20 Jahre Matrix mit Keanu Reeves: Warum uns der Sci-Fi-Film einfach nicht loslässt

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Was, wenn ich euch sage, dass wir alle nur in einer Traumwelt leben und nichts davon wirklich ist? Ich spreche übrigens nicht von der Geschichte aus Matrix über den Auserwählten Neo, der von Keanu Reeves gespielt wird. Die ist ja längst bekannt. Nein, die Rede ist vom Kino selbst und dem, was sich auf der Leinwand abspielt. Denn Matrix sei Dank, sind wir alle selbst Opfer dessen geworden, was uns der Science-Fiction-Klassiker erzählen will.

  • 1999 stellte Matrix ein ganzes System in Frage.
  • Seitdem können wir kaum einen Film sehen ohne den Gedanken: "Ist das überhaupt real?"

Matrix mit Keanu Reeves: Der einflussreichste Film aller Zeiten?

Natürlich ist ein Spielfilm fiktiv. Diese Tatsache machte uns schon 1896 beim einfahrenden Zug in den Bahnhof zum sicheren Zuschauer. Doch 1999 gaben die Wachowski-Geschwister dieser Gleichung einen doppelten Boden. Sie kreierten mit Matrix einen Film, den es so nie wieder geben wird, und sperrten uns zugleich, genauso wie die Protagonisten, in eine Fantasiewelt, der wir bis heute nicht entfliehen können.

Vor rund 20 Jahren, am 17.06.1999, kam der im Original betitelte The Matrix in die deutschen Kinos. Die damals noch männlichen Regisseurinnen Lana und Lilly Wachowski schufen in einem ohnehin unvergleichlich starken Jahr (1999 erschienen unter anderem auch Fight Club und Blair Witch Project) nicht einfach nur einen modernen Klassiker. Sie vollbrachten es, uns über den eigentlichen Film hinaus nachhaltig zu prägen und unsere Wahrnehmung zu verändern.

In der über einhundertjährigen Filmgeschichte lassen sich vielleicht nur drei weitere Werke finden, die Vergleichbares bewirkt haben.

Star Wars, Der weiße Hai, Der Pate - einflussreiche Werke sind reichlich in der Geschichte des Films vorhanden. Doch mit einem Wimpernschlag war nichts mehr wie vorher, nachdem Jean Luc Godards Außer Atem 1960 alle Regeln des Schnitts im Alleingang aushebelte.

Auf einmal war alles erlaubt, alles war möglich. "Ein Film jenseits aller Klischees", wie die New York Times 1961 schreibt. "Mehr ein rohes Stück Drama, grafisch wie künstlerisch zerrissen mit ausgefransten Rändern, das die Schwachstellen des modernen urbanen Lebens offenbart."

An die heute teils extrem dynamischen und oft auch überhasteten Montagen haben wir uns längst gewöhnt. Genauso wie an den Tonfilm, der durch Der Jazz-Sänger (1927) begründet wurde.

Matrix: Perfide Systemkritik mit Sushi-Rezept

Avatar machte 3D-Brillen im Jahr 2009 salonfähig. Was zuvor als überdimensioniertes Plastikgestell in Freizeitpark-Attraktionen ausgegeben wurde, gehört heute zum Standard-Repertoire jedes größeren Lichtspielhauses.

Und Matrix? Matrix ist technisch bahnbrechend, wie die drei anderen Filmbeispiele auch, geht allerdings noch einen Schritt weiter. So funktioniert der Film vor allem über die Rezeption des Zuschauers, der sich nun nicht mehr in der Sicherheit des Kinosessels wiegen kann, sondern das Geschehen auf der Leinwand, aber auch seine eigene Realität plötzlich hinterfragen muss.

Die bloße Vorstellung, alles um uns herum sei nicht real, riss den Zuschauern kurz vor der Jahrtausendwende mit einem Schlag den Boden unter den Füßen weg. Die Wachowskis warfen den Blick auf eine Welt, in der der Mensch unwissentlich gefangen gehalten wird.

Diese im Grünfilter fotografierte Scheinwelt, durch die sich Keanu Reeves' Neo (übrigens ein Anagramm für One, also den Auserwählten) bewegt, ist im Grunde genommen nur ein Buchstaben-Code aus Sushi-Rezepten.

