit schalen Tricks verteidigen, die Leere danach - viele Aspekte eines skandalös gelaufenen Kriminalfalles greift Akin auf, jeder davon könnte einen Film füllen und doch funktioniert AUS DEM NICHTS in seinen 3 Akten exzellent und stimmig. Und lässt verdammt bedrückt zurück.

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              Völlig widerlicher Rache-Thriller, der die schlimmsten rechtsextremistischen Terroranschläge (und den damit verbundenen Justizskandal) seit dem zweiten Weltkrieg benutzt, um die rauchende, Samuraitatto-tätowierte Diane Kruger auf Revenge-Tour zu schicken.

              • 7 .5

                Als Katja Sekerci (Diane Kruger) sich plötzlich vor den Trümmern ihres Lebens wiederfindet, steht ihre Welt still. In einem Atemzug wurden Ehemann und Sohn brutal ermordet, von Motivation und Tätern gibt es zunächst keine Spur.

                Nach seinem kindlich-unbeholfenen Ausflug in die Sparte der Jugendbuch-Verfilmung mit „Tschick“ findet Fatih Akin wieder zu seinen Ursprüngen zurück und liefert rohes, dramatisches Kino. Mit Diane Kruger hat er diesmal sogar einen richtigen Hollywoodstar in der Hauptrolle.
                Gleich zu Beginn macht sich Akins intimer Blick auf die schrecklichen Ereignisse rund um den Anschlag auf Katja Sekercis Familie bezahlt. Statt den Film durchgängig auf eine politische Ebene zu heben, bleibt „Aus dem Nichts“ nah bei seiner Protagonistin und teilt ihren Leidensweg in drei Teile. Typisch für Akin ist „Aus dem Nichts“ nicht besonders subtil geraten, setzt aber gekonnt Schläge in die Magengrube und bietet mit Diane Kruger und Denis Moschitto hervorragende Hauptcharaktere, die den Film mehr als tragen. Vor allem Kruger beweist gerade in stillen Szenen eine emotionale Bandbreite, die ich von ihr nie erwartet hätte.

                Natürlich möchte „Aus dem Nichts“ auch politisch sein. Nicht umsonst wählt Akin bewusst rechten Terror als Thema. Dennoch bewerkstelligt „Aus dem Nichts“ eine Funktion als Modellbeispiel. Ganz egal aus welcher Motivation heraus, der Anschlag lässt Katja zur Hülle werden und infiziert ihr Leben mit unfassbarer Trauer. Neben seiner Funktion als Gerichtsdrama und Rachefilm, ist „Aus dem Nichts“ eben auch eine waschechte Tragödie. Fokussiert, nicht zu ausschweifend und auf das emotionale Konstrukt um die Protagonistin konzentriert.

                „Aus dem Nichts“ fasst glücklicherweise viele der Stärken Akins zusammen. Auch wenn man auf die rohe Wucht eines „Gegen die Wand“ verzichten muss, dringt „Aus dem Nichts“ tief in die finsteren Folgen des Terrors ein und ist in seinen besten Momenten äußerst schmerzvoll. Wo Licht ist, ist aber natürlich auch Schatten und so krankt „Aus dem Nichts“ gelegentlich an Akins Drang eine Geschichte möglichst spannungsgeladen zu erzählen und gönnt Katja zwischen all' dem Unheil selten Ruhe. Dabei sind es die ruhigsten Momente des Films, die Diane Kruger wirklich glänzen lassen.

                Oscarhoffnung, Golden Globe-Preisträger, Cannes-Preisträger und Thema politischer Diskussionen. „Aus dem Nichts“ hat auf jeden Fall Wellen geschlagen. Ob man jetzt hinter Akins Film politische Agenda sehen will, das sei dahingestellt. Auch ohne alle Hintergründe, ist Akin erneut ein mitreißender und tieftrauriger Film gelungen, der sicher immer mal wieder zu plakativ geraten ist, aber locker zu den besten deutschen Filmen des letzten Jahres gehören dürfte.

