Alejandro González Iñárritu, oder: Die Objektifizierung menschlichen Leids

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Pfizze Sven Pfizenmaier
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Seit gut anderthalb Dekaden ist Alejandro González Iñárritu eine gestandene Größe, wenn es darum geht, menschliches Leiden so herzzerreißend wie möglich auf der Leinwand zur Schau zu stellen, oder besser: So spektakulär wie möglich. Das hat ihm fix eine stetig anwachsende und loyale Fangemeinde beschert, die vor allem in den letzten Jahren erstaunliche Ausmaße angenommen hat. Iñárritu darf sich begründete Hoffnungen darauf machen, kommenden Sonntag für The Revenant seinen zweiten Regie-Oscar in Folge entgegenzunehmen, und falls der für den Besten Film noch oben drauf kommt, wären das insgesamt sogar die Goldstatuetten Nummer vier und fünf. Da kann man schon mal in die Hände klatschen. Immerhin hat er das mit Filmen geschafft, die sich gar nicht für ihren Inhalt interessieren. An dieser Stelle könnten wir jetzt genauso gut eine kulturpessimistische Brücke zu der Oscartradition als Gesamtes schlagen, aber es soll hier ja um die Filme Alejandro G. Iñárritus gehen.

Filme also, die jeder kennt, der mal was zum Weinen sehen wollte und sich in einer beliebigen Gruppe eines beliebigen sozialen Netzwerks Empfehlungen eingeholt hat. Was an sich nun erstmal nichts Schlechtes sein muss, aber es ist doch schon mindestens ungewöhnlich, dass Filme, die ihr Publikum mit existenziellen Fragen um (Über-)Leben und Sterben, Liebe und Hass, Vergebung und Rache konfrontieren wollen, zum absoluten Knaller eines jeden geselligen DVD-Abends inklusive schön was zusammen kochen avancieren konnten. Der Grund dafür, ganz einfach: Sie konfrontieren gar nicht. Stattdessen sind sie eine pompöse Modenschau von handwerklichen Kniffen, die sich für ziemlich viele Dinge interessieren, aber nicht für das, was ihren Figuren da gerade zustößt.

So handelt es sich bei Amores Perros, 21 Gramm und Babel um eine Trilogie, in der es darum geht, dass Handlungsstränge miteinander verknüpft werden können. Um das zu veranschaulichen, darf natürlich keine Plotwendung zu hanebüchen, kein Storyverlauf zu konstruiert sein. Nach eigenen Angaben möchte der Regisseur damit eine auktoriale Sicht auf das Panorama eines menschlichen Lebens ermöglichen, das nun mal voller Zufälle und komplizierter Verschachtelungen diverser Handlungsstränge sei. Ja, ok, aber warum lassen sich diese Narrative am Ende immer so hübsch und glatt geleckt zusammenlegen? Warum sind sie immer geschlossen, warum erfordern sie am Ende dank selbsterklärender Resolutionen keinerlei weitere Debatten mehr? Sieht das Panorama eines Menschenlebens unterm Strich etwa derart geordnet und fertig gedacht aus?

Das ist deshalb so problematisch, weil all die großen Emotionen, von denen dort erzählt wird, unter eben jenen inszenatorischen Kunststückchen regelrecht erdrückt werden und das gilt nicht nur bei den drei genannten Filmen. Das geschieht vor allem dadurch, dass Alejandro G. Iñárritu - a.k.a. der Michael Bay der Tragödie - offenbar eine sehr dominante Angst davor hat, dass dem Zuschauer das Leiden der Charaktere entgehen könnte, also haut er es ihm um die Ohren und lässt es an jeder Ecke ordentlich krachen, bis das ganze endgültig zu einem Feuerwerk der Pein verkommt und die einzige Frage, die dabei im Raum steht, ist, welcher fatale Autounfall diesen geilen Leidensrausch auf das nächste Level bringen könnte. Iñárritus Filme sind der kunterbunte Rummelplatz menschlicher Trümmerhaufen und die Besucher sitzen mit zittriger Vorfreude davor und fragen sich, auf welches Elend sie sich hinterm nächsten Schnitt freuen dürfen. Schatz, mach die Nachos auf, gleich erfährt sie, dass ihre beiden Töchter tot sind.

