Bald bei Netflix: Einer der schönsten Animationsfilme des Jahres

Die Heldin von I Lost My Body (links)
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Habt ihr schon immer davon geträumt, einen Film aus Sicht des eiskalten Händchens der Addams Family zu sehen? Im französischen Animationsfilm Ich habe meinen Körper verloren kommt ihr dieser Sehnsucht verdammt nah. Darin begibt sich eine abgetrennte Hand auf die abenteuerliche Suche nach ihrem Körper.

Beim Festival in Cannes wurde Ich habe meinen Körper verloren gefeiert und mit dem Grand Prix der Woche der Kritik ausgezeichnet. Netflix sicherte sich kurz nach der Premiere die Rechte.

Damit hat der Streaming-Dienst nicht nur einen veritablen Kandidaten im Oscar-Rennen um den Besten Animationsfilm, sondern auch eine fantasievolle Bereicherung eines Kataloges, der Woche für Woche beliebiger wird. Nun hat das Spielfilmdebüt von Jérémy Clapin beim Festival des phantastischen Films in Sitges Station gemacht.

Netflix' Ich habe meinen Körper verloren: Fantasievoll, originell und schön

Ein blutiges Geheimnis steht im Zentrum von Ich habe meinen Körper verloren. Wem gehört die Hand, die in eine Kühlschrank neben Augäpfeln und Gehirnen erwacht und vor allem: Wie wurde sie von ihrem Körper getrennt? Die erste Antwort lässt sich schnell erahnen, als wir Naoufel kennenlernen, der sich in Paris als Pizzabote verdingt. In Flashbacks nähern wir uns nach und nach der zweiten Antwort an.

Auf diesen beiden narrativen Bahnen zwischen Vergangenheit und Gegenwart bewegt sich Ich habe meinen Körper verloren und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie sich überschneiden.

Eine Hälfte von Ich habe meinen Körper verloren entwickelt sich zum aufregenden Actionfilm mit teils wunderschönen Bildern. Da balancieren die fünf Finger über Dächer, ringen mit einer Taube oder kämpfen im Wasser eines gefrorenen Baches ums Überleben. Voller Leben steckt nämlich diese Hand, die ohne "vermenschlichende" Augen, ohne Mimik im eigentlichen Sinne auskommt.

Stattdessen setzt die Animation auf die angeborene Gestik dieser stummen Heldin, wenn sie sich müde niederlässt oder vorsichtig in einer Suppendose über den Gehweg krabbelt. Dieser Teil von Ich habe meinen Körper verloren entfaltet sich als außergewöhnliche Filmerfahrung, die von mir aus die gesamte Laufzeit hätte einnehmen können.

Ich habe meinen Körper verloren: Originalität und Klischees gehen Hand in Hand

Ein ungeheurer Drive steckt in der Hand, der sie durch die Stadt treibt und gewaltige Hindernisse überwinden lässt. Das reißt mit, wie wenige andere Animationsfilme aus den letzten Jahren. Gleichzeitig wohnt diesen abgetrennten Handgelenk mit seinen fünf Gliedmaßen eine tragische Note inne. In Rückblenden sehen wir sie nämlich aus Sicht ihres heranwachsenden Besitzers.

Finger die sich im Sand eines Strandes vergraben oder das Sonnenlicht einfangen. Wortlos suggeriert die Animation die Bindung zwischen Naoufel und seiner Hand, wie in einem Liebesfilm, in dem sich an sonnendurchflutete, bessere Zeiten erinnert wird. Die Hand entdeckt und erweitert die Welt des kleinen Jungen, sie schafft Erinnerungen.

Dem älteren Naoufel kam diese Leidenschaft - man verzeihe das Wortspiel - abhanden, lange bevor seine Hand in einem Kühlschrank landet. Die Gründe dafür lernen wir auf der zweiten Erzählebene von Ich habe meinen Körper verloren kennen. Bei der merkt man schnell, dass der Film auf einem Roman von Guillaume Laurant basiert, der auch am Drehbuch mitschrieb.

Laurent arbeitete zuvor mit Jean-Pierre Jeunet, unter anderem beim Drehbuch für Die fabelhafte Welt der Amélie. Auf dessen Level süßlicher Skurrilität driftet Ich habe meinen Körper verloren zwar nicht ab. Die Story des erwachsenen Naoufel wird jedoch von diversen Klischees angetrieben, die einem mit ihrer vorgeblichen emotionalen Kraft die Luft zum Atmen und Denken rauben. Der auf elektrische Höhenflüge fokussierte Score von Dan Levy, eine Hälfte des Musikduos The Dø, ist eifriger Mittäter.

Ich habe meinen Körper verloren: Die ideale Erweiterung des Netflix-Kataloges

Die etwas platte "Körper-Story" von Ich habe meinen Körper verloren trübt die Originalität des Films und erhöht gleichzeitig seine Oscar-Chancen. Ein vollständig händisches Abenteuer wäre vielleicht doch zu abstrakt für die Academy und Netflix gewesen.

Jérémy Clapins Kurzfilm Skhizein könnt ihr hier sehen:

Stattdessen wechseln sich die konventionelle Erzählung und einer der aufregenderen Abenteuerfilme jüngster Zeit alle paar Minuten ab. Damit bietet Ich habe meinen Körper verloren immer noch eine Handbreit (sorry!) mehr Originalität als das, was große US-Studios in animierter Form durch die Kinos treiben.

In den Animationskatalog von Netflix passt Ich habe meinen Körper verloren jedenfalls hervorragend. Melancholie und Abenteuer wechseln sich ab in dem Drama, das Coming-of-Age-Motive, die Verarbeitung von Traumata und eine Liebesgeschichte mit einem extrem ungewöhnlichen Helden verarbeitet. Der Auto-Start nach der letzten Folge BoJack Horseman ist vorprogrammiert.

Ich habe meinen Körper verloren erscheint in Deutschland am 29. November 2019 bei Netflix.

Was sagt ihr zum Animations-Angebot von Netflix?

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