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                • 8

                  Emotionales, brachiales, authentisches, ehrliches Kino. Perfektes Ende. Der wichtigste deutsche Film des Jahres. Diane Kruger kann ja DOCH richtig gut spielen?! Fatih, the Man. Viel Glück bei den Oscars.

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                  • 7 .5

                    Aus dem Nichts ist ein durchaus fesselnd erzähltes Drama, welches eine Sichtung wert ist, jedoch auch ziemlich überraschungsarm ist.

                    Die Handlung ist relativ simpel und lässt sich auch leicht zusammenfassen. Vieles bleibt vorhersehbar und man kann der Story wohl vorwerfen, dass es etwas zu geradlinig erzählt ist. Schade, dass der Film sich außerdem jeglicher Stellungnahme zu politischen Motiven verwehrt. Die Handlung bleibt stattdessen eher bei dem persönlichen Schicksal der Hauptfigur, was nicht unbedingt schlecht ist. Dennoch beschleicht einen das Gefühl den Film nach einmaliger Sichtung nicht erneut sehen zu müssen. Fast schon rein dokumentarisch wird die Handlung abgespielt. Eine tiefere Bindung zum Beispiel zu den anderen Charakteren, wie den Eltern, wäre interessant gewesen. Doch hier bleibt der Film eben recht einfach strukturiert. Man hat teilweise den Eindruck eine etwas bessere Fernsehproduktion zu sehen, was das Drehbuch angeht. Die Dialoge sind dabei meist recht kurz und knapp gehalten, was nicht heißt, dass sie schlecht sind, aber auch nicht besonders tiefgründig.
                    Was macht den Film aber dennoch besonders? Vor allem Diane Krüger liefert eine hervorragende Leistung ab. Ihren Schmerz kann man zu jeder Sekunde vollkommen nachvollziehen. Ich finde es immer stark, wenn sich Schauspieler/Schauspielerinnen einer solchen zutiefst traurigen Rolle annehmen, denn das stelle ich mir ausgesprochen belastend vor. Auch der restliche Cast, besonders Ulrich Tukur, in seinem kurzen Moment, kann überzeugen. Es ist nur schade, dass wir so wenig über die Figuren erfahren und dadurch alles etwas einfach strukturiert bleibt. Der eine oder andere könnte das als realistisch ansehen, doch meiner Meinung nach ist ein Film eben nicht realistisch, sondern stellt eine künstlerische Interpretation der Realität dar. Dieser verwehrt sich der Film in den meisten Momenten.
                    Einige nette Kameraeinstellung, sind zu finden, aber ansonsten wirkt der Film auch handwerklich relativ unspektakulär. Einzig die Musik ist für mich positiv hervorzuheben. Sie ist sehr atmosphärisch und meiner Meinung nach passend.

                    Alles in allem kann man dem Film relativ wenig vorwerfen. Besonders die sympathische Hauptfigur bringt den Zuschauer dazu mitzufiebern und man kann sich die 106 Minuten wirklich berühren lassen. Fatih Akin wagt allerdings auch relativ wenig und stellt vieles nur sehr kurz dar, statt in die Tiefe zu gehen. Dennoch ein sehenswerter Film, der ergreifen kann.

                    • 6 .5
                      Tanzveit 14.01.2018, 21:37 Geändert 14.01.2018, 21:41

                      Aus dem Nichts bietet so manche sehenswerte Szene und sonst nicht viel. Schade eigentlich.

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                      • 9

                        Der Film Verzichtet auf unnötige Musik bis zu einem Minimum. Dadurch kann die Atmosphäre und die Tragik des Filmes sehr gut aufgenommen werden. Die Dialoge sind ruhig und eindeutig. Trocken und Kalt, was einen mit der Hauptperson mitfühlen lässt. Von vorne bis hinter Herzklopfen und eine Emotionale Achterbahn. Gelungen und totale Empfehlung.

                        • 9

                          Verdienter Golden Globe Gewinner.