Was in William Gibsons Roman Neuromancer der Cyberspace war, nennt sich hier die Matrix. Dystopien wie Blade Runner findet man ja zuhauf, doch in der Regel ist der Begriff mit der Zukunft verbunden. Während die Herrschaft der Maschinen in Terminator dem Zuschauer als bevorstehende Horror-Vision verkauft wurde, präsentiert sich die dystopische Welt der Wachowski-Geschwister dem Publikum als längst allgegenwärtig.

Es ist kein Zufall, dass im Film ein Buch des Philosophen Jean Baudrillard zu sehen ist. Der französische Querdenker stellte schon lange vor Matrix unsere Realität in Frage, laut seiner Theorie wird der Konsument, also der Mensch, Opfer einer stetigen Simulation. Zwar griffen auch vor 1999 Filme diesen Gedanken bereits auf, etwa Fassbinders Welt am Draht. Erst Matrix verstand sich jedoch als Botschafter des Mainstream-Genre-Kinos und sah zugleich auch noch derart gut aus.

Matrix-Snacks für Zwischendurch:

  • Hauptdarsteller Keanu Reeves wurde mit Matrix endgültig zum Superstar. Auch wenn viele Flops folgen sollten, ist ihm heute der Weltruhm nicht mehr zu nehmen.
  • Der Sci-Fi-Film gilt auch als Wegbereiter der sogenannten Bullet Time im Blockbuster-Kino.
  • 2003 erschienen zwei Sequels, die bis heute wahnsinnig umstritten sind.

Als sich der Held Neo im Sommer 1999 für die rote Pille entscheidet, geschieht das, was Edward Norton im gleichen Jahr in David Finchers Fight Club ausspricht.

Das nennt man Rollenwechsel. Der Film geht nahtlos weiter und die Zuschauer merken nicht das Geringste.

Neo verlässt zum ersten Mal das Simulationsgefängnis der Matrix, während wir unbewusst dieses betreten. Wir verfallen der Illusion des Films und sind fortan selbst Opfer der Matrix, die sich in diesem Fall Kino nennt. Die immersiven Schauwerte des Films, die auch dem chinesischen Kampfchoreographen Yuen Woo-Ping zu verdanken sind, dienen nicht mehr der bloßen Unterhaltung, sondern stellen immer zugleich sein System in Frage.

Was Matrix mit Inception zu tun hat

Diese zweite Ebene glauben wir seither irgendwie in jedem Film zu erkennen, auch wenn es (vielleicht) keine gibt. So werden in Fan-Foren wie Reddit seitenweise Stoffe herbei philosophiert, für die sich der Autor des Titels nie interessiert hat.

Etwa bei den Marvel-Filmen, dem Game of Thrones-Finale oder in Christopher Nolans Meisterstück Inception: Fällt der Kreisel am Ende endlich oder dreht er sich ewig weiter und wir können singen: "Es war doch alles nur ein Traum"? Inception ist übrigens ein Film, den es ohne Matrix wohl nie gegeben hätte.

Der Film der Wachowskis ist da viel klarer und in Bezug auf seine Botschaft “ein extravagantes Objekt, zugleich naiv und pervers, bei dem es weder ein Diesseits noch ein Jenseits gibt”, wie Jean Baudrillard in einem Interview mit dem heutigen L’Obs erzählt (via ZKM). Der Kulturkritiker wirft Matrix gar Realitätsverdrängung vor. Der Filme lenke von der “allmächtigen Monopolistik der aktuellen Situation” nur ab.

Eingesperrt in der Popkultur

Heißt, für Baudrillard verarbeitet der Film kritisch ein System, dessen er selbst zugehörig ist. Und ganz Unrecht hat der 2007 verstorbene Soziologe nicht. Das in seiner 1981 erschienenen Schrift Simulacres et Simulation aufgeführte Szenario ist nämlich längst eingetreten: Digitalisierung des Alltags und Verlust des Bezugs zur Wirklichkeit lassen sich überall in unserer Gesellschaft wiederfinden. Und Filme wie Serien leisten dabei ihren Beitrag.

In einer der faszinierendsten Szenen der Filmgeschichte verspeist Joe Pantoliano in Matrix ein Steak und wünscht sich einfach nur wieder gefangen zu sein. Seine Figur Cypher weiß seit neun Jahren Bescheid, dass seine Welt nicht real ist und doch ist ihm dies egal. “Ich will alles vergessen”, sagt er. Denn Unwissenheit sei ein Segen. Hätten wir vor 20 Jahren doch nur die blaue Pille geschluckt.

Wann habt ihr zum ersten Mal Matrix gesehen?

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