Avengers 4: Endgame ist komplett überfordert mit Captain Marvel

Avengers 4: Endgame
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Beeblebrox Matthias Hopf
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Redakteur bei Moviepilot. Schaut zu viel ins Internet, mag den Weltraum und fühlt sich auf Tatooine genauso zu Hause wie in Hogwarts und Mittelerde.

Achtung, Spoiler zu Avengers 4: Endgame: Erst vor wenigen Wochen eroberte Brie Larson als Captain Marvel die Kinos und stellte die neue Superheldin im Marvel Cinematic Universe vor. Angesiedelt in den 1990er Jahre erwartete uns in den letzten Minuten ihres Solofilms der Sprung in die Gegenwart, der unmittelbar den Anfang von Avengers 4: Endgame vorbereitete.

  • Dieser Übergang zum vierten Avengers-Abenteuer gestaltete sich denkbar unspektakulär: Captain Marvel taucht einfach im Hauptquartier der Avengers auf und klärt damit endgültig die Post-Credit-Scene von Avengers 3: Infinity War auf.
  • Schlussendlich ändert sich an diesem recht unbeholfenen Umgang mit der Figur in Avengers 4: Endgame nichts. So richtig haben die kreativen Köpfe des MCU noch nicht herausgefunden, was sie mit Captain Marvel anstellen sollen.

Avengers 4: Endgame hat keinen Platz für Captain Marvel

Das größte Problem kristallisiert sich dabei gleich zu Beginn von Avengers 4: Endgame heraus: Captain Marvel spielt in dieser Welt schlicht (noch) keine Rolle. Da ihr Debüt über zwei Dekaden zuvor angesiedelt ist und sie danach in die Weiten des Weltraums verschwand, um auf Planeten ohne eigene Avengers-Initiative für Recht und Ordnung zu sorgen, hatte sie bisher noch keine Berührungspunkte mit Iron Man und Co.

Die inzwischen über zehn Jahre alte MCU-Geschichte, die wir in Avengers 4: Endgame noch einmal im Schnelldurchlauf erleben, kommt ohne die Präsenz von Captain Marvel aus. Kein Wunder also, dass am Anfang gewisse Spannungen zwischen Carol Danvers und den Überlebenden aus Infinity War existieren. Sie ist eine Fremde und verkörpert geradezu bedrohlich die Zukunft des MCU.

Diese Zukunft hat vorerst jedoch keinen Platz, da sich Avengers 4: Endgame überwiegend mit der Vergangenheit beschäftigt, um die Storyline einiger der ältesten MCU-Figuren zu einem Abschluss zu bringen. Das ist freilich angemessen für einen Film, der das Ende einer Ära, das Ende der Infinity-Saga markiert. Immerhin lastet das Franchise seit zahlreichen Filmen auf den Schultern von Iron Man und Captain America.

Für Avengers 4: Endgame ist Captain Marvel nur ein Gott aus der Maschine

Dennoch ist es verwunderlich, dass ausgerechnet Captain Marvel in diesem dreistündigen Epos dermaßen an den Rand gedrängt wird, wo sie doch als eine der nächsten großen Superheldinnen von Phase 4 gehandelt wurde. Mit den Anführern der ersten Generation hat sie hat Kontakt, bei der Übergabe des Staffelstabs wird sie geradezu ausgegrenzt. Es fehlt in jeder Hinsicht eine konkrete Idee für die Figur.

Somit beschränkt sich Avengers 4: Endgame in puncto Captain Marvel vorzugsweise auf Deus ex Machina-Momente, die mal mehr, mal weniger gekonnt ausfallen. Tony Starks Rettung aus dem Weltraum erfolgt etwa ähnlich hastig und lieblos wie die Post-Credit-Szene in Captain Marvel - sie wird schlicht abgehandelt, ohne ein Gespür dafür zu entwickeln, was in diesem Augenblick wirklich auf dem Spiel steht.

