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Zum 55. Geburtstag

Aaron Sorkin - Wo der Satz die Story jagt

Aaron Sorkin
© Warner
Aaron Sorkin
09.06.2016 - 08:50 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Heute feiert mit Aaron Sorkin einer der prominentesten Drehbuchautoren Hollywoods seinen 55. Geburtstag. Wir werfen einen Blick auf sein Schaffen und schauen uns an, wieso er so erfolgreich ist.

Vom November 2007 bis Februar 2008 geriet die Filmindustrie in den USA in eine prekäre Lage, als die Writers Guild of America (WGA) zum Streik aufrief. Etwa 12.000 Autoren aus dem Kino und Fernsehen legten für 14 Wochen ihre Arbeit nieder und blockierten damit laufende Produktionen - sie empfanden den allgemeinen Umgang mit ihrem Beruf seitens der Industrie als zunehmend undankbar, was sich nicht nur in unzureichender Anerkennung ihrer Arbeit äußere, sondern auch, oder vor allem, in einer nach Meinung der WGA ungerechten Vergütung. Von den gut 23.000 Mitgliedern, die die WGA insgesamt hat, stimmten nur 9 % mit einer Unterschrift gegen den Streik. Eine dieser Gegenstimmen gehörte Aaron Sorkin.

Allzu verwunderlich ist das nicht, schließlich gibt es wohl kaum einen anderen Drehbuchautor in Hollywood, der sich so weit weg von unzureichender Anerkennung und ungerechter Vergütung befindet. Sein Tipp  an die streikenden Kollegen also: "Wenn du die drei Cent mehr haben willst, dann schreib besser." Es ist eine Arbeitsmoral, die Aaron Sorkin zu einem Status verholfen hat, dessen Prominenz für einen Drehbuchautor mehr als nur ungewöhnlich ist. Tüchtigkeit, Ausdauer, Mut. Und Koks: In seinen dunkelsten Phasen Mitte der 90er peitschten ihn ausgiebige Drogensitzungen zu tagelangem manischen Schreiben und trugen ihren Teil zum dem um Sorkin veranstalteten Medienrummel bei. Ein bisschen mehr als das ist da allerdings schon.

Schon sein Kinodebüt, Eine Frage der Ehre - dessen Drehbuch er von seinem eigenen Theaterstück adaptierte, das drei Jahre zuvor auf dem Broadway aufgeführt wurde - sorgte für Stirnrunzeln: Ein Film über die juristischen Intrigen innerhalb des US-amerikanischen Militärs, voll mit krankhaftem Patriotismus und selbstzerstörerischen Gratwanderungen zwischen Recht und Moral. Der Film schaut sich wie aus der Feder eines 50-jährigen Ex-Navy mit einem ausgeprägten Sinn für durchkomponierte Dialoge und sprachlichen Rhythmus. Aber nein, der ganze Konversationsschwall um Militärcodes, Vaterlandsehre und Juristensprech entspringt inklusive dem zum Popkulturgut gewordenen  "You can't handle the truth!" dem Kopf eines 26-Jährigen Jungen aus Manhattan, der in seiner Jugend einfach viel zu viel Zeit im Theater verbracht hat.

Mit Eine Frage der Ehre legte Aaron Sorkin den Grundstein für eine beispiellose Karriere, der sich schon darauf stützte, was seine Filme bis heute zu Oscar-Stammgästen macht: Dialoge. Präzise, ratternde, unaufhörliche Dialoge. Die Figuren in Sorkins Büchern sprechen durchgehend mit leichtfüßiger Eloquenz, originellem, pointiertem Humor und einem phonologischen Taktgefühl, das die Dramaturgie des Filmes ganz alleine tragen kann. Ins Weiße Haus übertragen kann so ganz schnell The West Wing entstehen und seinen Schöpfer endgültig zu einer schillernden Figur machen, die mit fast schon arroganter Selbstverständlichkeit einen Oscar-Kandidaten nach dem Nächsten schreibt: Der Krieg des Charlie Wilson, Die Kunst zu gewinnen - Moneyball, The Social Network, Steve Jobs.