                          Akin hat zusammen mit dem großartigen Hark Bohm ein Drehbuch geschrieben, das so ziemlich alles richtig macht und aus meiner Sicht wenig Anlass zu Kritik gibt.

                          Der Film ist vor allem in der ersten Hälfte verstörend realistisch, ohne mit plumpen, konstruierten Wendungen punkten zu wollen. Die Fokussierung auf das Opfer und deren Versuch, mit dem unvorstellbaren Leid umzugehen, hat mich erschüttert. Das Spiel von Diana Kruger (die man mögen kann oder auch nicht) ist von beeindruckender Intensität.
                          Henning Peker in seiner Rolle als Kommissar ist großartig. Überzeugend und gelungen der Spagat zwischen aufrichtigem Mitgefühl mit dem Opfer und seinem brutal-sachlichen Job.
                          Johannes Krisch in seiner Darstellung als Verteidiger der Angeklagten war absolut beklemmend.

                          Man kann die gezeigte Gerichtsverhandlung kritisieren (z.B. aus dem Hut gezauberter Beweise auf dem Tablett; zu wenig kriminalistische Arbeit / Beweise wie z.B. der Nachweis, ob die Angeklagten tatsächlich in Griechenland waren...); man kann die Familienkonstellation des Opfers (unterschwelliger Mutter-Tochter-Konflikt, vermittelnder Stiefvater), die Namen der vermeintlichen Täter (deutscher wäre nur noch Müller gewesen), die Reaktion der türkischen Schwiegermutter (gibt der blonden Katja die Schuld an allem) als Klischees abtun.
                          Mich hat der Film erreicht, in jeder Minute. Ein Stück bedrückende Realität, die viel Diskussionsstoff birgt.
                          ACHTUNG SPOILER: Die absolute Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit der Protagonistin am Ende, die keinen anderen Ausweg als den der Selbstjustiz sieht, halte ich bei aller unvorstellbarer Brutalität für nachvollziehbar.

                          "Es gibt die staatliche Justiz und es gibt ein individuelles Gerechtigkeitsgefühl. Und manchmal stoßen die beiden aufeinander. Der Film handelt auch von diesem Clash.", sagt Akin über seinen kompromisslosen, brutalen Ausschnitt aus dem echten Leben. Aus dem Nichts ist mehr als nur ein Film - er ist ein Statement. Der eine Wucht hat, die nachhallt. Weil ein Stück (deutsche) brutale Realität gezeigt wird.
                          Empfehlenswert.

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                          • 4

                            Die NSU-Geschichte dient als Aufhänger für einen im Prinzip banalen Thriller. Speziell ist vielleicht nur die Genre-Mischung aus Herzschmerz, trockenem Gerichtsdrama und Rache-Action. Ordentlich visuell und sprachlich aufgeblasen mit der von Akin bekannten Wut und Vulgarität. Dabei wird die Geschichte auf ein Schwarzweiß-Minimum á la Stirb Langsam getrimmt, sodass man als Zuschauer ja nicht auf die Idee kommt, nach Sinn und Verstand zu fragen. Einzig die schauspielerische Leistung von Diane Kruger ist es, die den Film überhaupt über Wasser hält.

                            • 9

                              Top Film! Spannung auf ganzer Ebene. Ein wichtiges Thema, was nicht nur einen Golden Globe sondern mehr verdient!

                              • Auf die Liste gesetzt - schau ich dann, wenn er auf Amazon oder Netflix kommt, gerne auch gegen Bares. Ich bin ja immer extrem skeptisch bei deutschen Filmen, aber dieser hier scheint eine Ausnahme zu sein. Und nicht zuletzt wegen Diane Kruger, die ich allgemein für sträflich unterschätzt halte.

