20 Jahre Mulan - Deshalb ist der Disney-Film wertvoller denn je

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Der 1998 veröffentlichte Zeichentrickfilm Mulan gehört zu den wenigen Filmen aus dem Hause Disney, die es unverdienterweise erst viele Jahre nach seinem Debüt in die DVD-Sammlung schafften. Heute vor genau 20 Jahren feierte die Verfilmung des alten, chinesischen Volksmärchens über die clevere, entschlossene und kriegerische Chinesin, die sich gegen alle Zweifel und Limitierungen behauptet und letztlich China vor seinem Niedergang bewahrt, ihre Premiere in den USA. Es mussten erst Jahre vergehen, bis sich mir seine feministische Kernbotschaft erschloss und sich der lustige Mushu, großartig synchronisiert von Otto Waalkes, und die furchteinflössenden Hunnen als Nebensächlichkeit der Geschichte erwiesen. Auch wenn der Film rein optisch nicht an heutige Disneyfilme heranreicht, erweisen sich Musik und Texte der Lieder als effiziente Grundbausteine seiner zu vermittelnden Botschaft und heben ihn deutlich von seinen Vorgängern und Folgefilmen ab.

Mulan ist anders als andere Disneyfilme

Disney musste erst in den Fernen Osten aufbrechen, um zu verfilmen, dass eine Frau nicht immer eine Jungfrau in Nöten ist, die von einem Mann gerettet werden muss. Die Figur Mulan unterscheidet sich insofern von allen anderen klassischen weiblichen Hauptfiguren der vorigen Disney-Jahre, weil sie ohne Hilfe eines Mannes eigenständig, natürlich mit einigen Höhen und Tiefen, ihr Vorhaben meistert. Um ihr selbstauferlegtes Ziel, ihre Familie zu beschützen, emanzipiert zu erreichen, gibt sie sich als männlicher Soldat aus. Sie entschied sich für eine gezwungenermaßen militärische Laufbahn, die Männern vorbehalten war, während Frauen damals in China nur Ehre brachten, wenn sie verheiratet wurden. Auf ihrer maskierten Reise nimmt sie sogar in Kauf, anstelle ihres alten Vaters im Krieg umzukommen, oder hingerichtet zu werden, sollte ihre Travestie auffliegen. Im Grunde ist Mulan ein gesellschaftskritisches und oft komödiantisches Musical-Drama, das viel tiefgründiger ist, als es den Anschein erwecken könnte.

Die Hauptthemen des Films sind nicht, wie auf den ersten Blick vermuten ließe, Gerechtigkeit und Heldentum, sondern Gleichberechtigung, Feminismus, Sexismus und die Bekämpfung konservativer Rollenbilder sowohl für Männer als auch für Frauen zur Findung der eigenen Identität. Die Geschichte der Bedrohung Chinas durch die einfallenden Hunnen ist nur der Rahmen, um diese - auch 20 Jahre nach seinem Kinostart - hochaktuellen Thematiken spielerisch und unterhaltsam, generationsübergreifend auf die Leinwand zu bringen. Was mir als Kind ebenfalls entging, war die direkte Schilderung dieser gesellschaftlichen Missstände in jedem einzelnen der Songs.

Mulan und Frauen, wie sie sein sollten

Zum mehrfach ausgezeichneten Soundtrack von Jerry Goldsmith, der Musik und den Texten von Matthew Wilder und David Zippel führt der Song Ehre für das Haus die chinesische Prozedur des Stylings potenzieller Bräute vor, während zur gleichen Zeit die minderwertige Rolle der Frau in der Gesellschaft definiert und explizit ausgedrückt wird:

Für Mädchen gibt's nur einen Weg, der große Ehre bringt. Ein guter Ehemann, weil wir dann glücklich sind. [...] Wenn du clever bist und gertenschlank, bringst du Ehre für das Haus.

Es ist eine Rolle, die Mulan nicht einnehmen will und kann. Durch ihre tollpatschige Art verscheucht sie die wichtige Heiratsvermittlerin. Das Lied Wer bin ich? greift diese Verunsicherung der Protagonistin auf und zeigt ihre Identitätskrise zwischen der Erfüllung ihrer Rolle und der Sehnsucht, sich so geben zu können, wie sie ist:

Kann es sein, mach ich immer alles falsch? Doch ich weiß, wenn mich so gebe, wie ich mich fühl', brech' ich allen hier das Herz. [...] Ich erkenn' mich nicht mehr. Wer ist diese fremde Frau im Spiegel drin? [...] Wann zeigt mir mein Spiegelbild, wer ich wirklich bin?