Deutlich mehr Gewicht erhält Captain Marvel dagegen in der finalen Schlacht gegen Thanos. In einer ikonischen Einstellung darf sie sich mit allen MCU-Heldinnen in das Heer von Widersachern stürzen und ihre Version des Holdo-Manövers aus Star Wars 8: Die letzten Jedi präsentieren. Ein kurzer Zweikampf mit Thanos bildet schließlich den Höhepunkt ihres Endgame-Auftritts, reduziert sie aber weiter nur auf ihre Superkräfte.

Avengers 4: Endgame interessiert sich nur dann für die mächtige Superheldin, wenn sie ihre Kräfte demonstrieren kann, vergisst dabei jedoch ihre menschliche Seite - und das, nachdem ihr Solofilm immer dann am stärksten war, wenn er Captain Marvels Verletzlichkeit erforschte und darin Carol Danvers wahre Identität entdeckte. Avengers 4: Endgame dringt jedoch nie so tief in das Innere ihrer Person vor.

Avengers 4: Endgame vergisst vor lauter Vergangenheit die Zukunft

Verletzlich ist diese Captain Marvel nicht mehr, greifbar erst recht nicht. Sie existiert nur noch als Oberfläche und dient nur dem Fortgang der Handlung. So ist der neue Look die einzige Neuerung, für die sich Avengers 4: Endgame bei der Figur abseits ihrer körperlichen Stärke begeistern kann. Eine Beziehung zu anderen Figuren kann sie jedoch kaum aufbauen, sodass sie am Ende bei Tonys Beerdigung allein, weit entfernt im Hintergrund steht.

Selbst wenn Avengers 4: Endgame überwiegend ein Film über die Ur-Avengers ist, verpasst er mit diesem fahrlässigen Ausklammern der nächsten Generation einen entscheidenden Punkt seiner Geschichte: Die Reise zurück in die Vergangenheit ist nur deswegen so mitreißend und brisant, weil es um die Zukunft geht - doch an dieser Zukunft zeigt Avengers 4: Endgame erschreckend wenig Interesse.

Die Leere, die am Ende des Films herrscht, resultiert nicht aus dem Abschied altbekannter und lieb gewonnener Figuren, sondern der Ungewissheit im Hinblick auf das Kommende. Bisher haben wir nur wenige Anhaltspunkte zu Phase 4 - das ist natürlich Teil des Konzepts. Doch was bringt Kevin Feige ein ausgeklügelter Masterplan, wenn einer der bisher wichtigsten Filme des Franchise zu einer der neuen wichtigsten Figuren nichts zu sagen hat?

Avengers 4: Endgame verschenkt die großartige Brie Larson

Captain Marvel steht im MCU definitiv für eine Zeitwende, für eine neue Helden-Generation. Trotz Brie Larson unglaublichem Engagement, die Figur eigensinnig zum Leben zu erwecken, darf sie nur als Außenseiterin am Endgame teilnehmen und ist schneller vergessen, als Thanos mit dem Finger schnippt. Dabei hätte sie es sein können, die sich den Infinity Gauntlet überstreift und die damit verbundene Bürde auf sich nimmt.

Fraglos eine vertane Chance, denn Captain Marvel hätte eine ganz andere Dynamik in den Film gebracht. Das Zusammenspiel von Brie Larson und Samuel L. Jackson dürfte der beste Beweis sein, wie viel Potential sich in Captain Marvel als Weggefährten versteckt, die aktiv in die Handlung eingreift, eine Geschichte verändert und auch trotzig hinterfragt.

Gerade bei einem Film wie Avengers 4: Endgame, der sich hingebungsvoll an der MCU-Nostalgie labt, wäre ein solch frischer, unangepasster Impuls willkommen gewesen. Nicht zuletzt war Iron Man in seinem ersten Abenteuer vor über zehn Jahren genau das: Ein frecher Querschläger, der das Superhelden-Kino ordentlich aufgemischt und für immer verändert hat.

Wart ihr euch enttäuscht von Captain Marvels Auftritt in Avengers 4: Endgame?

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