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                                • 9

                                  Die Anschläge und Morde der NSU nimmt Fatih Akin als Vorlage und Ausgangspunkt für eine mehr oder weniger fiktive Geschichte . Der Film ist unterteilt in Drei Akte . In den einzelnen Akten nimmt der Film mal weniger mal mehr Stellung zu den realen Ereignissen . Es gibt Verweise und Parallelen aber auch erzählerische Freiheit . Um niemanden von den Angehörigen zu kränken und unnötige Auseinandersetzungen zu vermeiden sicher keine schlechte Lösung . Außerdem hat man so alle Freiheiten was die Story betrifft .
                                  Der Film stellt am Anfang kurz die Hauptpersonen vor bevor es zu dem Anschlag kommt . In diesen Momenten ist der Film am stärksten . Wenn Katja Sekerci ( Diane Kruger ) zuhause im Wohnzimmer mit ihren Angehörigen und Freunden auf die Polizei wartet und dann die Mitteilung vom Tod ihres Mannes und ihres Kindes bekommt . In diesen Momenten ist der Schmerz ,der Verlust und die Leere im Kino spür und greifbar . Und Fatih Akin zeigt in diesen Momenten sein ganzes Talent . Er braucht für dieses Drama keine billigen Taschenspieler Tricks ,kein Schnee der vom Himmel fällt ,keine getragene ,übertriebene Geigen-Musik wie manch ein Möchtegern Drama . Nein er erschafft diese Stimmung durch seine Inszenierung und durch die Schauspielerische Leistung seiner Darsteller allen voran Diane Kruger die eine Herausragende Leistung liefert .
                                  Aus dem Nichts ist sicher ein außergewöhnlicher Film . Der einzig zum Schluß ein wenig abfällt . Aber aufgrund seiner hohen Qualität als Film sowie durch seinen Bezug zu aktuellen Themen und die Aufarbeitung eines Stück jüngster Geschichte machen ihn für jeden Filmfan und für jeden Menschen der in diesem Lande lebt zu einem Film den man gesehen haben sollte .

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                                  • 7 .5

                                    Mich regt die Kritik auf, die dem Film vorwirft, er würde den gesellschaftlichen Kontext zu den NSU-Morden nicht oder nur unzureichend behandeln. Seit wann muss jeder Spielfilm der sich mit einem aktuellen, politischen Bezug auseinandersetzt zur Dokumentation werden? Wurde Costa-Gavras der Vorwurf gemacht er würde Griechenland nicht beim Namen nennen, als Z in die Kinos kam? Oder Henri Verneuil, dass er in I wie Ikarus nicht klar darstellt, dass er einen Film über das Kennedy-Attentat gedreht hat? Aus dem Nichts will bewusst den Schmerz und die Reaktion auf den Verlust auf eine Perspektive fokussieren. Hätte hier ein Angriff auf die Gesellschaft und ihren Umgang mit dem Rechtsterrorismus gezeigt werden sollen, dann wäre wohl ein Film entstanden, der
                                    die vollkommen unzureichende, bisweilen Skandalöse, "Aufklärung" der NSU-Morde durch die Polizei, die Verwicklung und aktive Zusammenarbeit der Geheimdienste mit dem NSU und die jahrelangen Verhöhnung der Opfer und Angehörigen durch die einseitige Ermittlung in Richtung der organisierten Kriminalität thematisiert. Wer sich DIESEN Film angucken will, dem empfehle ich die ausgezeichnete Dokumentation Der NSU-Komplex. Wer sich bei Aus dem NIchts über eine "eklige Rachefantasie" aufregt, hat Angst davor, dass ihm oder ihr hier in Bildform das präsentiert wird, was sich jeder von uns schon einmal vorgestellt hat, aber nicht eingestehen will. Nebenbei bemerkt liefern Diane Kruger & Denis Moschitto hier wohl die bislang besten Leistungen ihrer Karriere ab. Hut ab!

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                                      marcus-wagenknecht 02.01.2018, 09:10 Geändert 02.01.2018, 09:12

                                      Ich mag nicht, wohin der Film mich führen will...