Frau muss kochen und Mann darf nicht weinen

Die weiteren Lieder Sei ein Mann und Die Frau, für die ein Kampf sich lohnt wechseln nicht nur szenisch in das ausschließlich männliche Soldatenlager, sondern auch metaphorisch in die Welt der Männer und beleuchten ihre erstrebenswerten Rollen in der Gesellschaft. Ein Mann darf keine Schwächen zeigen und muss kriegerisch "seinen Mann stehen". Sie müssen ein stereotypes Rollenbild erfüllen, das auch heutzutage in den Köpfen vieler Menschen das einzig mögliche ist und körperliche Schwäche sowie feminine Charakterzüge als unmännlich verwendet:
Hat man anstatt Söhnen, Töchter mir gesandt. [...] Jeder wird hier zum Mann, sogar du.

Die Frau, für die ein Kampf sich lohnt verbindet diese zwei Rollenbilder und greift in Form von individuellen Wunschvorstellungen der einzelnen Soldaten auf, was eine Frau für sie, in ihrer heteronormativen und sexistischen Weltanschauung, sein sollte:

Mir ist egal, was sie so trägt und wie sie aussieht, wenn sie das kochen nur nicht aufgibt. [...] Mit 'ner Rüstung hast du zehn an jedem Finger. [...] Wenn sie auch klug und clever ist, wäre das nicht grandios? NEEE!

Der Film löst die sexistische Problematik und die Identitätsfindung, indem Mulan durch eine Verletzung gezwungen ist, ihre Travestie zu verlassen. Im folgenden Akt hält sie in Zusammenarbeit mit ihren als Frauen verkleideten Gefährten die Hunnen vor der Ermordung des chinesischen Kaisers ab. Als Belohnung erhält sie ein Schwert, das sie nach ihrer Heimkehr ihrem Vater überreicht. Ihre Identitätskrise scheint überwunden, nachdem ihr Vater dem Schwert keine Beachtung schenkt und sie stattdessen offenherzig mit Stolz so akzeptiert, wie sie ist. Mulan musste sich erst aus dem gesellschaftlichen Korsett befreien, um sich selbst zu erkennen und auch alle anderen Figuren erkennen zu lassen, dass sie ihre Ziele als emanzipierte Frau erreichen kann. Die Auflehnung gegen die gesellschaftlichen Misstände und die Norm machen sie zu einer Heldin.

Der Realfilm von Mulan muss große Fußstapfen füllen

Dass mit Li Shang eine potenziell bisexuelle Figur aus der Neuverfilmung gestrichen wurde, stößt bei Fans des Klassikers auf starken Widerstand. Besonders, weil das Original von 1998 mit all seinen Charakteren und filmischen Eigenschaften für Kinder ein Vermittler für Gleichberechtigung und Identitätsfindung war. Es scheint, als wolle Disney aus seinem Realfilm mit einem voraussichtlich riesigen Produktionsbudget (via Pursue News) jedoch einen imposanten Kriegsfilm schaffen. Nachdem zusätzlich auch noch über den Verzicht von Liedern debattiert wird, der im Disney-Original die Vermittler-Instanz der moralischen und gesellschaftskritischen Botschaften war, ist fraglich, ob es Disney gelingt, Feminismus und veraltete Rollenbilder gleichsam direkt und emotional für Fans zu inszenieren.

Auch Sony hatte 2016 eine Verfilmung des Stoffes mit dem Game of Thrones-Regisseur Alex Graves angekündigt. Dass das Projekt nicht die Musical-Verfilmung meiner Träume wird, dürfte unter diesen Bedingungen klar sein. Ich hoffe trotzdem, dass sich die Disney-Realversion von Mulan, eines meiner liebsten Werke, nicht vollkommen von den Strukturen des alten Films loslöst. Wird das dennoch passieren, sollte ihr Ziel sein, sich auf die feministischen Themen zu berufen und sie auf andere Weise eindrücklich umzusetzen.

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