Dass es auf diesem Rummel keinen Platz für Zwischentöne geben kann, versteht sich von selbst. Die Figuren baden entweder in ihrem uneingeschränkten (Familien-)Glück (welches sich natürlich von vornherein in der Dämmerung der privaten Apokalypse befinden muss) oder sie quälen sich durch die Hölle auf Erden, die selbstredend vor nichts Halt macht: Alle reinspaziert, hier ist Platz für jeden Schicksalsschlag. Der sportliche Eifer, mit dem diese Schicksalsschläge sich gegenseitig zu überbieten versuchen, könnte mit einer leichtfüßigeren Inszenierung eine sehr spaßige Groteske sein. Gerade noch mit einem Bären gewrestlet, jetzt schon im Pferdekadaver campen. Spaß beiseite, das hier ist bitterer Ernst. So sehen halt Emotionen aus. Bei anderen Filmen finden Emotionen in einem Austausch von Blicken, einer zärtlichen Geste, einem unausgesprochenen Wort statt. Die Figuren in Iñárritus Filmuniversum bekommen drei Schläuche ins Gesicht gesteckt und starren in die Kamera, bis endlich jemand heult.

Mit Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit wurde dann schließlich alles ganz anders, hieß es. Der Iñárritu habe auf einmal was zu lachen, hieß es, ein wahrlich selbstironischer Blick auf die Künstlerszene sei das. Wir reden hier von einem Film, in dem Künstler, von so viel Leid und Last und Skurrilität umgeben, als die interessantesten Menschen der Welt porträtiert werden, inszeniert unter der Knechtschaft verkrampfter Virtuosität, von einem Regisseur, der seine ganze Karriere lang seine Inszenierung über den Inhalt seiner Filme stellte. Ein paar Gags hin oder her: Wie hier noch in irgendeiner Form Selbstironie erkannt werden konnte, wird für immer ein Mysterium bleiben.

Bei Birdman handelte es sich aber ohnehin nur um eine kleine Auszeit, mit The Revenant ist zum Glück wieder alles beim Alten. Mit einem kleinen Novum in der Iñárritu'schen Athletikdisziplin Filmemachen: Es reicht nicht mehr, das Publikum während des Films durch das Geschehen auf der Leinwand darauf aufmerksam zu machen, dass es hier einzig und allein um die Entscheidungen hinter der Kamera geht, jetzt wird Entsprechendes schon Monate vor Veröffentlichung des Films angekündigt. Wer hat sich The Revenant angeschaut, weil er tatsächlich sehen und hören wollte, wie brutal das Verhältnis zwischen Mensch und Natur ausfallen kann, und wer, weil er von den extremen Bedingungen der Produktion gehört hat? Leonardo DiCaprio muss jetzt natürlich seinen Oscar kriegen, klar, schließlich hat er das ja alles wirklich vor der Kamera gemacht (warum hat eigentlich noch niemand Bear Grylls einen Oscar gegeben?).

Mit The Revenant treibt Alejandro G. Iñárritu das Desinteresse an seinen Figuren auf die höhnische Spitze. Es ist völlig egal, was das für eine Person ist, die hier überleben muss, es sind nur zwei Dinge wichtig: a) es muss krass sein und b) es muss krasser werden. Und schön aussehen muss das Ganze natürlich auch, sonst bemerkt jemand vielleicht nicht den Genius, der für das Spektakel verantwortlich ist. Mit der richtigen Musik unterlegt, könnte diese Verkettung von Absurditäten problemlos zu einem fünfminütigen Sequel von Buster Keatons Flitterwochen im Fertighaus umgeschnitten werden, aber dafür dürfte es allen Beteiligten an Humor fehlen. Denn, das müsste im Laufe des Filmes ja wohl deutlich geworden sein, hier wird Existenzielles erzählt. Kometen, Bibelreferenzen, schwebende Frauen. Das alles hier hat absolut nichts damit zu tun, dass ein paar erwachsene Männer vorführen wollten, was sie alles schaffen können, wenn man ihnen 135 Millionen Dollar gibt und sie mit einer Kamera in die Wildnis schickt. Wirklich nicht.

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