                                      (Tukur zeigt seinen Nazisohn bei der Polizei an - diese Geschichte hätte ich lieber gesehen)

                                      • 8

                                        Dennoch ist Aus dem Nichts ein hochdramatischer, intelligenter Film, dessen Schilderung von Leid nachwirkt, und zwar lange. [

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                                          lieber_tee 17.12.2017, 13:46 Geändert 18.12.2017, 02:25

                                          „Die ficken sich alle gegenseitig in den Arsch“
                                          Fatih Akin möchte, inspiriert von den fremdenfeindlichen NSU-Morden, den Schmerz der Hinterbliebenen fühlbar machen. Weniger als „politischer“ Film, sondern als fiktionalisierte, emotionale Studie über das Leiden der Opfer. Aus Schock wird Ohnmacht wird Wut wird Gegengewalt. Er klagt den un-empathischen, rassistischen, nicht nach Gerechtigkeit suchenden Rechtsstaat an und lässt eine weiße, blonde, blauäugige deutsche Frau zornig werden. Diane Krugers Power-Performance schreit nach einer finalen Katharsis.
                                          Soweit, so gut, so verständlich.
                                          "Der Film sollte sein wie ein Faustschlag von Bruce Lee: immer den kürzesten Weg zum Ziel nehmen“ sagt der Regisseur. Aber Fatih Akin hat sein Feuer verloren, das lichterloh in seinen explosiven und explorativen Werken wie „Kurz und schmerzlos“ und „Gegen die Wand“ brannte.
                                          Ich fühlte mich zeitweise wie in einem drögen Fernsehfilm von den Öffentlich-rechtlichen. Mit Schuss-und-Gegenschuss soll Tragik spürbar gemacht werden, mühevoll und didaktisch werden Gefühle vermittelt. Dramaturgisch im Dreiakter verordnet, sucht Akin vergeblich ein Gleichgewicht zwischen emotionaler Tragödie, nüchternen Gerichtsfilm und reißerischer Rachephantasie. Ich habe ihn den Freispruch der Nazis nicht abgenommen, fand die scheinbare Notwendigkeit der Darstellung des „vorbildlich resozialisierten“ Türken und lächerlich-steifen TV-Kommissars wenig gelungen und einen theatralischen Selbstmordversuch, der im richtigen Moment (!) gestoppt wird, unangemessen.
                                          Am meisten verärgert hat mich allerdings der mit einer Texttafel am Ende erzeugte Bezug zu den NSU-Morden. Fokussierte sich Fakin vorher scheinbar bewusst entpolitisiert auf das Grauen für die Opfer eines Bombenattentats, mit marginalen Bezug zu Neonazis („die glauben an Hitler“), will er ernsthaft einen gesellschaftlichen Zusammenhang herstellen. Denn die NSU-Morde können nicht nur zu einem Einzelfall degradiert werden, zu einer Frage zwischen Gut und Böse, sie sind der Inbegriff für staatlichen (und gesellschaftlichen) Rassismus. Das Thema der Mitgliedschaft von Neonazi-V-Leuten wird gar nicht angesprochen, das ist erschreckend-dumm, auch wenn Fakin hier die Opfer in den Mittelpunkt stellen möchte.
                                          Und so beutet Akin krass und mainstreamtauglich eine unfassbare politische Brisanz für ein zurecht-konstruiertes Drama aus, das persönlich, trauernd, staatskritisch, kulturell sein will, aber für mich zu vereinfachend und träge daherkommt. Der starke emotionale Eindruck entstand bei mir nur in wenigen Momenten, wäre ohne die glaubwürdig gebrochen wirkende Diane Kruger kaum vorhanden. Denn mittelmäßige Rachedramen, die exakt diese Geschichte x-mal erzählt haben, kenne ich zu genüge.
                                          5 Vögel auf dem Wohnmobil.

