Zum 55. Geburtstag

Aki Kaurismäki - Melancholie, Stille & Hoffnung

Wir gratulieren Aki Kaurismäki zum 55. Geburtstag.
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Wir gratulieren Aki Kaurismäki zum 55. Geburtstag.

Eigentlich spricht er nicht gern über seine eigenen Filme, dafür tun das andere umso mehr. Aki Kaurismäki ist das wohl berühmteste Exemplar des skandinavischen Films der 1980er-Jahre und führt sein Erbe seitdem auf eigene Faust fort. Auch dieses Jahr hat er wieder etwas abgeliefert. In der Dramödie Le Havre geht es um einen Schuhpolierer, der in der titelgebenden Stadt einem Immigrantenjungen zu einer Existenz verhelfen will. Aki Kaurismäkis Filme spielen mit dem Außenseitertum und schweben auf der Grenze zwischen Depression, lakonischem Zynismus, aber auch der Hoffnung. Le Havre ist aber nicht der Anlass für diesen Text. Der Finne darf heute nämlich seinen 55. Geburtstag feiern und dazu wollen wir ihm mit einem kleinen Text gratulieren.

Der Beginn einer neuen Epoche
Das Kino des Aki Karusimäki kann als der Beginn einer neuen Welle des skandinavischen Films gesehen werden. Mit seinem ersten Film Crime and Punishment machte er sich gleich an einen gewichtigen Stoff, den gleichnamigen Roman von Fjodor Dostojewski. Das Drama um einen Selbstjustiz übenden Mann, der im Haus seines Opfers eine Beziehung mit einer dort lebenden Frau beginnt, lebt von der brütenden Ruhe des russischen Autors. Aki Kaurismäki stammt aus dem hohen Norden und übersetzte die Geschichte mit einer ganz eigenen Melancholie und Stille. Doch schon vorher machte er zusammen mit seinem Bruder Mika Kaurismäki Filme wie The Liar, in dem Aki Kaurismäki auch die Hauptrolle spielte. Mika war länger im Geschäft als sein Bruder und ermöglichte diesem als Produzent den Durchbruch mit Schuld und Sühne. Zusammen mit Filmemachern wie Markku Lehmuskallio, Veikko Aaltonen oder Markku Lehmuskallio brachten die Kaurismäki-Brüder in den 80er-Jahren eine gehörige Portion experimentellen Minimalismus in das vom sozialen Realismus geprägt finnische Kino.

Sein internationaler Durchbruch kam aber erst mit Schatten im Paradies, in dem es wieder um einen Außenseiter ging. Der Helsinkier Müllwagenfahrer Nikander verliebt sich in die arbeitslose Supermarktkassiererin Ilona. Die Liebe wird erwidert, aber nicht auf die aus Filmen gewohnte Weise. Im grauen Helsinki nähern sich die beiden nur langsam an, eigentlich sogar verkrampft. Glück wird hier nicht überzogen, sondern einfach nur hingenommen. Schatten im Paradies ist der erste Teil der sogenannten proletarischen Trilogie, mit der Aki Kaurismäki die Wirklichkeit der finnischen, meist in Helsinki vorherrschenden Arbeitsbedingungen der 70er- bis 80er-Jahre darstellen wollte. Die anderen beiden Teile der Trilogie, Ariel – Abgebrannt in Helsinki und Das Mädchen aus der Streichholzfabrik, sind Musterbeispiele für seinen reduzierten Stil.

Minimalismus, Außenseiter und Americana
Der erste Satz in Das Mädchen aus der Streichholzfabrik ist Ein kleines Bier und tönt erst nach 13 Minuten aus dem Mund der Protagonistin Iris. Die Charaktere von Aki Kaurismäki sind Zeitgenossen, die dank ihres Hintergrunds nicht mehr viel zu sagen haben. Seinen Helden geht es schlichtweg beschissen und Hoffnung auf Besserung ist nicht zu erwarten. Manchmal, wie in Das Mädchen mit der Streichholzfabrik, sorgen die Umstände für ein Zerbrechen, manchmal wird ihnen entgegengewirkt. Und da steht Aki Kaurismäki mit einem Bein in Amerika und dem anderen in bitterbösem, dem Realismus verpflichteten Humor. Der unterkühlten Wut gegen die Arbeitsmisere werden amerikanische Autos, Sonnenbrillen und Discokugeln entgegengesetzt. Zum Beispiel in Ariel: Ein soeben gefeuerter, absolut perspektivenloser Bergmann fährt in einem Chevy-Cabrio und mit Ray-Ban-Sonnenbrille durch Finnland. Das wirkt wie ein Herumfahren in fernen Träumen, bis der Held allein klarkommen kann. Tatsächlich ist Aki Kaurismäki ein großer Fan des amerikanischen (aber vor allem auch französischen) Kinos und allgemein der amerikanischen Kultur. Kein Auto ist ihm lieber als der Cadillac und mit Jim Jarmusch unterhält er eine wohl auch stilistisch fundierte Freundschaft.

Rückkehr des Optimismus
Im Jim Jarmuschs Helsinki-Film Night on Earth tauchte Aki Kaurismäki sogar persönlich auf, was Jim Jarmusch umgekehrt in Aki Kaurismäkis Leningrad Cowboys Go America tat. Der Film machte den finnischen Regisseur international bekannt und dreht sich um eine in Finnland erfolglose, klischeehaft aufgemachte Rockband, die ihr Glück in Amerika sucht. Wie finnische, extrem reduzierte Blues Brothers reisen sie mit einem noch in Finnland eingefrorenen Bassisten durchs Land. Der Film brachte eine eigene Musical-Show und das Sequel die Leningrad Cowboys Meet Moses hervor, in dem sie sich mit der Nase der Freiheitsstatue nach Sibirien aufmachen. Auch wenn der ungewöhnliche Stummfilm Juha oder der die Ideale zerbrechende Film-Noir Lichter der Vorstadt wieder die alte Hoffnunglosigkeit seiner frühen Filme hervorholen, wird Aki Kaurismäki in seinem späteren Schaffen grundsätzlich zu einem positiveren Zeitgenossen.

So gibt es in der Amnesie-Geschichte Der Mann ohne Vergangenheit immer diese unterschwellige Hoffnung, obwohl Aki Kaurismäkis charakteristischer Stil, was von manchen Kritikern bemängelt wird, immer gleich bleibt. Auch in Le Havre ist das nicht anders und doch scheint die Hoffnung noch mehr die Überhand zu gewinnen. Aki Kaurismäki verlässt Helsinki vollkommen, um seine beim Festival Cannes prämierte, unerwartet bunte Flüchtlingsgeschichte zu erzählen und setzt damit seinen ebenfalls französischsprachigen Film Das Leben der Boheme fort, in dem André Wilms ebenfalls die Hauptrolle spielte. Aki Kaurismäki wird alt und sentimental, sagt er selbst. Traurige Filme kann er inzwischen nicht mehr verkraften. Mit 55 Jahren ist das auch erlaubt. Wir gratulieren zum Geburtstag.

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