6 Underground: Ryan Reynolds ist aktuell der nervigste Star

Ryan Reynolds in 6 Underground
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Meint es gut mit den Menschen.

Vor nicht allzu langer Zeit galt Ryan Reynolds als König des Kassengifts. Filme wie Green Lantern (2011), R.I.P.D. (2013) oder Self/less (2015) machten zusammen Hunderte Millionen Dollar Verluste - und zogen die katastrophale Karrierebilanz jenes angeblichen Stars, der von bis dato 30 Kinofilmen lediglich eine Handvoll in Hits verwandelte.

Dann kam Deadpool, ein kommerzieller und offenbar auch künstlerischer Überflieger. Er installierte Ryan Reynolds als lebendes Meme, dessen ständige Versicherung von Unernst adäquat zwischen Publikum und totem Kino zu vermitteln verstand. Außerdem wurde Reynolds, so unwirklich es auch erscheinen mag, als bester Schauspieler für den Golden Globe nominiert.

Nackt, aber erfolglos: Die Selbsterneuerung von Ryan Reynolds

Dem Siegestaumel mit Deadpool ging eine dekadenlange Image-Suche voraus. Um damals nicht auf grobe Komödien festgelegt zu werden, lehnte Reynolds die Fortsetzung des relativ einträglichen Party Animals (2002) ab. Er veränderte sein äußeres Erscheinungsbild, drehte den Franchise-Killer Blade: Trinity (2004) und hackte in Amityville Horror (2005) oberkörperfrei Holz.

Was der Beginn einer Actionkarriere hätte werden können oder vielmehr werden sollen, bestätigte Ryan Reynolds stattdessen als Komödiendarsteller. Obschon er fortan auf romantische Leichtigkeit setzte, blieben präpotente Figuren und augenscheinlich in jeden Vertrag geschriebene Demonstrationen seiner Muskeln ästhetische Konstanten.

Nach Selbst ist die Braut (2009), der kurzzeitig Hoffnungen weckte, dass sich die Verpflichtung von Ryan Reynolds in kostspieligen Hauptrollen doch noch auszahlen würde, folgte eine nahezu lückenlose Serie finanzieller Flops. Neben Blockbustern gingen auch Filme wie Zurück im Sommer (2008) oder The Captive (2014) unter, die Reynolds als sogenannten Charakterdarsteller zu etablieren versuchten.

Ryan Reynolds, der ewige Deadpool?

In der Rolle des Marvel-Antihelden Deadpool (ein Herzensprojekt, um das Reynolds mehrere Jahre kämpfte) werden diese Rückschläge zugleich aufgegriffen und abgefedert. Deadpool verspottet Green Lantern ebenso wie seinen Auftritt im ersten Wolverine-Film. Und er verspottet besonders Reynolds selbst, der ein scheinbar uneitles Verhältnis zum eigenen Repertoire pflegt.

Für Ryan Reynolds war Deadpool natürlich ein Glücksgriff, wirkte dessen postmoderner Meta-Humor doch genauso abgehangen wie seine Karriere. Erfolg musste der Film schon deshalb haben, weil die prahlerische Selbstbezogenheit in Kombination mit Popkulturbezügen, Derbheiten und Augenzwinkern einem sich anarchisch wähnenden Zeitgeist entspricht, der eigentlich vor Spießigkeit strotzt.

Nervig im symptomatischen Sinne ist an dieser Art Rollenverschmelzung zum einen ihre Vehemenz: Auf Deadpool folgten Deadpool 2, Deadpool-Kurzfilme und Deadpool-Auftritte in den sowieso schon unerträglichen Honest Trailern. Zum anderen scheint Ryan Reynolds grundsätzlich nur noch im Modus des über den Dingen stehenden Hampelmannes agieren zu können.

Wenn also in Deadpool gewissermaßen jeder Reynolds-Auftritt steckte, steckt in jedem Reynolds-Auftritt seither Deadpool. Betroffen sind Gastrollen in Family Guy oder Hobbs & Shaw genauso wie Starvehikel, von der Actionkomödie Killer's Bodyguard, deren Fortsetzung bereits abgedreht ist, bis zu 6 Underground, den Netflix lediglich als Jux zu bewerben weiß.

6 Underground - Ironie als Marketing-Tool

So veröffentlichte der Streaming-Dienst ein Promo-Video zu 6 Underground, das Ryan Reynolds gewohnt näselnd und mit angehobener Stimme über Krawallregisseur Michael Bay witzeln lässt. Noch das bislang unerbittlichste Dicke-Hosen-Kino wird hierin zur Geste der Selbstvertrashung, weil es beim Dauer-Deadpool nie wirklich um etwas gehen darf.

Um jeden Preis nämlich sollen die Star-Persona und rein performative Lässigkeit seiner Rollen zusammen gebracht werden. Reynolds betreibt einen laufend mit One-Linern bestückten Twitter-Account sowie ein Instagram-Profil, in das er auch Ehefrau Blake Lively einbezieht. Sein YouTube-Kanal wiederum versammelt seit 2015 zahlreiche Deadpool- und sonstige Videos.

Für Pokémon Meisterdetektiv Pikachu parodiert Reynolds dann etwa plattformübliche Make-up-Tutorials, während die Werbekampagne zum kommenden Disney-Film Free Guy durch vorgeblich bissige Seitenhiebe gegen das verantwortliche Studio gerahmt wird. Immer tritt Reynolds als ironischer Saboteur eines Systems auf, dessen völlig unironisches Zugpferd er ist.

Mögen solche PR-Strategien auch eine Notwendigkeit sein, um als sichtbare Größe in der von Filmstars befreiten Kinolandschaft Hollywoods zu bestehen, tragen sie doch ihrerseits zur Übersättigung der Masche bei. Wir kennen Ryan Reynolds jetzt als Muskelprotz und Spaßvogel. Den Schauspieler hingegen bleibt er uns weiterhin schuldig.

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