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                                            Framolf 14.12.2017, 02:15 Geändert 14.12.2017, 02:17

                                            'Aus dem Nichts' präsentiert sich als großes kleines Dramenkino und dennoch als vertane Chance. Fatih Akin legt den Finger in eine bedeutsame Wunde, aber leider bohrt er nicht tief genug. Entweder war ihm ein tieferes Eintauchen in die Materie zu heikel oder er hat sich nicht eingehend genug mit dem Thema beschäftigt. Man könnte problemlos einen 50-seitigen Aufsatz - oder nach einiger Recherche sogar mehrere dicke Bücher - über die Thematik schreiben, aber Akin kratzt leider nur an der Oberfläche. Dies tut er jedoch zugegebenermaßen ziemlich gut. Viellleicht hätte man die ganze Produktion gar nicht erst mit dem NSU in Verbindung setzen, sondern einfach nur für sich sprechen lassen sollen.

                                            Wie auch immer: Diane Kruger liefert hier eine erstklassige Vorstellung ab. Während man sie bisher eigentlich nur aus amerikanischen und französischen Produktionen kannte, kann man nur hoffen, dass sie in Zukunft öfter mal (anspruchsvolle) deutsche Filme bereichern wird.

                                            Unter dem Strich ein richtig gutes Drama zu einem relevanten Thema, das aber leider nicht ganz so viel aus der Prämisse herausholt, wie es möglich gewesen wäre. Schade. Angesichts der vielen Qualitäten dieses Filmes ist das natürlich Jammern auf hohem Niveau, aber Akin war hier wirklich nahe dran, den ganz großen Wurf zu landen. Zu einem der sehenswertesten deutschen (und vielleicht sogar internationalen) Dramen der jüngeren Vergangenheit hat es aber auch so gereicht.

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                                              Der Film macht sehr vieles richtig, so ziemlich alles sogar. Akin hat es geschafft, alles, was man an Diane Kruger, wie formuliere ich es, nicht soo mögen könnte, weg-regiet, was ziemlich erstaunlich ist. Sie spielt einzigartig und verdient dafür jeden Preis...ja, auch den im Februar, wenn es denn realistisch wäre:) Spannend, klug, bewegend. Und keine Sekunde langweilig. Und Herrn Tukur übrigens gehört die Gänsehaut-Szene des Films.

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                                                bloodyglasspuppet 06.12.2017, 17:23 Geändert 07.12.2017, 09:32

