Against All Enemies: Kristen Stewart betritt die wichtigste Phase ihrer Karriere

Kristen Stewart als Jean Seberg
© Prokino/Studiocanal
Kristen Stewart als Jean Seberg
Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
folgen
du folgst
entfolgen
Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Against All Enemies verfolgt eine Episode im Leben eines ikonischen Film-Stars, der vor einer der spannendsten Darstellerinnen der letzten Jahre gespielt wird. Dass es sich beim Endprodukt um Biopic-Durchschnitt handelt, gerät glatt zur Nebensache.

Das filmische Zusammentreffen von Jean Seberg und Kristen Stewart wirkt wie ein Diamant versteckt im Schotter. Es eröffnet spannende Facetten in der Überblendung der beiden Karrieren von Seberg und Stewart, die allesamt wenig mit der Story oder Inszenierung und viel mit unserer Vorstellungskraft zu tun haben.

Against All Enemies, der außer Konkurrenz bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig läuft, ist kein besonders gutes Biopic, aber ein spannender Kristen Stewart-Film.

Kristen Stewart spielt die tragisch verstorbene Jean Seberg

Bevor Jean Seberg mit ihrem Kurzhaarschnitt in Außer Atem zur visuellen Ikone der französischen Nouvelle Vague wurde, war sie Star einer Art frühen Casting-Show. Publicity-Maestro und Regisseur Otto Preminger (Anatomie eines Mordes) suchte unter Tausenden Frauen und Mädchen die Hauptdarstellerin für seinen Film über Johanna von Orléans. Statt auf bewährte Hollywood-Stars zu setzen, wählte er eine 17-Jährige aus Iowa. Preminger wollte seinen eigenen Star formen. Die heilige Johanna war 1957 ein Misserfolg. Der Star war geboren.

11 Jahre später treffen wir diese Jean Seberg (Kristen Stewart) in dem Biopic von Benedict Andrews (Una und Ray). Sie hat Premingers diktatorische Regie mit Brandwunden überstanden und sich eine Karriere zwischen dem kriselnden Studiosystem und dem revitalisierten Kino Frankreichs aufgebaut.

In einem Flugzeug lernt sie den schwarzen Aktivisten Hakim Jamal (Anthony Mackie) kennen. Ihrer Unterstützung seiner Anliegen bringt den FBI-Abhörspezialisten Jack Solomon (Jack O'Connell) auf Sebergs Spur. Fortan wird die Schauspielerin überwacht, durch Falschmeldungen öffentlich diskreditiert und in die Paranoia getrieben. Parallelen zur Gegenwart werden dankend angenommen.

In dem Biopic mit Thriller-Elementen wechseln Andrews und sein Team kompetent, aber ohne tiefere Einsichten zwischen Jean Sebergs wachsender Verzweiflung und den Gewissensbissen des jungen FBI-Mannes. Hier stellt sich Kamerafrau Rachel Morrison (Black Panther) als wichtigste kreative Partnerin von Kristen Stewart heraus.

Kristen Stewart kämpft in Against All Enemies gegen ihren Film an

Vor dem Spiegel oder in knalliger 60er-Mode spielt Kristen Stewart noch intensiver mit der Kamera als mit ihren Co-Stars. In Großaufnahmen von Stewart glauben wir oft alles zu sehen und dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass sie etwas vorenthält. Da liegen Geheimnisse verborgen unter den flatternden Augen, die wir niemals ergründen werden. Ein Blick, wir können sie fast greifen, und schon sind sie verschwunden.

Olivier Assayas baute auf diesen spielerischen Qualitäten seinen fantastischen Geisterfilm Personal Shopper auf. In Against All Enemies spielt Kristen Stewart nun gegen die erdrückend konventionellen Dialogzeilen und Szenarien an, nicht immer erfolgreich. Ihr gelingt zumindest die Annäherung an Sebergs faszinierende Leinwandpräsenz, während man gleichzeitig stets gewahr ist, Kristen Stewart zu sehen.

Sebergs Blicke in die Kamera in Außer Atem oder die finale Spiegel-Szene aus Bonjour Tristesse legen mit jedem Wimpernschlag Rätsel über Rätsel. Das filmische Konzept von Against All Enemies tötet derweil antiseptisch die Keime des Rätselhaften. Stewart bricht hier und da aus in einer Performance, die sich mehr fragend denn imitierend Jean Seberg annähert. In den Ausschnitte aus Außer Atem mit Stewart in der Seberg-Rolle sehen wir Kristen Stewart, die sich Sebergs Fassade überstülpt, durchleuchtet.

Against All Enemies zeigt Kristen Stewart in einer entscheidenden Karrierephase

Wenn die zwei Schauspielerinnen wie Pauspapier übereinander liegen und der Film sich Zeit lässt, wirkt Against All Enemies tatsächlich erhellend. Wir sehen den ehemaligen Twilight-Star, der in Frankreich gefeiert wurde (für Die Wolken von Sils Maria gab es einen César). Und wir erahnen Jean Seberg, mit der Hollywood in Hits wie Airport nichts anzufangen wusste. Wandel und Konstanten der weiblichen Erfahrung innerhalb der Filmindustrie liegen nebeneinander.

Kristen Stewart hat sich seit Twilight vorwiegend im Independent-Kino aufgehalten. Das ändert sich demnächst mit Underwater - Es ist erwacht und dem Reboot 3 Engel für Charlie. 11 Jahre nach Twilight - Bis(s) zum Morgengrauen wird sie ihr Dasein als Star damit auf die kommerzielle Probe stellen. Es ist eine wichtige, wenn nicht gar die wichtigste Phase ihrer Karriere.

Sie wird vielleicht darüber entscheiden, ob Stewart als zugkräftiger Star über die Arthouse-Zirkel hinaus reüssiert. Ob Kristen Stewart Studios zu ambitionierten und teuren Projekten verleiten kann oder nicht und inwieweit sie als Leading Lady seit Snow White and the Huntsman gereift ist. Ein finanzielles Scheitern wäre kein Karriere-Ende, eher eine schnell zurückgelassene Sackgasse. Ein Erfolg würde ganz neue Möglichkeiten in der Entwicklung des Stars Kristen Stewart eröffnen.

Das fast schon Tragische am Versäumnis dieses Biopics ist natürlich, dass es hervorragende Filme über Jean Seberg gibt. Philippe Garrels Les hautes solitude von 1974 nähert sich dem Leinwandenigma Jean Seberg mit experimentellen Mitteln an. Demgegenüber blickt Mark Rappaport in Aus den Tagebüchern der Jean Seberg (1995) auf ihre Filmografie im Verhältnis zu den Männern, die sie mitgestalteten. Männer wie Otto Preminger oder ihr Ehemann Roman Gary, die Seberg wiederholt auf den Scheiterhaufen stellten, um ihre Pein filmisch auszukosten.

im direkten Vergleich offenbart sich ein bizarrer Konstruktionsfehler des Biopics. Es macht einen weiteren Täter im Leben von Seberg zur zweiten Hauptfigur, schenkt ihm ein Gewissen und Sympathien. Dabei bieten die biografischen und filmischen Wechselwirkungen von Kristen Stewart und Jean Seberg allein genug Stoff für sieben Filme.

Nun die Gretchenfrage: Wie haltet ihr es mit Kristen Stewart?

Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
folgen
du folgst
entfolgen
Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
Deine Meinung zum Artikel Against All Enemies: Kristen Stewart betritt die wichtigste Phase ihrer Karriere
Ab 12. Dezember im Kino!Jumanji: The Next Level
6d8439fb439a41eaa08fc19581bf8021