All diese Drehbücher sind allerdings nicht nur aufgrund des Erfolgs der Filme so bemerkenswert. Bemerkenswert ist, dass sie Regisseuren wie David Fincher und Danny Boyle Regieentscheidungen diktieren, die sie so normalerweise nicht treffen würden: Ein ausufernder Aaron Sorkin-Dialog schreit nahezu nach einer Walk and Talk-Inszenierung, die längst zu einem Markenzeichen des Autors geworden sind. Damit drückt Sorkin den Filmen einen Stempel auf, der denen seiner noch so prominenten Regisseure gleichkommt, wenn er sie nicht sogar in den Schatten stellt. Ein sonst so exzentrisch inszenierender und schneidender Regisseur wie Danny Boyle muss sich für Steve Jobs plötzlich seinem Drehbuch unterordnen und liefert einen Aaron Sorkin-Film par excellence. Welcher Hollywood-Autor kann behaupten, seinen eigenen Stil unabhängig vom Regisseur so markant auf der Leinwand verwirklicht zu sehen?

Für Sorkin selbst scheint das Schreiben viel mehr dem Eskapismus zu dienen als der Selbstverwirklichung. Seine Skripte sind verhältnismäßig frei von eigenen Erfahrungen - was ihn persönlich beschäftigt und was er schreibt, das seien nach eigenen Angaben zwei völlig verschiedene Dinge. Er würde sich selbst weder als politischen Menschen beschreiben, noch als Technologie-, Wirtschafts- oder Gerichtssaal-Enthusiast, kurz: Alles, worüber Aaron Sorkin geschrieben hat, hat nichts mit Aaron Sorkin zu tun. Die romantisch-liebevollen, charmanten Zeilen, die Michael Douglas in Hallo, Mr. President mit verständnisvollen Augen säuselt, sind in einem Hotelzimmer hinter einem "Bitte nicht stören"-Schild während mehrtägiger Crack-Sitzungen entstanden. Sorkin hat kein Interesse daran, ein "realistisches" Abbild der Welt zu schaffen. Dafür ist er umso versessener darauf, eine neue, in sich geschlossene Realität zu errichten.

Die Motivation zum Schreiben rührt also exklusiv aus der blanken Faszination an der Konversation, aus dem rhythmischen Zusammenspiel von Worten, dem nicht enden wollenden Tanz wohlklingender Silben. Manch einer mag darin verkrampfte Anstrengungen eines Autors erkennen, der mit aller Kraft versucht, sich hinter einer Fassade zu verstecken. Sorkin würde dem wahrscheinlich nicht widersprechen, fühle er sich doch grundsätzlich wie die dümmste Person im Raum, die darauf wartet, Input von seinen Mitmenschen zu bekommen. Seine Kindheit verbrachte er an Küchentischen, an denen seine Eltern - ein Anwalt und eine Lehrerin - sich Wortgefechte lieferten, in denen jeder, "der nur ein Wort benutzte, wenn er hätte zehn verwenden können, sich nicht genug anstrengte" und die mit einem gemeinsamen Theaterbesuch endeten, infolgedessen sich der 9-jährige Sohnemann auch mal Wer hat Angst vor Virginia Woolf? anschauen musste. Zwanzig Jahre später sind es genau diese Dialoge, deren Theatralik Aaron Sorkin dazu bringt, selbst bis zum Äußersten zu gehen, um einen hübschen Wortwechsel auf Papier zu bringen - auch wenn das bedeutet, dem Zuschauer Zeile für Zeile die Satzästhetik um die Ohren zu hauen.

Frei von Kritik kann solch ein aufdringlicher Stil natürlich nicht bleiben. Aaron Sorkins Mentor, Drehbuchgigant William Goldman, erinnerten die Bücher seines Zöglings an jemanden, der sich auf einem ersten Date befinde und "unbedingt will, dass das Mädchen Lust auf ein zweites Date bekommt". Sorkin streitet das nicht ab ("Ich habe mich völlig in den Klang meiner eigenen Stimme verliebt") und räumt ein, dass er keine Story schreiben könnte, wenn es um sein Leben ginge. Vor allem bei langlebigen Formaten wie The West Wing kann das zu fragwürdigen Entscheidungen führen, die nicht immer den Geschmack der Fans treffen. "Ich habe keine Geschichten zu erzählen. Wirklich nicht. Ich bin auf der verzweifelten Suche nach Geschichten, die ich erzählen kann. Was ich liebe, ist der Klang von Dialogen. Die will ich schreiben." Und das ist schon okay so. Es gibt immer noch genug Gründe, sich auf das nächste Date zu freuen.

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