                                                Als ernsthafter Beitrag zum sozialen und politischen Klima in Deutschland im Spannungsfeld zwischen AFD, Pegida und NSU-Morden will Aus dem Nichts, der neue Films des deutschen Regisseurs Fatih Akin (vielleicht Speerspitze des deutschen „Wofür-Gebildeter-sich-nicht-schämen-braucht-Kinos“), mehr sein als die gewohnte deutsche Bräsigkeitsberieselung mit Schweighöfer und Schweiger, scheitert dann aber etwas an seiner Unentschlossenheit.
                                                Als Ausgangspunkt dient dem Film zunächst die glückliche Ehe zwischen dem türkischstämmigen Nuri (Numan Acar) und der ehemaligen Kunststudentin Katja (Diane Krüger): Noch in der Eingangszene des Films, die Katjas und Nuris Heirat gleich anschließend an dessen Haftentlassung zeigt, möchte man vermuten, in diesem, in seinem schlitzohrigen Auftreten sogleich die vierte Wand durchbrechend, bereits den Antagonisten des Films vor sich zu haben. Stattdessen entwirft der Film ein Idealbild gelungener Integration: anständiger Beruf, Kind, großes Haus, wobei der Film in der Portraitierung seines Milieus (Hamburger Kiez) zugleich erfrischend ungefiltert und vulgär daher kommt.
                                                Die hierdurch bereits zu Beginn latent unsichere Stimmung des Films entlädt sich schließlich als eine Nagelbombe Mann Nuri und Kind Rocko tötet. Ein rassistischer Hintergrund, so wird sehr bald nahe gelegt und der Film verortet sein Thema nicht allein beim tragischen Extremfall: Eine Szene etwas später die Katja im Kreise ihrer Eltern und Schwiegereltern zeigt verweist durch die Spannung zwischen den Figuren darauf: Die Kluft, das Misstrauen zwischen den Kulturen ist nicht auf soziale und gesellschaftliche Randbereiche beschränkt, es zeigt sich immer schon in Kontexten vermeintlicher Normalität. („Wenn du besser aufgepasst hättest, würde mein Sohn noch Leben!“, so die Mutter des Ermordeten gegenüber Katja etwas später bei dessen Beerdigung.)
                                                Herzstück des Films jedoch bildet der Gerichtsprozess, bei dem Akin und sein Kameramann Rainer Klausmann gekonnt alle inszenatorischen Register ziehen. Eindrücklich: Eine längere Einstellung in der die Kamera im Vordergrund die Gerichtsmedizinerin bei ihrer Schilderung der verheerenden Wirkung der Mordwaffe zeigt, Katja in zunehmendem Maße verstört im Hintergrund. Überhaupt überzeugt Krüger vor allem in den Szenen, in der die Verletzlichkeit ihrer Figur besonders stark zum Tragen kommt, solche in denen ihr Charakter hingegen resoluter Auftritt, gar Ausbrüche des Zornes zeigt haftet zuweilen etwas unbeholfenes an.
                                                Bildet der Gerichtsprozess zwar den spannenden Höhepunkt des Films, so markiert er zugleich jedoch auch den Punkt ab dem der Film sich zu beschränken beginnt, um sich zunehmend dem schnellen Spannungseffekt unterzuordnen: Das Hin und Her zwischen Verteidigung und Anklage fesselt auch dank der überzeugenden Leistungen von Denis Moschitto (als integerer und fähiger Anwalt) und Johannes Kirsch (als moralisch opportunistisch auftretender Verteidiger), bleibt aber letztlich recht routiniert. Zumal sich der Film hier schließlich zu stark auf abgegriffene Stereotype zurückzieht („Mein Sohn verehrt Adolf Hitler“, so der Vater des Angeklagten).
                                                Im letzten Akt schließlich verändert der Film erneut seine Form, wird ganz auf die Protagonistin fokussierter Rachethriller. Der schwächste Teil des Films.
                                                Aus dem Nichts setzt sich letztlich etwas zwischen die Stühle: Es will zum einen ein Essay über ein Versagen der Verständigung zwischen den Kulturen und das hieran sich anknüpfende Entstehen von Gewalt sein, zum anderen aber auch „bloß“ persönliches Drama und „nur“ spannender Gerichtsthriller. So überrascht es auch wenig, wenn es am Ende in seiner Wirkung auf den Zuschauer recht konsequenzlos bleibt.

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                                                  Aus dem nachvollziehbaren und von allen Menschen, die mitdenken, geteilten Zorn auf die verschleppten Untersuchungen zur NSU-Mordserie hat Fatih Akin ein wütendes Rachedrama gemacht, das mehr als einmal der Grenze zum verfassungsfeindlichen AUfruf zur Selbstjustiz gefährlich nahe kommt aber weit öfter noch, emotional packendes Kino in Reinform ist.
                                                  In drei Kapiteln erzählt Akin wie Diane Krugers Katja zuerst zur trauernenden Witwe, dann zum Justizopfer und schließlich zum Todesengel wird. Während das erste Kapitel mit den Aufnahmen von der Knasthochzeit noch kraftvoll und packend startet fällt es bald ab und stagniert in der Trauerarbeit. Ebenso notwendig für die weitere Charakterentwicklung wie dann doch zu sehr Mittel zum Zweck als dass diese Szenen ihr ganzes Potential entfalten können. Kruger ist hier auch noch zu stark verheultes Blondchen und die Nebenfiguren folgen allzu vielen Klischees. Das hätte der Herr Akin an der Stelle auch etwas weniger lieblos gestalten können.
                                                  Im zweiten Kapitel dreht er dafür dann gehörig Saft auf und schafft ein ebenso konzentriertes wie spannendes Justizdrama, dessen Ende man als Zuschauer natürlich schon kennt (und sei es aus der Werbung zum Film) aber doch bis zur finalen Urteilsverkündung nicht wahrhaben will. Hier spielt Akin großartig mit den Emotionen der Zuschauer und präsentiert sich als der brilliante Manipulator, der er nun einmal ist. Natürlich hält er sich nicht mit irgendwelchen Subtilitäten auf sondern lässt klar schwarz auf weiß knallen, Zeitlupen und wilden Kamerabewegungen inklusive. Als besonderes Schmankerl setzt der Film noch den (wie gewohnt) atemberaubend guten Ulrich Tukur auf uns los, dessen Szene mit Abstand das ergreifenste ist, was ich dieses Jahr im Kino gesehen habe. Mit einer provokanten aber wichtigen fast schon rechtsphilosophischen Überlegung beschließt Akin dann dieses mit Abstand stärkste der drei Kapitel.
                                                  Auch wenn das abschließende Kapitel auch nicht von schlechten Eltern ist, was Akin als langsamen, sich stetig steigernden Thriller aufbaut, der sich in einem Ventil am Ende entlädt, das wie ein Faustschlag nachwirkt. Hier kommt auch Krugers schauspielerische Präsenz erstmalig voll zum Tragen, auch wenn sie ein paar Mal zu oft für meinen Geschmack Malick-artig in der Natur rumhockt.
                                                  Was bleibt ist einer von Akins kräftigeren Filmen, der aber nicht an die emotionale Wucht eines SOLINO oder GEGEN DIE WAND ankommen kann.

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                                                    Kein großer Wurf, schon gar nicht oscarwürdig aus meiner Sicht.
                                                    Ja es ist sehr gut gespielt von Diane Kruger, ja es hat durchaus emotionale Wucht.
                                                    Das wars aber schon fast.

                                                    SPOILERWARNUNG:

                                                    Das war mir schon einen Ticken zuviel mit der Wucht, die sogar in Selbstjustiz endet und den ja irgendwie sogar gutheisst oder als logische Konsequenz darstellt. Zuviel schwarz-Weiss: der böse, hinterlistige Verteidiger, das Nazi-Pärchen bleibt oberflächlich ( ja der film soll die Opferperspektive zeigen, aber das war trotzdem zu oberflächlich und farblos) .Der Rechtsstaat wird als hilflos dargestellt, der unfreiwillig die Nazis schützen muss. War für mich auch total unglaubwürdig, dass bei dieser eindeutigen Beweislage ein Freispruch herauskommt

                                                    Den Bezug zu den NSU-Morden: Naja da war für mich wenig Bezug, ausser dass Ausländer einen Bombenattentat zum Opfer fielen. Man hätte den gleichen oder ähnlichen Film machen können, wo eine Zufallsfamilie Opfer eines beliebigen anderen Terrorakts wird.
                                                    Wäre doch mal viel spannender einen Film über die NSU-Morde zu machen, wo mal die Beteiligung de Geheimdienste und des Verfassungsschutz und deren Vernetzung in der rechtsradikalen Szene thematisiert wird. Und wie diese V-Männer des Verfassungsschutzes und deren Auftraggeber von der Justiz geschützt werden, bzw. Akten zufällig verloren gehen. Da wäre doch die Ohnmacht der Opfer, die Enttäuschung von der Justiz und vom Staat viel nachvollziehbarer gewesen als diese dünne Geschichte vom Freispruch, weil ein Schlüssel unter einem Stein vor dem Gartenhaus lag. Man hätte sich nur in der Realität bedienen müssen, die viel unglaublichere und schlimmere Geschichten schreibt, als das was uns hier aufgetischt wurde.

                                                    Nein zu einem solchen Film fehlte der Mut. Das war eindeutig zu kurz gesprungen.
                                                    Letztlich ist der Film sehr eindimensional: Böse Nazis, böses Attentat, Verzweiflung, Wut, ungerechter Rechtsstaat der im zweifel die bösen Nazis schützt und letztendlich dann ein Rachefilm, wo man selbst für Gerechtigkeit sorgt, nachdem der Staat es nicht geschafft hat. .
                                                    Das ist mir zu wenig für einen großen Film.

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